HbA1c
Der HbA1c-Wert zeigt an, welches durchschnittliche Niveau der Blutzucker in den letzten 2–3 Monaten hatte, wobei sich erst erhöhte Blutzuckerwerte über einen längeren Zeitraum auch messbar im HbA1c-Wert widerspiegeln. Bis heute stellt der HbA1c-Wert den wichtigsten Parameter für die Stoffwechseleinstellung und Prognose dar. Manche sprechen auch vom individuellen Blutzuckergedächtnis. Der gleiche HbA1c-Wert kann dabei sowohl eine sehr stabile, schwankungsarme als auch eine sehr schwankende Einstellung mit vielen Auslenkungen in den hypo- und hyperglykämischen Bereich widerspiegeln.
Nach den Empfehlungen der AGPD und der DDG betragen die Normalwerte für Kinder und Jugendliche ohne
Diabetes 4,0–6,1 %. Die Stoffwechseleinstellung bei Kindern und Jugendlichen mit
Typ-1-Diabetes gilt als „optimal bzw. gut“ bei HbA1c-Werten unter 7,5 %, als „mäßig bzw. befriedigend“ bei Werten zwischen 7,5 und 9,0 % und als „schlecht“ bei Werten über 9 %.
Der durchschnittliche HbA1c-Wert ist in den letzten Jahren deutlich gesunken und der Anteil der Kinder und Jugendlichen mit
Typ-1-Diabetes, die sehr gut eingestellt sind, gestiegen (Rosenbauer et al.
2012). Eine aktuelle Analyse von 63.967 Kindern und Jugendlichen mit Typ-1-Diabetes unter 18 Jahren in Deutschland und Österreich erbrachte 2016 einen durchschnittlichen HbA1c-Wert von 7,9 %, wobei der HbA1c variierte zwischen 7,5 % in der Gruppe der Kinder <12 Jahre und 8,1 % in der Gruppe der 12- bis 18-Jährigen (Bohn et al.
2016).
Einen HbA1c-Schwellenwert, unterhalb dessen kein Risiko für Folgeerkrankungen besteht, gibt es nicht, jedoch korrelieren höhere HbA1c-Werte eindeutig mit dem Risiko für diabetesbedingte Folgeerkrankungen. Jedes Kind und jeder Jugendliche sollte versuchen, den ihm möglichen niedrigsten normnahen HbA1c-Wert dauerhaft zu erreichen. Dabei sind häufige
Hypoglykämien in Kombination mit einer erhöhten Glukosevariabilität zu vermeiden und schwere Hypoglykämien sollten nicht auftreten.
Vor fast 30 Jahren ging man davon aus, dass häufige schwere
Hypoglykämien die Ursache von kognitiven Störungen bei jungen Kindern mit
Typ-1-Diabetes sind. Nachuntersuchungen dieser damals betroffenen Kinder haben ergeben, dass diese Kinder vergleichbare Ergebnisse in Lesen, Schreiben und Rechnen aufweisen als entsprechende Kinder mit Typ-1-Diabetes ohne schwere Hypoglykämien. Die Forscher fanden heraus, dass eher bei höheren HbA1c-Werten (oft auch aus Furcht vor Hypoglykämien) kognitive Störungen auftreten und diese ein schlechteres Abschneiden begünstigen (Ryan
2012).
In den meisten Diabetes-Ambulanzen gibt es inzwischen spezielle Messgeräte, welche mit einer kapillären
Blutentnahme den HbA1c-Wert innerhalb von 5–10 Minuten bestimmen können („point-of-care-testing“). Somit kann das aktuelle Ergebnis des Langzeitwertes im Rahmen der ambulanten Diabetes-Sprechstunde bereits mit den Kindern und Jugendlichen und deren Eltern besprochen werden.
Die Nahrungsaufnahme hat keinen Einfluss auf die Bestimmung des HbA1c, sodass die
Blutentnahme für den Test (kapillär oder venös) zu jeder Tageszeit vorgenommen werden kann. Fehlbestimmungen treten bei Hämoglobinopathien auf (pathologische
Hämoglobine wie HbS und HbC, aber auch bei persistierendem HbF und anderen Varianten). Auch bei ausgeprägter
Niereninsuffizienz,
hämolytischen Anämien, dauerhafter Medikamenteneinnahme oder Drogenmissbrauch kann das Hämoglobin chemisch modifiziert werden und falsche Ergebnisse verursachen.
Neue HbA1c-Maßeinheit
Vor gut 10 Jahren wurde versucht, weltweit HbA1c-Messungen nach der Referenzmethode der International Federation for Clinical Chemistry and Laboratory Medicine (IFCC) zu standardisieren. Dies betrifft vor allem die
Kalibrierung der Laborgeräte. Diese neue
Maßeinheit für den HbA1c kann noch genauer den Langzeitwert bestimmen und ist international besser vergleichbar. Demnach werden die Ergebnisse in mmol HbA1c pro
mol Hämoglobin angegeben und nicht mehr in %. Der Normbereich für Stoffwechselgesunde von 4–6 % entspricht dem neuen Referenzbereich von 20–44 mmol/mol. Für die Laboratorien ist diese neue Maßeinheit bereits verbindlich. Gleichzeitig wird die alte Maßeinheit aber noch beibehalten. Um die Umgewöhnung zu erleichtern, werden derzeit beide Maßeinheiten parallel angegeben. Eine Umrechnung vom alten zum neuen HbA1c-Wert erfolgt nach folgender Formel:
HbA1c(mmol/
mol) = [HbA1c(%)–2,15]×10,929
Die HbA1c-Messwerte werden derzeit in zwei verschiedenen Varianten wiedergegeben:
„Time in Range“ und „Glukosevariabilität“
Der HbA1c-Wert beschreibt hervorragend die durchschnittliche
Glukose. Jedoch beschreibt er nur unvollständig die glykämische Regulation, weil Glukosefluktuationen nicht erfasst werden. Er ist also kein Parameter zur Beschreibung der Glukosevariabilität. Zudem korreliert ein schlechter, erhöhter HbA1c-Wert mit diabetischen Folgeerkrankungen, aber ein guter Wert gibt keine Garantie für eine gute Langzeitprognose.
In der Zwischenzeit gibt es eine Reihe von Möglichkeiten, den Anteil in % oder die Zeit der Glukosewerte im Hyper-, Hypo- oder Zielbereich „Time in Tange“ (TIR) (70–180 mg/dl) oder „Target in Range“ (70–140 mg/dl) darzustellen (Rodbard
2015). Mit diesen Methoden soll nicht nur die Frequenz von Hypo- und Hyperglykämien, sondern auch deren Schwere beurteilt werden. Der Verlauf der Stoffwechseleinstellung eines einzelnen Patienten, die Auswirkungen von therapeutischen Interventionen und der Vergleich mehrerer Patienten innerhalb der Klinik oder einer klinischen Studie können damit besser ausgewertet werden.
Deswegen hat 2017 eine internationale Expertengruppe ein Consensus Statement formuliert (Danne et al.
2017). Darin sind u. a. die Grenzen der alleinigen Stoffwechselbeurteilung anhand des HbA1c-Wertes, Anforderungen an CGM-Systeme, Nutzung von CGM-Systemen und vor allem Schlüsselparameter für die CGM-Datenanalyse beschrieben.
Neben dem Mittelwert mit der
Standardabweichung und der TIR werden seltener auch MAGE („mean amplitude of glycemic excursion“) oder z. B. das Glukosepentagon (Thomas und Heinemann
2012) zur Beurteilung der Stoffwechselgüte hinzugezogen.