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Pädiatrie
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Publiziert am: 26.06.2025 Bitte beachten Sie v.a. beim therapeutischen Vorgehen das Erscheinungsdatum des Beitrags.

Angeborene Immundefekte mit vorwiegender Störung der Antikörperproduktion

Verfasst von: Maarja Soomann, Mathias Hauri-Hohl und Johannes Trück
Angeborene Immundefekte, welche vorwiegend mit einer quantitativen oder funktionellen Einschränkung der Antikörperproduktion einhergehen (Antikörperdefekte), sind kumulativ die häufigsten Immundefekte und betreffen über 40 % aller Patienten. Die Inzidenz der einzelnen Erkrankungen variiert jedoch erheblich, von 1:400 bis 1:200.000, manche der Erkrankungen wurden bislang sogar nur bei einzelnen Patienten beschrieben. Antikörperdefekte werden durch Störungen der B-Zell-Entwicklung im Knochenmark oder durch Einschränkung der Proliferation, Differenzierung oder Ausreifung von B-Zellen verursacht. Patienten mit Antikörperdefekten leiden typischerweise unter rezidivierenden Infektionen, welche durch (kapseltragende) Bakterien, wie z. B. H. influenzae oder S. pneumoniae, verursacht werden können. Charakteristisch sind Schleimhaut-assoziierte Infektionen wie Otitiden, Pneumonien und bei älteren Kindern und Jugendlichen auch Sinusitiden. Die Therapie besteht in einer frühzeitigen und konsequenten Behandlung von Infektionen. Bei schweren Verlaufsformen ist die regelmäßige prophylaktische Gabe von intravenös oder subkutan verabreichtem Immunglobulinen vom Typ G (IgG) indiziert.

Klassifikation

Angeborene Immundefekte mit vorwiegend eingeschränkter Antikörperproduktion zählen zu den häufigsten Formen primärer Immundefizienz (PID). Die IUIS (International Union of Immunological Societies) unterteilt diese Erkrankungen in 4 verschiedenen Untergruppen (Tab. 1). Diese Klassifikation basiert hauptsächlich auf der Ausprägung des Antikörpermangels sowie auf nummerischen Veränderungen der B-Zellen (Abb. 1). Defekte, welche vor allem das T-Zell-System betreffen, werden als kombinierte Immundefekte bezeichnet (Kap. „T-zelluläre und kombinierte Immundefekte bei Kinder und Jugendlichen“).
Tab. 1
Angeborene Immundefekte mit vorwiegender Einschränkung der Antikörperproduktion. (Nach Tangye et al. 2022 und Bousfiha A et al. 2022)
Krankheit
Betroffenes Gen/Region
Vererbung
Anzahl peripherer B-Zellen
Immunglobulin-Konzentrationen im Serum
Besondere Merkmale
OMIM
1. Agammaglobulinämie; starke Verminderung aller Immunglobulin-Klassen, Anzahl B-Zellen stark reduziert oder fehlend
X-chromosomale Agammaglobulinämie (XLA)
BTK
XL
↓↓↓
Alle Klassen ↓↓↓, in wenigen Fälle reduziert, aber messbar
Schwere bakterielle Infektionen
300300
μ-Schwerketten-Mangel
IGHM
AR
↓↓↓
Alle Klassen ↓↓↓
Schwere bakterielle Infektionen
147020
λ5-Mangel
IGLL1
AR
↓↓↓
Alle Klassen ↓↓↓
Schwere bakterielle Infektionen
146770
Igα-Mangel
CD79A
AR
↓↓↓
Alle Klassen ↓↓↓
Schwere bakterielle Infektionen
112205
Igβ-Mangel
CD79B
AR
↓↓↓
Alle Klassen ↓↓↓
Schwere bakterielle Infektionen
147245
BLNK-Mangel
BLNK
AR
↓↓↓
Alle Klassen ↓↓↓
Schwere bakterielle Infektionen
604515
p110δ-Mangel
PIK3CD
AR
↓↓↓
Alle Klassen ↓↓↓
Schwere bakterielle Infektionen,
Autoimmunität (chronische entzündliche Darmerkrankung)
602839
p85-Mangel
PIK3R1
AR
↓↓↓
Alle Klassen ↓↓↓
Schwere bakterielle Infektionen, Zytopenien
615214
Defekt des Transkriptionsfaktors E47
TCF3
AD
↓↓↓
Alle Klassen ↓↓↓
Rezidivierende bakterielle Infektionen
616941
TCF3
AR
↓↓↓
Alle Klassen ↓↓↓
Schwere, rezidivierende bakterielle Infektionen, Gedeihstörung
147141
SLC39A7 (ZIP7)-Mangel
SLC39A7
AR
↓↓↓
Alle Klassen ↓↓↓
Frühe Infektionen, Dermatose mit Blasenbildung, Gedeihstörung, Thrombozytopenie
601416
Hoffman Syndrom/TOP2B-Mangel
TOP2B
AR
↓↓↓
Alle Klassen ↓↓↓
Rezidivierende Infektionen, faziale Dysmorphie, Anomalien der Gliedmassen
126431
FNIP1-Mangel
FNIP1
AR
↓↓↓
Alle Klassen ↓↓↓
Rezidivierende Infektionen, interstitielle Pneumonie, kongenitale Herzfehler, muskuläre Hypotonie, Entwicklungsverzögerung
619705
PU1-Mangel
SPI1
AD
↓↓↓
Alle Klassen ↓↓↓
Schwere bakterielle und enterovirale Infektionen
619707
2. CVID-Phänotyp; starke Verminderung von mindestens 2 Immunglobulin-Klassen, Anzahl B-Zellen normal oder leicht vermindert
Variables Immundefektsyndrom (CVID, common variable immunodeficiency) ohne bekannten Gendefekt
Unbekannt
Variabel
↓/N
IgG ↓, IgA ↓ und/oder IgM ↓
Variabler Phänotyp: meist rezidivierende Infektionen, teilweise polyklonale Lymphoproliferation, Autoimmunzytopenien und/oder granulomatöse Erkrankung
Aktivierte p110 δ Syndrom (APDS)
PIK3CD GOF
AD
↓ Gedächtnis B-Zellen, ↑ transitionale B-Zellen
IgG ↓, IgA ↓, IgM N/↑
Schwere bakterielle Infektionen, schwere/chronische EBV und/oder CMV virämie, Autoimmunität, Lymphadenopathie, Splenomegalie, Lymphoproliferation, Lymphom,
615513(ADPS1)
PIK3R1
AD
↓ Gedächtnis B-Zellen, ↑ transitionale B-Zellen
IgG ↓, IgA ↓, IgM N/↑
Schwere bakterielle Infektionen, schwere/chronische Lymphadenopathie, Splenomegalie, Lymphoproliferation, Lymphom, Entwicklungsverzögerung
616005 (APDS2)
PTEN-Mangel
PTEN
AD
↓/N
IgG ↓/N, IgA ↓/N, IgM ↓/N
Rezidivierende bakterielle Infektionen, Lymphoproliferation, Autoimmunität, Entwicklungsverzögerung
158350
CD19-Mangel
AR
↓ Gedächtnis B-Zellen
IgG ↓, IgA, IgM ↓/N
Rezidivierende Infektionen, Glomerulonephritis möglich
107265
CD81-Mangel
CD81
AR
↓ Gedächtnis B-Zellen
IgG ↓, IgA ↓/N, IgM ↓/N
Rezidivierende Infektionen, Glomerulonephritis möglich
186845
CD20-Mangel
CD20
AR
↓ Gedächtnis B-Zellen
IgG ↓, IgA N/↑, IgM N/↑
Rezidivierende Infektionen
112210
CD21-Mangel
CD21
AR
↓ Gedächtnis B-Zellen
IgG ↓, IgA ↓, IgM ↓/N
Rezidivierende Infektionen
120650
TACI-Mangel
TNFRSF13B (TACI)
AD oder AR
↓/N/↑
IgG ↓, IgA ↓/N, IgM ↓/N
Variabler Phänotyp, Mutationen wurden auch bei asymptomatischen Individuen und bei Patienten mit selektivem IgA- und IgG-Subklassen-Mangel gefunden
604907
BAFF-Rezeptor-Mangel
TNFRSF13C (BAFF-R)
AR
↓/N
IgG ↓, IgM ↓
Variabler Phänotyp, Mutationen wurden auch bei asymptomatischen Individuen und bei Patienten mit selektivem IgA- und IgG-Subklassen-Mangel gefunden
606269
TWEAK-Mangel
TNFSF12
AD
?
IgG N, IgA ↓, IgM ↓
Pneumonien, bakterielle Infektionen, Warzen, Thrombozytopenie, Neutropenie
602695
TRNT1-Mangel
TRNT1
AR
IgG ↓/N, IgA ↓/N, IgM ↓/N
Angeborene sideroblastische Anämie, Taubheit, Entwicklungsverzögerung
612907
NFKB1-Mangel
NFKB1
AD
↓/N
IgG ↓/N, IgA ↓/N, IgM ↓/N
Rezidivierende sinopulmonale Infektionen, COPD, schwere/chronische EBV-Infektion, Autoimmunzytopenien, Alopezie, Autoimmunthyreoiditis
164001
NFKB2-Mangel
NFKB2
AD
IgG ↓, IgA ↓, IgM ↓
Rezidivierende sinopulmonale Infektionen, Alopezie, Endokrinopathien
615577
IKAROS-Mangel
IKZF1
AD
↓/N
IgG ↓, IgA ↓, IgM ↓
Rezidivierende sinopulmonale Infektionen, erhöhtes ALL Risiko, Autoimmunität
603023
IRF2BP2-Mangel
IRF2BP2
AD
↓/N
IgG ↓, IgA ↓, IgM ↓
Rezidivierende Infektionen; Autoimmunität und inflammatorische Erkrankungen möglich
615332
ATP6AP1-Mangel
ATP6AP1
XL
?
IgG ↓/N, IgA ↓/N, IgM ↓/N
Hepatopathie, Leukozytopenie, erniedrigtes Kupfer
300197
ARHGEF1-Mangel
ARHGEF1
AR
?
?
Rezidivierende Infektionen
618459
SH3KBP1 (CIN85)-Mangel
SH3KBP1
XL
?
IgG ↓, IgA ↓/N, IgM ↓
Schwere bakterielle Infektionen
300310
SEC61A1-Mangel
SEC61A1
AD
?
IgG ↓/N, IgA ↓/N, IgM ↓/N
Schwere bakterielle respiratorische Infektionen
609213
RAC2-Mangel
RAC2
AR
↓/N
IgG ↓, IgA ↓, IgM ↓
Rezidivierende bakterielle sinopulmonale Infektionen, Glomerulonephritis, Urtikaria
602049
MOGS-Mangel (Mannosyl-oligosaccharide glucosidase)
MOGS (GCS1)
AR
IgG ↓, IgA ↓, IgM ↓
Bakterielle und virale Infektionen, schwere neurologische Defizite, entspricht kongenitaler Glykosilierungsstörung (CDG) Typ IIb
601336
PIK3CG-Mangel
PIK3CG
AR
↓ Gedächtnis B-Zellen
IgG ↓/N, IgA ↓/N, IgM ↓/N
Rezidivierende Infektionen, Zytopenie, Eosinophilie, Splenomegalie, Lymphadenopathie, HLH-ähnliches Bild
619802
BOB1-Mangel
POU2AF1
AR
↓ Gedächtnis B-Zellen
IgG ↓, IgA ↓, IgM ↓
Rezidivierende respiratorische Infektionen, mögliche virale chronische ZNS-Infektion mit progressiver Tetraparese
601206
3. Hyper-IgM; starke Verminderung von Serum-IgG und -IgA mit normalem oder erhöhtem Serum-IgM, Anzahl B-Zellen normal
(Bemerkung: Die klassischen (und deutlich häufigeren) Formen eines Hyper-IgM-Syndroms werden durch Mutationen in CD40L und CD40 verursacht. Diese Erkrankungen werden als kombinierte Immundefekte angesehen und sind deshalb in der Tabelle nicht dargestellt).
AID-Mangel
AICDA
AR
N
IgG ↓, IgA ↓, IgM N/↑
Bakterielle Infektionen; vergrößerte Lymphknoten und Keimzentren; Autoimmunität
605258
AD
N
IgG ↓, IgA ↓, IgM ↑
Bakterielle Infektionen; vergrößerte Lymphknoten und Keimzentren
605257
UNG-Mangel
UNG
AR
N
IgG ↓, IgA ↓, IgM N/↑
Vergrößerte Lymphknoten und Keimzentren
191525
INO80-Defekt
INO80
AR
N
IgG ↓, IgA ↓, IgM N/↑
Schwere bakterielle Infektionen
610169
MSH6-Defekt
MSH6
AR
N
IgG ↓/N, IgA N, IgM N/↑
Erhöhtes Risiko für die Entwicklung von Malignome
600678
CTNNBL1-Mangel
CTNNBL1
AR
↓ Gedächtnis B-Zellen
?
Rezidivierende Infektionen, Autoimmunzytopenienm, Vergrösserte Keimzentren
611537
APRIL-Mangel
TNFSF13
AR
↓ Gedächtnis B-Zellen
?
Leichte aber chronische Infektionen, Alopecia areata
604472
4. Isotypen-, Leichtketten- oder sonstige funktionelle B-Zell-Defekte mit meist normaler Anzahl an B-Zellen
Defekt der schweren Immunglobulinkette
14q32 (Mutation oder Deletion)
AR
N
≥1 IgG/A Subklasse oder IgE ↓
Teilweise asymptomatisch
κ-Leichtketten-Mangel
IGKC
AR
N
IgG/A/M ↓/N (alle Ig mit λ-Leichtkette)
Asymptomatisch
147200
Isolierter IgG-Subklassen-Mangel
Unbekannt
Unbekannt
N
IgG N, IgA N, IgM N, ≥1 IgG Subklasse ↓
Meist asymptomatisch, selten rezidivierende bakterielle/virale Infektionen, teilweise verminderte Bildung spezifischer Antikörper
IgA-Mangel mit IgG-Subklassen-Mangel
Unbekannt
Unbekannt
N
IgG N, IgA ↓, IgM N, ≥1 IgG Subklasse ↓
Rezidivierende bakterielle Infektionen, kann asymptomatisch sein
Unbekannt
Unbekannt
N
IgG N, IgA ↓/fehlend, IgM N
Meist asymptomatisch, selten rezidivierende Infektionen, leicht erhöhtes Risiko für Autoimmunität
Spezifischer Antikörpermangel mit normalen Serumimmunglobulinen, B-Zell-Zahl normal
Unbekannt
Unbekannt
N
N
Verminderte Bildung spezifischer Antikörper, z. B. gegen Polysaccharide
Unbekannt
Unbekannt
N
IgG ↓, IgA ↓
Meist asymptomatisch, normale Bildung spezifischer Antikörper
CARD11-Defekt
CARD11
AD GOF
IgG ↓/N, IgA ↓/N, IgM ↓/N
Splenomegalie, Lymphadenopathie, verminderte Bildung spezifischer Antikörper
616452
Selektiver IgM-Mangel
Unbekannt
Unbekannt
N
IgG N, IgA N, IgM ↓
Bakterielle Infektionen, z. B. mit Pneumokokken
AR autosomal-rezessiv; AD autosomal-dominant; BTK Bruton-Tyrosinkinase; CVID variables Immundefekt-Syndrom; GOF Gain-of-function-Mutation (Verstärkung der Genaktivität oder neue Funktion des Gens); LOF Loss-of-function-Mutation (Funktionsverlust des Genproduktes); XL X-chromosomal; APRIL – A Proliferation-Inducing Ligand; BLNK B-Zell-Linker-Protein; CARD11 Caspase Recruitment Domain Family Member 11; CTNNBL1 – Catenin Beta Like 1; IGKC – Immunoglobulin Kappa Constant; PIK3R1 phosphatidylinositol 3-kinase regulatory subunit 1; PIK3CD phosphatidylinositol-4,5-bisphosphate 3-kinase catalytic subunit deltakinase, regulatory subunit 1; PTEN phosphatase and tensin homolog; TACI transmembrane activator and CAML interactor; BAFF B-Zell-aktivierender Faktor; TWEAK TNF-related weak inducer of apoptosis; TRNT1 CCA-adding transfer RNA nucleotidyl transferase; NFKB nuclear factor kappa B; IKAROS ikaros family zinc finger protein 1; IRF2BP2 interferon regulatory factor 2 binding protein 2; ATP6AP1 ATPase H + transporting accessory protein 1
Abb. 1
Übersicht über die wichtigsten Schritte der B-Zell-Entwicklung. B-Zellen entwickeln sich im Knochenmark aus lymphatischen Stammzellen (SZ) unter Einfluss von Zytokinen und membrangebundenen Faktoren, die durch Stromazellen bereitgestellt werden. Genetische Defekte der B-Zell-Rezeptoren (BZR) oder nachgeschalteter Komponenten der Signaltransduktion verhindern eine normale B-Zell-Entwicklung. Schlüsselereignisse der B-Zell-Maturation sind die somatische Rekombination der schweren und leichten Ketten, welche erst die Bildung eines breiten BZR-Repertoires mit unterschiedlichen Spezifitäten ermöglichen. Mehrere – z. T. lymphozytenspezifische Enzyme – darunter die Produkte der Rekombinase-aktivierenden Gene 1 und 2 (RAG) sowie die terminale Deoxynukleotidyl-Transferase (TdT) – sind dabei von essenzieller Bedeutung. Im Prozess der negativen Selektion werden B-Zellen bezüglich ihrer Reaktivität gegen Selbstantigene geprüft. Reaktive B-Zellen werden in der Folge entweder eliminiert (klonale Deletion), stillgelegt (Anergie) oder durch eine molekulare Veränderung des BZR, welcher als Rezeptor-Editing bezeichnet wird, angepasst und erneut geprüft. Das Signal über den BZR ist für die Zelle überlebenswichtig. Im Stadium der Prä-B-Zelle sind λ-like, Igα und Igβ sowie die Bruton-Tyrosinkinase (BTK) für die Transduktion des Signals ins Zellinnere erforderlich. Das intrazelluläre B-Zell-Linker-Protein (BLNK-Protein; BLNK) vermittelt die Signale der μ-schweren Kette des BZR. Defekte dieser Komponenten führen zu einem Ausreifungsstopp in der frühen B-Zell-Entwicklung. (Senkrechter Balken vollständige Blockierung; unterbrochener senkrechter Balken teilweise Blockierung; Kästchen bezeichnen Beispiele bekannter Gendefekte, welche eine normale B-Zell-Entwicklung behindern)
Zur initialen Diagnostik bei Verdacht auf Erkrankungen des B-Zell-Systems oder Störungen der Antikörperproduktion sind verschiedene Tests erforderlich. Dazu gehören neben einem Blutbild mit Differenzierung auch die Messung der Antikörperkonzentrationen im Serum, einschliesslich IgA, IgG, IgM und gegebenenfalls IgE. Darüber hinaus ist die Bestimmung der Anzahl von peripheren B-Zellen mittels Durchflusszytometrie, unter Berücksichtigung altersabhängige Normwerte und gegebenenfalls der B-Zell-Subpopulationen, von entscheidender Bedeutung. Als funktioneller Test des B-Zell-Systems kann die Bestimmung spezifischer Antikörper im Serum dienen, insbesondere Impfantikörper gegen Protein- und Polysaccharid-Antigene. Die Interpretation der Impfantikörper-Werte ist im Einzelfall nicht immer einfach und u. a. abhängig von der Anzahl und dem Zeitpunkt der erhaltenen Impfdosen, gelegentlich auch von der Art des Impfstoffes. Bei tiefen oder unklaren Werten kann eine Messung ca. 4–6 Wochen nach (erneuter) Impfung hilfreich sein. Teilweise kommt es nach einer initial adäquaten Impfantwort zu einem Abfall der Impfantikörper-konzentrationen innerhalb von Wochen oder weniger Monate, sodass in gewissen Fällen eine erneute Messung 6–9 Monate nach Impfung sinnvoll sein kann.
Das Auftreten von schweren oder rezidivierenden (bakteriellen) Infektionen ist bei Kindern und Jugendlichen meist der Auslöser, um nach einer Erkrankung des B-Zell-Systems zu suchen. Da eine Infektionsanfälligkeit auch bei anderen Erkrankungen auftreten kann, kann es – insbesondere in hoch spezialisierten Einrichtungen wie Immundefekt-Zentren – ratsam sein, frühzeitig eine umfassendere Diagnostik durchzuführen. Neutrophilen-Funktionsstörungen (z. B. septische Granulomatose) sind insbesondere bei Auftreten von Abszessen oder invasiven Infektionen mit Pilzen in Betracht zu ziehen. Obwohl Komplementdefekte insgesamt sehr selten sind, können sie ebenfalls zu schweren invasiven Infektionen führen und sollten insbesondere bei Infektionen mit Meningokokken in Betracht gezogen werden. Zusätzlich können Defekte der angeborenen Immunität, kombinierte Immundefekte, Erkrankungen mit Immundysregulation oder autoinflammatorische Syndrome klinische Ähnlichkeit mit Antikörperdefekten aufweisen. Daher ist eine genaue phänotypische Unterscheidung allein anhand klinischer Merkmale nicht immer möglich.
Die in diesem Kapitel behandelten Antikörperdefekte (Tab. 1) zeichnen sich durch eine vorwiegende Dysfunktion des B-Zell-Systems aus. Bei einem nachgewiesenem Antikörpermangel müssen sie differenzialdiagnostisch von anderen Immundefekten und alternativen Erkrankungen abgegrenzt werden, die ebenfalls zu einer Störung des humoralen Immunsystems oder einer Hypogammaglobulinämie führen können, ohne dass ein intrinsisches Problem der Antikörperproduktion vorliegt. Dazu gehören kombinierte Immundefekte und Immundefizienzen, die im Rahmen von komplexen Syndromen auftreten. Auch Erkrankungen mit Proteinverlust, wie das nephrotische Syndrom, ein intestinaler Proteinverlust, eine intestinale Lymphangiektasie, katabole Zustände, medikamentöse Nebenwirkungen (z. B. durch Immunsuppressiva oder Zytostatika) oder auch chronische Infektionen – insbesondere HIV – müssen in Betracht gezogen werden.

Agammaglobulinämien

Agammaglobulinämien (AG) sind angeborene genetische Defekte, die zu einer starken Verminderung der Konzentrationen aller Immunglobulin-Klassen im Serum und zu einem (fast) vollständigen Fehlen peripherer B-Zellen führen. Bei diesen Erkrankungen ist weder die Bildung noch die Funktion der T-Zellen beeinträchtigt. Die Inzidenz der Agammaglobulinämie wird auf ungefähr 1:100.000 geschätzt. Aufgrund der diaplazentaren Übertragung von IgG-Antikörpern von der Mutter auf den Feten ist das Neugeborene trotz geringer Eigenproduktion an Antikörpern vorübergehend vor Infektionen geschützt. Erst nach Abfall der mütterlichen Antikörper im Alter von 3–6 Monaten treten klinische Symptome auf. Einige Patienten zeigen erstaunlicherweise trotz schwerem Antikörpermangel über längere Zeit nur wenige Symptome. Agammaglobulinämien können wie andere B-Zell-Differenzierungsstörungen durch die Analyse der Immunglobulin kappa-deleting recombination excision circles (KREC) im Rahmen eines Neugeborenenscreenings erfasst werden. KREC sind kleine ringförmige DNA-Fragmente, die während der Reifung von B-Zellen als Nebenprodukt bei der somatischen Rekombination des B-Zell-Rezeptor-Genlokus entstehen. KREC werden von der Zelle nicht repliziert und bei einer Zellteilung lediglich auf eine der beiden Tochterzellen übertragen. Die Anzahl der KREC im Blut korreliert sehr gut mit der Zahl der neu entstehenden, naiven B-Lymphozyten.

X-chromosomal vererbte Agammaglobulinämie

Diagnose und klinische Symptome
Die X-chromosomal vererbte Agammaglobulinämie (XLA, Bruton-AG oder BTK-Defizienz) stellt mit rund 85 % aller diagnostizierten Fälle die häufigste Form dieser Erkrankung dar. Ursächlich für XLA sind Mutationen im Gen der Bruton-Tyrosinkinase (BTK), die zu einem Funktionsverlust dieses Proteins führen und somit die B-Zell-Entwicklung blockieren. Etwa ein Drittel der Fälle resultiert aus de novo Mutationen, während das defekte Gen in anderen Fällen von der (gesunden) Mutter auf ihre Söhne übertragen wird. Bei XLA-Patienten zeigt sich im Knochenmark bei normaler Anzahl an Pro-B-Zellen eine Reduktion von Prä-B-Zellen, während im peripheren Blut eine drastische Verminderung reifer B-Zellen und der Konzentrationen aller Immunglobulinklassen zu beobachten ist. Die Funktion der T-Zellen ist normal, jedoch können sie in erhöhter Anzahl im peripheren Blut vorliegen, was dazu führt, dass die Gesamtzahl der Lymphozyten in der Regel nicht erniedrigt ist. Zusätzlich machen B-Zellen auch bei gesunden Personen nur einen kleinen Teil der Gesamt-Lymphozyten aus, weshalb die Gesamtzahl der Lymphozyten allein kein zuverlässiger Marker für B-Zell-Defekte ist. Aufgrund des bei XLA vorliegenden Mangels an reifen B-Zellen bleiben Keimzentren in sekundären lymphatischen Geweben aus, was sich in einem mangelhaften Ausbau von Lymphknoten, Tonsillen und Peyer-Plaques sowie der weißen Pulpa der Milz äussert. Dies kann diagnostisch genutzt werden, da bei XLA-Patienten kaum Tonsillengewebe vorhanden ist und auch bei Infektionen keine Lymphknoten palpabel sind.
Klinisch manifestiert sich die XLA typischerweise erst in der zweiten Hälfte des ersten Lebensjahres nach Abfall transplazentar erworbener maternaler IgG im Serum des Säuglings. Die Patienten entwickeln chronische bakterielle Infektionen wie Otitiden, Pneumonien, Bronchitiden und Sinusitiden, aber auch systemische Infektionen wie Sepsis, Meningitis, Osteomyelitis und septische Arthritis. Häufige Erreger sind bekapselte Bakterien wie H. influenzae, S. pneumoniae, S. aureus und Pseudomonas spp. Außerdem besteht eine bisher pathogenetisch nicht eindeutig verstandene Prädisposition für chronischen ZNS-Infektionen durch Enteroviren, die nicht selten tödlich verlaufen können. Unbehandelt können XLA-Patienten Bronchiektasen entwickeln, was zu einer chronische Lungenerkrankung und im frühen Alter zu Lungenversagen und einem vorzeitigen Tod führen kann.
Einige XLA-Patienten können auch eine Neutropenie aufweisen, deren Pathomechanismus jedoch unklar ist. Diese Neutropenie verschwindet in der Regel rasch nach Beginn einer Immunglobulinsubstitution oder einer adäquaten antibiotischen Therapie.
Therapie
Das primäre Behandlungsziel besteht darin, gehäufte und schwere Infektionen zu vermeiden und Lungenschäden zu verhindern. Die wichtigste prophylaktische und therapeutische Maßnahme ist die Substitution mit intravenös oder subkutan verabreichtem Immunglobulin vom Typ G (IgG). Die Frequenz und Dosierung werden entsprechend der klinischen Symptomatik und des IgG-Serumspiegels individuell festgesetzt. Eine frühzeitige Diagnose und die konsequente Therapie haben zu einer deutlichen Verbesserung der Lebenserwartung von XLA-Patienten geführt, auch wenn viele Patienten nicht frei von Symptomen sind. Aufgrund der eingeschränkten Immunantwort und der IgG-Substitution wird in der Regel auf Routine-Impfungen verzichtet. Lebendimpfungen sind nicht grundsätzlich kontraindiziert, jedoch haben sie aufgrund der passiv zugeführten zirkulierenden Antikörper keinen immunologischen Effekt, da sich die Impfviren nicht replizieren können. Die Verabreichung von Totimpfstoffen, bei denen die Antikörper in den Immunglobulin-Präparaten unterrepräsentiert sind und bei denen eine T-Zell-vermittelte Protektion möglich ist, kann sinnvoll sein. Dazu gehören die jährliche Influenza- und ggf. SARS-CoV-2-Impfung sowie die Impfungen gegen Hepatitis B, HPV und FSME.

Autosomal vererbte Agammaglobulinämie

Epidemiologie und Ätiologie
Autosomal-rezessiv vererbte Formen der AG sind deutlich seltener als die XLA. Für einen wesentlichen Teil dieser Defekte sind nur kleine Fallserien oder einzelne Fallberichte in der Literatur beschrieben. Molekulare Defekte betreffen vor allem Mutationen in Genen, die für die einzelnen Bestandteile des Prä-B-Zell-Antigenrezeptors kodieren. Diese Mutationen führen zu einem Funktionsverlust des Genprodukts und hemmen die weitere Ausreifung von B-Zellen, was schließlich zu einem partiellen oder vollständigen Fehlen von reifen B-Zellen führt. Bei wenigen Patienten wurden auch autosomal-dominante Formen der AG beschrieben, bei denen Mutationen in TCF3 und SPI1 vorliegen. Auch diese führen zu einem frühen Stopp in der B-Zell-Entwicklung und sind mit einem ausgeprägten Mangel an reifen B-Zellen vergesellschaftet.
Verlauf und Therapie
Im Vergleich zur XLA manifestieren sich die autosomal vererbten Formen der AG häufig früher und weisen einen schwerwiegenderen klinischen Verlauf auf. Sowohl die Neutropenie als auch enterovirale Infektionen können auch bei diesen Formen der AG auftreten. Die Therapie der autosomal vererbten Formen der AG entspricht derjenigen bei XLA.

Störungen mit schwerem Mangel an zwei oder mehr Immunglobulin-Klassen mit normaler oder leicht verminderter Anzahl von zirkulierenden B-Zellen

Diese Erkrankungsgruppe bzw. Laborkonstellation wird klinisch am ehesten mit dem Bild des variablen Immundefektsyndroms in Verbindung gebracht, betrifft meist erwachsene Patienten und ist äusserst heterogen. Durch Fortschritte in der genetischen Diagnostik werden regelmäßig Mutationen in neuen Genen bei Patienten mit diesem Krankheitsbild entdeckt. Dennoch weist der Großteil der Patienten weiterhin keine molekulare Diagnose auf. Die jeweiligen Besonderheiten der genetischen Untergruppen sind in Tab. 1 stichwortartig aufgelistet und werden auch punktuell in Abschn. 3.1 behandelt.

Variables Immundefektsyndrom

Klinische Symptome
Das variable Immundefektsyndrom (CVID, common variable immunodeficiency) umfasst eine Gruppe von unterschiedlichen genetischen Erkrankungen mit einer kumulativen Inzidenz von 1:10.000–1:50.000. Als Gruppe stellen sie den häufigsten primären Immundefekt dar, der einer gezielten medizinischen Intervention bedarf. Diese Erkrankungen zeigen sich in der Regel erst im 2. oder 3. Lebensjahrzehnt und sind häufig mit Störungen der peripheren B-Zell-Differenzierung verbunden. CVID-Patienten fallen meist als Jugendliche oder junge Erwachsene auf und leiden unter rezidivierenden Atemwegsinfektionen wie Sinusitis, Otitis, Bronchitis und Pneumonie. Diese Infektionen werden typischerweise durch kapseltragende Bakterien wie H. influenzae und S. pneumoniae verursacht. Bei Vorliegen von Bronchiektasen können auch Staphylokokken oder P. aeruginosa isoliert werden. Ungewöhnliche oder opportunistische Infektionen mit Viren oder Pilzen sind selten. Bei einem Teil der CVID-Patienten kann eine follikuläre Hyperplasie im Gastrointestinaltrakt oder eine Lymphoproliferation mit Splenomegalie nachgewiesen werden, was gelegentlich zur Entwicklung lymphoretikulärer Malignome führen kann. Ungefähr jeder fünfte CVID-Patient leidet zudem unter Autoimmunerkrankungen wie eine autoimmune hämolytische Anämie, autoimmune Neutropenie und Thrombozytopenie, Arthritis oder chronisch-entzündliche Darmerkrankungen.
Diagnose
Die klinische Diagnose eines CVID kann anhand der 2019 veröffentlichten Kriterien der Europäischen Gesellschaft für Immundefekte (European Society for Immunodeficiencies, ESID) gestellt werden:
1.
Typische Symptome (mindestens 1 der Folgenden: Infektionsanfälligkeit, Autoimmunerkrankung, granulomatöse Erkrankung, unerklärte polyklonale Lymphoproliferation oder eine positive Familienanamnese in Bezug auf Antikörpererkrankungen)
UND
 
2.
schwerer Mangel an IgG und IgA im Serum,
UND
 
3.
verminderter spezifischer Antikörperantwort auf Impfantigene oder Mangel an B-Gedächtniszellen im peripheren Blut,
UND
 
4.
Ausschluss sekundärer Ursachen,
UND
 
5.
Fehlen eines schweren T-Zell-Defekts.
 
Außerdem sollte die Diagnose erst ab einem Alter von 4 Jahren gestellt werden, auch wenn bereits vorher Symptome vorhanden sein können. Die Serum-Immunglobulinkonzentrationen sind bei CVID-Patienten in der Regel höher als die bei Agammaglobulinämien, und die Hälfte der Patienten weist normwertige IgM-Konzentrationen auf. Die Anzahl der im peripheren Blut nachweisbaren B-Zellen ist normal oder leicht vermindert, bei häufig verminderter Anzahl an B-Gedächtniszellen. Darüber hinaus können bei einer Untergruppe der CVID-Patienten auch Veränderungen der T-Zell-Subpopulationen vorliegen. Auch wenn diese Veränderungen nicht schwerwiegend sind, ist es in diesen Fällen wichtig, differenzialdiagnostisch auch kombinierte Immundefekte auszuschliessen, was eine umfassende Diagnostik erforderlich macht. Diese umfasst heutzutage häufig eine genetischen Untersuchung.
Genetik
Die klinische Entität CVID ist genetisch heterogen. Eine genaue molekulare Ursache kann gemäss neuerer Arbeiten bei etwa einem Drittel der Patienten identifiziert werden. Bestimmte klinische Befunde oder Laborkonstellationen können im Einzelfall Hinweise auf den zugrunde liegenden Defekt geben (Tab. 1), jedoch werden selbst in diesen Fällen die Patienten heutzutage meist einer breiten genetischen Diagnostik unterzogen. Bei bis zu 10 % der CVID-Fällen liegt eine familiäre Belastung vor. Es wurde eine Korrelation zwischen CVID und der häufigen, aber meist klinisch inapparenten selektiven IgA-Defizienz beschrieben.
Therapie und Prognose
Die Therapie der CVID besteht meist aus einer intravenös oder subkutan verabreichten IgG-Substitution, die die Häufigkeit von Infektionen deutlich vermindern kann. Bei Patienten mit bestehenden Bronchiektasen wird häufig ein höherer IgG-Spiegel angestrebt als bei Patienten ohne chronische Lungenveränderungen. Infektionen sollten frühzeitig und aggressiv mit Antibiotika behandelt werden. In der Regel ist eine empirische Therapie mit Wirkstoffen gegen kapseltragende Bakterien wie H. influenzae und S. pneumoniae ausreichend. Wenn jedoch Bronchiektasen oder langdauernde Infektionen vorliegen, sollte unbedingt eine Erregerisolation angestrebt werden, da bei diesen Patienten auch Staphylokokken oder Pseudomonaden krankheitsauslösend sein können. Nicht selten sind eine längere Therapiedauer und die intravenöse Gabe von Antibiotika erforderlich. Die im Rahmen der CVID diagnostizierten Autoimmunerkrankungen, granulomatöse Veränderungen und die lymphoide Hyperplasie können eine immunsuppressive Therapie erfordern. Die genauen Therapieregime hängen von der Grunderkrankung sowie der Art der Autoimmunerkrankung ab. In einigen Fällen können gezielte Therapien wie PI3Kδ-Inhibitoren (z. B. Leniolisib), selektive T-Zell-Kostimulationsmodulatoren (z. B. Abatacept) und anti-B-Zell Antikörper (z. B. Rituximab) angewendet werden. Häufig müssen jedoch breit wirkende Immunsuppressiva wie Kortikosteroide, Antimetabolite, mTOR Kinase Inhibitoren und Calcineurininhibitoren eingesetzt werden. Die konsequente Anwendung dieser therapeutischen Maßnahmen hat die Prognose für CVID-Patienten wesentlich verbessert. Dennoch entwickeln viele Patienten weiterhin Bronchiektasen und chronische Lungenerkrankungen, die neben Lymphomen die Hauptursache für die eingeschränkte Lebenserwartung darstellen.

Störungen mit schwerem IgG- und IgA-Mangel bei normaler oder erhöhter IgM-Serumkonzentration und normaler Anzahl von zirkulierenden B-Zellen

Einleitung

Diese Erkrankungsgruppe wird als Hyper-IgM-Syndrom (HIGM) bezeichnet, obwohl nicht bei allen Patienten tatsächlich eine erhöhte IgM-Konzentration im Serum vorliegt. Die bei weitem häufigsten (und klassischen) Formen des HIGM betreffen Mutationen in Genen aus der CD40-Ligand:CD40-Achse. Phänotypisch sind diese Formen des HIGM als kombinierte Immundefekte anzusehen und werden mittlerweile auch als solche klassifiziert. Der Vollständigkeit halber werden sie jedoch in diesem Kapitel diskutiert. Beim HIGM finden sich üblicherweise eine normale Anzahl an zirkulierenden B-Zellen, während die IgG- und häufig auch IgA-Serumkonzentrationen sehr niedrig oder nicht messbar sind. Im Vergleich dazu sind die IgM-Konzentrationen im Serum normal oder erhöht. Ursächlich für alle HIGM-Formen ist ein gestörter Klassenwechsel von IgM zu IgA, IgG und IgE. Teilweise ist auch die somatische Hypermutation im Rahmen der Antikörperaffinitätsreifung eingeschränkt. Da die Entwicklung von naiven B-Zellen und die T-Zell-unabhängige Differenzierung in IgM+-Plasmazellen nicht beeinträchtigt ist, wird fast ausschließlich IgM gebildet. Es wird angenommen, dass erhöhte IgM-Konzentrationen als Folge einer polyklonalen Expansion von IgM+ -B-Zellen auftreten. Differenzialdiagnostisch sollten jedoch bei Hypogammaglobulinämie mit normalen oder erhöhten IgM-Konzentrationen auch weitere Immundefekte in Betracht gezogen werden, insbesondere autosomal-dominante Mutationen in PIK3CD und PIK3R1, die ähnliche Merkmale aufweisen können.

Störungen der CD40L:CD40-Signalachse

Definition und Ätiopathogenese
In den meisten Fällen (rund zwei Drittel der betroffenen Patienten) des HIGM liegen Mutationen im Gen CD40LG zugrunde, das für den CD40-Ligand (CD40L oder CD154) kodiert und auf dem langen Arm des X-Chromosoms lokalisiert ist. CD40L wird auf aktivierten CD4+ -T-Zellen exprimiert und gehört zur Familie der Tumornekrosefaktoren. Sein Ligand CD40 ist auf den meisten B-Zellen, dendritischen Zellen sowie anderen hämatopoietischen Zellen und Epithelzellen vorhanden. Die Interaktion zwischen CD40L auf T-Zellen und CD40 auf B-Zellen liefert Signale, die für den Immunglobulin-Klassenwechsel erforderlich sind. Aufgrund des Ausbleibens eines Klassenwechsels sind typischerweise keine oder nur wenige IgA-, IgG-, und IgE-exprimierende CD27+ -B-Gedächtniszellen im peripheren Blut nachweisbar und es kommt nicht zur Bildung von Keimzentren im lymphatischen Gewebe. Im Gegensatz zu Patienten mit Agammaglobulinämie sind Lymphknoten und Tonsillen jedoch klinisch nachweisbar und teilweise sogar vergrößert. Der Mangel an CD40L hat meist kaum Einfluss auf die Anzahl oder die Verteilung der T-Zell-Subpopulationen. Unter physiologischen Bedingungen stimulieren aktivierte T-Zellen durch ihre CD40L-Expression auch Makrophagen und dendritische Zellen zur Produktion von Interleukin-12. Dieses Zytokin verstärkt über eine Rückkopplung in T-Zellen die Sekretion von Interferon-γ. Der Mangel an funktionellem CD40L hat deshalb zur Folge, dass nur eine geringe Menge an IFN-γ gebildet werden kann.
Bei Patienten mit Mutationen in CD40 kommt es ähnlich wie beim CD40L-Defekt zu einer eingeschränkten Funktion der CD40L:CD40-Interaktion und damit zum Ausbleiben des Klassenwechsels von B-Zellen. Obwohl es sich bei dem CD40-Mangel vorwiegend um einen Defekt der B-Zellen handelt, ist bei dieser Erkrankung die Funktion der T-Zellen ebenfalls eingeschränkt. Dies wird einer Störung in der Reifung dendritischer Zellen zugeschrieben, was wiederum zu einer fehlenden Aktivierung von T-Zellen und einem damit verbundenen Mangel an IFN-γ führt. Der CD40-Mangel wird autosomal-rezessiv vererbt und entspricht in Klinik und Schweregrad dem CD40L-Mangel.
Ein weiterer X-chromosomal vererbter Defekt, der sich gelegentlich als HIGM präsentiert, wird durch Mutationen im Gen IKBKG des NF-κB essential modulators (NEMO) verursacht und als ektodermale Dysplasie mit Immundefizienz (EDA-ID) bezeichnet. NF-κB ist unter anderem für den intrazellulären Signalweg bei der CD40-induzierten Aktivierung von Bedeutung, sodass die Störung im Klassenwechsel von IgM zu anderen Isotypen damit erklärt werden kann. Patienten mit NEMO-Defekt können außerdem unter opportunistischen Infektionen leiden, was auf eine nur geringe Antwort auf die Stimulation mit TNF oder über Toll-like-Rezeptoren zurückgeführt wird. Zudem hat die gestörte Signaltransduktion auch Bedeutung für die Organentwicklung. Ein überlappendes klinisches Bild mit EDA-ID findet sich bei Patienten mit autosomal-dominanten Mutationen im Gen NFKBIA.
Angesichts des zugrunde liegenden oder assoziierten T-Zell-Defekts werden Erkrankungen mit Störung in der CD40L:CD40-Achse den kombinierten Immundefekten zugeordnet.
Klinische Symptome
Patienten mit HIGM aufgrund von Störungen in der CD40L:CD40-Achse präsentieren sich mit bakteriellen und opportunistischen Infektionen, während Patienten mit EDA-ID einen sehr variablen Phänotyp aufweisen können. Die meisten Patienten leiden unter rezidivierenden Infektionen der oberen und unteren Atemwege. Opportunistische Infektionen werden durch Pneumocystis jirovecii, Toxoplasmen oder Cryptosporidien verursacht. Schwer verlaufende Infektionen mit Zytomegalievirus (CMV), Adenovirus, Cryptococcus neoformans oder Mykobakterien sind ebenfals möglich. Ein Teil der Patienten entwickelt Autoimmunerkrankungen wie Arthritis, entzündliche Darmerkrankungen oder Zytopenien. Schwere chronische oder intermittierende Neutropenien, die oft auch zusammen mit oralen Schleimhautulzerationen einhergehen, können vor allem bei Patienten mit CD40L-Mangel auftreten, wobei der Pathomechanismus hierzu unzureichend aufgeklärt ist. Patienten mit CD40L-Mangel zeigen zudem ein erhöhtes Risiko für Leber- und Gallenwegsveränderungen bis hin zur Zirrhose sowie für Malignome der Leber, der Gallenwege und des Pankreas.
Die Symptomatik von Patienten mit EDA-ID umfasst neben rezidivierenden bakteriellen und opportunistischen Infektionen auch klinische Auffälligkeiten des Ektoderms wie dünnes und spärliches Haar, konische Schneidezähne und eine inadäquate Schweißproduktion mit An- oder Hypohidrose.
Therapie
Die wichtigste Maßnahme zur Reduktion der Häufigkeit und Schwere von Infektionen ist die intravenöse oder subkutane IgG-Substitution. Patienten mit CD40L- und CD40-Defekt erhalten zudem eine Prophylaxe mit Trimethoprim-Sulfomethoxazol gegen Pneumocystis-Pneumonien. Schwere Neutropenien können mit G-CSF behandelt werden und bei Autoimmunerkrankungen werden meist Immunsuppressiva eingesetzt. Besonderes Augenmerk sollte auch auf Leber- und Gallenwegsveränderungen zur Früherkennung von Zirrhosen und maligner Entartung gelegt werden.
Wie bei anderen kombinierten Immundefekten stellt die allogene Stammzelltransplantation eine kurative Therapieform dar.

HIGM-Formen mit vorwiegender Störung des B-Zell-Systems

Definition und Ätiopathogenese
Diese Erkrankungen sind gekennzeichnet durch eine starke Reduktion der Konzentration der klassengewechselten Antikörper-Isotypen (IgA, IgG, IgE) bei normalen oder erhöhten IgM-Konzentrationen und normaler Anzahl peripherer B-Zellen (Abb. 2). Im Gegensatz zu Patienten mit Störungen der CD40L:CD40-Signalachse kommt es nicht zu einem T-Zell-Defekt und es treten keine opportunistischen Infektionen auf. Derzeit sind genetische Veränderungen in vier Genen als Ursache bekannt: AICDA (AID-Mangel), UNG, INO80 und MSH6. Alle diese Erkrankungen werden autosomal-rezessiv vererbt. Es ist jedoch zu beachten, dass die genetische Ursache vieler weiterer Patienten mit HIGM nicht bekannt ist, sodass in Zukunft wahrscheinlich weitere verantwortliche Gene entdeckt werden. AID wird vorübergehend und selektiv in B-Zellen in Keimzentren in Antwort auf CD40- und Zytokin (IL-4, IL-10)-vermittelte Signale exprimiert und ist gemeinsam mit UNG sowohl für den Immunglobulin-Klassenwechsel als auch für Punktmutationen in den variablen Abschnitten der Antikörpergene erforderlich. Dieser als somatische Hypermutation bezeichnete Prozess erfolgt im Rahmen einer antigenspezifischen Immunantwort in Keimzentren und resultiert in der Produktion von B-Zellen, die Antikörper mit höherer Bindungsstärke für das für sie spezifische Antigen exprimieren. Diese Affinitätsreifung ist beim AID- und UNG-Mangel eingeschränkt, da AID für die Konversion von Cytosin zu Uracil benötigt wird und UNG für die Entfernung von Uracil zur DNA-Reparatur essenziell ist.
Abb. 2
Schematische Darstellung der B-T-Zell-Interaktion. NF-κB ist ein wichtiger Transkriptionsfaktor, der u. a. auch in der Entwicklung und Funktion der B-Zellen eine essenzielle Bedeutung hat. Im Ruhezustand wird NF-κB durch dephosphoryliertes I-κB (Inhibitor of NF-κB) gebunden und dadurch im Zytoplasma sequestriert. Die Stimulation der B-Zelle über ihren B-Zell-Rezeptor bzw. über Kreuzvernetzung von CD40, führt zur Bindung von IKK-γ (NF-κB essential modulator, auch als NEMO bekannt) an IKK-α und IKK-β. Der dabei entstandene Komplex kann I-κB phosphorylieren, wodurch die Dissoziation von I-κB und NF-κB möglich wird. Dies erlaubt die Translokation von NF-κB in den Nukleus und die transkriptionelle Aktivierung von Zielgenen, wie z. B. AID und UNG. Diese beiden Enzyme kontrollieren die molekularen Vorgänge des Isotypen-Klassenwechsels und der somatischen Hypermutation. Parallel hierzu bedarf es auch Signale, welche durch die Oberflächenmoleküle BAFF-R oder TACI vermittelt werden. Die Interaktion von ICOS mit ICOSL fördert die T-Zell-vermittelte Sekretion von Zytokinen (insbesondere Interleukin-10), welche die terminale Differenzierung von B-Zellen zu Plasmazellen begünstigen. Lokalisation der bekannten Defekte: 1 CD40L-Defekt, 2 AID-Mangel, 3 CD40-Defekt, 4 andere HIGM-Formen, 5 XL-EDA-ID (NEMO-Mutation), 6 AD-EDA-ID (NFKBIA-Mutation), 7 manche bekannte Formen des CVID, 8 selektiver IgA-Mangel. (AG Agammaglobulinämie; AID activation-induced cytidin deaminase; UNG Uracil-DNA-Glykosylase; NF-κB nuclear factor κB; BAFF B-Zell-aktivierender Faktor; BAFF-R Rezeptor für BAFF; TACI transmembrane activator und calcium-modulating cyclophilin-ligand interactor; APRIL a proliferation inducing ligand; I-κB Inhibitor von NF-κB; ICOS induzierbarer T-Zell-Kostimulator; ICOSL Ligand für ICOS, wird u. a. von antigenpräsentierenden Zellen, Fibroblasten und Epithelzellen exprimiert; SHM somatische Hypermutation; KWR Klassenwechsel-Rekombination; DZ dendritische Zelle)
Defekte im Gen INO80 führen zu einem verminderten Isotypen-Klassenwechsel, da durch eine gestörte Reparatur des Chromatin-Remodelings der Rekombinationsregionen eine vermehrte Apoptose klassengewechselter B-Zellen ausgelöst wird. Die somatische Hypermutation ist bei dieser Erkrankung nicht beeinträchtigt.
Defekte im Gen MSH6 resultieren in einem etwas verminderten Klassenwechsel und einer Einschränkung der somatischen Hypermutation. Bei den wenigen beschriebenen Patienten fand sich eine leichte Verminderung der IgA- und IgG-Konzentrationen bei erhöhten IgM-Konzentrationen.
Klinische Symptome und Therapie
Die Patienten leiden, wie viele andere Patienten mit Antikörpermangel, an rezidivierenden bakteriellen Infektionen, insbesondere der Atemwege. Im Gegensatz zu Erkrankungen mit Einschränkung der CD40L:CD40-Signalachse besteht keine Anfälligkeit für opportunistische Infektionen und der Schweregrad ist generell leichter. Daher werden diese Patienten meist später im Kleinkind- oder Schulalter diagnostiziert. Patienten mit AID- und UNG-Mangel weisen eine ausgeprägte Lymphknoten- und Tonsillenhyperplasie auf, die durch eine drastische Vergrößerung der Keimzentren infolge proliferierender B-Zellen bedingt ist. Etwa ein Viertel dieser Patienten leiden zudem an Autoimmunerkrankungen wie Autoimmunzytopenien und -hepatitis.
Aufgrund der geringen Anzahl bislang diagnostizierter Patienten lässt sich der klinische Phänotyp von INO80- und MSH6-Defekten nicht eindeutig definieren. Patienten mit INO80-Mutationen weisen vor allem rezidivierende Atemwegsinfektionen auf, während ein MSH6-Mangel vorwiegend aufgrund der Rolle von MSH6 in der DNA-Mismatch-Reparatur das Krebsrisiko erhöht.
Therapeutisch steht bei all diesen Patienten die frühe und aggressive Therapie von Infektionen im Vordergrund, sowie die intravenös oder subkutan applizierte IgG-Substitution.

Isotypen-, Leichtketten- oder sonstige funktionelle B-Zell-Defekte mit meist normaler Anzahl an B-Zellen

In dieser Kategorie sind verschiedene klinische Erkrankungsformen zusammengefasst, die eine große Anzahl von PID-Patienten betreffen. Die genetische Ursache ist jedoch nur bei einem kleinen Anteil der Patienten bekannt, und eine klare Phänotyp-Genotyp-Korrelation besteht oft nicht. Im Folgenden werden einige ausgewählte klinische Krankheitsbilder dieser Gruppe näher erläutert.

IgG-Subklassen-Mangel

Pathologie, Diagnose und klinische Symptome
Ein IgG-Subklassen-Mangel liegt vor, wenn eine oder mehrere IgG-Subklassen im Serum deutlich vermindert sind, während die Gesamt-IgG- und IgM-Konzentrationen normwertig sind. Es ist wichtig zu beachten, dass kleine Kinder physiologisch niedrige Konzentrationen einzelner IgG-Subklassen aufweisen, weshalb die Testung bei Kindern unter 2 Jahren nicht empfohlen wird und die Diagnose in diesem Alter nicht gestellt werden kann. Es gibt zwei Entitäten des IgG-Subklassen-Mangels, je nachdem, ob ein begleitender IgA-Mangel vorliegt oder nicht (Tab. 1). Isolierte Subklassen-Defekte ohne Nachweis einer eingeschränkten Antikörperantwort auf Impfungen mit Protein- oder Polysaccharid-Antigenen haben normalerweise keine klinische Relevanz und erfordern keine Therapie. Bei einem klinisch relevanten IgG-Subklassenmangel liegt in der Regel auch eine beeinträchtigte Antikörperantwort vor und betroffene Patienten leiden oft unter rezidivierenden Infektionen der oberen und unteren Atemwege. In seltenen Fällen können Bronchiektasen und invasive Infektionen auftreten.
Die molekulare Ursache für den IgG-Subklassen-Mangel ist in den meisten Fällen unbekannt. Bei wenigen Patienten wurden Deletionen im Gen für die entsprechende schwere Kette festgestellt.
Therapie und Prognose
Asymptomatische Kinder mit IgG-Subklassen-Mangel benötigen in der Regel keine Therapie. Bei symptomatischen Patienten, mit oder ohne assoziiertem IgA-Mangel, werden normalerweise Antibiotika eingesetzt, wenn Infektionen auftreten. In seltenen Fällen kann eine regelmässige prophylaktische Antibiotikagabe erwogen werden. Die Entscheidung zur IgG-Substitutionstherapie sollte nur bei Patienten mit rezidivierenden schweren Infektionen getroffen werden, und die Wirksamkeit und Notwendigkeit dieser Therapie sollten regelmässig überprüft werden.
Die Prognose des IgG-Subklassen-Mangels ist variabel und insbesondere kleine Kinder zeigen oft eine Spontanremission, so dass (retrospektiv) eine Ausreifungsstörung des adaptiven Immunsystems diagnostiziert werden kann. Bei älteren Kindern und Jugendlichen kann ein IgG-Subklassen-Mangel ein frühes Anzeichen für eine CVID sein.

Spezifischer Antikörpermangel mit normalen Serumimmunglobulin-Konzentrationen

Bei dieser Entität liegt eine isolierte Beeinträchtigung der Produktion spezifischer Antikörper gegenüber Protein- und/oder Polysaccharid-Antigene vor. Nach Impfung oder bei nachgewiesener Infektion können keine, nur sehr niedrige oder kurzfristig vorhandene antigenspezifische Antikörper im Serum nachgewiesen werden. Die übrigen immunologischen Parameter sind unauffällig, einschliesslich der Konzentrationen aller Antikörperklassen und -subklassen sowie der Anzahl und Verteilung peripherer B- und T-Zellen. Die klinische Relevanz einiger Befunde und die Prognoseabschätzung sind oft schwierig, und die Therapie sollte individuell angepasst werden. Gelegentlich kann durch zusätzliche Auffrischimpfungen eine bessere und länger anhaltende Immunantwort erreicht werden. Symptomatische Patienten leiden häufig an Atemwegsinfektionen, aber auch invasive bakterielle Erkrankungen können auftreten. In den meisten Fällen reicht die situative Gabe von Antibiotika aus. Nur bei sehr häufigen, schweren oder komplizierten Infektionen sollte eine IgG-Substitution erwogen werden. Ähnlich wie beim IgG-Subklassen-Mangel kann es zu einer Spontanheilung kommen oder dieser kann die Erstmanifestation einer CVID sein. Daher ist eine regelmäßige Evaluation der klinischen Symptomatik und der Laborbefunde indiziert.

Selektiver IgA-Mangel

Definition und Ätiopathogenese
Die Prävalenz von nicht messbaren IgA-Konzentrationen im Serum oder Speichel bei Personen europäischer Herkunft beträgt etwa 1:600. Gemäss den Richtlinien der ESID sollte die Diagnose nicht vor dem Alter von 4 Jahren gestellt werden. Die übrigen immunologischen Parameter sind in der Regel unauffällig, insbesondere finden sich normale IgG- und IgM-Konzentrationen im Serum sowie eine adäquate spezifische Antikörperantwort auf Impfungen. In den meisten Fällen handelt es sich um einen Zufallsbefund ohne gesundheitliche Probleme. Bei eindeutig symptomatischen Patienten, insbesondere kleinen Kindern, sollte die Diagnose mit Vorsicht gestellt werden, da im Verlauf weitere Laborauffälligkeiten auftreten können und ein Übergang zum klinischen Bild einer CVID möglich ist.
Klinische Symptome
Patienten mit selektivem IgA-Mangel und klinischer Symptomatik zeigen häufig Schleimhaut-assoziierte Infektionen, da IgA ein wesentlicher Bestandteil der Schleimhautimmunität ist. Insbesondere treten rezidivierende Infektionen der oberen und unteren Atemwege auf, bei denen kapseltragende Bakterien wie H. influenzae und S. pneumoniae isoliert werden können. Darüber hinaus kann es zu Durchfallerkrankungen kommen und es scheint ein erhöhtes Auftreten von Allergien und Autoimmunerkrankungen zu bestehen.
Therapie
Ein selektiver IgA-Mangel erfordert nur selten eine dauerhafte Therapie. Die symptomatische Behandlung beschränkt sich meist auf die gezielte Gabe von Antibiotika bei bakteriellen Infektionen. Es ist jedoch wichtig, Patienten mit selektivem IgA-Mangel darauf hinzuweisen, dass die Verabreichung von Blutprodukten schwere Transfusionsreaktionen auslösen kann. Dabei kann das exogen zugeführte IgA als fremd erkannt werden und die Bildung von Antikörpern gegen IgA kann zu schweren, anaphylaktischen Transfusionsreaktionen führen können. Insgesamt scheint diese Transfusions-Nebenwirkung jedoch selten vorzukommen.

Transiente Hypogammaglobulinämie des Säuglingsalters

Die transiente Hypogammaglobulinämie des Säuglings ist durch eine verminderte IgG-Konzentration im Serum gekennzeichnet und tritt in der Regel während der ersten 3 Lebensjahre auf. Nach dem natürlichen Abfall der mütterlichen Antikörperkonzentrationen im Alter von 4–6 Lebensmonaten sinken die IgG-Spiegel beim Säugling, bevor diese durch die eigene Produktion wieder ansteigen. Daher ist der Vergleich mit altersentsprechenden Normwerten von entscheidender Bedeutung. Diese Form des Antikörpermangels wird insgesamt selten diagnostiziert und ist wahrscheinlich auf eine verzögerte physiologische Reifung des adaptiven Immunsystems zurückzuführen. Ein charakteristisches Merkmal ist die spontane Normalisierung der Befunde meist zwischen dem 4.–6. Lebensjahr. Die Diagnose einer transienten Hypogammaglobulinämie wird bei Säuglingen gestellt, die gehäuft an Atemwegsinfekten leiden oder im Rahmen einer Familienabklärung untersucht werden. Bei der immunologischen Abklärung zeigen sich neben den für das Alter zu niedrigen Antikörperspiegeln eine normale Anzahl von Lymphozyten mit unauffälliger Differenzierung und Funktion, die eine normale Immunreaktion auf Impfantigen gewährleisten. Die transiente Hypogammaglobulinämie des Säuglingsalters erfordert in der Regel keine Therapie. Bei klinisch relevanter Infektionsanfälligkeit müssen jedoch unbedingt andere Differenzialdiagnosen in Betracht gezogen werden. Nach deren Ausschluss kann in Einzelfällen eine vorübergehende IgG-Substitution sinnvoll sein.
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