Überblick
Die
primäre Nebenniereninsuffizienz ist durch eine erniedrigte Produktion von Glukokortikoiden (Kortisol) mit oder ohne erniedrigter Produktion von Mineralokortikoiden (Aldosteron) gekennzeichnet. Die Diagnose der Nebenniereninsuffizienz ist wegen seiner unspezifischen klinischen Symptome oft verzögert. Allerdings können eine verpasste Diagnose einer Nebenniereninsuffizienz oder deren unzureichende Behandlung tödlich sein.
Bei der sekundären Nebenniereninsuffizienz führt eine beeinträchtigte Sekretion von ACTH aus der Hypophyse zur verminderten Nebennierenstimulation, während die tertiäre Form durch eine ungenügende hypothalamische
Kortikotropin-Releasing-Hormon(CRH)-Freisetzung bedingt ist.
Die klinischen Merkmale der
primären Nebenniereninsuffizienz bei Kindern können unspezifisch sein. Typische Zeichen sind Müdigkeit, Erbrechen, Übelkeit und
Bauchschmerzen, die häufig zu einer Gewichtsabnahme führen. Andere Symptome als Folge des Glukokortikoidmangels sind
Hypoglykämien mit dadurch bedingter Blässe, Schwitzen, Desorientierung und Stimmungsschwankungen, Schwäche und Gedeihstörung. Ein Mineralokortikoidmangel kann zu Dehydratation, Hypotonie,
Schwindel, Tachykardie, Gewichtsverlust und Salzhunger führen. Die chronisch erhöhte ACTH-Ausschüttung führt zu vermehrter Hautpigmentierung, vor allem im Bereich von Schleimhäuten, Handlinien und sonnenunbelichteten Hautarealen (Hsieh und White
2011).
Typische Laborbefunde bei
primärer Nebenniereninsuffizienz sind eine
Hyponatriämie, die in ca. der Hälfte der Fälle von einer Hyperkaliämie begleitet wird, eine Hypochlorämie, eine metabolische Azidose sowie Hypoglykämien nach längerem Fasten, begleitet von niedrigen oder inadäquat niedrig-normalen Konzentrationen von Kortisol und Aldosteron, aber hohen ACTH- und Reninwerten. Bei sekundären Formen fehlen der Mineralokortikoidmangel und die Elektrolytentgleisungen, die Reninkonzentration ist normal, die ACTH-Konzentration ist erniedrigt oder inadäquat normal-niedrig.
Der
ACTH-Test entlarvt eine unzureichende Reaktion der Nebennierenrinde nach ACTH-Stimulation. Bei sekundären und tertiären Formen mit niedrigen oder inadäquat niedrig-normalen ACTH- und Kortisolwerten kann durch die Gabe von Metyrapon, welches die 11β-Hydroxylase und damit die Umwandlung von
11-Desoxykortisol in
Kortisol blockiert, ein ungenügender Anstieg von ACTH und 11-Desoxykortisol nachgewiesen werden. Eine Urinsteroidanalyse mittels Gaschromatografie-Massenspektrometrie (GS-MS) aus einem 24-h-Sammelurin zeigt niedrige Kortisol- und Kortisonmetabolite sowie erniedrigte adrenale Androgenmetabolite.
Bei den Ursachen der
primären Nebenniereninsuffizienz im Kindesalter lassen sich genetische Störungen der Nebennierenentwicklung (adrenale Dysgenesien), der einzelnen enzymatischen Schritte der Steroidhormonsynthese, der ACTH-Wirkung, metabolische Störungen sowie erworbene, hauptsächlich autoimmune, Ursachen unterscheiden.
Eine chronische Nebenniereninsuffizienz kann durch Stresssituationen wie
Fieber oder akute Erkrankung (beispielsweise Gastroenteritis,
Influenza) jederzeit dekompensieren und in eine akute Nebenniereninsuffizienz oder
Addison-Krise mit
Kreislaufinsuffizienz übergehen.
Zur differenzialdiagnostischen Abklärung gehören die Anfertigung eines Steroidprofils, vorzugsweise als Plasmasteroidprofil mittels Liquid-Chromatografie-Tandem-Massenspektrometrie (LC-TMS) oder Urinsteroidprofil mittels GC-MS zur Aufdeckung von enzymatischen Defekten der Steroidhormonbiosynthese, immunologische Tests auf
Antikörper gegen die Nebennierenrinde bzw. gegen die 21-Hydroxylase, bei Jungen auch metabolische Test mit Bestimmung der überlangkettigen
Fettsäuren (VLCFA, Very long chain fatty
acids) zur Abklärung einer
X-chromosomalen Adrenoleukodystrophie sowie ggf. eine Bildgebung der Nebennieren. Weiterführende Tests beinhalten vor allem genetische Untersuchungen.
Patienten mit
Nebennierenrindeninsuffizienz sind bei Stress von einer
Addison-Krise bedroht. Eine sofortige Dosissteigerung von Hydrokortison auf das 3- bis 5-Fache der Erhaltungstherapie bei Infekten, Fieber, Operationen etc. muss zur Prophylaxe einer solchen Krise erfolgen.
Für weitere Einzelheiten der Notfallmedikation Abschn.
8.
Störungen der Nebennierenentwicklung (kongenitale Nebennierenhypoplasie)
Genetisch bedingte Störungen der Nebennierenentwicklung führen zur kongenitalen Nebennierenhypoplasie und zur angeborenen Nebenniereninsuffizienz.
Es gibt verschiedene Vererbungsmuster der Erkrankung sowie isolierte Formen oder solche, die mit weitergehenden Fehlbildungen verbunden sind.
X-chromosomale Form der kongenitalen Nebennierenhypoplasie: Defekt im DAX-1-Gen
Laborchemisch sind ACTH und
Renin maximal stimuliert,
Kortisol und
Aldosteron erniedrigt. Eine Multisteroidanalyse kann manchmal verwirrende Ergebnisse liefern, beispielsweise transiente Erhöhungen von
11-Desoxykortisol oder
11-Desoxykortikosteron. Bei entsprechendem Verdacht sollte eine molekulargenetische Analyse erfolgen.
Autosomale Form der kongenitalen Nebennierenhypoplasie: Defekt im SF-1-Gen (NR5A1)
IMAGe-Syndrom (Defekt im CDKN1C-Gen)
Differenzialdiagnostisches Vorgehen bei primärer Nebenniereninsuffizienz
Für das differenzialdiagnostische Vorgehen bei
primärer Nebenniereninsuffizienz müssen das Alter des Patienten, assoziierte Auffälligkeiten, insbesondere der Geschlechtsentwicklung oder neurologische Auffälligkeiten, ein begleitender Mineralokortikoidmangel oder -exzess und assoziierte Endokrinopathien, insbesondere autoimmuner Genese, bedacht werden.
Eine Nebenniereninsuffizienz mit Salzverlust innerhalb der ersten Lebenswochen macht eine genetische Störung der Steroidhormonsynthese oder der Nebennierenentwicklung (kongenitale Nebennierenhypoplasie) am wahrscheinlichsten. Bei Vorliegen einer Mindervirilisierung (46,XY-DSD) muss differenzialdiagnostisch am ehesten an einen StAR-Defekt gedacht werden, gefolgt von einem CYP11A1- oder HSD3B2-Defekt. Bei verstärkter Virilisierung eines weiblichen Neugeborenen liegt am ehesten ein 21-Hydroxylase-Mangel vor. Bei einer Nebenniereninsuffizienz mit Salzverlust innerhalb der ersten Lebenswochen bei einem männlichen Neugeborenen mit normaler Genitalentwicklung liegt am ehesten ein 21-Hydroxylase-Mangel vor, gefolgt von einem DAX-1-Defekt. Ein isolierter Kortisolmangel ohne begleitenden Mineralokortikoidmangel in der Neonatal- oder Säuglingszeit lässt am ehesten an einen familiären Glukokortikoidmangel Typ 2 denken.
Eine
primäre Nebenniereninsuffizienz im Kleinkindesalter beim Jungen sollte zur Bestimmung der überlangkettigen
Fettsäuren führen, um eine
X-chromosomale Adrenoleukodystrophie auszuschließen. Differenzialdiagnostisch bei beiden Geschlechtern sind nichtklassische Formen des
StAR- oder
CYP11A1-Mangels,
NNT-Mutation oder ein Triple-A-Syndrom abzuklären. Ab dem Schulalter dominiert die autoimmune Adrenalitis und die Bestimmung der Nebennierenantikörper sollte der erste Schritt sein. Bei Jungen sollte zudem eine Bestimmung der VLCFA erfolgen. Bei negativen Befunden sollte an eine
NNT-Mutation oder ein Triple-A-Syndrom gedacht werden. Bei isoliertem Glukokortikoidmangel wären differenzialdiagnostisch ein familiärer Glukokortikoidmangel Typ 1, Störungen bei der Bewältigung von oxidativem Stress durch Mutationen im
NNT- oder
TXNRD2-Gen und nichtklassische Verläufe bei
StAR und
CYP11A1 möglich.
Therapie der Nebenniereninsuffizienz
Zwei grundlegende Therapieprinzipien kann man als substitutive und suppressive Steroidtherapie bei Nebenniereninsuffizienz bezeichnen. Die substitutive Therapie kann bei allen Erkrankungen angewendet werden, die zu keiner übermäßigen Androgen- oder Mineralokortikoidbiosynthese führen. Es handelt sich hierbei um eine reine Ersatzbehandlung der fehlenden
Glukokortikoide bzw. Mineralokortikoide. Ziel der suppressiven Therapie ist die Unterdrückung einer vermehrter Androgen- bzw. Mineralokortikoidsynthese. In der Folge werden bei dieser Therapieform höhere Glukokortikoidmengen benutzt. Nebenwirkungen sind bei dieser Therapieform somit eher zu erwarten.
Die Patienten müssen wissen, dass eine parenterale Glukokortikoidgabe erforderlich ist, falls eine orale Aufnahme oder Resorption (z. B. bei Gastroenteritis) nicht möglich ist. Regelhaft erhalten die Patienten einen Notfallausweis sowie Notfallmedikamente wie Prednison-Suppositorien und Hydrokortison-Ampullen für die häusliche i.m. Injektion. Die Eltern müssen als Laien im Notfallmanagement geschult werden. Das Aufziehen der Medikamente und die i.m. Injektion sollten geübt werden. Mittlerweile gibt es auch kurze Animationsfilme dazu (
http://www.adrenals.eu, Stand: 15.09.2017). Als Richtdosis für die i.m. Gabe gelten 25 mg Hydrokortison bei Säuglingen, 50 mg i.m. bis zum Schulalter und 100 mg i.m. ab dem Schulalter.
Die Therapie darf niemals unterbrochen werden!
Für größere geplante operative Eingriffe bei manifester
Nebennierenrindeninsuffizienz ist eine gut geplante perioperative medikamentöse Prophylaxe einer Addison- und Salzverlustkrise mit Hydrokortison erforderlich. Ausreichende Analgesie und gute Hydrierung sind wichtige Grundvoraussetzungen. Kinder zeigen unter Anästhesie und kleineren chirurgischen Eingriffen einen Kortisolanstieg um ca. das 3- bis 5-Fache. Wichtig ist zu wissen, dass der höchste Kortisolanstieg in der unmittelbaren Post-OP-Phase nachweisbar ist (Hsu et al.
2012).
Genauso wichtig wie eine adäquate Stressdosis sind gute Hydrierung und ausreichende Schmerzmedikation!
Diese Vorgabe kann in Abhängigkeit von Art und Länge der Operation, bestehenden Schmerzen oder Komplikationen an den Einzelfall adaptiert werden. Weiter sind regelmäßige Kontrollen der
Elektrolyte und des Blutzuckers erforderlich. Eine begleitende Infusion, wie z. B.
Glukose 10 %/ NaCl 0,9 % 1:1, kann länger erforderlich sein.
Eine manifeste
Addison-Krise und/oder Salzverlustkrise bedarf der intensivmedizinischen Therapie. Neben allgemeinen Maßnahmen wie
Volumenexpansion und Natriumsubstitution ist die Zufuhr von Hydrokortison essenziell. Ist kein Hydrokortison vorhanden, sollte Prednison verwendet werden, bei dem allerdings eine höhere Natriumsubstitution nötig ist. Schwere
Hyperkaliämien müssen mit Kalzium, Salbutamol,
Glukose/
Insulin, Ionenaustauschern oder im Extremfall per
Dialyse behandelt werden.
Wegen der mineralokortikoiden Wirkung von Hydrokortison ist eine zusätzliche Fludrokortisongabe nicht notwendig!
Zur sekundären Nebenniereninsuffizienz sei auf Kap. „Hypothalamus und Hypophyse: Anatomie, Physiologie und Erkrankungen“ verwiesen.