DGIM Innere Medizin
Autoren
Sacha Weilemann

Intoxikationen durch Drogen

Abgesehen von sozialen und somatischen Folgeerscheinungen des chronischen Drogenkonsums rückt im medizinischen Alltag zunehmend die Problematik der akuten Ingestion bzw. Intoxikation mit Drogen in den Vordergrund. Neben geändertem Konsumverhalten spielen dabei immer mehr neue Substanzen eine Rolle, deren Wirkmechanismus teilweise unerforscht ist. Die größte Bedeutung haben dabei Amphetaminderivate, synthetische Cathinone und synthetische Cannabinoide.

Einleitung

Der Drogenkonsum hat sich in den letzen Jahren stark gewandelt und altbekannte Drogen wie Haschisch, Heroin und Kokain treten mehr und mehr in den Hintergrund. Verantwortlich hierfür ist einmal ein geändertes Konsumverhalten und zum andern eine Fülle synthetisch oder halbsynthetisch hergestellter neuer Drogen. Damit ist auch eine akute Intoxikationsproblematik mehr in den Vordergrund gerückt, die zunehmend auch den klinischen Alltag prägt.
Das Bundeskriminalamt gibt in seinem regelmäßigen Rauschgiftjahresbericht eine eindrucksvolle Statistik hierzu. Danach stehen bei der Erfassung von Erstkonsumenten harter Drogen überwiegend die sog. Designerdrogen prozentual an vorderster Stelle und prägen das Konsumverhalten. Insbesondere die Amphetaminderivate ragen sowohl quantitativ als auch qualitativ heraus. Allgemein wird unter dem Begriff der Designerdrogen die Fülle der synthetischen und halbsynthetischen Drogen subsummiert, da sie oftmals unter wenig Aufwand hergestellt bzw. designt werden können. Damit ergeben sich zwei grundlegende Probleme:
  • Zum einen sind die hergestellten Substanzen, die sich in der Vermarktung als Droge eignen, wegen ihrer nicht „aktenkundigen“ Molekularstruktur nicht als illegal eingestuft oder erst mit teilweise langer Latenz.
  • Zum anderen – und das ist das medizinische Problem – sind Wirkung und insbesondere Nebenwirkung nur rudimentär bekannt oder die Nebenwirkungen werden erst nach und nach bekannt. Oft wenn es bereits zu schweren Zwischenfällen gekommen ist.
Für den Arzt ist es daher von zentraler Bedeutung, den modernen Drogenmarkt zu überschauen.
Hierzu dient die Übersicht, die sich auf die Systematisierung und die Wirkprofile konzentriert .Die Abhängigkeitsproblematik, Langzeitproblematik in somatischer wie auch sozialer Hinsicht kann im Rahmen dieser Zusammenstellung nur angedeutet werden.

Systematik

Droge ist nicht gleich Droge. Im Konsumverhalten spielen sehr unterschiedliche Muster eine Rolle. Vereinfacht gibt es zwei große Gruppen von Konsumenten:
  • Einmal die Gruppe der „User“, die sich absondern will, vergessen will, sich sedierend euphorisieren will.
  • Zum andern die Gruppe, die sich aufputschen will, ihre Grenzen ausloten will, sich aktivierend euphorisieren will.
Entsprechend ist die Wahl der Drogen, die in Abb. 1, Abb. 2 und Abb. 3 systematisiert dargestellt sind.
Die einzelnen Substanzen sind ihrer Wirkung natürlich unterschiedlich stark sedierend oder euphorisierend und insbesondere die teilweise halluzinogene Wirkung ist, auch in Abhängigkeit von der Dosis, mehr oder weniger ausgeprägt oder schwankend.

Einzeldarstellung der Drogen

Unter der jeweiligen Gruppenzuteilung sind nachfolgend die einzelnen Drogen dargestellt.

„Downers“

Cannabinoide (Haschisch,Marihuana)

Nach wie vor im Handel, jedoch mit rückläufiger Tendenz sind die Cannabinoide Haschisch und Marihuana.
Die somatischen Auswirkungen sind eher gering, jedoch wird teilweise heftig über Abhängigkeitspotential diskutiert und zahlreiche wissenschaftliche und auch nichtwissenschaftliche Publikationen sehen die Cannabinoide als Einstiegsdroge). Übersicht in Abb. 4.

Synthetische Cannabinoide („Kräutermischungen“)

Insbesondere unter akut-somatischen Gesichtspunkten wesentlich gefährlicher sind die „neuen“ synthetischen oder halbsynthetischen Cannabinoide, die unter dem Deckmantel der Kräutermischung vertrieben werden und in Shishas oder Bongs oder auf anderen Wegen inhaliert werden. Übersicht in Abb. 5.

GHB

Eine ganz besondere Bedeutung hat die γ-Hydroxybuttersäure – GHB, die irreführender Weise als „liquid ecstasy“ vertrieben wird, jedoch ein Downer ist.
Diese Droge wird neben Pentobarbital als „date rape drug“ eingesetzt. Umgangssprachlich werden diese Drogen als K.o.-Tropfen bezeichnet. Sie werden oft unbemerkt dem Opfer in ein Getränk gemischt, um es willenlos zu machen. Juristisch ergibt sich insbesondere bei GHB das Problem, dass diese Droge bereits nach kurzer Zeit nicht mehr im Organismus nachzuweisen ist. Übersicht in Abb. 6.

„Uppers“

Ausgangssubstanz für eine Fülle von Derivaten ist Amphetamin, das seit Jahrzehnten als aktivierend stimulierende Droge bekannt ist.
Ausgehend von der Muttersubstanz „Amphetamin“ wurden in den letzten Jahren viele Derivate „designed“ und in den Handel gebracht.
Abb. 7 vermittelt einen Eindruck über die mögliche Vielfalt. Die wichtigsten Verbindungen sind in Abb. 8, Abb. 9 und Abb. 12 gesondert dargestellt.

Amphetamin

Die Stammverbindung Amphetamin gehört zur Gruppe der Phenylethylamine und ist ein bekanntes Sympathomimetikum (Übersicht hierzu in Abb. 8).

Ecstasy

Das bekannteste Amphetaminderivat ist unter dem Namen Ecstasy seit vielen Jahren eine beliebte Rave und Diskodroge. Das nachfolgend dargestellte MDMA hat sich aufgrund seiner für den Konsumenten am besten passenden Kinetik (schneller Wirkeintritt – lange Wirkdauer) als das am weitest verbreiteten Derivat herauskristallisiert. Die wichtigsten Merkmale sind in Abb. 9 aufgeführt. Neben der stimulierenden Wirkung kommt es auch zu einer milden halluzinogenen Wirkung.
Der Wirkmechanismus von MDMA ist mittlerweile gut erforscht und auch die Langzeitwirkung ist bekannt. Der chronische Gebrauch kann zu nachweisbaren Hirnschäden führen. Auch der erstmalige Versuch kann unter Umständen zu fatalen Nebenwirkungen führen. Siehe hierzu Abb. 10.
Die häufigsten notfallrelevanten Probleme entstehen nicht durch direkt toxische Wirkung der Amphetaminderivate, sondern durch eine indirekte Folge des Konsums. Insbesondere im Zusammenhang mit Disco-Besuchen. Die Jugendlichen fühlen sich nach dem Konsum aufgeputscht und negieren ihre physischen Grenzen. Durstgefühl und auch Hungergefühl gehen verloren und es kommt zur massiven Exsikkose mit teilweise traumatischen Folgeerscheinungen. Der Begriff des Serotoninsyndroms entstammt der vermuteten Wirkweise von Amphetaminen und Amphetaminderivaten, die den Botenstoff Serotonin vermehrt zur Ausschüttung bringen. Die dadurch bedingten indirekten Auswirkungen werden unter dem Begriff „Serotoninsyndrom“ zusammengefasst und sind in Abb. 11 aufgeführt.

N-Methylamphetamin(„Crystal“, „Meth“)

In letzter Zeit hat ein Amphetaminderivat eine bemerkenswerte Renaissance erfahren, das schwerste Intoxikationen und Nebenwirkungen hervorruft. Es handelt sich um das N-Methylamphetamin.
Bereits in den 30er-Jahren unter dem Namen Pervitin™ im Handel, wurde es im 2. Weltkrieg als Angstlöser und Stimulans bei Soldaten eingesetzt. Es ist eines der gefährlichsten Derivate und kommt überwiegend aus osteuropäischen Ländern in den illegalen Handel. Bereits nach relativ kurzer Zeit kann es zu Psychosen und zur Abhängigkeit sowie zu Hautveränderung und Zahnausfall „Meth-Mund“ führen. Wirkung und Nebenwirkung ist in Abb. 12 zusammengefasst.

Synthetische Cathinone („Badesalze“)

Eine weitere Gruppe synthetischer Drogen, die als sog. „legal highs“-Eingang in den Drogenmarkt gefunden haben, sind die synthetischen Cathinone. Die pflanzliche Variante Catha edulis, oder kurz Kath oder Cat genannt, wird als Rauschmittel in Ländern wie Äthiopien oder Jemen verwendet und überwiegend gekaut.
Die synthetischen Cathinone haben im Vergleich zur biogenen Droge wesentlich mehr Nebenwirkungen und Gefahren, und es kommt teilweise zu schweren Vergiftungen. Das Suchtpotential ist außerordentlich hoch (Charakteristika der synthetischen Cathinone in Abb. 13).

Kokain

Der Gebrauch von Kokain ist seit vielen Jahren konstant und gilt insbesondere in Künstlerkreisen oft als Modedroge. Die Folgen des Kokainkonsums und insbesondere die Folgen und Nebenwirkungen der synthetischen oder halbsythetischen Variante Crack sind teilweise bereits bei Erstgebrauch oder Einmalgebrauch durch die starken sympathomimetischen Effekte zu erklären. Zu den Hauptmerkmalen von Kokain und Crack s. Abb. 14.
Für eine Kokainintoxikation gibt es spezielle Empfehlungen, die in Abb. 15 zusammengefasst sind.
Eine Arbeitsgruppe der amerikanischen Gesellschaft für Kardiologie hat sich darüber hinaus auch mit den nicht unbeträchtlichen Langzeiteffekten von Kokain auf das Herz beschäftigt. Erwiesenermaßen kann es hierbei zur Kardiomyopathie kommen.

Halluzinogene

Bei den Substanzen LSD und PCP treten die halluzinogene und psychogene Wirkung ganz in den Vordergrund und die somatischen Nebenwirkung sind weniger ausgeprägt. Dies trifft insbesondere für LSD zu. Bei PCP kommt es darüber hinaus auch zu sympathomimetischen Nebenwirkungen, diese treten quantitativ gegenüber der psychotischen Potenz jedoch in den Hintergrund. Die wichtigsten Charakteristika sind für LSD in Abb. 16 und für PCP in Abb. 17 zusammengefasst.

Biogene Drogen

Unter biogenen Drogen wird eine Vielzahl von Substanzen pflanzlichen Ursprungs zusammengefasst, die aktivierende und überwiegend halluzinogene Wirkung haben. Aufgrund sehr schwankender Wirkstoffgehalte und damit auch schwer abschätzbarer Drogenwirkung führt jedoch gerade der leichtfertige Konsum dieser Drogen immer wieder zu unerwarteten Wirkungen, Nebenwirkungen und sogar Intoxikationen. Sie werden als vermeintlich harmlose und sichere Biodrogen in ihrem Potential leicht unterschätzt. Hinzu kommt, dass diese Drogen pflanzlichen Ursprungs im Gegensatz zu Cannabis nicht dem Betäubungsmittelgesetz unterliegen, heimisch verbreitet und damit leicht zu beschaffen sind. Die wichtigsten Vertreter dieser Gruppe sind in Abb. 18 (Datura) und Abb. 19 („Magic mushrooms“) dargestellt.

Diagnostik

Die Diagnose einer Drogenintoxikation stützt sich zum einen auf die klinischen Symptome als Hinweis auf den Wirkstoff. Dies sind insbesondere:
Zum andern ist das Setting als Hinweis auf die Stoffgruppen von Bedeutung:
  • Fremdaussagen
  • Utensilien
  • Drogenreste
  • Diskoumgebung
  • Partyumgebung
Hilfreich sind sog. Drogensyndrome wie in Abb. 20 dargestellt. Eine ganz wichtige Rolle bei der Diagnostik einer möglichen Drogenwirkung spielt die Pupillengröße als Hinweis auf die Wirkstoffgruppe.

Therapie

  • Die Therapie ist überwiegend symptomatisch.
  • Primäre oder sekundäre Gifteliminationsmaßnahmen sind nicht indiziert.
  • Für einige wenige Drogen ist eine Antidot-Therapie möglich bzw. sinnvoll.
  • Bei Opiaten und Opioiden steht Naloxon zur Verfügung.
  • Bei einem anticholinergen Syndrom ist Physostigmin Mittel der Wahl.
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http://​www.​emcdda.​europa.​eu/​edr 2013. Zugegriffen im März 2014