Körperliche Aktivität und Übungsprogramme
Die allgemeinen Empfehlungen zur körperlichen Betätigung für Patienten mit kardiovaskulärem Risiko werden auf der Basis folgender Faktoren formuliert: kardiale Grunderkrankung, Ausprägung der Erkrankung, Komorbiditäten, Alter des Patienten, sportliche Vorerfahrungen und kardiopulmonale Belastbarkeit. Besonders die kardiopulmonale Belastbarkeit ist hierbei von zentraler Bedeutung, wobei die Klassifikation differenziert zwischen niedrig („aerober“ Energiestoffwechsel), moderat (aerober Energiestoffwechsel bis zur aerob-anaeroben Schwelle) und hoher Intensität („anaerober“ Bereich) (Halle et al.
2021).
In Bezug auf das kardiovaskuläre Risikoprofil besteht eine inverse Dosis-Wirkungs-Beziehung zwischen körperlicher Aktivität und kardiovaskulärer Ereignisrate. Die europäischen Leitlinien empfehlen, dass gesunde Erwachsene aller Altersgruppen mindestens 150 min Ausdauertraining moderater Intensität verteilt über 5 Tage pro Woche oder 75 min intensives Training verteilt über 3 Tage pro Woche durchführen sollten. Ein zusätzlicher Nutzen kann durch eine Verdoppelung der Dauer auf 300 min moderater Intensität oder 150 min intensives aerobes Training pro Woche erzielt werden (Level-IA-Empfehlung (Pelliccia et al.
2021; Visseren et al.
2021). Moderate körperliche Aktivität ist z. B. straffes Gehen mit einer Geschwindigkeit von 4,1–6,5 km/h, Fahrradfahren mit einer Geschwindigkeit von 15 km/h, Gesellschaftstanz, Gartenarbeit, Golfspielen mit Ziehen eines Golftrolleys, also Aktivitäten, durch die die Atemfrequenz gesteigert wird, aber Sprechen von ganzen Sätzen noch möglich ist.
Für Patienten mit
peripherer arterieller Verschlusskrankheit (pAVK) ist bei der Empfehlung zur Sport- und Bewegungstherapie respektive dem Gehtraining (siehe „Rehabilitation bei Gefäßerkrankungen“) zu beachten, dass sich aufgrund der pAVK ein „Teufelskreis“ für den Patienten entwickelt hat, den er häufig nicht durch einfache Beratung oder Empfehlung durchbrechen kann. So entstehen aufgrund des muskulären Umbaus Fehlhaltungen beim Abrollen des Sprunggelenkes, die wiederum zu einem veränderten Gangmuster mit der Gefahr der Entwicklung einer Hüftarthrose einhergehen und somit die Bewegungsfähigkeit weiter einschränken. Die mangelnde kardiopulmonale Fitness aufgrund der Claudicatio-intermittens-Symptomatik führt dazu, dass eine zunehmende Isolation eintritt und depressiven Entwicklungen Vorschub leistet. Daher erscheint es besonders wichtig, bei der Beratung der Patienten diese Aspekte von vornherein mit zu betrachten und sie einer qualifiziert geführten Gefäßsportgruppe zuzuführen, in deren Trainingsprogramm die Mobilisierung des Sprunggelenkes durch spezielle Übungen, die Wiedererlangung der kardiopulmonalen Fitness stehen und die sozialen Kontakt gefördert werden (Milani und Lavie 2007).
Durch strukturiertes Gehtraining
(siehe „Medizinische Rehabilitation bei Gefäßerkrankungen“) zeigen sich nicht nur in Bezug auf die Gehstrecke und die Lebensqualität positive Effekte, sondern auch in Bezug auf die Reduktion der kardiovaskulären Risikofaktoren. In einer Metaanalyse von 28 Studien, darunter 16 RCTs, 11 Einzelkohorten- sowie 1 Kohortenkontrollstudie mit insgesamt 808 Patienten, die ausschließlich strukturiertes Gehtraining ohne Kombination mit invasiver Behandlung erhielten, konnten in der Gruppe mit strukturiertem Gehtraining versus Standardtherapie sowohl signifikant niedrigere Blutdruck- als auch Cholesterinwerte erreicht werden (Jansen et al. 2019). Ob die Teilnahme an strukturierten Sport- und Bewegungsprogrammen bei Patienten mit pAVK die kardiovaskuläre Ereignisrate beeinflusst, sollte in weiteren randomisierten kontrollierten Studien untersucht werden.
Rauchstopp
Das Erreichen eines vollständigen Rauchstopps ist die effektivste Einzelmaßnahme zur kardiovaskulären Sekundärprävention (Critchley und Capewell
2003), aber auch die am schwierigsten umzusetzende (siehe „Pathophysiologie der Arteriosklerose“). Die Evidenz bezüglich der Effektivität ist erdrückend positiv (Klasse-1A-Empfehlung in allen Leitlinien, Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften
2021).
Der größte Anstoß zum Erreichen eines Rauchstopps besteht zum Zeitpunkt der Diagnose einer kardiovaskulären Erkrankung. Daher ist es zielführend, während der aktuellen Behandlungsphase Kurzinterventionen zu ermöglichen und einzuführen, die den aktuellen Rauchstatus dokumentieren, Beratung zum besten Weg der Rauchkarenz geben und aktive Hilfe anbieten.
Eine Initiative der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung bietet ambulanten und stationären Patienten eine erste kostenfreie und professionelle Beratung am Telefon zur Vorbereitung, Umsetzung und Stabilisierung des Rauchstopps an. Die Implementierung im Klinik- und Praxisalltag und die Rekrutierung von Patienten mittels geschulter Multiplikatoren sind einfach umzusetzen (für die praktische Umsetzung siehe
http://rauchfrei-ticket.de). Die Wirksamkeit der proaktiven Telefonberatung konnte in zahlreichen Studien nachgewiesen werden und wird von nationalen und internationalen Leitlinien empfohlen (Lindinger
2012; McBride et al.
2003; Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften
2021).
Medikamentöse Unterstützung zur Raucherentwöhnung sollte allen angeboten werden, die dieses Ziel haben. Evidenz-basierte medikamentöse Interventionen sind die Nikotinersatztherapie als Kaugummis, transdermale Nikotinpflaster, Nasensprays, Inhalatoren und sublinguale Tabletten (Hartmann-Boyce et al.
2018), Vareniclin, das die Abstinenzrate um mehr als das Zweifache gegenüber Placebo steigern kann (Cahill et al.
2016), und
Bupropion (1,4-fach höhere Effektivität gegenüber Placebo) (Huges et al.
2007). Eine medikamentöse Unterstützung zur Raucherentwöhnung erhöht nicht das Risiko kardiovaskulärer Ereignisse während der Behandlung (Benotwitz et al.
2018). Unterstützt werden kann weiterhin durch regelmäßige telefonische Beratung und Verstärkung sowie verhaltenstherapeutische Interventionen (Suissa et al.
2017).
Zum Rauchstopp motivierte Patienten sollten darauf hingewiesen werden, dass sie eine durchschnittliche Gewichtszunahme von 5 kg erwarten können. Jedoch überwiegen die positiven gesundheitlichen Auswirkungen der Rauchkarenz das Risiko der Gewichtszunahme bei Weitem (Hu et al.
2018).