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Lexikon der Medizinischen Laboratoriumsdiagnostik
Info
Verfasst von:
T. Stief
Publiziert am: 19.08.2017

Gerinnungsfaktor V

Gerinnungsfaktor V
Synonym(e)
(Pro-)Akzelerin; FV; FV:C; F5
Englischer Begriff
factor V; (pro)accelerin; factor V clotting activity; F5
Definition
Faktor V ist ein Glykoprotein und inaktive Vorstufe des aktivierten Faktor Va (F5a). Die Aktivierung erfolgt insbesondere durch Thrombin (oder Faktor Xa). Faktor Va (F5a) ist als Kofaktor der Serinproteinase Faktor Xa (F10a). In Ca2+-Anwesenheit beschleunigen Phospholipide (PL) die F10a-Aktivität ca. 1000-fach, F5a beschleunigt die F10a-PL-Aktivität abermals ca. 1000-fach (F5a ist Teil des Prothrombinasekomplexes).
Molmasse
330 kDa.
Synthese – Verteilung – Abbau – Elimination
Glykoprotein von 2196 Aminosäuren. Faktor V enthält eine Reihe von internen Repeats, die homolog zu Gerinnungsfaktor VIII und Coeruloplasmin sind. Die Aktivierung erfolgt durch limitierte Proteolyse durch Thrombin an den Stellen Arg709, Arg1018 und Arg1545. Aktivierter FXa kann an den beiden ersten Seiten spalten.
Faktor V wird durch ein Gen lokalisiert auf Chromosom 1 (1q23) kodiert und hauptsächlich in Hepatozyten gebildet, obwohl er auch in anderen Zellen (Endothelzellen, Megakaryozyten) nachgewiesen wird. 20 % des zirkulierenden Faktor V sind in den α-Granula der Blutplättchen gespeichert. Faktor V kann außer durch Thrombin und F10a auch durch andere Proteasen wie die Neutrophilenelastase, Plasmin oder durch ein Enzym des Russell’s Viper Venoms (RVV-V) aktiviert werden. Faktor Va beschleunigt die Umsetzung von Prothrombin zu Thrombin durch F10a ca. 1000-fach. Die biologische Halbwertszeit von Faktor V beträgt ca. 13h Faktor V wird durch aktiviertes Protein C (PCa), aber auch durch Plasmin oder Singlet Oxygen (bei Neutrophilenaktivierung) rasch inaktiviert.
Funktion – Pathophysiologie
Der angeborene Mangel (Parahämophilie) an Faktor V wird in der Regel autosomal rezessiv vererbt. Bei homozygoten Patienten werden Aktivitäten unter 10 % gefunden. Die Aktivitäten Heterozygoter liegen zwischen 30 und 60 %. Es gibt auch Dysformen des Faktor V mit verminderter Aktivität. Kombinierte Faktor-V- und Faktor-VIII-Mangelzustände sind bekannt, es scheint sich hierbei um einen defekten intrazellulären Proteintransport (Chaperon ERGIC 53) zu handeln. In der Regel sind nur homozygote Patienten symptomatisch. Das klinische Bild ist durch Epistaxis, Ecchymosen, Menorrhagien, Zahnfleischblutungen und postoperative und posttraumatische Blutungen geprägt. Es besteht eine Korrelation zwischen dem Schweregrad der Blutungen und dem Faktor-V-Gehalt der Plättchen. Der angeborene Faktor-V-Mangel ist mit ca. 1:1.000.000 sehr selten. Erworbene Formen des Faktor-V-Mangels zusammen mit anderen Faktorenmängeln im Rahmen einer Synthesestörung bei ausgeprägten Leberschäden oder im Rahmen einer Verbrauchskoagulopathie sind häufig. Ein isolierter Faktor-V-Mangel kann selten durch Hemmkörper verursacht werden. Medikamentös kann ein Faktor-V-Mangel nach Asparaginasetherapie auftreten. Fehlende Inaktivierbarkeit durch PCa wird als Resistenz gegen PCa bezeichnet (Faktor-V-Leiden).
Untersuchungsmaterial
Citratplasma.
Probenstabilität
Unter korrekten Abnahmebedingungen bleibt der nicht aktivierte Faktor V über 24 h bei Raumtemperatur stabil.
Präanalytik
Unter korrekten Abnahmebedingungen bleibt der nicht aktivierte Faktor V über 24 h bei Raumtemperatur stabil.
Asparaginasetherapie, angeronnene Proben ergeben falsche Messwerte.
Analytik
Zur Aktivitätsbestimmung wird ein Einstufentest, Variante des Quicktests, eingesetzt. Die immunologische Bestimmung des Faktor-V-Antigens mit spezifischen Antikörpern erfolgt mit ELISA.
Referenzbereich – Erwachsene
Citratplasma: 60–150 %, steigt in der Schwangerschaft nicht an.
Referenzbereich – Kinder
S. Erwachsene.
Indikation
  • Diagnose eines isolierten oder kombinierten kongenitalen Faktor-V-Mangels
  • Diagnose einer Verbrauchskoagulopathie
  • Monitoring einer Faktor-V-Substitution mit GFP
Interpretation
Faktor-V-Aktivitäten über 150 % werden kurzfristig nach Operationen, in der Initialphase und nach Absetzen der Cumarintherapie (Protein-C-Mangel) und bei Cholestase gefunden. Aktivitäten >50 % gelten als ausreichend, Aktivitäten zwischen 25 und 50 % finden sich bei Heterozygoten oder sind Folge einer schweren Störung der Gerinnung oder einer Syntheseeinschränkung (Leberversagen). Aktivitäten zwischen 5 und 25 % kommen kongenital oder erworben bei schweren Erkrankungen vor. Spontanblutungen sind auch bei diesen Aktivitäten noch nicht zu befürchten. Aktivitäten unter 5 % findet man beim sehr seltenen homozygoten Faktor-V-Mangel oder bei einer schweren Entgleisung der Hämostase.
Diagnostische Wertigkeit
Ein erworbener Faktor-V-Mangel ist oft Folge einer schweren Leberfunktionseinschränkung (fortgeschrittene Leberzirrhose oder akut toxische Leberschädigung) oder einer disseminated intravascular coagulation (consumption type).
Literatur
Barthels M, von Depka M (2003) Das Gerinnungskompendium. Georg Thieme Verlag, Stuttgart/New YorkCrossRef
Mann KG, Kalafatis M (2003) Faktor V: a combination of Dr Jekyll and Mr Hyde. Blood 101:20–30CrossRefPubMed
Stief TW, Kurz J, Doss MO, Fareed J (2000) Singlet oxygen (1O2) inactivates fibrinogen, factor V, factor VIII, factor X, and platelet aggregation of human blood. Thromb Res 97:473–480CrossRefPubMed