Die Urologie
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Verfasst von:
Hermann J. Berberich und Dirk Schultheiss
Publiziert am: 29.12.2021

Geschichte der psychosomatischen Urologie in Deutschland

Zeitgleich mit der Entwicklung der Urologie hin zu einem eigenständigen medizinischen Fachgebiet zu Beginn des 20. Jahrhunderts setzten sich einige seiner namhaften Vertreter auch mit den psychosomatischen Aspekten urologischer Krankheitsbilder auseinander, zum Beispiel Robert Ultzmann (1842–1889) in seiner Schrift „Über die Neuropathien (Neurosen) des männlichen Harn- und Geschlechtsapparates“ (1879). Ultzmann hatte bereits beobachtet, dass „nervöse Krankheiten des Urogenitalsystems“ und „sexuelle Funktionsstörungen“ häufig gemeinsame auftreten.
Weitere Beispiele sind die gemeinsame Monografie „Die nervöse Erkrankung der Harnblase“ (1898) von Otto Zuckerkandl und Frankl-Hochwart sowie die Beschreibungen von Stutzin“ Über den Einfluss von psychischen Reaktionen und Emotionen auf die Blase“ (1927).
Sie wurden hierbei von der sich ebenfalls zu dieser Zeit entwickelnden Psychotherapie und der Sexualmedizin beeinflusst.
Das erste psychosomatische Lehrbuch in deutscher Sprache 1925 wurde nicht von einem Psychiater oder Psychoanalytiker, sondern von dem in Wien lebenden Urologen Oswald Schwarz herausgegeben. 1933 setzten die Nationalsozialisten dieser Entwicklung ein jähes Ende. Bis heute haben sich sowohl die psychosomatische Urologie als auch die Sexualmedizin nicht wirklich von diesem schweren Schlag erholt.

Begründer der psychosomatischen Urologie: Oswald Schwarz

Das erste psychosomatische Lehrbuch in deutscher Sprache wurde nicht von einem Psychiater oder Psychoanalytiker herausgegeben, sondern 1925 von dem Wiener Urologen Oswald Schwarz. Es trug den Titel „Psychogenese und Psychotherapie körperlicher Symptome.“1

Wer war Oswald Schwarz?

Oswald Schwarz wurde 1883 in Brünn (Mähren) Geboren. Er war das Kind jüdischer Eltern. Sein Vater war ein promovierter Rechtsanwalt. Nach dem Abitur ging er nach Wien, um dort Humanmedizin zu studieren. 1906 promovierte er zum Doktor der Medizin. Anschließend leistete er seinen Militärdienst ab. Danach hospitierte er an mehreren Kliniken, in Wien und in Deutschland, unter anderem an der 1.Chirurgische Klinik, an der Frauenklinik und an der von Döderlein geleiteten Universitätsfrauenklinik in München.
Urologische Ausbildung und wissenschaftliche Laufbahn
Oswald Schwarz war ein urologischer Schüler von Anton Ritter v. Frisch (1849–1917)2, Otto Zuckerkandl (1861–1921) und Hans Rubritius (1876–1943). Er habilitierte sich 1919 mit dem Thema „Über Störungen der Blasenfunktion nach Schussverletzungen des Rückenmarkes“. Seine Arbeit stütze sich auf die Erfahrungen als Feldarzt während des 1.Weltkriegs. 1919 wurde ihm die Venia legendi erteilt.
Er galt als ausgesprochener Experte auf dem Gebiet der Harnblasenphysiologie. Das 115 Seiten starke Kapitel zur „Pathologie der Harnblase“ in Lichtenbergs Handbuch der Urologie (1926) wurde von ihm verfasst. Oswald Schwarz war Dozent für Urologie an der Medizinischen Fakultät der Universität Wien sowie an der „Postgraduate School of the American Medical Association“.
Eine Berufung oder Ernennung zum Professor erhielt Oswald Schwarz zeitlebenslebens nicht. Da Oswald Schwarz jüdischer Herkunft, haben hier möglicherweise bereits politische Gründe eine Rolle gespielt.
Nach seiner Habilitation avancierte er zum Stellvertreter von Rubritius, dem damaligen Leiter der urologischen Abteilung der Wiener Allgemeinen Poliklinik. Schwarz war sowohl Mitglied der Deutschen als auch der Österreichischen Gesellschaft für Urologie, zeitweise war er Schriftführer der Letzteren. Oswald Schwarz galt als engagierter Operateur. Er behandelte als Urologe außerdem Patienten mit sexuellen Störungen. Neben der praktisch- und wissenschaftlich-urologischen Tätigkeit wandte sich Schwarz psychologischen und philosophischen Themen zu und hielt dazu zahlreiche Vorträge, weshalb er in Wien den Beinamen der „Urosoph“ trug. Er war Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Psychotherapie sowie des Akademischen Vereins für Medizinische Psychologie. Außerdem gehörte er dem Beirat der Allgemeinen Ärztlichen Zeitschrift für Psychotherapie und Psychische Hygiene an. Oswald Schwarz gehörte in den 1920er-Jahren zum engsten Kreis um Alfred Adler. Er war Mitglied der individualpsychologischen Vereinigung, aus der er gemeinsam mit anderen 1927 austrat, um den eigenen medizinisch-anthropologischen Standpunkt zu vertreten.
Man könnte Schwarz durchaus auch als einen frühen Verfechter des heutigen biopsychosozialen Krankheitsmodells bezeichnen. Seiner Meinung nach war bei einer Erkrankung nicht die Frage „somatogen oder psychogen“ von Bedeutung, sondern welcher Stellenwert im ganzen Krankheitsbild den somatischen … und welcher den psychischen Befunden zukommt. … So könne sich die Harnblase schwerer oder leichter, öfter oder seltener entleeren, gleichgültig ob der Entleerungsreiz von einem psychischen Trauma oder einer Prostatahypertrophie herrühre (Schwarz 1925). Schwarz setzte sich in dem vom ihm herausgegebenen Lehrbuch vor allem mit zwei psychosomatischen urologischen Störungsbildern auseinander, den „psychogenen Miktionsstörungen“ und den „psychogenen Störungen der männlichen Sexualfunktion“. Als Hinweis für die psychische Beeinflussung der Blasenfunktion führte er die Tatsache an, dass einige Menschen mit sonst normaler Blasenfunktion in Gegenwart anderer ihre Harnblase nicht entleeren könnten. Die Enuresis nocturna war für ihn das Beispiel einer „nervösen Blasenerkrankung, die dieses Ineinandergreifen seelischer und körperlicher Elemente in besonders lehrreicher Weise zeigt“ (Schwarz 1925).

Ungezielte Behandlung von Blasenfunktionsstörungen

Oswald Schwarz war einer ungezielten rein symptomatischen Behandlung von Blasenfunktionsstörungen gegenüber recht kritisch eingestellt:
„Ich kenne eine ganze Reihe von Fällen einwandfrei psychogener Pollakisurien, deren Anfälle durch eine Kalziuminjektion oder heiße Blasenfüllung für mehr oder weniger lange Zeit zu kupieren sind. Es kann durch solche Eingriffe auf das Erfolgsorgan der Wirkungswert der psychischen Einflüsse herabgesetzt und unter Umständen sogar völlig aufgehoben werden. Allerdings darf man sich nicht schmeicheln, durch derartige Maßnahmen die Natur gleichsam mit Heugabeln ausgetrieben zu haben. Ich glaube zwar nicht in Abrede stellen zu dürfen, dass man das eine oder andere Mal eine wirkliche Heilung auf diese Weise erzielt; weitaus öfter aber wird die Neurose sozusagen nur verscheucht und sucht sich andere Mittel des Ausdruckes; so wird weiter unten ein Patient erwähnt, der seine Pollakisurie mit einer Agoraphobie vertauschte.“ (Schwarz, 1926)
Der sexualwissenschaftliche Beitrag von Oswald Schwarz
Ab 1930 beschäftigte sich Schwarz vor allem mit sexualwissenschaftlichen Themen. Es entstanden die Werke: Über Homosexualität (1931), Sexualität und Persönlichkeit (1934) und Sexualpathologie (1935). Für Schwarz war die menschliche Sexualität nur aus der Leib-Seele-Einheit heraus zu verstehen.
Für die Entstehung einer Sexualstörung führt er 3 Gründe an:
  • ein pathologisches Motiverleben (Perversion),
  • eine Störung der Entschlussfähigkeit (Neurose),
  • eine primäre Aktionsunfähigkeit (organisches Unvermögen).
Sexuelle Perversionen hielt Schwarz dem Grunde nach für eine „Abartigkeit der Beziehung von Mensch zu Mensch“ (Schwarz 1935). Es bleibt zu erwähnen, dass die englische Ausgabe seiner sexualwissenschaftlichen Schriften unter dem Titel The Psychology of Sex von 1949 bis 1969 aufgelegt wurde und weite Verbreitung fand (Schwarz 1949).
Denkt man an die Anfänge der Sexualwissenschaft, verbindet man diese mit den Namen Magnus Hirschfeld (1868–1935), Iwan Bloch (1871–1922), dem Herausgeber des ersten deutschsprachigen sexualmedizinischen Lehrbuchs (1907), Albert Moll (1862–1939) und Marx Marcuse (1877–1963). Es ist durchaus berechtigt, Oswald Schwarz in diese Reihe mit aufzunehmen.

Verfolgung und Emigration von Oswald Schwarz

Zeitgleich mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland etablierte sich 1933 in Österreich das austrofaschistische Dollfuß-Regime. Oswald Schwarz, der jüdischer Abstammung war, reiste mit seiner Familie 1934 nach England. Er zog es vor, in England zu bleiben, und kehrte von dort nie mehr zurück. Damit dürfte Schwarz einer der ersten von 24 bisher recherchierten jüdischen Urologen sein, die in der Zeit des Nationalsozialismus vor allem nach 1938 aus Österreich emigriert sind (Krischel et al. 2011). Wenige Wochen nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich wurde Schwarz 1938 die Lehrbefugnis und später auch der Doktortitel aberkannt. Er starb 1949 in London an einem Herzinfarkt. Erst 10 Jahre nach dem Ende der Nazidiktatur wurde ihm 1955 posthum der Doktortitel wieder zuerkannt.

Neuere Entwicklung

Nach Kriegsende geriet die psychosomatische Urologie ähnlich wie die Sexualmedizin zunächst in Vergessenheit. Auch heute noch findet sich hierzu relativ wenig Literatur. In den psychosomatischen Standardwerken (Uexküll [Adler et al. 2003] und Studt und Petzold (1999)) finden sich lediglich kleinere Kapitel. Ausnahmen hiervon sind die umfassenden Monographien von Diederichs (2000) Urologische Psychosomatik, Güntherts Leitfaden für die Praxis Psychosomatische Urologie (2003, 2013) und das von Berberich und Siedentopf herausgegebene Lehrbuch „Psychosomatische Urologie und Gynäkologie“ (2016).
Im Jahr 2004 erschien ein Schwerpunktheft der Zeitschrift Der Urologe zu Themen der psychosomatischen Urologie, 2005 ein Schwerpunktheft zu sexualmedizinischen Themen und 2014 ein ausführlicher Artikel zum Leben und Werk von Oswald Schwarz (Berberich et al).
1987 wurde der Arbeitskreis „Psychosomatische Aspekte in der Urologie“ – inzwischen „Arbeitskreis Psychosomatische Urologie und Sexualmedizin der Akademie der deutschen Urologen“ – gegründet. Dieser führt seit vielen Jahren regelmäßig Fortbildungsveranstaltungen, u. a. zum Erwerb der sog. psychosomatischen Grundversorgung, durch. Inhaltliche Schwerpunkte der Fortbildung sind: das biopsychosoziale Modell von Krankheit und Gesundheit, die Bedeutung der Arzt-Patienten-Beziehung für den Krankheitsverlauf, somatoforme urologische Störungen, psychoonkologische Aspekte urologischer Tumorerkrankungen sowie die Sexualstörungen. Diese Themen werden in den Kapiteln Kap. „Das biopsychosoziale Modell von Krankheit und Gesundheit“, Kap. „Beziehungskonflikte zwischen Arzt und Patient“, Kap. „Psychosomatische urologische Störungsbilder“ und Kap. „Psychoonkologische Aspekte urologischer Tumorerkrankungen“ sowie in den Kapiteln der Sektion Andrologie und der Sektion Sexualmedizin behandelt.

Zusammenfassung

  • Anfang des 20. Jahrhunderts Entwicklung der Urologie hin zu einem eigenständigen medizinischen Fachgebiet.
  • Gleichzeitig setzten sich einige seiner namhaften Vertreter auch mit den psychosomatischen Aspekten urologischer Krankheitsbilder auseinander, beeinflusst von der sich ebenfalls zu dieser Zeit entwickelnden Psychotherapie und Sexualmedizin.
  • Erstes psychosomatisches Lehrbuch in deutscher Sprache 1925, herausgegeben von dem in Wien lebenden Urologen Oswald Schwarz.
  • Mit Beginn der nationalsozialistischen Diktatur: Ende der Entwicklung von psychosomatischer und Sexualmedizin mit Auswirkungen bis in die heutige Zeit.
Fußnoten
1
Die Ausführungen zur Biographie von Oswald Schwarz stützen sich im Wesentlichen auf die Inauguraldissertation von Brigitta Kieser (2001).
 
2
Anton Ritter von Frisch war der Präsident des 1. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Urologie.
 
Literatur
Adler RH, Hermann JM, Köhle K, Langewitz W, Schonecke OW, von Uexküll T, Wesiack W (Hrsg) (2003) Uexküll – Psychosomatische Medizin. Urban & Fischer, München
Berberich HJ, Schultheiss D, Kieser K (2014) Oswald Schwarz, ein Pionier der psychosomatischen Urologie und Sexualmedizin, der Urologe. Springer-Verlag, Berlin/Heidelberg
Berberich HJ, Siedentopf F (Hrsg) (2016) Psychosomatische Urologie und Gynäkologie. Reinhardt, München
Diederichs P (2000) Urologische Psychosomatik. Huber, Bern
Frankl-Hochwart L, Zuckerkandl O (1898) Die nervösen Erkrankungen der Harnblase. Hölder, Wien
Günthert EA (2003) 2013) Psychosomatische Urologie. Schattauer, Stuttgart
Kieser B (2001) Oswald Schwarz (1883–1949) Leben, Werk und Bedeutung für die Psychosomatische Medizin. Inaugural-Dissertation, Universität Mainz
Krischel M, Moll F, Bellmann J, Scholz A, Schultheiss D (2011) Urologen im Nationalsozialismus. Bd 1: Zwischen Anpassung und Vertreibung. Hentrich und Hentrich, Berlin
Schwarz O (1925) Medizin als selbständige Wissenschaft. In: Schwarz O (Hrsg) Psychogenese und Psychotherapie körperlicher Symptome. Springer, Wien
Schwarz O (1926) Pathologische Physiologie der Harnblase in v. Lichtenberg A F. Völcker F, Wildbolz H (Hrsg) Handbuch der Urologie, Springer, Berlin, Bd1 S413–528
Schwarz O (1935) Sexualpathologie. Wesen und Form der abnormen Geschlechtlichkeit. Weidmann & Co, Wien
Schwarz O (1949) The psychology of sex. Penguin, Harmondsworth
Studt HH, Petzold ER (1999) Psychotherapeutische Medizin. de Gruyter, BerlinCrossRef