DGIM Innere Medizin
Autoren
Ulrich Schweiger

Einführung und Definition

Depressive Störung sind eine bedeutsame und häufige psychische Erkrankung mit den Leitsymptomen beeinträchtigter Stimmung und Interesselosigkeit. Depressive Störungen haben ausgeprägte Wechselwirkungen mit verschiedenen Erkrankungen aus dem Bereich der Inneren Medizin (Pennix et al. 2013). Die Gruppe der depressiven Störungen kann nach verschiedenen Kriterien eingeteilt werden (Gotlib und Hammen 2010).

Schwere depressive Episoden (Major Depression) vs. Minor Depression

Am Wichtigsten ist es, schwere depressive Episoden von leichteren Depressionsformen abzugrenzen. Schwere depressive Episoden sollen folgende Kriterien erfüllen (Saß et al. 2003):
  • Sie sollen zu einer erheblichen Beeinträchtigung der psychosozialen Funktionsfähigkeit führen.
  • Mindestens 2 Wochen andauern oder so ausgeprägt sein, dass sie stationäre Behandlung erfordern
  • Es sollen mindestens 5 der folgenden 9 Kriterien in relevantem Ausmaß erfüllt sein:
    • depressive Stimmung
    • Verlust von Interesse und Freude
    • Störung des Appetits entweder mit Gewichtsverlust oder Gewichtssteigerung
    • Schlafstörung mit Insomnie oder Hypersomnie
    • Störung der Psychomotorik (Verlangsamung oder Unruhe)
    • Müdigkeit, Energieverlust
    • Gedanken von Wertlosigkeit oder Schuld
    • Konzentrationsstörung, Schwierigkeiten Entscheidungen zu treffen
    • Todeswünsche, Suizidgedanken, Suizidpläne oder suizidales Verhalten
Weitere wichtige Symptome, die allerdings nicht krankheitsdefinierend sind, sind ausgeprägte Grübel- und Sorgenprozesse, d. h. zirkuläre kognitive Prozesse, die aber nicht zu Problemlösungen führen („Warum bin ich so krank? Was wenn es keine wirksame Behandlung gibt“), Aufmerksamkeitslenkung auf Symptome („Morgens frage ich mich immer zuerst, ob ich genug Energie für den Tag habe?), ausgeprägtes Rückversicherungsverhalten („Frau Doktor, ist das wirklich die richtige Behandlung?“) und Suche nach negativem Feedback („Sie glauben doch auch nicht, dass ich wieder gesund werde?“). Patienten mit Depression haben vermehrt interpersonelle Konflikte, zu denen sie ohne es zu beabsichtigen durch ihr Verhalten beitragen.

Typische Depression

Schwere depressive Episode mit vermindertem Schlaf, verminderten Appetit und Gewichtsverlust. Charakteristisch sind auch psychomotorische Unruhe und mangelnde emotionale Reaktivität.

Atypische Depression

Schwere depressive Episode mit vermehrtem Schlaf (dabei verminderte Schlafqualität), vermehrtem Appetit und Gewichtszunahme (Thase 2007). Charakteristisch sind auch ein Gefühl bleierner Schwere und eine erhöhte emotionale Reaktivität mit leichter Kränkbarkeit.

Chronische Depression

Depressive Störung mit einer Dauer von mindestens 2 Jahren ohne vollständige Remission .

Vaskuläre Depression

Depressive Störung, die erstmals nach dem 50. Lebensjahr und im Kontext einer kardiovaskulären Erkrankung oder im Kontext eines metabolischen Syndroms auftritt. Charakteristisch sind eine im Bezug auf die Altersnorm erhöhte Menge mikrovaskulärer Läsionen im Gehirn (Taylor et al. 2013; Firbank et al. 2012; Gonzales et al. 2012).

Psychotische Depression

Schwere depressive Episode mit einer wahnhaften Symptomatik. Die wahnhafte Symptomatik sollte eine depressive Tönung haben, z. B. Verarmungswahn, Versündigungswahn.

Unipolare oder bipolare Störung

Von einer bipolaren Störung spricht man, wenn sowohl schwere depressive Episoden wie auch manischen Episoden vorliegen. Manische Episoden sind charakterisiert durch gehobene Stimmung, selbstschädigende Formen von Hyperaktivität und vermindertes Schlafbedürfnis. Bei der unipolaren Depression fehlt diese Vorgeschichte.

Pathophysiologie

Als ursächlich oder für die Aufrechterhaltung der Störung relevant werden genetische, epigenetische, neurophysiologische, neurochemische, neuroimmunologische, neuroendokrine, psychologische und Verhaltensfaktoren diskutiert. Ein Konsensus über die Gewichtung dieser Faktoren existiert nicht. Vermutlich handelt es sich bei der depressiven Störung um die gemeinsame Endstrecke eines breiten Spektrums von pathophysiologischen Prozessen. Unter einer evolutionspsychologischen Perspektive kann Depression als prinzipiell adaptives Verhaltensprogramm konzeptualisiert werden, das es erlaubt, sinnlos gewordene Verhaltensketten zu unterbrechen. Als pathologisch kann dieses Programm erst dann angesehen werden, wenn es exzessiv aktiviert wird und keinen adaptiven Zweck mehr erfüllt.

Epidemiologie/Alter/Gender

Etwa 20 % aller Menschen erfüllen irgendwann in ihrem Leben die Kriterien einer schweren depressiven Episode. Betroffen ist die gesamte Lebensspanne. Durch depressive Störungen verlorene Lebensjahre entstehen aber hauptsächlich in der Adoleszenz und im jungen bis mittleren Erwachsenenalter. Etwa 3 % der Bevölkerung haben eine therapierefraktäre Depression, d. h. erfüllen trotz mehrerer Behandlungsversuche weiter die Kriterien einer Major Depression. Die 12-Monats-Prävalenz der unipolaren Depression beträgt etwa 7 %, die der bipolaren Störung etwa 2 %. Bei Frauen wird die Diagnose mit erheblich größerer Häufigkeit gestellt. Das Risiko für Tod durch Suizid ist allerdings bei Männern größer.

Klinik

Im Kontext der Inneren Medizin stellen sich Patienten nur ausnahmsweise neu wegen depressiver Stimmung oder Interesselosigkeit vor. Vielmehr berichten Sie über Erschöpfung, Energielosigkeit, Schmerzen, Übelkeit, Appetitlosigkeit oder weitere Symptome und bitten um Abklärung. Weiterhin sind viele betroffene Patienten bereits in Behandlung wegen kardiovaskulären Erkrankungen, endokrinologischen Erkrankungen, metabolischen Erkrankungen, pulmonologischen, hepatologischen oder renalen Erkrankungen, Autoimmunerkrankungen, onkologischen Erkrankungen, degenerativen Erkrankungen oder Infektionskrankheiten. Patienten, die bereits in der Vorgeschichte depressive Episoden hatten, sind besonders gefährdet, im Rahmen von medizinischen Erkrankungen erneut depressiv zu erkranken.

Diagnostik

Depression wird unterdiagnostiziert. Wichtige Barrieren sind die Stigmatisierung psychischer Erkrankungen und die damit verbundene Zurückhaltung von Patienten und Ärzten, dieses Thema anzusprechen. Komorbide bestehende medizinische Erkrankungen wie Diabetes oder kardiovaskuläre Erkrankungen begünstigen eine Unterdiagnostik, da Symptome der Depression dann gerne der medizinischen Erkrankung attribuiert werden. Das Screening auf eine depressive Störung kann sich auf zwei Fragen beschränken:
  • Haben Sie während der beiden letzten Wochen, mehr als die Hälfte der Zeit keine Freude oder Interesse daran gehabt, Dinge zu tun oder
  • haben Sie sich depressiv oder hoffnungslos gefühlt?
Weiterhin ist der Einsatz von Fragebögen möglich. Zur präzisen Diagnostik stehen standardisierte Interviews und Checklisten zur Verfügung. Auch in der Allgemeinbevölkerung sind schwere depressive Störungen nur selten monomorbide Erkrankungen. Bei etwa 80 % der Patienten finden sich komorbide weitere psychische Störungen. Am häufigsten sind Angststörungen, Persönlichkeitsstörungen und Substanzmissbrauch. Da komorbide psychische Störungen die Behandlungsplanung und Prognose erheblich beeinflussen, ist eine erweiterte Diagnostik zumindest bei Patienten mit einem schweren Verlauf und einer Erkrankungsdauer von über 20 Wochen empfehlenswert.

Differenzialdiagnostik

Differenzialdiagnostisch müssen alle medizinischen Erkrankungen erwogen werden, die mit den Symptomen Erschöpfung und Müdigkeit einhergehen. Beim differenzialdiagnostischen Prozess muss beachtet werden, dass die Diagnose weiterer Erkrankungen, die Diagnose einer schweren depressiven Episode nur dann ausschließt, wenn die Symptome tatsächlich ausschließlich aus dieser Erkrankung erklärt werden können, ansonsten ist von Komorbidität auszugehen.

Therapie

Allgemeine Leitlinien

Zur Therapie der Depression gibt es eine deutsche S3-Versorgungsleitline (Leitliniengruppe unipolare Depression 2010) sowie eine große Zahl von Cochrane Reviews zu verschiedenen Pharmaka, Sport, Psychotherapie und zur Therapie bei verschiedenen Zielgruppen.
Bei Patienten, die sich selbstgefährdend oder fremdgefährdend verhalten, ist das Herstellen von Sicherheit durch Überweisung an eine spezialisierte Einrichtung die oberste Priorität. Erregungszustände mit gefährlichem Verhalten können durch psychologische Deeskalationsstrategien und durch „Rapid Tranquilization“ kontrolliert werden. Weitere Gründe für eine rasche Überweisung an spezialisierte Einrichtungen sind erhebliche Unsicherheit bezüglich der Diagnose, psychotische oder manische Symptome. In der Praxis des Internisten betrifft dies jedoch nur eine kleine Minderheit der Patienten. Im Regelfall sollte in Ruhe mit dem Patienten eine kollaborative Entscheidung darüber getroffen werden, ob eine zuwartende Haltung eingenommen werden soll, psychotherapeutische oder psychopharmakologische Behandlung durchgeführt werden sollen, komplementäre Maßnahmen ergriffen werden sollen und in welchem Setting die Behandlung stattfinden soll.

Zuwartende Haltung („Watchful Waiting“)

Bei neu aufgetretenen depressiven Störungen besteht die Option, zunächst auf Behandlungsmaßnahmen ganz zu verzichten. Die Legitimation hierfür ergibt sich aus dem nicht selten günstigen Spontanverlauf depressiver Störungen. Durch „Watchful Waiting“ über 2–6 Wochen lässt sich die Zahl der Patienten, die Psychopharmaka einnehmen oder Psychotherapie in Anspruch nehmen deutlich verringern. Voraussetzungen sind:
  • Es handelt sich tatsächlich um eine erste Episode oder eine neue Episode nach einem langen symptomfreien Intervall
  • Fehlen von Suizidalität
  • Aufklärung und Konsensus mit dem Patienten
  • engmaschige Kurzkontakte um Verschlechterung auszuschließen

Psychotherapie

Eine zentrale Behandlungsoption bei depressiven Störungen ist eine Kurzzeittherapie mit einem wissenschaftlich anerkannten Psychotherapieverfahren (Verhaltenstherapie oder psychodynamische Psychotherapie). Insbesondere für die kognitive Verhaltenstherapie liegt eine große Zahl von Wirksamkeitsnachweisen vor. Die Effektstärken liegen ähnlich wie bei der psychopharmakologischen Behandlung im niedrigen bis mittleren Bereich. Die Wirksamkeit von Psychotherapie erstreckt sich auf alle Schweregrade depressiver Störungen und alle Altersgruppen. Günstig im Vergleich zur Psychopharmakotherapie ist die Nachhaltigkeit der Psychotherapie mit niedrigeren Rezidivraten nach Therapiebeendigung. Keine Daten zu Psychotherapie bei vaskulärer Depression.

Pharmakotherapie

Ausgewählte Substanzen, die in Deutschland zur Behandlung depressiver Störungen zugelassen sind, werden in Tab. 1 aufgelistet.
Tab. 1
Ausgewählte Substanzen, die in Deutschland zur Behandlung depressiver Störungen zugelassen sind
Gruppe
Substanz
Empfohlener Dosisbereich (mg)
Ausgewählte spezifische Nebenwirkungen und Interaktionen der Substanzklasse
Serotoninwiederaufnahmehemmer
Citalopram
20–40
Übelkeit, Diarrhoe, Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Gewichtsabnahme, Gewichtszunahme, sexuelle Funktionsstörungen, Hyponatriämie, Verlängerung QT-Interval, Blockade des Metabolismus anderer Pharmaka, Absetzsyndrome, erhöhtes Risiko von Blutungen insbesondere zusammen mit Antikoagulantien
Escitalopram
10–20
Fluoxetin
20–60
Paroxetin
20–50
Sertralin
50–200
Fluvoxamin
100–300
Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer
Venlafaxin
75–375
Wie SSRI + Hypertonus
Duloxetin
30–120
Wie SSRI + Hypertonus
Trizyklische Substanzen
Amitryptilin
50–300
Antimuskarinerge Nebenwirkungen (Mundtrockenheit, Harnverhalt, Verstopfung, Glaukomanfall), Anstieg der Leberenzyme, Gewichtszunahme, Hypotension, Herzrhythmusstörungen, sexuelle Funktionsstörungen, Krampfanfälle, Delirien, erhebliche Toxizität bei Überdosierung, Sedierung
Clomipramin
50–250
Doxepin
50–300
Imipramin
50–300
Trimipramin
25–400
Nortriptylin
50–225
Monoaminooxidase-Hemmer
Tranylcypromin
20–60
Tyraminarme Kost erforderlich (sonst Gefahr hypertensiver Krisen), Schlafstörungen, Hypotonie
Weitere Substanzen
Mirtazapin
15–45
Gewichtszunahme, Sedierung
Agomelatin
25–50
Übelkeit, Diarrhö, Leberfunktionsstörungen
Bupropion
150–300
Krampfanfälle, erhöhter Blutdruck

Differenzielle Überlegungen zur Auswahl von Pharmakotherapie

  • In unkontrollierten Studien wurden alle Klassen von Antidepressiva bei der Langzeiteinnahme über mehrere Jahre mit einem erhöhten Risiko der Neuentwicklung eines Diabetes mellitus (Kivimaki und Batty 2012; Pan et al. 2012) und von Frakturen (Rabenda et al. 2013) assoziiert. Die Notwendigkeit einer Dauertherapie muss deshalb kritisch abgewogen werden.
  • Aus den vorliegenden Daten lassen sich keine globalen Empfehlungen bezüglich unterschiedlicher Wirksamkeit oder Verträglichkeit ableiten. Die Entscheidung für eine spezifische Substanz wird sich deshalb an den individuellen Merkmalen des Patienten, seinen Vorerfahrungen mit bestimmten Substanzen, dem Nebenwirkungsprofil und wirtschaftlichen Überlegungen orientieren. Spezifische Überlegungen hierbei sind:
    • Schweregrad der Depression: Eine klinisch relevante Wirkung einer antidepressiven Pharmakotherapie ist nur bei mittelschwerer bis schwerer Depression zu erwarten, nicht aber bei leichter Ausprägung (Kirsch et al. 2008).
    • Schlafstörungen: Die abendliche Gabe von trizyklischen Substanzen, Mirtazapin und Agomelatin kann zu einer raschen Besserung von Schlafstörungen beitragen, SSRI und NSRI haben eine verzögerte Wirkung auf Schlaf.
    • Schmerzen: Patienten mit einer Schmerzsymptomatik profitieren von Substanzen, die einen noradrenergen Ansatzpunkt haben (trizyklische Substanzen, NSRI). Diese Substanzen haben auch eine vom Ausmaß der Depression unabhängige Rolle in der Schmerztherapie .
  • Atypische Depression: Verminderte Wirksamkeit von trizyklischen Substanzen
  • Chronische Depression: Verminderte Responserate. Kombination von Psychotherapie und Psychopharmakotherapie ist bezüglich Response vermutlich überlegen (Keller et al. 2000).
    • Vaskuläre Depression: Verminderte Responserate
    • Bipolare Störung: Trizyklische Substanzen erhöhen das Risiko erneuter manischer Episoden.
  • Vorgehen bei Therapieresistenz, d. h. Ausbleiben einer Remission oder relevanten Veränderung innerhalb von 6–12 Wochen bei ausreichender Dosierung: Überprüfung der Dosierung, Dosissteigerung wenn angemessen, Anwendung einer pharmakologischen Augmentationsstrategie, Wechsel zu einer Substanz mit einem anderen Wirkprinzip, Augmentation mit Psychotherapie, Überprüfung der Plasmakonzentration bei trizyklischen Substanzen, Überprüfung der Diagnostik (Komorbidität übersehen?). Therapietechniken, die ausschließlich in spezialisierten Zentren bei schwerkranken, therapieresistenten Patienten angewendet werden, sind die Elektrokrampftherapie, die transkranielle Magnetstimulation und die Vagusnervstimulation.
  • Pharmakologische Augmentationsstrategien
    • Lithium: Initialdosis 400 mg, Dosisanpassung nach Lithiumkonzentration im Serum. Zur Augmentation sind eine Serumkonzentration von 0,5–0,8 mmol/l ausreichend, 1,5 mmol/l dürfen nicht überschritten werden.
    • Quetiapin ist in einer Dosierung von 150–300 mg in retardierter Form als Zusatztherapie bei depressiven Störungen zugelassen.

Komplementäre Maßnahmen

Ein Lebensstil mit ausreichender körperlicher Aktivität (z. B. 3 h intensiver sportlicher Betätigung oder 8 h extensiver Bewegung pro Woche), strukturierter, ausgewogener, vielfältiger und kalorisch angemessener Ernährung und Verzicht auf Nikotin- und Substanzmissbrauch ist sowohl in der Prophylaxe wie in der Therapie psychischer Störungen hilfreich. Gute soziale Einbindung und Partizipation an Aktivitäten ist günstiger als Rückzug und Vermeidungsverhalten.

Setting der Therapie

Depressive Störungen lassen sich in der Regel ambulant behandeln. Kriterien für eine stationäre Behandlung sind:
  • Selbstgefährdung oder Fremdgefährdung
  • Ausgeprägte Krankheitsschwere, welche die Selbstversorgung beeinträchtigt
  • Hohe Komorbidität mit weiteren psychischen oder medizinischen Störungen
  • Therapieresistenz im ambulanten Setting
  • Ungünstige soziale Bedingungen im häuslichen Umfeld
Schwerkranke, komorbide Patienten benötigen eine Behandlungskette aus stationärer Behandlung und ambulanter Behandlung, ggf. ambulante Intensivtherapien, tagesklinische Behandlung und ergänzende psychosoziale Maßnahmen.

Antimanische Therapie

Für folgende Substanzen liegen eine gute Evidenzbasierung und eine Zulassung in Deutschland zur Behandlung von manischen Episoden und zur Rezidivprophylaxe bei bipolarer Störung vor (Tab. 2).
Tab. 2
Substanzen mit guter Evidenzbasierung und eine Zulassung in Deutschland zur Behandlung von manischen Episoden und zur Rezidivprophylaxe bei bipolarer Störung
Gruppe
Substanz
Dosis (mg)
Spezifische Nebenwirkungen und Interaktionen der Substanzklasse
Atypische Neuroleptika
Aripiprazol
15–30
Gewichtszunahme, Verschlechterung eines metabolischen Syndroms, Hyperglykämie, Ketoazidose, Tachykardie, Verlängerung des QT-Intervals, Erhöhung der Leberenzyme, Hyperprolaktinämie, sexuelle Funktionsstörungen, extrapyramidalmotorische Störungen, Absetzsyndrom, Agranulozytose, malignes neuroleptisches Syndrom
Olanzapin
5–20
Quetiapin
100–800
Risperidon
2–6
Ziprasidon
80–160
Typische Neuroleptika
Haloperidol
 
Hypotonie, Verlängerung des QT-Intervals, extrapyramidalmotorische Störungen, malignes neuroleptisches Syndrom
Antiepiletika
Carbamazepin
200–800
Agranulozytose, schwere Hautreaktionen, Leberfunktionsstörungen
Valproinsäure
300–2.100
Leberschädigung, Pankreasschädigung, Agranulozytose, Tremor
Lamotrigin
25–200
Nicht zur Akutbehandlung der Manie, Hautausschläge, Müdigkeit, Schwindel, Tremor
Leichtmetalle
Lithium
Initialdosis 400–900
Dosisanpassung nach Lithiumkonzentration im Serum. Therapeutische Wirksamkeit im Bereich 0,5–1,2 mmol/l, zur Prophylaxe sind 0,5–0,8 mmol/l ausreichend, 1,5 mmol/l dürfen nicht überschritten werden. Schilddrüsenstörungen, Tremor, Übelkeit, Gewichtssteigerung, hohe Toxizität bei Überdosierung
Bei Patienten mit demenzassoziierter Symptomatik wurden unter der Gabe von atypischen Neuroleptika eine erhöhte Mortalität und eine erhöhte Rate zerebrovaskulärer Ereignisse festgestellt.

Verlauf und Prognose

Schwere depressive Episoden in der Allgemeinbevölkerung haben zunächst eine günstige Prognose. Nach etwa 20 Wochen erfüllen 50 % der Patienten nicht mehr die diagnostischen Kriterien. Ein Teil der Patienten verbessert allerdings trotz Remission sein psychosoziales Funktionsniveau nicht. Etwa 20 % der depressiven Episoden nehmen einen chronischen Verlauf, d. h. dauern länger als 2 Jahre an. Negative prognostische Faktoren sind vor allem Komorbidität mit medizinischen oder psychischen Erkrankungen, soziale Isolation, geringe Partizipation.

Besondere Aspekte/Wechselwirkungen mit anderen Erkrankungen/Schwangerschaft

Depressive Störungen und Schwangerschaft

Etwa 50 % der Frauen mit einer Lebenszeitdiagnose einer unipolaren oder bipolaren depressiven Störung sind während der Schwangerschaft oder der postpartalen Periode symptomatisch (Yonkers et al. 2011). Psychopharmakotherapie während Schwangerschaft muss bezüglich des Nutzen-Risiko-Verhältnisses gut abgewogen werden. Die meisten Daten liegen für Serotoninwiederaufnahmehemmer und trizyklische Antidepressiva vor. Hier scheint das Risiko teratogener Effekte im niedrigen Bereich zu liegen, eine Ausnahme ist möglicherweise Paroxetin, das für die Anwendung in der Schwangerschaft nicht empfohlen ist. Das Risiko antimanischer Therapie liegt, soweit Daten vorhanden sind, im mittleren Bereich. Eine Präferenz für eine spezifische Medikation kann nur sehr bedingt ausgesprochen werde. Bestehende Therapien sollten, wenn angezeigt, fortgeführt werden. Etwa 80 % der Frauen, die eine prophylaktische Medikation bei bipolarer Störung in der Schwangerschaft absetzen, erleiden ein Rezidiv. Bei neu auftretenden manischen Phasen ist die Anwendung von Haloperidol möglicherweise mit dem niedrigsten Risiko verbunden.

Depression und Medikation bei medizinischen Erkrankungen

Depressive Episoden sind eine mögliche Nebenwirkung von folgenden Medikamentengruppen, insbesondere bei längerfristiger Einnahme: Antihypertensiva, Lipidsenker, Neuroleptika, sedierende Substanzen, Interferone, Steroide, Zytostatika, Antibiotika, Analgetika, Antiphlogistika. Im Einzelfall ist eine Güterabwägung zwischen der medizinischen Behandlung und der Belastung durch psychische Symptome zu treffen, oder der Wechsel auf eine weniger belastende Behandlungsstrategie zu diskutieren.

Depression und endokrinologische Erkrankungen

Hyperthyreose oder Hypothyreose (z. B. im Rahmen von Hashimoto Thyreoiditis, Morbus Basedow) (Hage und Azar 2012), Über- und Unterfunktion des Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Systems (Morbus Addison, Morbus Cushing), Wachstumshormonmangel oder Exzess (Akromegalie) erhöhen das Risiko inzidenter schwerer depressiver Episoden erheblich. Die erhöhte Vulnerabilität gegenüber Depression hält häufig auch nach erfolgreicher Korrektur der endokrinen Dysregulation an. Depression kann ein determinierender Faktor des Langzeitverlaufs endokriner Erkrankungen sein (Lambert et al. 2013).

Depression und kardiale Erkrankungen

Depressive Symptome sind das wichtigste psychologische Zielsymptom bei Therapie und Behandlung kardiologischer Erkrankungen. Prospektive Studien zeigen dass Depression ein unabhängiger Risikofaktor für die Entwicklung eines metabolischen Syndroms und inzidente kardiovaskuläre Ereignisse ist (Whooley und Wong 2013). Nach einem Myokardinfarkt oder einem Schlaganfall ist das Mortalitätsrisiko für Patienten mit einer komorbiden Depression erheblich höher. Eine aktuelle Metaanalyse zeigt kleine bis mittlere Effektstärken der Therapie depressiver Symptome sowohl bei verschiedenen psychiatrisch-psychotherapeutischen Behandlungsmethoden wie bei kardiovaskulärer Rehabilitation mit dem Schwerpunkt sportlicher Aktivität. Bezüglich der Reduktion der Mortalität ist die kardiovaskuläre Rehabilitation überlegen (Rutledge et al. 2013).

Depression und metabolische Erkrankungen

Patienten mit der Lebenszeitdiagnose einer Depression haben ein etwa 60 % erhöhtes Risiko neu an einem Diabetes mellitus Typ 2 zu erkranken (Mezuk et al. 2008). Im Querschnitt ist die Häufigkeit depressiver Störungen bei Patienten mit Diabetes mellitus Typ 2 und Typ 1 etwa verdoppelt. Sowohl psychotherapeutische wie psychopharmakologische Interventionen sind bei Patienten mit Depression und Diabetes gut wirksam.

Depression und pulmonale Erkrankungen

Asthma und chronisch obstruktive Lungenerkrankung sind im Querschnitt mit einem 2- bis 3fach erhöhtem Risiko einer Depression assoziiert (Hanania et al. 2011; Kuo et al. 2010). Sowohl psychotherapeutische wie psychopharmakologische Interventionen sind bei Patienten mit Depression und pulmonalen Erkrankungen gut wirksam.

Depression und onkologische Erkrankungen

Etwa 10 % Patienten mit einer onkologischen Erkrankung erkranken in den zwei Jahren nach der Diagnosestellung neu an einer schweren depressiven Erkrankung. Auch die Partner der Patienten haben ein erheblich erhöhtes Risiko (Nakaya et al. 2010). Depression hat einen Einfluss auf die Mortalität, nicht aber die Tumorprogression (Satin et al. 2009). Sowohl psychotherapeutische wie psychopharmakologische Interventionen sind bei Patienten mit Depression und onkologischen Erkrankungen gut wirksam.
Literatur
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