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Klinische Angiologie
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Publiziert am: 30.06.2024 Bitte beachten Sie v.a. beim therapeutischen Vorgehen das Erscheinungsdatum des Beitrags.

Indikationsstellung zur peripheren Katheterintervention

Verfasst von: Oliver J. Müller
Dieses Kapital gibt einen Überblick über die Voraussetzungen zur Indikationsstellung einer peripheren Intervention, wobei wir hierunter Katheter-interventionelle Eingriffe im Bereich der Becken-/Beinarterien verstehen. Berücksichtigt werden müssen bei der Indikationsstellung neben der zu behandelnden Gefäßerkrankung und der zu erwartenden Auswirkung des Eingriffes auf die Symptomatik bzw. Prognose auch mögliche Komplikationen durch Medikation, Alter/Lebenserwartung und Begleiterkrankungen wie beispielsweise Nierenerkrankungen. Neben diesen Aspekten müssen auch psychosoziale Aspekte betrachtet werden und schließlich auch der Patientenwunsch selbst, im Sinne eines Shared Decision Making.

Einleitung

Im Folgenden werden die Voraussetzungen für die Indikationsstellung einer peripheren Intervention erläutert, wobei Katheter-basierte Eingriffe in den Becken-/Beinarterien bei peripherer arterieller Verschlusskrankheit (pAVK) gemeint sind. Indikationen zu Eingriffen an den extra- oder intrakraniellen hirnversorgenden Gefäßen, den Schulter-/Armarterien und viszeralen Gefäßen wie auch peripheren Venen oder Lungenarterien werden in den jeweiligen Kapiteln separat behandelt. Dies gilt auch für Sonderfälle wie die interventionelle Therapie von Aneurysmen der Becken- und Beinarterien (s. Kap. „Aneurysmen der abdominellen Aorta und der Iliakalarterien“).
Überwiegend werden Eingriffe an peripheren Arterien bei symptomatischer pAVK durchgeführt. Bei asymptomatischer pAVK sind in der Regel keine Katheter-basierten Eingriffe indiziert (Frank et al. 2019; Nordanstig et al. 2024). Eine mögliche Ausnahme stellen u. a. asymptomatische Patienten nach vorausgegangener Revaskularisierung dar, bei denen beispielsweise bei einer Verlaufskontrolle eine hochgradige Stenose eines Venenbypasses nachgewiesen wurde oder Diabetiker mit einem hohen Risiko für Ulzerationen bei manifester pAVK und gleichzeitig aufgehobener Schmerzwahrnehmung bei schwerster Polyneuropathie (Frank et al. 2019; Nordanstig et al. 2024). Daher soll in diesem Kapitel schwerpunktmäßig auf die Indikationsstellung bei symptomatischer pAVK mit Claudicatio intermittens bzw. kritischer Ischämie im ambulanten und stationären Setting eingegangen werden.
Vor jeder Intervention ist immer eine sorgfältige Aufklärung über den Eingriff, dessen Vorteile und mögliche Komplikationen sowie alternative nichtinterventionelle Behandlungsverfahren erforderlich (s. Kap. „Präinterventionelle Vorbereitung“).
Vorbereitend zu interventionellen Eingriffen an den peripheren Arterien bei manifester pAVK ist eine sorgfältige Befunderhebung und -dokumentation, eine Einschätzung des Risiko-Nutzen-Verhältnisses unter Berücksichtigung alternativer Therapieoptionen und dezidierte Aufklärung des Patienten mit dem Ziel einer gemeinsamen Entscheidungsfindung durchzuführen.

Indikationsstellung bei symptomatischer pAVK mit Claudicatio intermittens

Bei der Indikationsstellung für die invasive Behandlung von Patienten mit Claudicatio intermittens sind mehrere Faktoren zu berücksichtigen. Grundsätzlich sind das individuelle Risikoprofil der Betroffenen und der erwartete Nutzen abzuwägen (Frank et al. 2019; Nordanstig et al. 2024). Da allgemein akzeptierte Verfahren zur Bestimmung etwaiger Einschränkungen der Lebensqualität fehlen, die über die Beeinträchtigung der Gehstrecke hinausgehen, ist zur Ermittlung der subjektiven Belastung durch die pAVK eine strikte Einbeziehung des Patienten erforderlich. Darüber hinaus sollte abgeschätzt werden, wie gut vordefinierte Behandlungsziele erreicht werden können, was eine sorgfältige Berücksichtigung der Läsionsmerkmale sowie der zu deren Behandlung verfügbaren, technischen Expertise/Infrastruktur erfordert. Die Herausforderung hierbei besteht darin, den besten Ansatz mit geringem Risiko zu finden, um realistischen Erwartungen gerecht zu werden.
Die unmittelbaren und langfristigen funktionellen Ergebnisse eines bei Claudicanten durchgeführten Revaskularisierungsverfahrens hängen von mehreren wichtigen Faktoren ab, die im Rahmen der Indikationsstellung erfasst werden müssen. Zu diesen Faktoren gehören der Schweregrad und das Ausmaß der Zielläsion(en), betroffene Gefäßsegmente, Qualität des Ein- oder Ausstroms, verfügbare technische Ausrüstung und Expertise für Verfahren, ergänzende Pharmakotherapien, vorausgegangenes (strukturiertes) Gehtraining und dessen Qualität, präoperativer Funktionsstatus und Komorbiditäten, einschließlich des Vorhandenseins oder Fehlens anderer Erkrankungen, die sich ebenfalls negativ auf die Gehfunktion auswirken können (Nordanstig et al. 2024). Peri- und postprozedurale Behandlungskomplikationen können ebenfalls negative Auswirkungen auf die Langzeitfunktion haben. Aktuelle Studien berichten von relativ hohen Wiedervorstellungsraten (im Bereich von etwa 7–30 %) nach primärer Entlassung nach Revaskularisierung jeglicher Art bei Claudicatio intermittens, auch nach endovaskulären Eingriffen, v. a. wegen Symptomrezidiven und Komplikationen (Smith et al. 2019).

Konservative Begleittherapie bei Claudicatio intermittens

Die konservative Therapie bestehend aus Modifikation von Risikofaktoren, Pharmakotherapie und strukturiertem Gehtraining stellt bereits für viele Patienten eine adäquate Behandlungsoption dar und sollte daher primär implementiert werden, bevor ein invasiver Eingriff angeboten wird. In einer großen prospektiven Kohortenstudie zum Verlauf von 1107 Patienten mit Claudicatio intermittens (Durchschnittsalter 71 Jahre, 71 % Männer), die zunächst konservativ behandelt wurden, betrug die Inzidenz einer Progression zur kritischen Ischämie nur 1,1 % pro 5 Jahre, und die Rate schwerer Amputationen nur 0,2 % pro 5 Jahre (Kumakura et al. 2017). Die Prognose der pAVK mit konservativer Behandlung ist daher im Stadium der Claudicatio intermittens überwiegend günstig. Endovaskuläre als auch offen-chirurgische Revaskularisierungsverfahren können dagegen häufig erneute Eingriffe nach sich ziehen (Ochoa Chaar et al. 2020). Beobachtungsstudien deuten zudem darauf hin, dass ein früher Revaskularisierungsvorgang mit einem höheren Risiko für nachfolgende weitere Eingriffe und der Entwicklung einer kritischen Ischämie assoziiert ist, auch wenn das letztere Risiko in sorgfältig ausgewählten Patienten sehr gering ist (Kumakura et al. 2017; Golledge et al. 2018; Madabhushi et al. 2021; Djerf et al. 2020). Daher sollten alle Revaskularisierungsentscheidungen bei Claudicanten individuell getroffen und die Betroffenen in einen gemeinsamen Entscheidungsprozess einbezogen werden. Im Idealfall sollte mittels einer gemeinsamen Entscheidungsfindung (dem sog. Shared Decision Making) die weitere Behandlungsstrategie geklärt werden, indem das Fachwissen über die verfügbaren Behandlungsoptionen, Evidenz, Vorteile und Risiken mit den Vorlieben, persönlichen Umständen, Zielen, Werten und Überzeugungen der Betroffenen in einem strukturierten Gespräch abgewogen wird (Ubbink und Koelemay 2018).
Da für eine interventionelle (wie auch chirurgische Revaskularisierung) bei Patienten mit Claudicatio intermittens eine nur relative Indikation besteht, die Verbesserung der Symptomatik in vielen Fällen zwar unmittelbar, aber nur passager auftritt bzw. möglicherweise mit einem höheren Risiko der Progression assoziiert ist und eine invasive Behandlung nicht zuletzt mit höheren Kosten für das Gesundheitssystem einhergeht, ist die Indikationsstellung abhängig von einer Reihe von Faktoren. Die nachfolgende Übersicht listet die wesentlichen Faktoren auf, die berücksichtigt und sorgfältig bewertet werden müssen, bevor ein interventionelles Revaskularisierungsverfahren in Betracht gezogen wird.
Faktoren, die im Rahmen der Indikationsstellung einer interventionellen Therapie der Claudicatio intermittens berücksichtigt werden sollten (ergänzt nach Nordanstig et al. 2024)
  • Sicherstellung der pAVK als kausale Ursache der eingeschränkten Gehfähigkeit
  • Beurteilung des Ausmaßes der Gehstreckeneinschränkung und die Einschränkung der Lebensqualität
  • Bisherige Risikofaktorenkontrolle und Behandlung von Komorbiditäten, auch solcher, die ebenfalls die Gehfähigkeit einschränken
  • Bereitschaft zu Änderungen im Lebensstil und zur Teilnahme an Verlaufskontrollen
  • Ausmaß der erwarteten Verbesserung der Gehstrecke auf Alltagsaktivitäten und Lebensqualität
  • Eignung der Gefäßläsionen für die endovaskuläre Revaskularisierung (Schweregrad und Ausmaß der Zielläsion[en], betroffene Gefäßsegmente, Qualität des Ein- oder Ausstroms, verfügbare technische Ausrüstung und Expertise für Verfahren)
  • Risiko von allgemeinen, verfahrensbezogenen und langfristigen Komplikationen (z. B. Berücksichtigung von Gebrechlichkeit, Nierenfunktion)
  • Wurde im Vorfeld bereits ein (strukturiertes) Gehtraining durchgeführt?
  • Sorgfältige Ermittlung des Patientenwillens
Im Allgemeinen sollte eine Revaskularisierung bei Claudicatio intermittens nur bei sorgfältig ausgewählten, aktiven Patienten mit ausgeprägten, den Lebensstil einschränkenden Symptomen eingesetzt werden, die auf konservative Therapien nicht hinreichend ansprechen (Nordanstig et al. 2024). Bevor eine Intervention in Betracht gezogen wird, muss gewährleistet sein, dass alle evidenzbasierten konservativen Empfehlungen nach einer umfassenden Beratung bereits umgesetzt wurden. Ein solcher schrittweiser Versorgungsansatz begrenzt das Risiko von Komplikationen oder suboptimalen Durchgängigkeitsraten nach invasiven Eingriffen.
Neben der Einleitung einer stadiengerechten medikamentösen Therapie und Lebensstilmodifikation gilt dies insbesondere für die Durchführung eines strukturierten Gehtrainings („supervised exercise training“, SET). Das überwachte SET ist mit hoher Evidenz hinsichtlich einer Verbesserung der Gehstrecke im Stadium der Claudicatio intermittens belegt (I, A) (Lane et al. 2017). Dieses sollte aktuellen Empfehlungen nach mindestens 3 × wöchentlich über die Dauer von 30–60 min und über mindestens 3–6 Monate lang konsequent praktiziert werden (Rümenapf et al. 2020). Metaanalysen zufolge kann SET die maximale schmerzfreie Gehstrecke um + 100 % des Ausgangswertes steigern (Lane et al. 2017; Watson et al. 2008). Limitiert wird das SET jedoch durch die fehlende flächendeckende Verfügbarkeit als auch eine hohe Rate an Therapieabbrüchen (ca. 70 % nach 1 Jahr) (Fakhry et al. 2015). Ferner muss bei der Abwägung von SET gegenüber der invasiven Therapie berücksichtigt werden, dass SET bei diabetischer Polyneuropathie kontraindiziert ist, da die fehlende Schmerzsensation unter Gehbelastung ansonsten zu einer Überlastung führen kann (Rümenapf et al. 2020). Zudem gibt es keine Evidenz für eine Wirksamkeit von SET in der Verhinderung harter extremitätenbezogener Endpunkte, wie Amputationen. Umgekehrt zeigten prospektiv randomisierte Studien (CLEVER, Murphy et al. 2012; IRONIC, Nordanstig et al. 2014), dass auch eine endovaskuläre Revaskularisation weder Amputationsraten noch Progress zur kritischen Extremitätenischämie wirksam verhindern kann und dem SET bei Claudicatio intermittens in den wesentlichen Endpunkten nicht unterlegen ist. Neuere Metaanalysen weisen auf einen hohen Stellenwert eines begleitenden SET auch nach erfolgter Intervention hin, um einen möglichst langfristigen Erhalt des Therapieerfolges zu sichern (Pandey et al. 2017).
Bei stabiler Claudicatio intermittens sollte, wann immer möglich, im Vorfeld invasiver Therapiemaßnahmen ein strukturiertes Gehtraining mindestens 3 × wöchentlich für 30–60 min über mindestens 3–6 Monate zur konservativen Verbesserung der Gehstrecke durchgeführt werden. Dieses sollte auch nach ggf. erfolgter Intervention zur langfristigen Therapiesicherung dauerhaft fortgeführt werden.

Stellenwert von Lebensqualität und Patientenwunsch

Trotz Korrelation der funktionellen Beeinträchtigung mit dem anatomischen Ausmaß der pAVK und hämodynamischen Parametern wie dem Knöchel-Arm-Index (ABI), sollte nicht alleine anhand objektiver apparativer Maße über Revaskularisierungen entschieden werden (Nordanstig et al. 2024). Stattdessen sollte die Entscheidung hauptsächlich auf der vom Patienten wahrgenommenen Beeinträchtigung, der Behinderung bei alltäglichen Aktivitäten und der gesundheitsbezogenen Lebensqualität basieren, wie z. B. schwerwiegenden Einschränkungen bei der Arbeit und/oder der Teilnahme an Freizeit- und sozialen Aktivitäten. Um langfristig erfolgreiche Behandlungsergebnisse der Revaskularisation zu erzielen, sollten bei der Indikationsstellung auch die Bereitschaft zu Änderungen des Lebensstils und zur erforderlichen Nachsorge und Überwachung nach dem Eingriff berücksichtigt werden. Zudem sollte die anatomische Ausdehnung des/der betroffenen Gefäßsegment(e) in die Entscheidung einbezogen werden, da der langfristige Erfolg von Interventionen bei Claudicanten von hoher Dauerhaftigkeit bei aortoiliakalen Eingriffen über akzeptable Durchgängigkeitsraten nach femoropoplitealen Eingriffen bis zu wesentlich schlechteren Ergebnissen bei Behandlung isolierter infrapoplitealer Läsionen reicht (Nordanstig et al. 2024). Zumindest komplexe Läsionen erfordern eine interdisziplinäre Betrachtung, da unter Umständen eine operative Revaskularisierung bei niedrigem Operationsrisiko und komplexen Läsionen wie Femoralisbifurkationsstenosen oder langstreckigen Verschlüssen und vorhandenen körpereigenen Venen für Bypässe zu bevorzugen ist.

Risikomodifikation im Hinblick auf Interventionen bei Claudicatio intermittens

Schließlich sollten Risikofaktoren für Komplikationen eines endovaskulären Eingriffes wie Adipositas, Niereninsuffizienz, kognitive Beeinträchtigungen oder Gebrechlichkeit (Frailty) in die Indikationsstellung einfließen und bei elektiven Eingriffen vorab bestmöglich optimiert werden (s. Kap. „Risikostratifizierung – Beurteilung des kardiovaskulären/pulmonalen/allgemeininternistischen Risikos vor interventionellen Eingriffen“). Bei Patienten mit schwerer Nierenfunktionsstörung kann anstelle von iodhaltigem Kontrastmittel auch Kohlendioxid zur Kontrastierung im Rahmen der Angiografie eingesetzt werden (Nordanstig et al. 2024). Eine aktuelle Metaanalyse zeigte einen leichten Rückgang akuter Nierenschäden für CO2-haltiges Kontrastmittel, wobei vermehrt Nebenwirkungen wie Schmerzen, Übelkeit oder Erbrechen auftraten (Ghumman et al. 2017).
Zusammenfassend sollte gemeinsam mit den Betroffenen der erwartete Nutzen eines interventionellen Eingriffes für die täglichen Aktivitäten und die gesundheitsbezogene Lebensqualität gegen die potenziellen verfahrensbedingten Risiken und den erwarteten langfristigen Therapieerfolg abgewogen werden.

Indikationsstellung bei pAVK mit kritischer Ischämie

Während bei Claudicanten der Fokus der Behandlung auf der Verbesserung der Symptomatik und Lebensqualität liegt, wird im Stadium der chronisch kritischen Extremitätenischämie grundsätzlich eine revaskularisierende Therapie zum Beinerhalt angestrebt mit dem Ziel, ein amputationsfreies Überleben zu ermöglichen (Frank et al. 2019; Nordanstieg 2023). Eine schnelle und ausreichende Revaskularisierung ist hierbei oberstes Ziel. Zur Beseitigung der kritischen Ischämie ist die Wiederherstellung einer unbehinderten infrainguinalen Perfusion bis in mindestens eine der kruralen Arterien entscheidend für die Erhaltung oder Wiederherstellung einer funktionsfähigen und schmerzfreien Extremität.
Im Stadium der kritischen Extremitätenischämie ist eine revaskularisierende Therapie dringlich indiziert.
Neben der Revaskularisierung beeinflussen auch andere Faktoren wie Diabetes mellitus, terminale Niereninsuffizienz und fortgeschrittene Gewebedefekte die Chance, eine Amputation vermeiden zu können. Bei kritischer Ischämie sollte eine interdisziplinäre Indikationsstellung einer Revaskularisierung erfolgen (idealerweise in interdisziplinären Gefäßzentren) einschließlich der Entscheidung, ob primär eine Operation oder eine periphere Intervention durchgeführt werden soll. Prospektive randomisierte Studien zum Vergleich interventioneller Verfahren mit der operativen Revaskularisierung haben die Komplementarität beider Ansätze aufgezeigt (Farber et al. 2022; Bradbury et al. 2023). Somit ist eine individuelle Nutzen-Risiko-Abwägung erforderlich. Operative Eingriffe sind mit höherer Morbidität, Mortalität und längeren Krankenhausaufenthalten verbunden, insbesondere bei Vorliegen von Komorbiditäten. Interventionelle Behandlungen sind weniger invasiv und weisen niedrigere Komplikationsraten auf, erfordern jedoch häufiger Folgeeingriffe. Interventionelle Verfahren sind darüber hinaus limitiert einsetzbar bei komplexen Stenosen/Verschlüssen insbesondere in Verbindung mit einer schweren Niereninsuffizienz und absehbar erhöhtem Kontrastmittelbedarf sowie bei Kontraindikationen gegen eine duale Thrombozytenaggregationshemmung bei voraussichtlicher Stentimplantation. Auch eine Kontrastmittelunverträglichkeit oder Hyperthyreose sollten bei der Indikationsstellung berücksichtigt werden. Weitere Faktoren, die bei der Diskussion des Therapieverfahrens einbezogen werden sollten, sind das individuelle OP-Risiko (z. B. Ausmaß an Komorbiditäten und Frailty), die Komplexität der arteriellen Verschlüsse, das Vorhandsein körpereigener potenzieller Bypassvenen, sowie das klinische Bild der kritischen Ischämie. Zur Beschreibung des klinischen Bildes wird zunehmend die WIfI-Klassifikation („wound, ischemia, foot infection“) verwendet, in die die Ausdehnung der trophischen Störung, der Grad der Ischämie sowie der Grad der Infektion eingehen (Mills Sr et al. 2024).
Als pragmatischer Ansatz kann in vielen Fällen eine interventionelle Therapie durchgeführt werden, bei der jedoch auch bereits weitere Therapieoptionen im Falle des Scheiterns des interventionellen Ansatzes einbezogen werden müssen. So sind beispielsweise bei grundsätzlich gegebener Operationsfähigkeit Stentimplantationen in potenziellen Bypass-Spender- oder -Empfänger-Segmenten zu vermeiden.

Ambulante Katheterintervention

Während sich im deutschen Sprachraum erst allmählich ambulante Strukturen für die interventionelle Therapie der pAVK etablieren und Interventionen noch häufig im Rahmen eines stationären Aufenthaltes erfolgen, besteht in anderen Gesundheitssystemen bereits eine ausgeprägte ambulante bzw. tagesklinische Orientierung mit offenbar vergleichbaren Ergebnissen (Raja et al. 2023). Durch eine sorgfältige Risikostratifizierung kann in ausgewählten Fällen daher auf eine stationäre Überwachung verzichtet werden (Rao et al. 2021; Thieme et al. 2023). Eine ambulante Katheterintervention sollte allerdings nicht bei kritischer Ischämie erfolgen, sondern nur bei Claudicatio intermittens in Betracht gezogen werden.
Die in der folgenden Übersicht aufgeführten grundsätzlichen Faktoren sind Voraussetzung für eine ambulante Intervention. Bei Vorhandensein von Erschwernissen oder Komplikationen bei der Intervention sollte eine stationäre Überwachung erfolgen (s. zweite Übersicht).
Faktoren, die eine ambulante Katheterintervention bei pAVK mit Claudicatio intermittens erlauben (nach Thieme et al. 2023)
  • Einwilligung zu einer ambulanten Behandlung
  • Ausreichender Allgemeinzustand, klinische Stabilität (nicht älter als 80 Jahre, nicht gebrechlich, ohne schwer ausgeprägtes Über- oder Untergewicht)
  • Ausreichende kognitive Funktion und Compliance
  • Ausreichende Mobilität im häuslichen Umfeld
  • Häusliche Rahmenbedingungen, die eine sichere Nachsorge gewährleisten (z. B. verantwortungsbewusste Person im Haushalt, die jederzeit ansprechbar ist)
  • Keine ausgeprägte Angst vor Komplikationen
  • Rechtzeitige Erreichbarkeit medizinischer Hilfe im Falle von Komplikationen (Fahrzeit weniger als 30 min)
  • Transport zur Vorbereitung und Nachkontrolle
  • Ausreichende präinterventionelle ambulante Diagnostik
Eingriffsbedingte Faktoren, die eine stationäre Überwachung nahelegen (ergänzt nach Thieme et al. 2023)
  • Verabreichung von mehr als 5000 IE Heparin
  • Transbrachialer Zugang
  • Mehrere Punktionsversuche, schwieriger Zugang, untypische Punktionsstellen
  • Mechanische Thrombektomie oder Lysetherapie
  • Periinterventionelle Blutungen, die den Einsatz von gecoverten Stents erfordern
  • Lange Eingriffszeit
  • Abwesenheit eines Gefäßverschlusssystems bei Schleusengröße ≥ 6 French
  • Blutung nach der Untersuchung
  • Intraprozedurale Komplikationen
  • Verabreichung hoher Kontrastmittelmengen mit der Notwendigkeit einer intravenösen Flüssigkeitszufuhr und engmaschigen Labortests
Unerlässlich zur risikoarmen und qualitativ hochwertig Leistungserbringung im ambulanten Sektor sind auch hier umfangreiche Maßnahmen zur Qualitätssicherung (s. Kap. „Qualitätssicherung im ambulanten Bereich“).
Literatur
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