Die Urologie
Autoren
Hermann J. Berberich

Balint-Arbeit

Die Balint-Gruppenarbeit dient der Reflexion der Arzt-Patienten-Beziehung sowie der Entwicklung der ärztlichen Empathiefähigkeit. Hemmungen und Ängste, mit den psychosozialen Belastungen des Patienten umzugehen, werden abgebaut und ein besseres Verständnis für die Interaktionen zwischen Arzt und Patient und deren Nutzung für Diagnostik und Therapie erlangt. Der Arzt wird emotional entlastet und seine sozialen Ressourcen gefördert. Die Balint-Gruppenarbeit ist u. a. ein gutes Mittel, um einem Burnout-Syndrom vorzubeugen.

Definition

Der Name „Balint-Gruppe“ geht auf den Begründer dieser Methode, Michael Balint, zurück. Michael Balint war ein Psychiater und Psychonanalytiker ungarischer Herkunft. Wegen seiner jüdischen Religionszugehörigkeit war er wie Sigmund Freud gezwungen, 1939 nach England zu emigrieren. An der Londoner Tavistock Clinic führte er zunächst Fallkonferenzen mit Sozialarbeitern und später auch mit Hausärzten durch, die er als Diskussionsseminare über psychische Probleme in der ärztlichen Praxis bezeichnete. 1957 erschien sein Klassiker Der Arzt, sein Patient und die Krankheit. Die wissenschaftliche Erforschung und Weiterentwicklung der Balint-Arbeit haben sich die nationalen und die internationale Balint-Gesellschaft zur Aufgabe gemacht.
Die Balint-Gruppenarbeit ist für Ärzte unter anderem ein gutes Mittel, um einem Burnout-Syndrom vorzubeugen. Man kann eine Balint-Gruppe durchaus als eine patientenzentrierte Selbsterfahrungsgruppe bezeichnen, in der der Arzt ein tieferes Verständnis von sich selbst, seinem Verhalten, seinen Gedanken und Gefühlen erlangen kann. Dabei kann er seine Gefühle von Ärger, Wut, Enttäuschung usw. zeigen, welches ihm nicht als Schwäche, sondern als Stärke rückgemeldet wird. Hierdurch wird der Arzt emotional entlastet.
Wichtig
Die Balint-Gruppe ist der Ort, wo der Arzt alternative Sicht- und Verhaltensweisen reflektieren und dann im beruflichen Alltag erproben kann (Fritzsche 2003).

Durchführung

Formal setzt sich eine Balint-Gruppe aus 8–12 Teilnehmern zusammen. Sie wird von einem Psychotherapeuten geleitet, der über eine entsprechende Ausbildung in der Leitung von Balint-Gruppen verfügt. Die Gruppe trifft sich in regelmäßigen Zeitabständen, eine Sitzung dauert ca. 90 min. Die Gruppe bildet für die Sitzung einen Stuhlkreis.
Zu Beginn der Sitzung erkundigt sich der Balint-Gruppenleiter, wer eine Patientenbegegnung vorstellen möchte. Gibt es mehrere Wortmeldungen, wird nach der Dringlichkeit entschieden. Man kann auch die Gruppe abstimmen lassen, mit welchem Fall sie sich beschäftigen möchte. Der referierende Kollege (nachfolgend Referent genannt) beschreibt ohne Unterlagen aus dem Gedächtnis heraus die Begegnung mit dem Patienten. Durch diese Methode wird am ehesten gewährleistet, dass das, was den Kollegen innerlich an dem Fall beschäftigt, auch zum Thema gemacht wird. Es ist nicht wichtig, alles über einen Patienten zu wissen. Mitunter hat gerade das eine Bedeutung, was beim Erzählen ausgelassen wurde, was sich dann während einer Gruppensitzung herausstellt. Nach der Fallschilderung kann der Gruppenleiter einige Verständnis- oder Sachfragen zulassen. Dann nimmt sich der Referent zurück. Anschließend schildern die Gruppenteilnehmer, welche Gedanken, Gefühle, Phantasien und auch Körperwahrnehmungen sie bei der Fallschilderung hatten. Der Referent wird gebeten, nur zuzuhören und den Gruppenprozess zu verfolgen. Die übrigen Gruppenmitglieder sind angehalten, den Referenten nicht direkt anzusprechen, sondern sich ausschließlich in der Gruppe auszutauschen.
Cave
Da bei der Balint-Arbeit die Arzt-Patienten-Beziehung im Mittelpunkt steht, sollen „Fachdiskussionen“ vermieden werden. Die Gefahr, in eine Fachdiskussion abzugleiten, besteht insbesondere dann, wenn die Teilnehmer der gleichen Fachrichtung angehören und „Balint-unerfahren“ sind.
Mitunter verwandelt sich eine Balint-Gruppe, in der sich ausschließlich Kollegen in der Psychotherapieweiterbildung befinden, unter der Hand in eine Supervisionsgruppe. Es ist die Aufgabe des Balint-Gruppenleiters, dies zu vermeiden. Am fruchtbarsten sind interdisziplinär zusammengesetzte Gruppen. Bei der Balint-Gruppenarbeit geht es nicht um richtig oder falsch, sondern darum, einen Fall aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Dies wird durch den Gruppenprozess möglich. Gegen Ende der Sitzung zieht der Gruppenleiter den Referenten wieder hinzu, damit dieser berichten kann, was ihm während der Sitzung aufgefallen ist und was er für sich mitnehmen kann.

Ziele

Durch die Balint-Gruppenarbeit wird das Empathievermögen der teilnehmenden Ärzte gefördert, d. h. die Fähigkeit, die Empfindungen und Gefühle eines anderen Menschen nachzuempfinden, in Worte zu fassen und dabei die eigenen Empfindungen sowie Fantasie, Intuition und auch Verständnis einzubringen. Intuitives Verstehen in der Arzt-Patienten-Beziehung hat einen maßgeblichen Einfluss auf die Qualität der diagnostischen und therapeutischen Arbeit. Es handelt sich dabei nicht um ein metaphysisches Phänomen, sondern hat im System der Spiegelnervenzellen ein neurobiologisches Korrelat.
Empathie ist erlernbar, muss aber immer wieder geübt werden. Durch die Balint-Arbeit bekommt der Arzt ein besseres Gespür für das Vorliegen einer psychischen oder psychosomatischen Störung. Eigene Hemmungen und Ängste, mit den psychosozialen Belastungen des Patienten umzugehen, werden abgebaut. Er erlangt ein besseres Verständnis für die Interaktionen zwischen Arzt und Patient und deren Nutzung für Diagnostik und Therapie. Zunächst unbewusste Prozesse werden durch die Balint-Arbeit bewusst gemacht, Lösungsmöglichkeiten für zunächst „schwierige Patienten“ entwickelt. Schließlich wird der Arzt emotional entlastet und seine sozialen Ressourcen gefördert (Fritzsche 2003).

Zusammenfassung

  • Balint-Gruppenarbeit dient der Reflexion der Arzt-Patienten-Beziehung sowie der Entwicklung der ärztlichen Empathiefähigkeit.
  • Abbau von Hemmungen und Ängsten, mit den psychosozialen Belastungen des Patienten umzugehen.
  • Besseres Verständnis für die Interaktionen zwischen Arzt und Patient und deren Nutzung für Diagnostik und Therapie.
  • Emotionale Entlastung des Arztes und Förderung seiner sozialen Ressourcen.
  • Gutes Mittel zur Vorbeugung von Burnout-Syndromen.
Literatur
Fritzsche K (2003) Die Balint-Gruppe. In: Fritzsche K, Geigges W, Richter D, Wirsching M (Hrsg) Psychosomatische Grundversorgung. Springer, Berlin, S 386–393