Tics
sind plötzliche, schnelle, sich wiederholende, arrhythmische, stereotype motorische Bewegungen oder Lautäußerungen (Vokalisationen). Als Tourette-Störung bezeichnet man eine heterogene neurologisch-psychiatrische Erkrankung, die durch Tics charakterisiert, aber oft mit Verhaltensstörungen vergesellschaftet ist. Tics können mit einer innerlich wachsenden Spannung vorübergehend unterdrückt werden. Sie werden wie ein innerer Zwang erlebt und haben häufig eine sensorische Komponente, d. h., Missempfindungen in der entsprechenden Körperregion sind der Anlass zum Ausführen der Bewegung. Die Diagnose fußt auf Anamnese und Befund. Die Therapie ist symptomatisch und häufig zunächst psychotherapeutisch. Nur bei extremem Leidensdruck, Schwierigkeiten in Schule, Beruf und Familie wird auf Neuroleptika zurückgegriffen.
Koprolalie (Vokalisieren von obszönen Ausdrücken, meistens kurzsilbige) oder Kopropraxie (entsprechende sinntragende motorische Entäußerungen wie Masturbationsbewegungen) sind keine zwingenden Kriterien für die Diagnose einer Tourette-Störung. In der Veröffentlichung von Gilles de la Tourette aus dem Jahr 1885 war lediglich die Koprolalie eines der auffallendsten Symptome. Der Name Tourette-Störung oder -Syndrom geht auf den Erstbeschreiber, einen französischen Neurologen, zurück, der 1885 über 9 Patienten berichtete, die an ähnlichen Tic-Störungen litten. Unter den Patienten befand sich auch eine Adlige, die Marquise de Dampierre, die seit ihrem 7. Lebensjahr komplexe vokale Tics hatte. Wegen des oftmals obszönen Inhalts der komplexen Vokalisationen musste sie sich aus dem öffentlichen Leben zurückziehen und starb vereinsamt im Alter von 86 Jahren. Das klinische Spektrum kann sehr breit gefächert sein. Mozart und André Malraux gehören zu den Menschen, die unter einer Tourette-Störung gelitten haben sollen.
Facharztfragen
1.
Was ist das Charakteristische für Tics im Vergleich zu anderen Bewegungsstörungen?
2.
Wie lässt sich ein Tourette-Syndrom diagnostizieren?
Literatur
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