Die Intensivmedizin
Autoren
Gernot Marx und Robert Deisz

Telemedizin in der Intensivmedizin

In der Intensivmedizin werden aufgrund von steigender Lebenserwartung und neuen, oft speziellen Behandlungsoptionen ein zunehmender Kapazitätsbedarf sowie ein Ungleichgewicht zwischen Angebot an hochqualifizierten Intensivmedizinern und deren Verfügbarkeit prognostiziert. Durch eine zurückgehende Anzahl von Ärzten in der Intensivmedizin sowie eine ebenfalls sinkende Zahl an Absolventen medizinischer Hochschulen ist abzusehen, dass es zukünftig zu einem Versorgungsengpass im intensivmedizinischen Bereich kommen wird. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit der Etablierung innovativer Versorgungskonzepte, um den Engpass zu verhindern und die medizinische Versorgung weiterhin zu gewährleisten.

Einleitung

Telemedizin birgt das Potenzial, diese oben genannte Situation positiv zu beeinflussen, da im Bereich der Intensivmedizin die universitär exzellente intensivmedizinische Expertise in die Fläche gebracht werden kann und somit ein unterstützender Faktor für kleinere Intensiveinheiten entsteht. Dadurch steigen die Erfolgschancen im weiteren Verlauf der Behandlung, und es können mehr Leben gerettet werden. Dieser Sachverhalt wurde bereits von den Kostenträgern erkannt, wodurch eine weitere positive Entwicklung im Bereich der Telemedizin und deren Vergütung festgestellt werden kann.
In diesem Kapitel wird der Begriff der Telemedizin erläutert sowie deren Wirkungsweise und relevante Ergebnisse im Zusammenhang mit telemedizinischen Interventionen aufgezeigt.

Definition und Begriffsabgrenzung

Der Begriff Telemedizin ist nicht einheitlich definiert, allen Definitionen gemein ist jedoch, dass in der Telemedizin Telekommunikationstechnologien benutzt werden, um medizinische Dienstleistungen unabhängig von räumlichen oder zeitlichen Gegebenheiten von Anbieter und Empfänger zu erbringen. Eine sehr umfassende Definition besagt, dass Telemedizin Gebrauch von elektronischer Informations- und Kommunikationstechnologie macht, um Gesundheitsdienstleistungen anzubieten oder zu unterstützen, wenn Entfernungen die Teilnehmer trennen. In einer präzisierten oder engeren Auslegung bezieht sich diese Aussage auf medizinische Anwendungen, die interaktive Videoübertragungstechniken speziell für die Konsultation von Fachleuten benutzen (Field und Grigsby 2002). Die verwandten Begriffe „teleHealth“ und „eHealth“ beschreiben einen breiteren Anwendungsbereich, umfassen aber keine aktive Behandlungskomponente.
Eine Differenzierung telemedizinscher Leistungen und Dienste kann in verschiedener Hinsicht erfolgen:
  • in zeitlicher Hinsicht,
  • in personeller Hinsicht und
  • in strukturell-organisatorischer Hinsicht.
In der Dimension Zeit lassen sich asynchrone telemedizinische Dienstleistungen, bei denen eine zeitliche Diskrepanz zwischen Datenentstehung und Leistungserbringung besteht, von synchronen telemedizinischen Anwendungen, bei denen gewissermaßen in Echtzeit Dienstleistungen erbracht werden, unterscheiden. Die personelle Differenzierung lässt anhand der Anwenderkonstellationen im Wesentlichen 2 Konzepte unterscheiden: Zum Einen die Anwendung und Kommunikation unter Ärzten, z. B. Facharztkonsultationen, abgekürzt als D2D („doc-to-doc“), und zum Anderen die Kommunikation zwischen Patienten und Ärzten, welche als P2D („patient-to-doc“) abgekürzt wird. In strukturell-organisatorischer Hinsicht lassen sich stark zentralisierte Systeme (wie z. B. Hub-and-spoke-Strukturen) von in organisatorischer Hinsicht identischen Teilnehmern abgrenzen (Abb. 1).

Entwicklung

Gemäß der oben genannten Definition fand die erste telemedizinische Anwendung im Labor von Einthoven statt, der im Jahre 1905 EKG-Signale aus dem Krankenhaus über eine Telefonleitung in sein Labor übertrug (Einthoven 1906; Gruska 2009). Erste erfolgreiche Versuche einer tele-radiologischen Anwendung fanden durch Jutras im Bereich der Radiologie 1959 statt (Jutras und Duckett 1957; Jutras 1959a, b). Mit zunehmender technischer Weiterentwicklung der Telekommunikationstechnologie konnte auch eine erhebliche Beschleunigung der telemedizinischen Evolution verzeichnet werden. Dieser Fortschritt hat zu einer deutlichen Reduktion der Kosten von Audio-Video-Konferenzen geführt.

Anwendungsgebiete der Telemedizin

Die Anwendungsbereiche der Telemedizin sind vielfältig und umfassen mehrere medizinische Fachrichtungen. Der Bereich der Kardiologie hat, wie oben beschrieben, früh Pionierarbeit geleistet, welche positiv auf andere Fachrichtungen gewirkt hat. Andere Fachrichtungen, die aktiv telemedizinische Interventionen nutzen, sind beispielsweise Neurologie, Radiologie oder Dermatologie, um nur einige zu nennen (EU 2008). Des Weiteren findet Telemedizin Verwendung in der Notfallmedizin, der Telechirurgie oder in der Aus- und Fortbildung, was als „tele-teaching“ bekannt wurde.
Der Bereich des „tele-teaching“ ist dabei nicht völlig neu, da dieses Konzept auch in weitläufigen Regionen angewandt wird, um dort ansässigen Menschen die Möglichkeit von Schulunterricht und -bildung zu ermöglichen. In Australien gibt es beispielsweise vier „Teleschulen“, in der Kinder von 4–12 Jahren ihren Grundschulunterricht besuchen (Alice Springs School of the Air).
Darüber hinaus wird das Potenzial von Telemedizin auch in der Pflege erkannt, was durch eine große Anzahl verschiedener Forschungsprojekte deutlich wird (Telemedicine und Personalized Care).

Telemedizin in der Intensivmedizin

Telemedizin ist beispielsweise imstande, auch in Zukunft eine qualitativ hochwertige intensivmedizinische Versorgung in Wohnortnähe der Patienten und Angehörigen sicherzustellen (EU 2008; Merkel 2012). Besonders kleinere Intensiveinheiten könnten, durch Anschluss an ein Zentrum mit hoher Falldichte, von einer flächendeckenden Einführung der Telematik in der Intensivmedizin profitieren.
Die bereits erwähnte Strukturschwäche peripherer Regionen wird auch Einfluss auf die Rekrutierung von Fachkräften für die Intensivmedizin haben. Versorgungsengpässe, die ein gleichbleibend hohes Versorgungsniveau erschweren, können durch eine tele-intensivmedizinische Intervention wirksam ausgeglichen werden.
Durch telemedizinische Techniken könnten Krankenhäuser durch ein Telemedizinzentrum unterstützt werden oder sich untereinander zu virtuellen Einheiten, mit höheren Fallzahlen, zusammenschließen. Darüber hinaus könnten diese Krankenhäuser durch eine Kooperation mit Universitätskliniken von der vorhandenen Expertise für seltene Krankheitsbilder profitieren.
Zusammengefasst sind die positiven Effekte der Telemedizin in der Übersicht. Diese Punkte werden im Folgenden eingehender beschrieben.
Positive Effekte der Telemedizin
  • Senkung der Mortalität
  • Senkung der Morbidität
  • Senkung der Liegezeiten
  • Senkung der Anzahl an Wiederaufnahmen
  • Verbesserung von Diagnose und Therapie durch interdisziplinären Austausch
  • Steigerung der Lebensqualität
  • Sicherung intensivmedizinischer Expertise in der Fläche
  • Kostensenkung

Wirkungsweise telemedizinischer Interventionen im Bereich der Intensivmedizin

Typische tele-intensivmedizinische Angebote bestehen aus einer Kombination unterschiedlicher Technologien wie z. B. Audio-Video-Konferenzsysteme, kontinuierliche Übertragung von Vitaldaten, Informationsaustausch durch elektronische Dokumentationssysteme und elektronische Patientenakten bis hin zu automatisch generierten Alarmen. Standardisierte Behandlungsabläufe und konsequente Umsetzung effektiver Präventionsmaßnahmen (z. B. Ulkusprophylaxe oder Prophylaxe ventilatorassoziierter Pneumonien) tragen sicher auch zu den günstigen Ergebnissen bei (Abb. 2).
Wie in Abb. 2 zu sehen ist, steigt der Prozentsatz für kardiovaskuläre Protektion von 80 % auf 99 % und der Prozentsatz für eine effektive Prävention einer Pneumonie von 33 % auf 52 % (Lilly et al. 2011). Des Weiteren kann konstatiert werden, dass der Langzeitnutzen von Telemedizin dazu führt, dass mehr Patienten (53,4 % vs. 45,9 %) nach Hause entlassen werden und weniger (17,6 % vs. 23,8 %) in eine Rehabilitationseinrichtung oder ein Pflegeheim überwiesen werden (Abb. 3).
Welche Komponenten tele-intensivmedizinscher Interventionen zu diesen Ergebnissen beitragen, ist unklar (Kahn et al. 2011). Die höhere Verfügbarkeit von spezialisierten Intensivmedizinern, wie sie bereits seit Langem für die klassische Behandlungssituation mit Intensivmedizinern vor Ort belegt ist, trägt vermutlich entscheidend zu den verbesserten Behandlungserfolgen bei. Jedoch sind signifikante Verbesserungen auch durch zusätzlichen Einsatz tele-intensivmedizinscher Technologien bei sog. geschlossenen Intensivstationen nachweisbar (McCambridge et al. 2010).
Ein weiterer Erfolgsfaktor könnte die Teilhabe an der Erfahrung aufgrund höherer Fallzahlen sein. Im konventionellen intensivmedizinischen Behandlungsumfeld wurden Größe und Fallvolumen überzeugend als erfolgsentscheidende Determinanten identifiziert (Kahn et al. 2006; Peelen et al. 2007; Kanhere et al. 2012).

Ergebnisse der Tele-Intensivmedizin

Klinische Ergebnisse

In den USA konnte nicht nur in erfolgreichen Pilotprojekten, sondern auch im Routinebetrieb gezeigt werden, dass Telemedizin auf Intensivstationen positive Effekte haben kann. Interessanterweise gilt dies nicht nur für kleine Intensiveinheiten oder entlegene Krankenhäuser, sondern lässt sich auch in Intensiveinheiten mit mehr als 10 Betten sowie in größeren Krankenhäusern und universitären Einrichtungen reproduzieren (Lilly et al. 2011). Bei mehr als 7.000 Patienten eines Tele-Intensivmedizinprogramms konnte gezeigt werden, dass durch diese Intervention eine Reduktion der Mortalität stattfindet, was ebenfalls durch andere Studien untermauert werden konnte.
Wie in Abb. 4 dargestellt, konnte laut McCambridge et al. (2010) eine Verringerung der Mortalität auf der Intensivstation von 15,8 % in der Kontrollgruppe um 4,3 % auf 11,5 % in der Interventionsgruppe beobachtet werden. Weiterhin wurde in diesem Prä-post-Vergleich einer tele-intensivmedizinischen Intervention an rund 950 Patienten gezeigt, dass sowohl die Rohmortalität (von 21,4 % auf 14,7 %) wie auch die risikoadjustierte Mortalität (um 29,5 % im Vergleich zur Kontrollgruppe) signifikant gesenkt werden konnte (McCambridge et al. 2010).
In der Studie von Lilly et al. (2011) wird ebenfalls die Feststellung gemacht, dass die Reduktion der Sterblichkeit von 10,7 % in der Kontrollgruppe auf 8,6 % in der Interventionsgruppe signifikant ist und einen positiven Effekt von Telemedizin in der Intensivmedizin darstellt. Zawada et al. (2009) fanden ähnliche Ergebnisse (Verringerung der Mortalität von 9,6 % in der Kontrollgruppe auf 5,9 % in der Interventionsgruppe), die zeigen, dass eine effektive Verringerung der Sterblichkeit auf Intensivstationen durch Telemedizin möglich gemacht werden kann.
Ebenfalls konnte eine Verkürzung der Verweildauer auf der Intensivstation erreicht werden. Die Verweildauer konnte hierbei von im Durchschnitt 6,4 Tagen ohne telemedizinische Intervention auf durchschnittlich 4,5 Tage in der Patientengruppe, die durch Telemedizin betreut wurde, gesenkt werden. Diese signifikante Verringerung zeigt einen positiven Effekt einer zusätzlichen telemedizinischen Überwachung, welche nicht nur auf der Intensivstation zu beobachten ist, sondern ebenfalls für den Gesamtaufenthalt im Krankenhaus gilt. Hier konnte festgestellt werden, dass die Aufenthaltsdauer von im Durchschnitt 13,3 Tagen auf 9,8 Tage signifikant verkürzt werden konnte.
Ein weiterer positiver Effekt, der im Zuge einer Studie festgestellt werden konnte, ist die Verringerung der Morbidität aufgrund des zusätzlichen Einsatzes der Telemedizin (Zawada et al. 2009). In Abb. 5 wird gezeigt, dass die Morbidität einer Pneumonie bei zusätzlicher telemedizinischer Beobachtung von 13 % auf 1,6 % deutlich reduziert werden konnte. Das Auftreten einer Sepsis konnte von 1 % auf 0,6 % verringert werden.
Persönlich wie sozialmedizinisch von besonderer Bedeutung ist die Tatsache, dass weniger Patienten der Interventionsgruppe nach dem Krankenhausaufenthalt auf eine Langzeitpflege, fremde Hilfe oder einen Aufenthalt in Pflegeheimen angewiesen waren (Abb. 3; Lilly et al. 2011). Dies betrifft eine Steigerung von 7,5 % (von 45,9 % auf 53,4 %) der Anzahl an Patienten, die im Anschluss an die telemedizinische Zusatzbehandlung im Krankenhaus nach Hause entlassen wurden. Die Reduktion der Patientenanzahl, die in eine Rehabilitationseinrichtung oder ein Langzeitpflegezentrum überstellt wurden, beträgt 6,2 % (von 23,8 % auf 17,6 %). Dieser Sachverhalt macht deutlich, dass der zusätzliche Einsatz von telemedizinischen Interventionen einen positiven Effekt auf den Gesundheitszustand des Patienten hat. Eine Steigerung der Lebensqualität ist die Folge, da die Patienten länger und selbststständiger in ihrem eigenen Zuhause verweilen können, ohne dabei auf permanente Pflege oder Betreuung angewiesen zu sein (Lilly et al. 2011).
In der Interventionsgruppe war eine Beatmung seltener als in der Kontrollgruppe notwendig. Nur 31 % der Patienten wurde künstlich beatmet, im Vergleich zu 37 % in der Kontrollgruppe. Hier kann ebenfalls von einer signifikanten Reduktion gesprochen werden. Darüber hinaus wurde im Fall einer nötigen Beatmung festgestellt, dass diese in der Interventionsgruppe kürzer stattfindet als in der Kontrollgruppe. Im Schnitt wurde in der Interventionsgruppe die Beatmung über 5,7 Tage benötigt, wohingegen sie in der nicht telemedizinisch betreuten Gruppe nach 8,5 Tagen überflüssig wurde (Lilly et al. 2011). Die Unterschiede erklären sich nach Ansicht der Autoren z. B. dadurch, dass in der Interventionsgruppe 24 h am Tag, im Gegensatz zu einer 16-stündigen Präsenz und einem zusätzlichen Rufdienst, ein qualifizierter Intensivmediziner für die Behandlung der Patienten verfügbar war.
Telemedizin kann eine Reduktion von Morbidität, Mortalität, Beatmungsdauer und Krankenhausverweildauer möglich machen.
Eine generelle Übertragbarkeit dieser positiven Ergebnisse auf alle tele-intensivmedizinischen Kooperationsmodelle kann derzeit nicht belegt werden, denn die Qualitätssteigerung und gemessene Verbesserung ist sicher von den Basischarakteristiken der teilnehmenden Kliniken abhängig. Aufgrund der günstigen Ergebnisse von Studien mit großen Fallzahlen ist jedoch anzunehmen, dass bei großen Fallzahlen positive Effekte überwiegen; wenngleich es Einrichtung geben mag, die aufgrund einer sehr günstigen Ausgangslage wenig von Tele-Intensivmedizin profitieren (Wilcox und Adhikari 2012). Angepasste Versorgungskonzepte, wie z. B. eine Abdeckung von Spitzenauslastung und/oder Wochenenden oder Nachtschichten, könnten auch für diese Institutionen weitere Vorteile bringen.

Ökonomische Ergebnisse

Aus Europa und Deutschland liegen derzeit keine belastbaren Zahlen zu den ökonomischen Ergebnissen einer tele-intensivmedizinischen Versorgung vor. Erkenntnisse aus Pilotstudien in den Vereinigten Staaten von Amerika sind nur bedingt übertragbar, da eine andere Gehaltsstruktur und ein unterschiedliches Vergütungssystem medizinischer Leistungen bestehen. Einige Studien konnten eine Reduktion der variablen Behandlungskosten von 1000–4000 $ pro Patient aufzeigen (Kumar et al. 2013). Valide Zahlen, die eine Übertragung auf Vergütung und Erlöse in Europa zulassen, existieren derzeit nicht.
Es wird jedoch weiterhin angenommen, dass die Einführung von tele-intensivmedizinischen Interventionen die Kosten auf Intensivstationen senken würde und somit einen positiven ökonomischen Effekt auf das gesamte Gesundheitssystem ausüben könnte. Einige Effekte telemedizinscher Interventionen können dabei nur schwer in monetären Größen ausgedrückt werden, wie z. B. eine bessere Lebensqualität der Patienten, verbunden mit weniger Krankheitstagen und Rückfällen (EU 2008).

Weitere Faktoren

Eine Reihe von Publikationen untersuchte die Personalzufriedenheit und Akzeptanz von Tele-Intensivmedizin bei ärztlichem und pflegerischem Personal unterschiedlicher Intensivstationen. Selbst in personell gut ausgestatteten Intensivstationen war eine hohe Akzeptanz einer Tele-Intensivstation zu verzeichnen (Young et al. 2011; Romig et al. 2012). Dabei spielen die Einfachheit der Bedienung und der wahrgenommene Nutzen für den Anwender eine erhebliche Rolle und tragen entscheidend zum nachhaltigen Gebrauch der Telemedizin-Intervention bei (NHS Institute for Innovation and Improvement 2012).
Ein weiterer entscheidender Faktor für eine erfolgreiche Nutzung und positive Wahrnehmung von Telemedizin im klinischen Alltag ist in der technischen Komponente zu finden. Die eingeführten telemedizinischen Applikationen sollten sich im Idealfall einheitlich in das bereits bestehende Krankenhausinformationssystem einfügen und keine zusätzlichen Schnittstellen verursachen (DeNardis 2011).

Notwendigkeit und Nutzen von Tele-Intensivmedizin

Die absehbar weiter steigende Lebenserwartung, insbesondere von Patienten jenseits des 70. Lebensjahres (Statistisches Bundesamt 2009), wird aufgrund der zunehmenden Komorbidität in dieser Altersgruppe konsequenterweise auch zu einem steigenden Bedarf an intensivmedizinischer Behandlungskapazität führen.
Diesem Anstieg der Nachfrage steht eine sinkende Anzahl an Ärzten und Absolventen medizinischer Fakultäten gegenüber. In der Folge entsteht ein Ungleichgewicht zwischen dem Bedarf und dem Angebot der „Ressource Intensivmediziner“.
Dieses Ungleichgewicht wird sich voraussichtlich zuerst in strukturschwachen Regionen, in denen bereits jetzt ein gewisser Ärztemangel besteht, manifestieren (Kassenärztliche Bundesvereinigung KBV; sowie Stüwe 2011).

Erfolgsfaktoren telemedizinischer Konzepte

Derzeit sind noch nicht alle Erfolgsfaktoren telemedizinischer Projekte vollständig beschrieben. Dies liegt auch an der Diversität telemedizinischer Dienstleistungen. Man kann verschiedene Beziehungen zwischen Leistungserbringer und Leistungsempfänger unterscheiden. Wie zuvor bereits beschrieben können sog. Doc-to-doc- (D2D-) Beziehungen und Doc-to-patient- (D2P-) Konstellationen unterschieden werden.

Allgemein

Ein wichtiger Erfolgsfaktor telemedizinischer Dienstleistungen ist, dass durch Telemedizin eine fachlich bessere Versorgung ermöglicht wird, die zu einer Kostenreduktion führen kann (Gemünden et al. 2002).
Dabei bleibt festzustellen, dass die telemedizinische Dienstleistung als Zusatz zur klassischen Intensivmedizin gesehen werden sollte und nicht als Ersatz, da bessere Ergebnisse v. a. durch eine Kombination aus beiden Therapieansätzen entstehen.

Im Bereich Intensivmedizin

In der D2D-Konstellation sind grundsätzlich 2 Tätigkeitsfelder zu beschreiben. Zum Einen die Tele-Konsultation (Abb. 6) und zum Anderen die Tele-Ausbildung. Die Tele-Dokumentation gemeinsamer Befunde, Behandlungs- und Beratungsinhalte nimmt eine Schnittstellenposition ein.
Dabei besteht eine wechselseitige Nutzenbeziehung. Zentren oder auch private Dienstleister können mit dem Angebot telemedizinischer Dienstleistungen nicht nur ein zusätzliches Kompetenzfeld aufbauen, vielmehr können auch regionale Kliniken in einem telemedizinischen Verbund auf die Expertise hoch spezialisierter Zentren zurückgreifen. Patienten profitieren auf diese Weise von einem virtuellen Zusammenschluss regionaler Intensivstationen mit einem überregionalen Zentrum zu einer Einrichtung, welche die Erfahrungen hoher Fallzahlen zur besseren Versorgung nutzt und dabei gleichzeitig eine wohnortnahe Versorgung anbietet.

Rahmenbedingungen für die Verbreitung der Telemedizin

Derzeit bestehen noch vielfältige Barrieren, die eine weitere Verbreitung telemedizinischer Dienstleistungen im Bereich der Intensivmedizin verhindern. In Zukunft kann jedoch damit gerechnet werden, dass v. a. technische und legislative Barrieren reduziert werden. Zur Datenübertragung werden die noch nicht überall verfügbaren Breitbandleitungen benötigt. Politische Initiativen zum Ausbau der Breitbandversorgung in Deutschland zeigen erste Erfolge. Administrative und legislative Hindernisse, wie die föderale Struktur der Datenschutzgesetze, werden in Zukunft über eine Harmonisierung der EU-Gesetzgebung in diesem Punkt abnehmen (EU 2012).
Derzeit steht der Verbreitung tele-intensivmedizinischer Versorgungskonzepte v. a. die fehlende Vergütung entgegen (Rogove et al. 2012). Die hohen Investitionskosten für Anbieter sowie Nutzer können derzeit fast nur durch öffentliche Förderung kofinanziert werden. Auf der Seite der Anbieter stellen die hohen Betriebskosten, insbesondere die Vorhaltung einer 24/7-Bereitschaft entsprechender Experten, ein Hindernis dar. Es ist jedoch davon auszugehen, dass mit einer weiteren Verbreitung des Konzepts Skaleneffekte dafür sorgen, dass die Kosten pro tele-intensivmedizinisch betreutes Bett zurückgehen werden.
Eine weitere Verbreitung elektronischer Patientenakten, im Bereich der Intensivmedizin oft als Patientendatenbanksysteme (PDMS) bezeichnet, könnte in Zukunft eine automatische Analyse und Mustererkennung von Vitaldaten und Laborwerten erleichtern und so auch zu einer Effizienzsteigerung der tele-intensivmedizinischen Zentralen beitragen. Entsprechende Pilotstudien unterstützen diese Ansicht. Diese Erkenntnisse sind jedoch im deutschen Gesundheitssystem noch nicht ausreichend validiert (Rosenfeld et al. 2000).

Ausblick

Tele-Intensivmedizin ist ein neues Modell ärztlicher Kooperation und additiver Behandlungsansatz. Telemedizin kann und darf aber kein Ersatz persönlicher ärztlicher Präsenz und Kompetenz sein (Kahn 2011). Dies deckt sich auch mit den Grundsätzen der Bundesärztekammer zur Praxis guter Telemedizin.
Hinsichtlich des Datenschutzes sind technische Maßnahmen wie Verschlüsselung oder Anwenderautorisierung zu beachten.
Bei allen telemedizinischen Anwendungen ist den hohen Anforderungen des Datenschutzes im Umgang mit formal sensiblen Daten Rechnung zu tragen; allgemeine Datenschutzgrundsätze wie Datensparsamkeit, Zweckbindung und Datenvermeidung müssen beachtet und technisch sicher umgesetzt werden.
Aufgrund des methodischen Neulandes tele-intensivmedizinischer Versorgung ist eine sorgfältige Abstimmung mit den Datenschutzbeauftragten erforderlich.

Fazit

Durch die bereits beschriebene epidemiologische Herausforderung in Form einer Diskrepanz zwischen dem steigenden Bedarf an intensivmedizinischer Versorgung durch eine wachsende Anzahl an Patienten bei einem gleichbleibenden oder sinkenden Angebot an behandelnden Experten wird Telemedizin für die Zukunft unerlässlich sein.
Tele-Intensivmedizin hat das Potenzial, über eine Verbesserung des Überlebens und eine Reduktion langandauernder Pflegebedürftigkeit zu einer Verbesserung der Patientenversorgung beizutragen und damit nicht nur Versorgungsengpässe infolge der demographischen Entwicklung abzuschwächen. Tele-Intensivmedizin könnte sich auch als fester Bestandteil einer großräumig und wohnortnah verfügbaren und weiterhin finanzierbaren Spitzenmedizin im Bereich der Intensivmedizin etablieren.
Durch einen weiteren Breitbandausbau, die Harmonisierung der europäischen Datenschutzbestimmungen und eine weitere Verbreitung elektronischer Dokumentationssysteme im Bereich der Intensivmedizin ist damit zu rechnen, dass durch förderliche Rahmenbedingungen die Verbreitung der Tele-Intensivmedizin begünstigt wird.
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