DGIM Innere Medizin
Autoren
Andreas Fritsche

Metabolisches Syndrom, Definition und Diagnostik

Das metabolische Syndrom fasst einige miteinander assoziierte klinische Merkmale und Eigenschaften zusammen, die mit einem erhöhten Risiko für Herzkreislauferkrankungen assoziiert sind. Je nach Expertengremium liegt der Schwerpunkt der Definition auf der Glukosestoffwechsellage und der Insulinresistenz oder der abdominalen Adipositas. Es wird in der klinischen Routine selten als formale Diagnose gestellt, und das Konzept wird überwiegend nicht in nationale und internationale Leitlinien für kardiovaskuläre Erkrankungen oder Diabetes mellitus übernommen. Das metabolische Syndrom ist ein didaktisches Mittel, um Zusammenhänge von kardiovaskulären Risikomerkmalen zu beschreiben und sollte eher als prämorbider Risikozustand gesehen werden, bei dem Präventionsmaßnahmen ergriffen werden sollten. Die Diagnostik des metabolischen Syndroms besteht aus der Bestimmung des Körpergewichts, und der Messung des Blutdruckes und des Taillenumfangs sowie einiger Laborparameter.

Einführung und Definition

Das metabolische Syndrom fasst einige miteinander assoziierte klinische Merkmale und Eigenschaften zusammen, die mit einem erhöhten Risiko für Herzkreislauferkrankungen assoziiert sind. Über die Jahre haben sich mehrere Definitionen unterschiedlicher Expertengremien herausgebildet, die unterschiedliche Merkmale und Eigenschaften für diese Definition benützen. Sie sind in Tab. 1 zusammengefasst. Historisch betrachtet sind schon vor Jahrzehnten die Zusammenhänge zwischen Bluthochdruck, Glukose- und Lipidstoffwechsel und Arteriosklerose zu einem Syndrom zusammengefasst worden. In Deutschland wurde in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts durch Dresdner Ärzte der Begriff metabolisches Syndrom geprägt (Hanefeld et al. 2007). 1988 wurde durch G. Reaven die Insulinresistenz als pathogenetische Klammer postuliert und der Name Syndrom X geprägt (Reaven 1988). Nebenbei sind auch Namen wie „Reaven Syndrome“, „Insulin Resistance Syndrome“, „Pluri-“ oder „Dysmetabolic Syndrome“, „Cardiometabolic Syndrome“ oder „Deadly Quartet“ gebräuchlich. Dies alleine zeigt schon, dass hier eine erhebliche Unschärfe in der Definition vorliegt. Die in Tab. 1 aufgeführte Definition nach World Health Organisation (1999) orientiert sich an der Glukosestoffwechsellage und der Insulinresistenz, ganz in der Tradition von Reaven. Die Definition des National Cholesterol Education Program Adult Treatment Panel III (NCEP ATP III) (Expert Panel on Detection, Evaluation, und Treatment of High Blood Cholesterol in Adults 2001) wertet alle Kriterien gleich, während die Definition der International Diabetes Federation (IDF) (Alberti et al. 2005) nun die abdominale Adipositas als zentrales definierendes Element im Vordergrund stellt. Diese abdominale Adipositas wird aber heute weit differenzierter gesehen und in benigne und maligne Adipositas eingeteilt. Letztere geht vor allem mit einer Fettleber einher (Stefan et al. 2008), welche somit zur erweiterten Definition gehören würde. Die Definition des metabolischen Syndroms ist also weiter im Fluss, weitere Harmonisierungsbemühungen werden immer noch unternommen (Alberti et al. 2009).
Tab. 1
Definitionen des metabolischen Syndroms nach verschiedenen Organisationen (World Health Organization 1999; Expert Panel on Detection, Evaluation, und Treatment of High Blood Cholesterol in Adults 2001; Alberti et al. 2005)
 
WHO (1999)
NCEP ATP III (2002)
IDF (2005)
Kriterien
A und ≥2 Kriterien B bis F
≥3 Kriterien A bis E
B und ≥2 Kriterien A, C, D, E
A: Glukosestoffwechsel
IFG, IGT oder Diabetes oder Insulinresistenz1 (bei NGT)
Nüchternblutzucker
>6,1 mmol/l (>110 mg/dl)
Nüchternblutzucker
>6,1 mmol/l (>110 mg/dl)
B: Abdominale Adipositas
BMI >30 kg/m2 und/oder Taillen-Hüft-Quotient >0,90 (Männer) bzw. >0,85 (Frauen)
Taillenumfang >102 cm (Männer) bzw. >88 cm (Frauen)
Taillenumfang, spezifisch für Ethnien
≥140/90 mmHg
≥130/85 mmHg oder mit Therapie
≥130/85 mmHg oder mit Therapie
D: Triglyceride
≥1,7 mmol/l 150 mg/dl)
und/oder
Männer: <0,9 mmol/l (<35 mg/dl)
Frauen: <1 mmol/l (<39 mg/dl)
≥1,7 mmol/l (150 mg/dl)
≥1,7 mmol/l (150 mg/dl)
E: HDL-Cholesterin
Männer: <1,03 mmol/l (<40 mg/dl)
Frauen: <1,29 mmol/l (<50 mg/dl)
Männer: <1,0 mmol/l (<40 mg/dl)
Frauen: <1,3 mmol/l (<50 mg/dl)
F: Mikroalbuminurie
≥20 μg/min
  
BMI Body Mass Index, IDF International Diabetes Federation, IFG „impaired fasting glucose“, IGT „impaired glucose tolerance“, NCEP ATP III National Cholesterol Education Program Adult Treatment Panel III, NGT „normal glucose tolerance“, WHO World Health Organization
1 Definiert als oberste Quartile des HOMA-Index (Insulin [nüchtern, μU/ml] × Blutzucker [nüchtern, mg/dl]/405)
Das metabolische Syndrom sollte eher als ein didaktisches Konzept angesehen werden, um Zusammenhänge zwischen miteinander assoziierten klinischen Merkmalen/Symptomen und Folgeerkrankungen des Herzkreislaufsystems zu beschreiben. Eine Diagnose, die im Arztbrief Niederschlag findet, sollte das metabolische Syndrom nicht sein. Eine Subsummierung von Krankheiten wie beispielsweise die des Diabetes mellitus Typ 2 in ein Syndrom einzig vom Blickwinkel der kardiovaskulären Folgen blendet alle anderen Aspekte dieser Erkrankung aus und „degradiert“ diese Erkrankung zu einem bloßen Risikofaktor. In der klinischen Praxis hat die Benennung der einzelnen Erkrankung Vorzug vor der Subsummierung unter ein Syndrom.

Pathophysiologie

Es sind zahlreiche Übersichtsartikel über die Pathophysiologie des metabolischen Syndroms geschrieben worden, eine allgemein anerkannte Pathophysiologie gibt es nicht. Eine attraktive Erklärung ist die Insulinresistenz als zugrunde liegender pathophysiologischer Mechanismus des metabolischen Syndroms. Hier muss aber bedacht werden, dass die Insulinresistenz unterschiedlich in verschiedenen Geweben (Leber, Muskel, Fettgewebe, Gehirn) ausgeprägt sein kann. Ferner gibt es beispielsweise schlanke Menschen, die insulinresistent sind und nicht unter das metabolische Syndrom nach IDF-Definition fallen würden.
Viel wichtiger als die Suche nach der gemeinsamen Pathogenese des metabolischen Syndroms erscheint die Beschreibung der gemeinsamen Folgen dieses Syndroms. Hier werden die NCD, die „non communicabel diseases“ (nicht ansteckende Krankheiten), wichtig. Hierunter zählen der Typ 2 Diabetes mellitus, Krebserkrankungen, Herzkreislauferkrankungen und nicht infektiöse Atemwegserkrankungen. Diese Erkrankungen sind für 86 % aller Todesfälle in den westlichen Staaten verantwortlich, wie der Bericht über den UN-Gipfel zu den nicht übertragbaren Krankheiten 2011 in New York festgehalten hat. Neben Rauchen und übermäßigem Alkoholgenuss kann das metabolische Syndrom für einen Großteil dieser NCD verantwortlich gemacht werden.

Epidemiologie

Die Häufigkeit des metabolischen Syndroms ist schwer abzuschätzen, alleine schon wegen der Unschärfe der Definition. In einer Publikation aus dem Jahr 2010 werden anhand von Zahlen aus dem Jahr 2005 mit den Definitionen aus Tab. 1 eine Prävalenz bei erwachsenen US-Amerikanern von 35–40 % geschätzt (Alberti et al. 2009). Bei der bestehenden Adipositas- und Diabetesepidemie kann man wohl berechtigt annehmen, dass jeder zweite Erwachsene in mittlerem Alter das metabolische Syndrom in der einen oder anderen Form hat.

Diagnostik

Die Diagnostik des metabolischen Syndroms besteht aus der Bestimmung des Körpergewichts und des Body-Mass-Indexes (BMI) und der Messung des Taillenumfangs. Ferner muss der Blutdruck gemessen werden. Zudem sollten nüchtern Triglyceride, HDL-Cholesterin und Plasmaglukose bestimmt werden. Ergänzende Untersuchungen können Lebersonographie (Fragestellung Steatosis hepatis) und oraler Glukosetoleranztest (OGTT) mit Glukose und Insulinbestimmung sein. Letztere sind aber nicht erforderlich, um die Diagnose anhand der Kriterien aus Tab. 1 zu stellen. Die Bestimmung der Mikroalbuminurie ist bei Diabetes mellitus wichtig, gehört aber nicht mehr zum metabolischen Syndrom.

Zusammenfassung

Das metabolische Syndrom wird gelegentlich als Mythos bezeichnet (Gale 2005), was impliziert, dass es nicht existiert. Dies ist sicherlich übertrieben, aber es ist festzuhalten, dass das metabolische Syndrom in der klinischen Routine selten als formale Diagnose gestellt und das Konzept überwiegend nicht in nationale und internationale Leitlinien für kardiovaskuläre Erkrankungen oder Diabetes mellitus übernommen wird. Das metabolische Syndrom ist also am ehesten ein didaktisches Mittel, um Zusammenhänge von kardiovaskulären Risikomerkmalen zu beschreiben. Es sollte daher nicht als Krankheitsdiagnose angesehen werden und hat wohl wenig Sinn als diagnostische Einheit und Hilfsmittel zur besseren Behandlung von manifesten Krankheiten. Es sollte eher als prämorbider Risikozustand gesehen werden, bei dem Präventionsmaßnahmen ergriffen werden sollten. Somit fallen Menschen mit schon manifestem Typ 2 Diabetes mellitus oder manifester koronaren Herzerkrankung formal nicht mehr unter das metabolische Syndrom, sie haben bereits eine „richtige“ Diagnose, die die Komponenten des metabolischen Syndroms bereits inkludiert.
Literatur
Alberti KG, Zimmet P, Shaw J, IDF Epidemiology Task Force Consensus Group (2005) The metabolic syndrome – a new worldwide definition. Lancet 366(9491):1059–1062PubMedCrossRef
Alberti KG, Eckel RH, Grundy SM, Zimmet PZ, Cleeman JI, Donato KA, Fruchart JC, James WP, Loria CM, Smith SC Jr, International Diabetes Federation Task Force on Epidemiology and Prevention, Hational Heart, Lung, and Blood Institute, American Heart Association, World Heart Federation, International Atherosclerosis Society, International Association for the Study of Obesity (2009) Harmonizing the metabolic syndrome: a joint interim statement of the International Diabetes Federation Task Force on Epidemiology and Prevention; National Heart, Lung, and Blood Institute; American Heart Association; World Heart Federation; International Atherosclerosis Society; and International Association for the Study of Obesity. Circulation 120(16):1640–1645PubMedCrossRef
Expert Panel on Detection, Evaluation, and Treatment of High Blood Cholesterol in Adults (2001) Executive summary of the third report of the National Cholesterol Education Program (NCEP) Expert Panel on Detection, Evaluation, and Treatment of High Blood Cholesterol in Adults (Adult Treatment Panel III). JAMA 285(19):2486–2497CrossRef
Gale EA (2005) The myth of the metabolic syndrome. Diabetologia 48(9):1679–1683PubMedCrossRef
Hanefeld M, Schaper F, Ceriello A (2007) History and definition(s) of metabolic syndrome. Internist (Berl) 48(2):117–125CrossRef
Reaven GM (1988) Banting lecture 1988. Role of insulin resistance in human disease. Diabetes 37(12):1595–1607PubMedCrossRef
Stefan N, Kantartzis K, Machann J, Schick F, Thamer C, Rittig K, Balletshofer B, Machicao F, Fritsche A, Häring HU (2008) Identification and characterization of metabolically benign obesity in humans. Arch Intern Med 168(15):1609–1616PubMedCrossRef
World Health Organization (1999) Part 1: definition, diagnosis, and classification of diabetes mellitus and its complications: report of a WHO consultation. World Health Organization, Geneva, S 1–59