Stimmungsstabilisatoren/Mood Stabilizer und anfallssuppressive Medikamente
Klassische Referenzsubstanz der Stimmungsstabilisatoren oder Mood Stabilizer ist
Lithium, ebenfalls zur Klasse der Stimmungsstabilisatoren gehören die anfallssuppressiven Medikamente, ASM, (auch Antikonvulsiva oder
Antiepileptika genannt) Valproat,
Carbamazepin und
Lamotrigin. Mit einem Nabelschnur-Mutterblut-Verhältnis, das regelmäßig um 1 liegt, sind Lithium-Ionen voll plazentagängig (Schmidt et al.
2023). Ein erster Bericht zu einer möglichen teratogenen Wirkung von Lithium erschien 1973 auf der Basis des Lithium-Babyregisters
. Von insgesamt 118 Kindern, über die retrospektive Informationen zur Lithium Einnahme der Mutter während des ersten Trimesters der Schwangerschaft vorlagen, zeigten neun Kinder Missbildungen. Ein möglicher Reporting-Bias führte dazu, dass die gesammelten Daten das Risiko eher über- als unterschätzen (Schou et al. 1973). Mit spezifischen Herzschäden bei 1/1000 bis 1/100 exponierten Kindern ist das Risiko geringer als ursprünglich angenommen. In einer aktuellen Studie wiesen 16 von 663 Kindern (2,41 %), deren Mütter in der Schwangerschaft Lithium erhielten, eine kardiale Malformation auf im Vergleich zu 1,1 % in der Gruppe nichtexponierter Kinder. Das Risiko steigt mit zunehmender Dosierung von Lithium an. Bei Tagesdosierungen (TD) ≤ 600 mg lag das relative Risiko bei 1,11 (95 % Konfidenzintervall, KI, 0,46–2,64) und bei einer TD von 601–900 mg bei 1,60 (95 % KI, 0,67–3,80). Bei Dosierungen über 900 mg Lithium pro Tag war das Risiko mit einem adjustierten relativen Risiko von 3,22 (1,47–7,02) signifikant erhöht (Patorno et al. 2017). Bei einer Behandlung Schwangerer mit Lithium im 3. Trimenon können hohe Lithium-Serumspiegel zu erheblichen Beeinträchtigungen des Neugeborenen durch Herzrhythmusstörungen, EKG-Veränderungen und Diabetes insipidus führen (Paulzen und Benkert 2023).
Zu langfristigen Verhaltens- und Entwicklungseffekten in der Folge einer bei Lithium-Einnahme während der Schwangerschaft liegen nur sehr wenige Erkenntnisse vor. Hinweise auf Entwicklungseinbußen gibt es bislang nicht. Eine Untersuchung an 15 in-utero Lithium-exponierten Kindern zeigte keine Hinweise auf Veränderungen von Wachstum, kognitiven Funktionen oder Verhaltenseffekten (Van Der Lugt et al.
2012). Eine Untersuchung von 20 in-utero Lithium-exponierten Kindern, bei denen sich zwischen dem 4. und 5. Lebensjahr hinsichtlich ihres Intelligenzquotienten keine Auffälligkeiten zeigten, scheint den Befund zu bestätigen (Forsberg et al.
2018).
Grundsätzlich gilt, dass eine bestehende Lithium-Therapie bei hoher Rezidivgefahr nicht beendet werden sollte. Falls
Lithium verabreicht wird, sollte es in mehreren Einzeldosen (3–4 pro Tag) verabreicht werden. Plasmaspiegel sollten im niedrigsten noch wirksamen Bereich liegen. Wegen einer steigenden renalen Clearance im Verlauf einer Schwangerschaft sollten gegen Ende häufigere Spiegelkontrollen und ggf. Dosisanpassungen erfolgen, da dosiskorrigierte Lithium-Spiegel im letzten Trimenon signifikant niedriger sind als im 1. Trimenon (Westin et al.
2017).
Anfallssuppressive Medikamente spielen nicht nur bei der Behandlung der
Epilepsie eine bedeutende Rolle. Während Epilepsie nach der
Migräne die häufigste chronische neurologische Erkrankung in Deutschland ist und ein breites Spektrum von ASM zum Einsatz kommt, werden einzelne Substanzen der pharmakologischen Gruppe der ASM vor allem bei
bipolaren Störungen eingesetzt. Etwa die Hälfte der Betroffenen, die an einer Epilepsie erkrankt sind, sind Frauen, von denen sich etwa ein Drittel im gebärfähigen Alter befindet.
Das Risiko für Fehlbildungen bei Kindern epilepsiekranker Frauen, die während der Schwangerschaft Anfallssuppressiva einnahmen, ist 2- bis 3-fach erhöht und liegt bei 4–8 % gegenüber 2,3 % in der Normalbevölkerung. Da aber eine
Epilepsie mit einem erhöhten Fehlbildungsrisiko assoziiert sein könnte, ist unklar, inwiefern diese Daten auf Patientinnen mit
psychischen Störungen übertragen werden können. Das teratogene Risiko ist nicht nur substanz-, sondern auch dosis- bzw. plasmaspiegelassoziiert.
Eine Spina bifida
stellt nur eine mögliche Folge einer intrauterinen Exposition mit Valproat dar. Als fetales Valproinsäure Syndrom bezeichnet man ein komplexes Fehlbildungssyndrom, das nach intrauteriner Exposition mit Valproinsäure auftreten kann. Neben einem 20-fach erhöhten Risiko für Spina bifida und andere Neuralrohrdefekte spielen vor allem Sprachentwicklungsstörungen, Lernstörungen und Verhaltensauffälligkeiten eine bedeutende Rolle. Eine Übersichtsarbeit berichtet von insgesamt 5206 Schwangeren, die mit Antikonvulsiva behandelt wurden. Hier zeigten sich Fehlbildungsraten bei Valproat-Behandlung von 6,7 %, bei Carbamazepin von 2,6 % und bei einer Lamotrigin-Einnahme von 2,3 %, während in der Kontrollgruppe die Fehlbildungsrate bei 2,51 % lag. Unter den untersuchten Antikonvulsiva lag die Rate an Malformationen (Spina bifida und kardiale Fehlbildungen) für Valproat mit 10,93 % deutlich über den Raten für Lamotrigin mit 2,31 % und für Levetiracetam mit 1,77 % (Bromley et al. 2017).
Neben den beschriebenen Fehlbildungen rückten in letzter Zeit insbesondere
Sprachentwicklungsstörungen, Lernstörungen und Verhaltensauffälligkeiten sowie autistische Symptome nach intrauteriner Exposition in den Fokus (Tomson et al.
2016). In der prospektiven Beobachtungsstudie „NEAD (Neurodevelopmental Effects of Antiepileptic Drugs)“ zeigten intrauterin Valproat-exponierte Kinder im Alter von 6 Jahren einen niedrigeren Intelligenzquotienten als Kinder, deren Mütter während der Schwangerschaft zur Epilepsie-Behandlung
Carbamazepin,
Lamotrigin oder
Phenytoin eingenommen hatten. Es konnte ein Zusammenhang zwischen der Valproat-Dosierung und dem erniedrigten IQ gezeigt werden. Ein Cochrane Review, das Daten aus 22 prospektiven und 6 Kohortenstudien auswertete, zeigte, dass eine intrauterine Valproat-Exposition die Schulausbildung wie auch die spätere Berufsausbildung negativ beeinträchtigte. Vergleichbare kognitive Einschränkungen zeigten sich nach intrauteriner Exposition von Carbamazepin oder Lamotrigin hingegen nicht (Bromley et al.
2014).
Das Risiko für Neuralrohrverschlussstörungen bei Carbamazepin-Einnahme während des 1. Trimenons liegt bei 1–2 %. Verschlussstörungen im Urogenitaltrakt (
Hypospadie) treten möglicherweise ebenso vermehrt auf. Während der Schwangerschaft sollten deshalb neben Ultraschalluntersuchungen vor allem Kontrollen von α-Fetoprotein (α-FP) durchgeführt werden. Auch bei
Carbamazepin scheint das Malformationsrisiko dosisabhängig zu sein. Unter Carbamazepin-Exposition fanden sich in erhöhtem Maße Entwicklungsverzögerungen, kraniofaziale Anomalien, Fingernagelhypoplasien und Wachstumsretardierungen. Neuere Bewertungen lassen vermuten, dass das teratogene Risiko im Wesentlichen auf Neuralrohrverschlussstörungen begrenzt ist. So scheint unter intensiver pränataler Diagnostik und Gabe von
Folsäure das Risiko kalkulierbar.
Auch für Topiramat besteht im 1. Trimenon ein erhöhtes Risiko für kongenitale Fehlbildungen (z. B. kraniofaziale Defekte, Lippenspalte, Gaumenspalte,
Hypospadien) und ein geringeres Geburtsgewicht. In einer Kohortenstudie zeigte sich eine Assoziation zwischen höheren Tagesdosierungen, wie sie bei
Epilepsien verabreicht werden, und Lippen-, Kiefer- und Gaumenspalten.
Gemäß den Empfehlungen der S3-Leitlinie zur Diagnostik und Therapie
Bipolarer Störungen (Bauer et al.
2020) sollte
Lamotrigin zur Behandlung einer bipolaren Depression und als Phasenprophylaxe bei Schwangeren erwogen werden. Zwar besteht möglicherweise ein erhöhtes Risiko für Lippen-Kiefer-Gaumenspalten, jedoch liegen hinsichtlich orofazialer Missbildungen widersprüchliche Ergebnisse vor. Frühere Studien zeigten ein 10,4-fach erhöhtes Risiko. Eine neuere Untersuchung weist auf eine geringere Missbildungsrate hin. In Anbetracht des häufigen Einsatzes der Substanz bei Schwangeren in den letzten Jahrzehnten wird das Risiko für diese Fehlbildung als relativ gering eingestuft. Insbesondere in Dosierungen von weniger als 300 mg/d scheint Lamotrigin mit dem geringsten Fehlbildungsrisiko verbunden zu sein (2,0 %). Bei höheren Dosierungen steigt das Fehlbildungsrisiko auf bis zu 4,5 %.
Die intrauterine und postnatale Exposition von
Lamotrigin wurde in 19 Mutter-Kind-Paaren untersucht. Die Schwangeren erhielten durchgehend in der Schwangerschaft Tagesdosierungen von 50 bis 650 mg Lamotrigin. Zum Zeitpunkt der Entbindung zeigte sich eine hohe Korrelation zwischen der mütterlichen Serumkonzentration und der Lamotrigin-Konzentration im
Nabelschnurblut bzw. im Fruchtwasser (Paulzen et al.
2019b). Die im Rahmen von TDM bestimmten Lamotriginkonzentrationen im mütterlichen Blut erlauben somit, die intrauterine Exposition des Fetus abzuschätzen.
Ein breiter Konsens besteht dahingehend, dass Valproat, Topiramat,
Carbamazepin, Phenobarbital und
Phenytoin bei Frauen und Mädchen im gebärfähigen Alter nicht angewendet werden sollte (Angus-Leppan et al.
2024; Braillon
2024; Veroniki et al.
2017).
Eine Übersicht der Übertrittsratios von Stimmungsstabilisatoren/Mood Stabilizer und anfallssuppressive Medikamente in Fruchtwasser,
Nabelschnurblut und in Muttermilch zeigt Tab.
3.
Antidepressiva
Grundsätzlich sollte die Indikation zur Behandlung mit einem Antidepressivum in der Schwangerschaft unter Abwägung der Auswirkungen einer Nichtbehandlung besonders eng gestellt werden. Frauen oder Paare mit
Kinderwunsch, Schwangere und deren Partner sind dabei ausführlich über die möglichen Risiken aufzuklären und sollten schriftlich in die Off-label-Behandlung (wegen fehlender Zulassung der Substanzen während einer Schwangerschaft) einwilligen. Genauso wie bei nicht schwangeren Patientinnen sollte bei leichten bis mittelgradigen Depressionen von einer medikamentösen Behandlung abgesehen und auf psychotherapeutische Verfahren zurückgegriffen werden. Ebenso sollte in jedem Fall der individuelle Nutzen einem möglichen Schaden gegenübergestellt werden, wenn ggf. auch schon bei mittelschweren depressiven Syndromen eine antidepressive Pharmakotherapie in Erwägung gezogen werden sollte. Werden in der klinischen Situation die Risiken der Depression für die Mutter (z. B.
Suizidalität, psychotische Symptome) höher als die potenziellen Risiken für das Kind eingestuft, ist eine Indikation für
Antidepressiva gegeben.
Auch wenn die Nationale VersorgungsLeitlinie, NVL, Unipolare Depression jedenfalls in der neuesten Auflage als sog. Living Guideline aus dem Jahr 2022 noch keine expliziten Empfehlungen zum Thema Schwangerschaft formuliert, so sollte gemäß der vorherigen Auflage (Härter et al.
2015) bei Beginn einer antidepressiven Pharmakotherapie im Rahmen einer Schwangerschaft einer Monotherapie der Vorzug gegeben werden, die geringste effektive Dosis gewählt werden, der Einfluss fluktuierender Wirkstoffspiegel Berücksichtigung finden, ein regelmäßiges Monitoring der Wirkstoffspiegel stattfinden, ein niedriger wirksamer Wirkstoffspiegel angestrebt werden und ein abruptes Absetzen der Medikation vermieden werden. Eine mütterliche Behandlung mit einem Selektiven
Serotonin Rückaufnahmehemmer, SSRI, scheint für die Gesamtgruppe nicht grundsätzlich mit einem signifikant erhöhten Risiko für Herzfehlbildungen
oder anderer Fehlbildungen einherzugehen. Vorsicht ist geboten bei Paroxetin und Fluoxetin, während Sertralin und Citalopram, wahrscheinlich auch Escitalopram, insgesamt als die günstigsten SSRI angesehen werden können. Diese Einschätzung scheint ebenfalls für Selektive Serotonin und Noradrenalin Wiederaufnahmehemmer, SSNRI, zu gelten, wie sich in einer jüngst erschienenen Metaanalyse zeigte. Verglichen wurde hierbei das Risiko kardialer Malformationen zwischen exponierten Gruppen mit SSNRI, SSRI und einer Gruppe ohne Antidepressivum, bei der aber die klinische Indikation zur Gabe eines Antidepressivums aufgrund einer bestehenden depressiven Symptomatik bestand. Ein vermeintlich höheres Risiko kardialer Malformationen beim Einsatz von SSNRI zeigte sich nicht mehr im direkten Vergleich mit SSRI-exponierten Kindern sowie gegenüber den Fällen, bei denen eine klinische Indikation für ein Antidepressivum bestand, dieses jedoch nicht verabreicht wurde, sodass insgesamt weder von einem erhöhten grundsätzlichen Risiko für kongenitale Malformationen noch von einem spezifisch erhöhten Risiko für kardiale Malformationen unter SSNRI auszugehen ist (Lou et al. 2022).
Dass der Einsatz von SSRI mit einer verkürzten Schwangerschaftsdauer, einem geringeren Geburtsgewicht sowie einem niedrigeren Apgar-Wert
verbunden ist, scheint mittlerweile anhand vieler Übersichtsarbeiten gut belegt, auch wenn die beobachteten Auffälligkeiten wahrscheinlich nicht monokausal auf den Einsatz von SSRI zurückzuführen sind. Dieser Befund bestätigte sich zuletzt auch noch einmal in einer großen Metaanalyse mit einem Chancenverhältnis, Odds-Ratio, (OR) von 1,9 für die Frühgeburtlichkeit und einer OR von 1,7 für einen niedrigeren Apgar-Wert (Vlenterie et al. 2021). Dabei zeigte in der Gruppe schwangerer Frauen mit SSRI-Einnahme das Risiko einer Frühgeburtlichkeit moderat auf 10,5 % erhöht gegenüber 9,4 % bei Frauen ohne Diagnose einer Depression und ohne SSRI-Einnahme. In einer Vergleichskohorte depressiver Frauen ohne SSRI-Einnahme lag der Anteil der Frühgeburtlichkeit ebenfalls bei 10,5 %. Der Unterschied hinsichtlich eines erniedrigten Apgar-Wertes lag bei SSRI-exponierten Kindern ebenso wie bei Kindern unbehandelter depressiver Mütter bei 2,7 % und damit 1,1 % höher als bei Kindern gesunder Frauen, bei denen 1,1 % einen erniedrigten Apgar-Wert aufwiesen. Damit ist für beide Teilaspekte zwar ein Unterschied feststellbar, dieser scheint insgesamt aber von geringer klinischer Relevanz zu sein (Vlenterie et al. 2021).
Bezüglich langfristiger Verhaltens- und Entwicklungseffekte zeigte zuletzt eine sehr große Übersichtsarbeit mit 145.000 Antidepressiva-exponierten Kindern und mehr als 3 Mio. nicht-exponierten Kindern unter Anwendung differenzierter Kontrollbedingungen, dass letztlich kein Unterschied nachweisbar war. Insbesondere beim Vergleich von exponierten mit nicht-exponierten Geschwistern zeigten sich keine Unterschiede bezüglich der Auftretenswahrscheinlichkeit von Autismus Spektrum Störungen (ASD),
Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörungen (
ADHS), bestimmter Lernstörungen oder Verhaltensstörungen (Suarez et al.
2022).
Die wahrscheinlich aussagekräftigsten Studiendesigns zu den Effekten von
Antidepressiva in der Schwangerschaft bieten Geschwisterstudien. In einem kürzlich erschienenen Review, das Studien untersuchte, in denen Antidepressiva-exponierte und nicht-exponierte Geschwisterkinder miteinander verglichen wurden, zeigten sich bezüglich der Auftretenswahrscheinlichkeit von ASD oder
ADHS keine Unterschiede, sodass die Autoren schlussfolgern, dass die Exposition nicht grundsätzlich mit einem erhöhten Risiko für das Auftreten von Entwicklungsstörungen verbunden ist (Besag und Vasey
2023).
Eine Behandlung mit SSRI geht möglicherweise mit einem leicht erhöhten Risiko von bestimmten Fehlbildungen einher; sie bleiben allerdings insgesamt sehr selten. Aufgrund methodischer Probleme kann nicht sicher unterschieden werden, ob das möglicherweise bestehende teratogene Risiko auf die psychische Grunderkrankung oder auf die SSRI-Behandlung zurückgeführt werden muss.
Eine Übersicht der Übertrittsratios von
Antidepressiva in Fruchtwasser,
Nabelschnurblut und in Muttermilch zeigt Tab.
4.
Tab. 4
Übertrittsratios von Antidepressiva in Fruchtwasser, Nabelschnurblut und in Muttermilch (die Werte werden als Durchschnittswerte mit
Spannweiten oder
Standardabweichungen aufgeführt). (Eigene Darstellung nach Schoretsanitis et al.
2021)
| – | – | 0,95 (0,56–1,42) |
| 0,78 (0,37–1,66) | 1,14 (0,30–5,08) | 1,95 (0,63–5,79) |
Citalopram | 2,03 (0,35–6,97) | 0,86 (0,42–1,66) | 2,05 (0,78–7,23) |
Clomipramin | – | 0,74 (0,36–1,48) | 1,08 (0,89–1,26) |
Desipramin | – | – | 1,22 |
Desvenlafaxin | – | – | 1,86 (1,40–2,47) |
| – | – | 1,00 (0,27–1,44) |
Duloxetin | – | 1,08 (0,12–2,70) | 0,40 (0,12–1,29) |
Escitalopram | 0,18 | 0,73 (0,50–0,96) | 2,19 (1,68–3,00) |
Fluoxetin | 0,11 (0,02–0,20) | 0,76 (0,14–1,48) | 0,53 (0,08–2,23) |
Fluvoxamin | 0,10 | 0,52 (0,08–0,78) | 0,98 (0,29–1,57) |
Imipramin | – | – | 1,10 (0,69–1,38) |
Lithium | 1,61 | 1,08 (0,63–1,53) | 0,49 (0,24–0,7) |
Moclobemid | – | – | 0,72 |
| – | – | 2,22 (0,80–3,64) |
| – | – | 1,08 (0,56–1,51) |
Nortriptylin | | 2,97 (0,25–26,43) | 1,62 |
Paroxetin | 0,13 (0,05–0,21) | 0,40 (0,15–0,91) | 0,63 (0,05–2,37) |
Reboxetin | – | – | 0,06 (0,05–0,08) |
Sertralin | 0,34 (0,02–0,88) | 0.44 (0.14–1.2) | 1,62 (0,22–3,00) |
Trazodon | – | – | 0,14 ± 0,04 |
Venlafaxin | 2,77 (0,43–4,70) | 0,98 (0,18–2,08) | 2,59 (0,85–4,85) |
Antipsychotika
Grundsätzlich sollte eine schwangere Frau, die antipsychotisch behandelt wird, sowohl psychiatrisch als auch gynäkologisch sowie neonatologisch engmaschig betreut werden und eine Entbindung sollte im Umfeld eines Großkrankenhauses mit interdisziplinär vernetzten Strukturen erfolgen.
Gemäß den Empfehlungen der aktualisierten S3-Leitlinie Schizophrenie aus dem Jahr 2025 sollten bei an
Schizophrenie erkrankten schwangeren Frauen nichtpharmakologische als auch und pharmakologischen Maßnahmen angeboten werden, wobei Olanzapin, Risperidon, Haloperidol und
Quetiapin präferenziell benannt werden. Allerdings erscheint Risperidon ebenso wie Olanzapin nicht mehr grundsätzlich als unproblematisch (DGPPN
2025). Grundsätzlich wird von einem abrupten oder raschen Absetzen einer bestehenden Behandlung abgeraten und die Gabe von
Folsäure (5 mg Tagesdosis) bis zur Entbindung wird empfohlen. Um mögliche Effekte auf die Organogenese zu minimieren, wird empfohlen, die pharmakologische Behandlung bis ins 2. Trimenon hinauszuzögern (DGPPN
2025).
Alle
Antipsychotika passieren die Plazenta und treten in den kindlichen Kreislauf über. Niedrigste Konzentrationen im kindlichen Kreislauf (
Nabelschnurblut) wurden für
Quetiapin nachgewiesen (Paulzen et al.
2018), dies konnte in einem Review bestätigt werden (Zheng et al.
2022). Risperidon, Olanzapin und Haloperidol gehen in aufsteigender Reihenfolge stärker in den kindlichen Kreislauf über, vgl. Tab.
5.
Tab. 5
Übertrittsratios von Antipsychotika in Fruchtwasser, Nabelschnurblut und in Muttermilch (die Werte werden als Durchschnittswerte mit
Spannweiten oder
Standardabweichungen aufgeführt). (Eigene Darstellung nach Schoretsanitis et al.
2020b)
Amisulprid | – | – | 14,42 (11,86–19,5) |
Aripiprazol | – | 0,48 (0,24–0,64) | 0,29 (0,19–0,47) |
Chlorpromazin | – | – | 1,21 (0,39–3,84) |
Chlorprotixen | – | – | 1,93 (0,37–2,58) |
| 0,56 (0,31–0,82) | 0,49 (0,39–0,58)10 | 3,19 (2,79–4,32) |
Flupentixol | – | – | 1,02 (0,5–1,62) |
Flupentixol Depot | – | – | 1,11 (0,93–1,29) |
Haloperidol | – | – | 3,11 (0,59–6,67) |
Olanzapin | – | 0,71 ± 0,42 | 0,47 (0,1–0,94) |
Olanzapin Depot | – | 0,53 (0,5–0,58) | – |
Paliperidon Depot | – | 0,53 (0,49–0,57) | – |
Perphenazin | – | – | 0,85 (0,65–1,05) |
Quetiapin | 0,59 (0,09–1,7) | 0,24 (0,13–0,32) | 0,45 (0,13–1,67) |
Risperidon | – | 0,49 | 0,41 (0,17–1,0) |
Ziprasidon | – | – | 0,06 |
Zuclopenthixol | – | – | 0,39 (0,13–2,2) |
Zuclopenthixol Depot | – | – | 0,27 |
Mittlerweile sind die Erfahrungen auch mit
Antipsychotika der zweiten Generation
(SGA) sehr umfassend. Eine Studie mit über 9000 Schwangerschaften zeigte für Aripiprazol (n = 1756), Olanzapin (n = 1394), Quetiapin (n = 4221) und Ziprasidon (n = 697) kein erhöhtes Malformationsrisiko. Auch wenn insgesamt kein Gruppeneffekt für SGA hinsichtlich einer möglicherweise erhöhten Fehlbildungsrate nachgewiesen wurde, zeigte sich aber bei Kindern mit intrauteriner Exposition mit Risperidon (n = 1566) mit einem relativen Risiko, RR, von 1,26 (95 % Konfidenzintervall, KI, 1,02–1,56) eine erhöhte Rate unspezifischer Fehlbildungen, die nicht auf das Herz-Kreislauf-System (auch hier RR 1,26, KI 0,88–1,81) beschränkt war. Das (unkorrigierte) absolute Risiko für das Auftreten einer kardialen Malformation unter Risperidon lag bei 18,5 pro 1000 Kinder gegenüber 11,6 pro 1000 Kinder bei Nicht-Exposition (Huybrechts et al. 2016). In einer Kohortenstudie bezüglich des Auftretens von Autismus Spektrum Störungen, ASD, ADHS, Frühgeburtlichkeit oder einem geringen Geburtsgewicht bzw. -größe zeigte sich für Antipsychotika kein erhöhtes Risiko, auch nicht bei einem entsprechenden Geschwistervergleich. Risikobehaftet für das Auftreten von ASD oder ADHS war hingegen der bloße Umstand, an einer psychischen Erkrankung zu leiden (Wang et al. 2021). Eine weitere große Kohortenstudie untersuchte Zusammenhänge zwischen einer intrauterinen Antipsychotikaexposition mit FGA (Erstgenerationsantipsychotika) bzw. SGA (Zweitgenerationsantipsychotika) und dem Auftreten von neuropsychiatrischen Entwicklungsstörungen. Hierzu zählten Entwicklungsstörungen als Gruppe, sowie einzelne Störungen wie ASD, ADHS, Lernschwierigkeiten, Sprach- und Sprechstörungen sowie Koordinationsstörungen. Für keine der untersuchten Antipsychotikagruppen konnte ein Gruppeneffekt ausgemacht werden. Im Bereich der SGA zeigte sich für Olanzapin, Quetiapin und Risperidon keine erhöhte Auftretenswahrscheinlichkeit irgendeiner Entwicklungsstörung, während sich für Aripiprazol für die Gruppe aller Entwicklungsstörungen ein signifikanter Unterscheid mit einer Hazard Ratio, HR, von 1,36 zeigte (Straub et al. 2022). Schließlich wurde in einer Kohortenstudie das Risiko des Auftretens kongenitaler Malformationen von SGA im Vergleich mit FGA bzw. einer Nicht-Exposition untersucht. Auch hierbei zeigte sich kein Gruppeneffekt bezüglich einer Assoziation irgendeines SGA mit dem Auftreten kongenitaler Malformationen sowohl hinsichtlich der Nicht-Exposition als auch hinsichtlich eines Vergleichs mit FGA. Interessanterweise allerdings imponierte in dieser Untersuchung Olanzapin als besonders risikobehaftet mit einem erhöhten Risiko für das Auftreten kongenitaler Malformationen mit einer OR von 2,12 und einem besonders erhöhten Risiko für das Auftreten muskuloskelettaler Fehlbildungen mit einer OR von 3,71 (Ellfolk et al. 2021). In einem aktuellen Review, das 42 Studien zum Einsatz von Clozapin bei Schwangeren untersuchte, zeigten sich keine Hinweise auf ein erhöhtes Potenzial für teratogene Effekte, Spontanaborte, Totgeburten oder Geburtskomplikationen (Beex-Oosterhuis et al. 2021). Gleichwohl ist insgesamt bei Clozapin besondere Vorsicht geboten auch vor dem Hintergrund möglicher Agranulozytosen beim Kind, sowohl bei einer Behandlung im letzten Trimenon als auch für den Fall, dass ein Stillen unter Clozapin erwogen wird.
Weil eine Schwangerschaft zu erheblichen Veränderungen der
Pharmakokinetik von Psychopharmaka führt, ist in der Regel davon auszugehen, dass Arzneimittelkonzentrationen im Verlauf einer bestehenden Schwangerschaft abnehmen. Dies ist belegt für
Quetiapin, das im Wesentlichen über CYP3A4 verstoffwechselt wird. Diese Veränderungen betreffen auch andere CYP3A4-Substrate wie Aripiprazol und Haloperidol und mithilfe von Therapeutischem Drug Monitoring kann während der Schwangerschaft die patientenindividuelle
Psychopharmakotherapie optimiert und das Risiko für das ungeborene Kind kalkulierbarer gemacht werden.
Quetiapin scheint während einer Schwangerschaft nicht nur aufgrund seiner geringen Übertrittsratio in den kindlichen Kreislauf die beste Wahl darzustellen. Allerdings sind aufgrund eines beschleunigten Metabolismus in der Schwangerschaft unbedingt eine regelmäßige Wirkstoffkonzentrationsmessung und ggfs. eine Dosisanpassung notwendig.