Ernährungsstil
In Beobachtungsstudien war eine früchte- und gemüsereiche Ernährung (v. a. mit sog. „legumes“, d. h. grünem Gemüse) mit einer Risikoreduktion des
Schlaganfalls assoziiert (Joshipura et al.
1999). Einen beachtlichen Präventionseffekt zeigte der regelmäßige Fischkonsum (
Metaanalyse der Beobachtungsstudien von He et al.
2004), der zu einer relativen Risikoreduktion des Schlaganfalls um 30 % führte. Eine sehr gute Prävention kardiovaskulärer Ereignisse einschließlich Schlaganfall wurde in der langjährigen dreiarmigen Studie zur mediterranen Diät mit Nüssen oder Olivenöl gegenüber Standardkost nachgewiesen (Estruch et al.
2013). Wegen des starken positiven Einflusses eines gesundheitsorientierten Lebensstils auf die neurokardiovaskulären Risikofaktoren werden daher der konsequente Verzicht auf
Rauchen, Kontrolle des Körpergewichts mit mediterraner Ernährung und regelmäßige körperliche Aktivitäten mehrfach wöchentlich dringend empfohlen (Lee et al.
2003). Werden diese Faktoren einschließlich einer ausreichenden Hochdruckbehandlung berücksichtigt, können ca. 50 % aller Insulte verhindert werden (Gorelick et al.
2015).
Arterielle Hypertonie
Das Einstellen des
Rauchens und die Restriktion von Kochsalz in der täglichen Nahrung sind die ersten therapeutischen Schritte, um den Blutdruck aktiv zu senken. Durch die gezielte Verwendung salzarmer Nahrungsmittel (insbesondere Verzicht auf Geräuchertes, Pökelfleisch, rohen Schinken, Wurstwaren, Fertiggerichte, besonders salzhaltige Käsesorten, z. B. Parmesan, und jede Form von gesalzenem Gebäck, gesalzene Butter etc.) und den Einsatz alternativer Geschmacksverstärker wie Pfeffer, Kräuter und Knoblauch lässt sich dies ohne Einbuße an geschmacklichem Genuss erreichen. Nachsalzen sollte grundsätzlich unterbleiben (kein Salzstreuer auf den Tisch!). Ein noch ungelöstes Problem ist, dass es offensichtlich konstitutionell vorbestimmte, salzsensible und salzunsensible Menschen gibt. Immerhin konnte in einer kürzlich durchgeführten doppelblinden randomisierten Studie mit einem Cross-over-Design nachgewiesen werden, dass durch diese einfache diätetische Maßnahme der Blutdruck in einer Größenordnung gesenkt werden kann, wie dies sonst nur durch Medikamente möglich ist (signifikante Senkung um 22 mmHg systolisch und 9 mmHg diastolisch; Cappuccio et al.
1997). Gerade im Hinblick auf die gute antihypertensive Wirksamkeit auch niedriger Dosen von
ACE-Hemmern oder Angiotensin-2-Rezeptorantagonisten ist die Kochsalzrestriktion in der Nahrung besonders wichtig, da hohe NaCl-Spiegel die Wirkung dieser Medikamente dosisabhängig vermindern.
Für keinen Risikofaktor des
Schlaganfalls ist die heilsame Wirkung der therapeutischen Normalisierung so eindeutig belegt und so ausgeprägt wie für die
Hypertonie. In allen Altersklassen, also auch bei jungen, labilen Hypertonikern und im Senium sowie bei beiden Geschlechtern, führt die Normalisierung des Blutdrucks zu einer mindestens 40 %igen Risikominderung bezüglich jeglichen Schlaganfalltyps und zu einer etwa gleich hohen Risikominderung bezüglich eines tödlichen Herzinfarktes und anderer schwerer kardiovaskulärer Ereignisse. Eine kontinuierliche Senkung des diastolischen Blutdrucks um 6 mmHg senkt die Schlaganfallrate bereits um mehr als ein Drittel (Collins et al.
1990), die Senkung des Blutdrucks um nur 14/8 mmHg halbiert bereits nach 2–3 Jahren dauerhaft die Inzidenz des
Hirninfarktes (MacMahon und Rodgers
1994b). Besonders eindrücklich sind hier die Ergebnisse der SHEP-Studie (
1991), in der nur ältere Menschen mit ausschließlich systolisch erhöhtem Blutdruck therapiert wurden. Hirninfarkt, Tod durch Hirninfarkt, sonstiger vaskulärer Tod und kardiovaskuläre Krankheiten konnten um 36 % gesenkt werden, selbst wenn die Patienten bereits über 80 Jahre alt waren. Ganz ähnliche Effekte mit 42 % weniger Schlaganfällen konnten in der vorzeitig beendeten SYST-EUR-Studie (Staessen et al.
1997) gezeigt und auch metaanalytisch erneut bestätigt werden (Garcia-Palmieri und Torrado
2003). Hier konnten auch erstmals modernere
Antihypertensiva wie
ACE-Hemmer und
Kalziumantagonisten in ihrer Wirksamkeit unter Beweis gestellt werden. Zu ganz ähnlichen eindrucksvollen Ergebnissen kam die HYVET-Studie an ausschließlich alten Patienten (>80 Jahre), die mit einem ACE-Hemmer plus Diuretikum behandelt wurden. Die Schlaganfallrate lag in der Verumgruppe 30 % tiefer (Beckett et al.
2008). Als Faustregel aus der bisher größten
Metaanalyse gilt die 10-5-40-Regel: Senkung des Blutdrucks um 10/5 mmHg bewirkt eine 40 %ige Senkung des relativen Schlaganfallrisikos (Law et al.
2009). In einer jüngsten, riesigen Beobachtungsstudie (Rapsomaniki et al.
2014) konnte für etliche Endpunkte (einschl. verschiedener Schlagafallvarianten) klar und einheitlich gezeigt werden: „the lower, the better“ (tiefster systolischer Bezugswert 115 mmHg). Das gilt nicht mehr für gebrechliche senioren ab 85 Jahren oder für Demenzkranke (Conroy et al.
2018).
Weitere fundamental bedeutsame diätetische Maßnahmen zur Hochdruckbekämpfung sind eine Gewichtsnormalisierung und der Verzicht auf Alkohol oberhalb der genannten maximal zulässigen Tagesdosen. Eine Gewichtsreduktion um 10 kg bewirkt eine Blutdrucksenkung um mindestens 6 mmHg. Resistenz gegenüber den medikamentösen Therapiemaßnahmen kann z. B. allein schon dadurch eintreten, dass der Patient sein Körpergewicht durch ungezügelte Nahrungsaufnahme steigert oder weiter raucht. Solchen Patienten, die hinsichtlich diätetischer Maßnahmen und eines gesundheitsbewussten Lebensstils undiszipliniert und nachlässig sind, sollten die bestmöglichen medikamentösen Therapiemöglichkeiten aber nicht vorenthalten werden.
Als Mittel der ersten Wahl für die Hypertoniebehandlung empfehlen wir die Gabe eines Langzeit-ACE-Hemmers (z. B. 5–20 mg Lisinopril/Tag) oder die Gabe eines Angiotensin-2-Rezeptorantagonisten (z. B. 8–32 mg Candesartan/Tag), auch wegen der sonstigen günstigen Effekte der Renin-Angiotensin-System(RAS)-Hemmer auf das Gefäßendothel. Heute kommen aus Gründen der
Compliance nur noch Präparate mit täglicher Einmalgabe in Betracht. Als zweiter therapeutischer Schritt, wenn die genannten Medikamente nicht ausreichen, ist ein Thiazid hinzuzufügen (z. B. 12,5 mg Hydrochlorothiazid); viele Hersteller sehen diese Kombination bereits als Fertigpräparat vor. Es ist offenbar wirksamer, Kombinationen mehrerer
Antihypertensiva in mittlerer Dosierung zu geben, als die Dosis der Monosubstanzen zunächst auszureizen (Law et al.
2009). Drittens sollten bei Bedarf langwirksame
Kalziumantagonisten (z. B. 5–20 mg Amlodipin/Tag) hinzugefügt werden. Dagegen sind klassische
Betablocker für die Hochdrucktherapie wegen oft ungenügender Wirksamkeit als Monotherapeutikum und häufiger Nebenwirkungen eher problematisch, v. a. besteht langfristig eine erhöhte Gefahr der Induktion eines
Diabetes mellitus Typ 2 (Elliott und Meyer
2007). Moderne selektive Betablocker in möglichst geringer Dosis sind deshalb als Add-on-Therapie vorzuziehen (z. B. Carvedilol). Kardiologische Indikationen für eine Betablockertherapie sind davon getrennt zu betrachten.
Hyperlipidämie
Hier scheint es zunächst naheliegend, die Hyperlipidämie
vorrangig diätetisch zu korrigieren, z. B. durch fettarme Kost, v. a. Vermeidung gesättigter Fettsäuren, d. h. überwiegend tierischer Fette, und durch Betonung des vegetarischen Anteils in der Nahrung sowie Reduktion der täglichen Alkoholmenge und damit auch eine Kontrolle der Gesamtkalorien. Eine Normalisierung der Hyperlipidämie gelingt mit den genannten Maßnahmen in der Regel gut in Fällen mit Hypertriglyzeridämie, aber nur in beschränktem Maße in den Fällen einer Hypercholesterinämie. Bei familiärer Hypercholesterinämie, die einen beträchtlichen Anteil der hyperlipidämischen Patienten ausmacht, kann auch durch drastische diätetische Maßnahmen der Cholesterinwert von z. B. über 300 mg % nur um ca. 10 bis maximal 15 % gesenkt werden. Auch die motiviertesten Patienten werden nach kurzer Zeit aufgeben und die strenge Diät wieder lockern. Hier hilft nur eine medikamentöse Cholesterinsenkung mit Statinen weiter, d. h. mit HMG-Coenzym-A-Reduktasehemmern. Eine vernünftige Lebensführung und Ernährung ist aber sehr nützlich, um die erforderliche Medikamentendosis niedrig zu halten. Die präventive Modifikation der Lebensführung und der Ernährung durch den ärztlichen Rat sollte nicht als Einschränkung und Knute, sondern als Bereicherung und zusätzliche Quelle von Lebensgenuss konzipiert und gestaltet werden. Dies ist bei der Qualität und Vielfalt unserer Nahrungsmittel heute möglich.
Der erste Beleg für einen günstigen therapeutischen Effekt einer Hypercholesterinämiesenkung ergab sich aus der 4S-Studie (Scandinavian Simvastatin Survival Study
1994). Die Risikoreduktion bezüglich
Schlaganfall schwankte zwischen 25 und 50 %, je nach Konstellation. Eine
Metaanalyse mit HMG-Coenzym-A-Reduktasehemmern aus 13 randomisierten placebokontrollierten und doppelblinden Studien und andere große prospektive Studien bestätigten diesen Effekt (Blauw et al.
1997; Waters et al.
2002; Sever et al.
2003; Paciaroni et al.
2007). Diabetiker profitieren von der Statintherapie in der Schlaganfallprävention weit überproportional (48 % relative Risikoreduktion in der CADS-Studie; Colhoun et al.
2004). Inzwischen konnten mehrere Interventionsstudien mittels Statintherapie zeigen, dass eine therapeutische Korrektur der Hyperlipidämie zu einer Senkung des Hirninfarktrisikos um etwa 30 % führt. Therapieziel ist die Senkung des
LDL-Cholesterins auf <100 mg/dl (Umrechnung: mg/dl × 0,02586 = mmol/l). Hochrisikopatienten profitieren von einer aggressiven Statintherapie, die auf LDL-Cholesterinwerte von <70 mg/dl abzielt, was oft nur durch höhere Statindosen oder durch die Kombination der Statine mit Ezetimide erreichbar ist. Das Risiko einer ernsten, aber reversiblen Myopathie als Nebenwirkung der Statine beträgt 1:10.000/Jahr. In den Fällen einer
Hypertriglyzeridämie von über 200 mg/dl, die durch Statine nicht normalisiert werden kann, empfiehlt sich die zusätzliche Gabe von 1–3 Fischölkapseln mit je 1000 mg Omega-3-Fettsäurenethylester (Maki et al.
2016).
Diabetes mellitus und Hyperinsulinismus
Primärpräventive Interventionsstudien gegen den
Schlaganfall bei Diabetikern führten zu enttäuschenden Ergebnissen (Turner et al.
1999). Allerdings kann strikte Kontrolle des Blutzuckers die Rate mikrovaskulärer Schäden an Netzhaut, Nieren und peripheren Nerven senken (Stratton et al.
2000; Lüscher et al.
2003). Bei Diabetikern sind wegen des sehr hohen Vaskulopathierisikos alle anderen zugänglichen Risikofaktoren besonders konsequent zu bekämpfen. Deshalb gelten bei Diabetikern strengere Therapieziele, die i. d. R. nur mittels konsequenter, hoch dosierter medikamentöser Therapie erreicht werden können. Gegen den Hochdruck sind RAS-Hemmer zu bevorzugen (s. oben unter Abschn.
2.3.2, „Arterielle Hypertonie“). Die Statintherapie senkt das Schlaganfallrisiko der Diabetiker um 21 % (Cholesterol Treatment Trialists’ Collaborators
2008). Zusätzliche konsequente Diabetestherapie mit Metformin und Pioglitazon wirkt wahrscheinlich ebenfalls insultpräventiv (Sander und Kearney
2009).
Hyperhomocysteinämie
Die Einnahme von 1 mg Vitamin B
12 (Cobalamin) und 400 μg
Folsäure/Tag oder die Anreicherung der Folsäure in der Nahrung senken den Homocysteinspiegel im Blut (Boushey et al.
1995). Ein kritischer Grenzwert des Serumspiegels ist bisher nicht nachgewiesen. Der durchschnittliche Homocysteinspiegel gesunder Normalpersonen beträgt 11,15 ± 2,15 μmol/l (Evers et al.
1997). Die
Hyperhomocysteinämie mit Homocysteinspiegeln von über 18 μmol/l stellt einen schwachen Risikofaktor für den ischämischen
Schlaganfall dar (
Odds-Ratio 1,2; The
Homocysteine Studies Collaboration
2002). Direkte Interventionsstudien an Patienten mit der Gabe von Folsäure und Vitamin B
12 konnten jedoch bisher keinen signifikanten protektiven Effekt nachweisen, so dass diese Therapie zurzeit nicht empfohlen werden kann. Erst eine
Metaanalyse zeigte kürzlich einen schwachen Präventiveffekt (Wang et al.
2007). In der HOPE-2-Studie (Lonn et al.
2006) an mehreren Tausend älterer Patienten über 5 Jahre mit täglich 2,5 mg Folsäure, 50 mg Vitamin B
6 und 1 mg Vitamin B
12 konnte der kombinierte Endpunkt aus vaskulärem Tod, Herzinfarkt und Schlaganfall nicht signifikant um relative 5 % gesenkt werden, aber immerhin war die Schlaganfallrate allein um relative 25 % signifikant erniedrigt. Die „Number needed to treat“, um einen Schlaganfall zu verhindern, beträgt dann allerdings 800. In den Leitlinien der AHA/ASA wird die Messung des Homozyteins Seit 2014 nicht mehr empfohlen (Kernan et al.
2014).
Vorhofflimmern
Die orale Antikoagulation mit Phenprocumon oder Coumadin mit INR(
International Normalized Ratio)-Werten im Zielbereich zwischen 2,0 und 3,0 brachte den Durchbruch sowohl in der Primär- als auch in der Sekundärprävention. Diese relativ risikoarme Antikoagulation
vermindert das Schlaganfallrisiko um ca. 70 % von durchschnittlich jährlich 4,5 % absolutem Risiko auf durchschnittlich jährlich 1,4 % (Risk factors for stroke 1994). In Deutschland wird mit Marcumar (= Phenprocoumon), seltener mit Coumadin (= Warfarin), in den USA und England nur mit Warfarin antikoaguliert. Der Schutzeffekt ist offenbar altersunabhängig und betrifft alle Schlaganfälle kardiogen-embolischer Ätiologie (Miller et al. 1996). Das Blutungsrisiko beträgt etwa 1–1,3 % pro Jahr. Damit sind alle Blutungen gemeint, die so schwer sind, dass sie eine stationäre Behandlung erforderlich machen. Dieses Risiko kann durch die neuen oralen Antikoagulanzien (NOAK) nochmals um ca. 50 % gesenkt werden
Aus Gründen der Eindeutigkeit und der internationalen Vergleichbarkeit sollte grundsätzlich nur noch der INR-Wert in den Marcumar-Pass eingetragen werden. Im Falle einer nur leichten Unterschreitung des o. g. Zielbereichs ist das Embolierisiko wesentlich höher als das Blutungsrisiko bei Überschreitung des oberen Zielwertes um z. B. 0,5.
Patienten mit
idiopathischem Vorhofflimmern („lone atrial fibrillation“) sollten von der routinemäßigen Antikoagulation ausgenommen werden. Allerdings konnten systematische TEE-Untersuchungen bei diesen Patienten zeigen, dass immerhin jeder zwanzigste einen Thrombus im linken Vorhof oder im linken Herzohr aufweist. Mit diesem Befund gehört ein solcher Patient dann automatisch zur Hochrisikogruppe mit eindeutiger Antikoagulationsindikation.
Acetylsalicylsäure (ASS) 100–300 mg/Tag ist in wesentlich geringerem Ausmaß insultpräventiv wirksam (ca. 20–25 % Risikoreduktion; SPAF II
1994). Ab einem CHADS2-Score von 2 (Tab.
3) besteht grundsätzlich eine Indikation zur oralen Antikoagulation.
Bewegungsmangel und Übergewicht
Inzwischen gibt es sichere Hinweise darauf, dass regelmäßige körperliche Aktivität durch Ausdauersportarten, sofern sie nicht exzessiv betrieben werden, das Hirninfarktrisiko senken (Fletcher et al.
1992). Es besteht sogar eine Dosis-Wirkungs-Beziehung, d. h. mit zunehmender Regelmäßigkeit der sportlichen Aktivität sinkt das Schlaganfallrisiko progressiv ab. Die Risikoreduktion ist beträchtlich. In einer britischen Studie war das relative Risiko für
Hirninfarkte auf 0,6–0,3, d. h. um 40–70 % reduziert (Wannamethee und Shaper
1992). Andere Studien fanden ähnliche Risikoreduktionen von 40–50 % sowohl bei Frauen als auch bei Männern (Kiely et al.
1994; Abbott und Rodriguez
1994; Gillum et al.
1996). In einer Studie an amerikanischen Ärzten (Lee et al.
1999) wurde eine Risikoreduktion des
Schlaganfalls um 20–25 % nachgewiesen. Der positive Effekt setzte dabei bereits mit einer regelmäßigen körperlichen Belastung von einmal pro Woche ein. Aufgrund der einfachen Realisierbarkeit und der verlässlichen Wirkung sollte die regelmäßige körperliche Aktivität zu den vorrangigen Zielen der Primärprävention zählen. Untrainierte Menschen sollten sich über ein fachkundig erarbeitetes Programm langsam auftrainieren. Regelmäßiges Wandern und Schwimmen oder Cycling auf dem Crosstrainer sind ideal, auch Radfahren und Langlauf schonen die Gelenke.
Schädliches Übergewicht liegt mindestens ab dem Stadium der
Adipositas, d. h. ab einem BMI von 30 und höher, vor. Bisher gibt es keine sicher erfolgreichen Konzepte, die großflächig eingesetzt werden könnten, um Übergewicht in der Bevölkerung abzubauen. Erst langsam beginnt man zu verstehen, dass sich in den Jahren der Entstehung des Übergewichtes suchtartige Pathomechanismen im Gehirn verfestigen, die es dem Individuum äußerst schwer machen, durch Willensanstrengungen und Vorsätze der Kalorienzufuhr entgegenzusteuern. Man hat hierzu u. a. das Konzept des „selfish brain“ entwickelt (Fehm et al. 2006), das sind pathologische zentralnervöse Regulationsmechanismen, die im Sinne eines Circulus vitiosus die Adipositas verstärken und verfestigen. Da hier so wenig therapeutischer Spielraum besteht, muss alles darangesetzt werden, schon bei den Kindern durch reichlich Bewegung und vernünftige Ernährung Adipositas zu verhindern. Es gibt konvergierende Hinweise, dass Adipositas nicht nur die körperliche, sondern auch die kognitive Leistungsfähigkeit bereits in jungen Jahren beeinträchtigt. In einer Studie an Erwachsenen mit 3 Monate dauernder kalorischer Restriktion von 30 % der üblichen Kalorienzufuhr konnte beeindruckend dargelegt werden, dass sich durch diese Intervention die verbale Gedächtnisleistung hochsignifikant verbessert (Witte et al. 2009). Eine clevere Studie zur Variabilität der Bevölkerungsmortalität in wirtschaftlich „fetten“ und „mageren“ Jahren hat mit verblüffender Eindeutigkeit zeigen können, dass in wirtschaftlichen Krisenzeiten die Mortalität sinkt und umgekehrt in den „fetten“ Jahren steigt (Tapia Granados und Diez Roux 2009). Bei adipösen Diabetikern konnten durch bariatrische Magen-Darm-Operationen (das sind magenvolumenverkleinernde oder die Dünndarmpassage partiell umgehende Eingriffe) ein anhaltender Gewichtsverlust mit drastischer Besserung des Typ-2-Diabetes und des metabolischen Syndroms erreicht werden (Chen et al. 2015).
Asymptomatische Arteriosklerose der Karotisarterien
Durch die ACAS-Studie (
1995) und das europäische Pendant, die ACST-Studie (MRC Asymptomatic Carotid Surgery Trial [ACST] Collaborative Group
2004), konnte zwar übereinstimmend nachgewiesen werden, dass das
relative (!) Schlaganfallrisiko mittel- bis hochgradiger, asymptomatischer Stenosen ab 60 %iger Lumeneinengung mittels Karotisdesobliteration um ca. 50 % gesenkt werden konnte – diese Aussage bedarf aber einer kritischen Bewertung und Relativierung. Die
absolute Senkung des Insultrisikos betrug nämlich nur ca. 1 %, d. h. durch die gefäßchirurgische Intervention konnte das Risiko eines behindernden oder tödlichen
Schlaganfalls von etwa 2 % auf ca. 1 % pro Jahr halbiert werden. Dieser geringe therapeutische Effekt war nach 5 Jahren aber nur zu erbringen, wenn (1) Patienten mit hohem Operationsrisiko ausgeschlossen wurden und (2) die besten chirurgischen Teams mit sehr geringen Komplikationsraten von unter 3 % am Werk waren. Einer neueren Qualitätsprüfung der Karotisoperateure in den USA zufolge liegt die reale Komplikationsrate von 3,8 % mit schwerem Schlaganfall oder Tod jedoch höher (Kresowik et al.
2004) und schwankt je nach Komorbidität der einzelnen Patienten zwischen 2,7 und 7,1 % (Halm et al.
2007). Insofern muss davon ausgegangen werden, dass derzeit die Operation
asymptomatischer Karotisstenosen dem Patienten durchschnittlich keinen Gewinn bringt, jedoch gewaltige Kosten für das Gesundheitssystem erzeugt. Um im Verlauf von 1 Jahr einen einzigen schweren Schlaganfall zu verhindern, müssten ca. 85 Patienten mit asymptomatischen Karotisstenosen operiert werden, ein enormer Kostenaufwand. Etwas stärker profitieren Männer von dem Eingriff. Der Stenosegrad spielt hier, im Gegensatz zu den symptomatischen Karotisstenosen, keine Rolle (Naylor et al.
2009), sodass über dieses Merkmal keine Patientenselektion möglich ist.
Eine Ausnahme bilden wahrscheinlich asymptomatische Stenosen mit Nachweis stummer Gehirninfarkte im Computertomogramm (Kakkos et al.
2009) oder rascher Progredienz oder mit sonografisch nachweisbarer Streuung von Mikroembolien (MES) (Markus et al.
2005; Ritter et al.
2005; The ACES Investigators
2009; Abschn.
2.1, „Asymptomatische Verschlusskankheit der großen Hirnarterien“). Die ACES-Studie (Asymptomatic Carotid Emboli Study) konnte beweisen, dass
asymptomatische Karotisstenosen, die während einstündiger
transkranieller Dopplersonografie der ipsilateralen A. cerebri media mindestens ein Mikroemboliesignal aufwiesen, ein signifikant höheres Insultrisiko implizieren (Markus et al.
2010) und damit für die Karotischirurgie ausgewählt werden könnten. Karotisstenting konntes eine Überlegenheit gegenüber der konventionellen Karotisendarterektomie für keine Patientengruppe belegen (Schnaudigrel et al.
2008). Zur prognostischen Bewertung der Stenoseprogredienz fehlen prospektive Studien, sodass mit diesem Kriterium eine Einzelfallentscheidung schwierig ist.
Ein großer Schwachpunkt der damaligen Studien zur Karotisdesobliteration
ist die Tatsache, dass die nichtoperativ behandelten Patientengruppen nicht die heute optimale medikamentöse Primärprävention erhalten haben (Naylor et al. 2009). Unter moderner konservativer Therapie verstehen wir heute die Gabe von ASS oder sogar die duale Plättchenhemmung und ein hoch dosiertes Statin, die aggressive Hochdrucktherapie und Diabetesbekämpfung, Verzicht auf Hormonersatztherapie im Klimakterium und die verstärkte Einsicht in die Korrektur der „Lifestyle-Sünden“. Dann liegt das jährliche Insultrisiko <1 %, sodass hier kein Platz mehr für die Karotischirurgie bleibt.
Die Angioplastie der Karotisstenosen mittels Ballondilatation und Stenteinlage ist zurzeit keine Alternative zur Operation, da sie ungünstigere Akutresultate und ungünstigere Langzeitergebnisse zeigt (Kern et al.
2007), gerade auch bei älteren Patienten, bei denen man auf einen Vorteil hoffte.
Offenes Foramen ovale (OFO)
Bisher gibt es keine prospektiven, randomisierten und kontrollierten Interventionsstudien zur Primärprävention des
Schlaganfalls, wohl aber etliche Studien der letzten Jahre zur Sekundärprävention mittels Verschluss Schirmchen (CLOSURE I, RESPECT, MIST u. a.), die jedoch auch in
Metaanalysen keine überzeugenden Vorteile gegenüber medikamentöser Therapie ergaben (Shah et al.
2018). Die präventivtherapeutischen Empfehlungen schwanken von keiner Therapie über 100–300 mg ASS oder orale Antikoagulation bis hin zur katheterbasierten Intervention (transfemoraler Verschluss mittels Schirm-Device) oder sogar kardiochirurgischen Korrektur (Homma et al.
2002). Da bis zu 30 % der Menschen ein (wenn auch überwiegend kleines) offenes Foramen ovale aufweisen, kommt außer der Thrombozytenaggregationshemmung keines der oben genannten Verfahren für eine breit angelegte Primärpräventionsstrategie in Frage, zumal der Spontanverlauf meist gutartig ist (Almekhlafi et al.
2009). Menschen mit OFO haben unabhängig vom Lebensalter ein leicht erhöhtes Risiko für kryptogene Schlaganfälle (Handke et al.
2007), das aber den mechanischen Verschluss des OFO wegen der intrinsischen Risiken der Prozedur nur unter kritischer Abwägung von Vorteil und Risiko rechtfertigt (vier qualitativ hochstehende Studien mit knapp 3000 Patienten wurden berücksichtigt): das Insultrezidivrisiko wird um 3,2 % gesenkt, gleichzeitig das Risiko der Auslösung von
Vorhofflimmern erhöht. Erst nach einem zweiten, kryptogenen Insult wird eindeutig zur oralen Antikoagulation oder Intervention mittels Katheter geraten. Eine Indikation zum katheterbasierten Verschluss des OFO besteht auch bei Hochrisikopatienten wie Tauchern oder Patienten mit erhöhtem Druck im rechten Herzen.