Im Kern des Modells der Vermittlung von Langzeiteffekten belastender Kindheitserlebnisse auf die Gesundheit und das Wohlbefinden, stehen maladaptive Copingverhaltensweisen wie
Rauchen, die aufgrund ihrer psychologischen und pharmakologischen Wirkung die Emotionsregulation beeinflussen.
Das wesentliche Merkmal des toxischen Stresses ist die postulierte Störung neuronaler Netzwerke im Gehirn und anderer Organ- und Stoffwechselsysteme während sensibler Entwicklungsphasen. Eine solche Störung kann zu anatomischen Veränderungen und/oder physiologischen Dysregulationen führen, die Vorläufer späterer Lern- und Verhaltensbeeinträchtigungen sowie die Wurzeln chronischer, stressbedingter körperlicher und psychischer Erkrankungen sind. So konnten Richards und Wadsworth (Richards und Wadsworth
2004) Langzeiteffekte von
Kindesmisshandlung auf kognitive Funktionen, das Gedächtnis und Konzentration nachweisen. In einer
Metaanalyse auf Basis von 23 Studien berichten Kavanaugh et al. (
2017), dass Kindesmisshandlung zu einer Beeinträchtigung exekutiver Funktionen, der Intelligenz, Sprachfertigkeiten, räumlich visueller Fähigkeiten und des Gedächtnisses führt. Sie schlussfolgern, dass Kindesmisshandlung womöglich eine Ursache für neurologische Entwicklungsstörungen darstellt. Als Faktoren, die die Stärke des Zusammenhangs bestimmen, nennen die Autoren Dauer, Schweregrad und Typ der Misshandlung sowie die Entwicklungsphase, in der die Misshandlung auftritt. Als Grundlage dieser Einschränkungen können strukturelle und funktionelle Veränderungen durch belastende Kindheitserlebnisse angenommen werden. So berichten mehrere Literaturübersichten (Berens et al.
2017; Eamon et al.
2010; Fisher et al.
2016; McCrory et al.
2012; Teicher et al.
2003) von strukturellen Veränderungen im Corpus callosum, dem Zerebellum sowie dem präfrontalen Kortex. Durch diese strukturellen Veränderungen lassen sich z. T. die oben beschriebenen neurokognitiven Veränderungen erklären. So spielt beispielsweise der präfrontale Kortex bei den exekutiven Funktionen eine wichtige Rolle gerade für die Impulskontrolle, und Veränderungen des Corpus callosum können sich auf das Gedächtnis auswirken (Fisher et al.
2016). Funktionelle Veränderungen wurden für Bereiche beschrieben, die für die Emotions- und Verhaltensregulation zuständig sind, unter anderem die Amygdala und der anteriore zinguläre Kortex. Kinder, welche im DSM-5-Kontext die Diagnose Disruptive Mood Dysregulation Disorder erhalten, haben häufig entsprechende Kindheitsbelastungen in der Vorgeschichte (Kap. „Disruptive mood disregulation disorder in Kindheit und Jugend“). Darüber hinaus wird auf Basis von neuroendokrinologischen Studien eine Assoziation zwischen belastenden Kindheitserlebnissen und einer atypischen Entwicklung der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse (engl. hypothalamic-pituitary-adrenal-axis, HPA-Axis) angenommen. Diese führt dauerhaft zu einer veränderten Stressantwort und erhöht damit die Vulnerabilität für
psychische Störungen im Erwachsenenalter (Eamon et al.
2010; Fisher et al.
2016). Über Glukokortikoidrezeptoren wirkt sich das über die HPA-Achse freigesetzte
Kortisol auf das periphere, aber auch das zentrale Nervensystem aus und beeinflusst etwa den präfrontalen Kortex, den Hypocampus sowie die Amygdala (Low
2017). Insbesondere die HPA-Achse, Regionen des präfrontalen Kortex und die Amygdala, die Teil des limbischen Systems ist und für die Emotionsverarbeitung sowie die Erkennung von Bedrohung und Furchtreaktionen zuständig ist, werden als relevant für die Planung neuer Interventionen angesehen (Fisher et al.
2016).