Bei einer Fazialisläsion tritt eine Parese der mimischen Muskulatur einer Gesichtshälfte auf, wobei wegen der ausgiebigen bilateralen Repräsentation von Stirnmuskulatur und M. orbicularis oculi bei einer Läsion kortikobulbärer Bahnen Stirnrunzeln und Augenschluss erhalten bleiben (zentraler Lähmungstyp). Bei nukleären und infranukleären Fazialisläsionen zeigen sich auch eine Lähmung der Stirnmuskulatur und ein unvollständiger Lidschluss. Bei der idiopathischen Fazialisparese wird die physiologische Aufwärtswendung des Augenbulbus bei Augenschluss sichtbar (Bell-Phänomen). Der Spasmus hemifacialis kommt durch einen Gefäß-Nerv-Kontakt im Hirnstamm zustande.
Idiopathische Fazialisparese (Bell-Lähmung)
Ramsay-Hunt-Syndrom
Ein neuralgisches Schmerzsyndrom nach Zoster oticus mit peripherer Fazialisparese wird auch als Ramsay-Hunt-Syndrom bezeichnet. Bei Schmerzlokalisation im Ohrbereich wird die Neuralgie auf den N. intermedius (Geniculatumneuralgie) zurückgeführt und mit
Carbamazepin oder
Lamotrigin behandelt. Das Syndrom kommt auch im Rahmen von Hirnnervenpolyneuritiden (Nn. VIII, IX, X) und bei
HIV-Infektion vor. Eine Geschmackstörung findet sich bei genauer Prüfung oft bilateral (Pavlidis et al.
2018), auch ein Hinweis darauf, dass es sich eher um eine Polyneuritis handelt.
Weitere Ursachen einer Fazialisparese
Angeborene Fehlbildungen des N. facialis werden anhand von MRT-Befunden in 4 Schweregrade eingeteilt:
-
0 = keine Auffälligkeiten
-
1 = unilaterale Fazialishypoplasie
-
2 = unilaterale Fazialisaplasie
-
3 = bilaterale Aplasie oder Hypoplasie
-
4 = Fazialisaplasie mit anderen Hirnnervenausfällen (Mohammad et al.
2018).
Beim klassischen Möbius-Syndrom handelt es sich um eine kongenitale faziale Diplegie mit bilateraler Abduzensparalyse. Eine weitere Form der kongenitalen Fazialisparese, welche lediglich die kaudale mimische Muskulatur betrifft, geht mit Herzanomalien einher (kardiofaziales Syndrom).
Die
faziale Hemiatrophie tritt vornehmlich beim weiblichen Geschlecht im Kindes- oder Jugendalter auf: Es kommt zu einer langsam progressiven
Lipodystrophie im Gesichtsbereich. Abgegrenzt werden müssen umschriebene Formen der
Sklerodermie („en coup de sabre“).
Bei isolierter Mundastschwäche muss eine perinatale traumatische Läsion abgegrenzt werden.
Bei erworbenen bilateralen oder rezidivierend auftretenden peripheren Fazialisparesen ist an das
Melkersson-Rosenthal-Syndrom zu denken, eine vermutlich immunologisch bedingte granulomatöse Entzündung, welche mit Kortikosteroiden behandelt wird. Neben den Fazialisparesen kommt es zu Schwellungen im Gesichtsbereich sowie zu Makrocheilie und Makroglossie. Therapeutisch kann der Tumor-Nekrose-Faktor-α(TNF-α)-Antikörper Adalimumab eingesetzt werden (De Moll und Lebwohl 2018).
Bei dem akuten uveoparotiden Fieber der Sarkoidose (Heerfordt-Syndrom) werden bilaterale Fazialisparesen im Wochenabstand beschrieben. Diagnostisch wegweisend sind die Entzündungszeichen im Bereich von Augen und Ohrspeicheldrüsen, der Lunge sowie das erhöhte ACE.
Im Verlauf eines
Guillain-Barré-Syndroms (GBS) zeigt die ein- oder beidseitige Fazialisparese eine drohende Atemlähmung an. Stets sollte eine
Neuroborreliose als Ursache bilateraler Fazialisparesen ausgeschlossen werden (Keane
1994). Eine Auflistung der möglichen Ursachen einer Fazialisparese findet sich in der folgenden Übersicht.
Facharztfragen
1.
Wie behandeln Sie eine idiopathische Fazialisparese?
2.
Welche Ursachen bilateraler Fazialisparesen kennen Sie?
3.
Welche Begleitsymptome können bei einer peripheren Fazialisparese auftreten?
4.
Was ist das Melkersson-Rosenthal-Syndrom?
5.
Wie behandeln Sie das Ramsay-Hunt-Syndrom?
Literatur
Berlit P (2007) Basiswissen Neurologie, 5. Aufl. Springer, Berlin/Heidelberg/New York/Tokio
De Moll EH, Lebwohl MG (2018) Melkersson-Rosenthal syndrome successfully treated with adalimumab. Cutis 101:122–124
PubMedErdur H, Ernst S, Ahmadi M, Albers AE, Marzinzik F, Somasundaram R, Audebert HJ, Weber JE (2018) Evidence for seasonal variation of Bellʼs Palsy in Germany. Neuroepidemiology 51:128–130
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