Die Urologie
Autoren
I. Thederan und M. Rostock

Komplementärmedizin in der Uroonkologie

Komplementärmedizinische Therapieverfahren werden von einem Großteil der Patienten mit einer Tumorerkrankung ergänzend zu ihrer konventionellen Therapie in Anspruch genommen mit dem Ziel, hierdurch die Lebensqualität und die Verträglichkeit der Behandlung zu verbessern und möglichst auch Einfluss auf den Krankheitsverlauf nehmen zu können. Inhalte der Komplementärmedizin sind u. a. Ernährung und Substitution von Mikronährstoffen, Sport und Bewegung, Pflanzenheilkunde, Akupunktur, und Verfahren der sog. Mind-Body-Medizin. Während die Bedeutung von Ernährung und Bewegung im Zusammenhang mit einer Tumorerkrankung in der Medizin allgemein anerkannt ist, wird die Substitution von Vitaminen und Spurenelementen durchaus kontrovers diskutiert. Die wissenschaftliche Forschung fokussiert sich zunehmend auch auf komplementärmedizinische Fragestellungen, was dazu geführt hat, dass zu einzelnen phytotherapeutischen Extrakten, Akupunkturanwendungen sowie auch Therapieverfahren der Mind-Body-Medizin heute bereits Aussagen zur möglichen Wirksamkeit im Zusammenhang mit der Behandlung von Patienten mit einer Tumorerkrankung möglich sind.
Die Komplementärmedizin hat in den letzten Jahren zunehmend Bedeutung in der onkologischen Therapie erlangt. Viele onkologische Patienten legen heute deutlich mehr Wert auf eine ausführliche Information über ihre Erkrankung und deren Behandlung. Die Auseinandersetzung mit der Tumordiagnose und den zur Anwendung kommenden antitumoralen Therapien wird häufig vom Wunsch begleitet, nicht nur passiv eine Behandlung über sich ergehen zu lassen, sondern selbstbestimmt, aufgeklärt und mit einem ganzheitlichen Anspruch aktiv die Therapie zu begleiten, dabei auch eigene Ideen und Vorstellungen zu thematisieren und zumindest partiell umzusetzen. In diesem Kontext wird die Komplementärmedizin daher von vielen Betroffenen als Ergänzung, z. T. auch als subjektiv notwendige Erweiterung zur konventionellen Therapie in Anspruch genommen mit dem Ziel, die Lebensqualität und die Verträglichkeit der Behandlung zu verbessern und, wenn möglich, auch Einfluss auf den Krankheitsverlauf nehmen zu können. In einem systematischen Review sämtlicher Studien der Jahre 1970 bis 2009 zur Anwendungshäufigkeit zeigte sich, dass im Median zwischen 40 und 50 % der Tumorpatienten komplementäre Therapien nutzten mit deutlich steigender Tendenz in den letzten 10 Jahren (Horneber et al. 2012).
Komplementärmedizin versteht sich dabei als Ergänzung und Erweiterung, aber nicht als Alternative zu den konventionellen Behandlungen wie Operation, Bestrahlung und medikamentöse Therapie. Selbstverständlich sollten die ausgewählten komplementärmedizinischen Methoden und Präparate daher so eingesetzt werden, dass sie die konventionellen Therapien in ihrer Wirksamkeit nicht beeinträchtigen.
Neben den klassischen Naturheilverfahren wie Ernährung, Bewegung, Entspannungsverfahren, Hydro- und Thermotherapie, Ordnungstherapie und Phytotherapie kommen in den deutschsprachigen Ländern auch komplementärmedizinische Therapiesysteme zur Anwendung wie die anthroposophische Medizin, die Homöopathie oder die Traditionelle Chinesische Medizin einschließlich Akupunktur. Angesichts dieses breiten Spektrums unterschiedlicher Therapieansätze kann an dieser Stelle nur ein orientierender Einblick gegeben werden.
Klassische Naturheilverfahren
  • Ernährung und Nahrungsergänzung
  • Bewegung und Sport
  • Ordnungstherapie und Mind-Body-Medizin
  • Hydro- und Thermotherapie
  • Phytotherapie

Ernährung und Substitution von Mikronährstoffen

Den Untersuchungen folgend, in denen Tumorpatienten gefragt werden, welche komplementäre Therapien sie anwenden, stehen i.d.R. Supplemente mit Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen im Vordergrund. Tatsächlich hatten die großen epidemiologischen Untersuchungen der 70er- und 80er-Jahre des letzten Jahrhunderts ergeben, dass Menschen mit einem Mangel an bestimmten Vitaminen oder Spurenelementen (z. B. Vitamin C, β-Karotin, Selen) eine höhere Inzidenz für bestimmte Krebserkrankungen (z. B. Magen-, Bronchial- oder Prostatakarzinom) aufwiesen. Die daraufhin initiierten randomisierten Interventionsstudien mit einzelnen, meist höher dosierten Mikronährstoffen mit dem Ziel einer Primär-, z. T. auch Tertiärprävention führten allerdings zum größten Teil zu enttäuschenden Ergebnissen (Myung et al. 2010), was zu der Schlussfolgerung führte, dass ein Mangel an diesen Substanzen in einem umfassenderen Zusammenhang gesehen werden muss und mit alleiniger Substitution ohne weiter greifende Beeinflussung von Ernährung und möglicherweise auch weiteren Lebensstilfaktoren nicht adäquat behandelt ist.
So führte z. B. die mehrjährige Einnahme von Vitaminen und Mineralstoffen mit dem Ziel, das Risiko für die Entwicklung eines Urothelkarzinoms in einer prospektiven Kohortenstudie an 77.050 Teilnehmern in den USA zu minimieren, nicht zu dem erhofften Ergebnis (Hotaling et al. 2011).
Im Rahmen der sog. SELECT-Studie (Selenium and Vitamin E Cancer Prevention Trial) wurde der primärpräventive Effekt einer Einnahme von Selen und/oder Vitamin E gegenüber Placebo auf das Auftreten eines Prostatakarzinoms untersucht. Die Hinweise auf eine diesbezügliche Wirksamkeit aus Vorstudien konnte nicht bestätigt werden, im Gegenteil: Unter hochdosierter Einnahme von 400 IU α-Tocopherol erhöhte sich die Inzidenz signifikant, während unter Selen kein Unterschied gegenüber Placebo festgestellt wurde. Zu bedenken ist allerdings, dass die Serumspiegelkontrolle eines repräsentativen Teils der Studienteilnehmer ergeben hatte, dass diese nicht unter Selenmangel gelitten hatten, sondern im Gegenteil bereits vor Substitution hochnormale bis erhöhte Selenwerte aufgewiesen hatten. Verschiedene epidemiologische Studien sprechen dafür, dass Selenmangel das Auftreten von Prostatakarzinomen begünstigt (Hurst et al. 2012). Die für den deutschsprachigen Raum als einem partiellen Selenmangelgebiet eigentlich interessante Frage, ob Selensubstitution bei bestehendem Selenmangel einen präventiven Effekt auf das Prostatakarzinom haben könnte, ist somit mit dieser sehr aufwendigen Studie nicht untersucht worden (Klein et al. 2011).
Auch bei anderen Mikronährstoffen scheint es von Bedeutung zu sein, vor einer etwaigen Substitution zu eruieren, ob der jeweilige Patient überhaupt an einem Mangel leidet. Eine generelle Empfehlung zur Substitution von Vitamin D wird daher, auch wenn die befürwortenden Statements in den letzten Jahren immer lauter werden, nach wie vor kontrovers diskutiert. Bei bestehendem Mangel allerdings – so das Ergebnis der vorliegenden epidemiologischen Studien – erhöht sich u. a. das Risiko für das Auftreten aggressiver Prostatakarzinome, weshalb in dieser Situation auch aus onkologischer Sicht eine Substitution als sinnvoll erachtet werden kann (Shui et al. 2012).
Das Carotinoid Lykopin gehört zu den pflanzlichen gelben und roten Farbstoffen. Als roter Farbstoff in Wassermelonen, Guave, in der roten Grapefruit und in höchster Konzentration in Tomatenprodukten wirkt es antioxidativ und schützt die DNA vor Radikalen. Auch bei diesem Beispiel übertrifft der Effekt des lykopinreichen Nahrungsmittels den des isolierten Extrakts. So führte beim Prostatakarzinom eine lykopinreiche Nahrung durch insbesondere Tomatenprodukte zu einer geringeren Entwicklung von aggressiven Tumoren (Giovannucci et al. 2002). Dies konnte durch mehrere klinische Studien und tierexperimentelle Versuche bestätigt werden.
Während die alleinige Einnahme einzelner isolierter Mikronährstoffe unabhängig von der Ernährung sich somit nicht als präventiv wirksam hat erweisen können, ist der Einfluss des Faktors „Ernährung“ als Ganzes auf die Ätiologie von Tumoren wissenschaftlich belegt. Das American Institute for Cancer Research (AICR) und der World Cancer Research Fund (WCRF) fassten in einer Auswertung der bis dahin vorliegenden Studien zum Zusammenhang von Ernährung, anderen Lebensstilfaktoren und Krebsinzidenz 2004 zusammen, dass der Entstehung von rund 30–40 % aller Tumoren durch eine entsprechende Diät, ausreichende körperliche Bewegung und Reduktion des Körpergewichts vorgebeugt werden könnte (http://www.wcrf.org). In seinem abschließenden Report veröffentlichte der WCRF die in der folgenden Übersicht aufgeführten allgemeinen Empfehlungen zur Prävention von Tumorerkrankungen.
Empfehlungen zur Prävention von Tumorerkrankungen (WCRF/AICR 2009)
  • Normalisierung des Körpergewichtes (BMI <25)
  • Tägliche körperliche Bewegung von mind. 30 min
  • Vermeidung von hochkalorischen, fettreichen und zuckerhaltigen Lebensmitteln
  • Steigerung der Aufnahme pflanzlicher Nahrungsmittel (5 Portionen pro Tag)
  • Reduktion von rotem und verarbeitetem Fleisch (maximal 500 g pro Woche)
  • Reduktion des Alkoholkonsums
  • Vermeiden von konservierten Lebensmitteln und Salz
  • Nahrungsergänzungsmittel unnötig bei vollwertiger Kost
Die Einhaltung dieser allgemeinen Empfehlungen hat auch eine positive Wirkung bei urologischen Tumoren. So konnte hierunter eine signifikante Reduktion für das Auftreten von aggressiven Prostatakarzinomen bei Männern gezeigt werden (Arab et al. 2013). Speziell beim Prostatakarzinom wirkt darüber hinaus eine lykopin- und selenreiche Ernährung mit Reduktion von Milchprodukten tumorprotektiv (WCRF/AICR 2009).
Aber nicht nur in der Primärprävention spielt die Ernährungssituation eine wichtige Rolle. Die Versorgung mit Mikronährstoffen und Vitaminen ist bei Tumorpatienten oft schon vor der Therapie im unteren Bereich des üblicherweise notwendigen, da sowohl tumor- als auch therapiebedingt höhere Mengen erforderlich zu sein scheinen.
Dass eine präoperative Mangelernährung mit einem schlechteren Outcome bezüglich Mortalität und tumorspezifischem Überleben assoziiert ist, konnte bei Patienten mit Nierenzellkarzinomen und Harnblasentumoren gezeigt werden. Durch individuelle Ernährungsempfehlungen vor geplanter Therapie konnten Nebenwirkungen reduziert und der Therapieerfolg gesteigert werden.

Sport und Bewegung

Neben der Ernährung (Abschn. 1) sind Bewegung und Sport wichtige Faktoren für das körperliche und seelische Wohlbefinden und verbessern die Lebensqualität der Patienten. Im Hinblick auf die Prävention des Prostatakarzinoms wurde in einer großen Präventionsstudie an rund 72.000 Männern in den USA bei sportlich aktiven Männern zwar kein genereller Unterschied in der Prostatakarzinom-Inzidenz gegenüber den weniger aktiven Männern nachgewiesen. Es bestand jedoch ein signifikant geringeres Risiko für das Auftreten von aggressiveren Karzinomen. Dies bestätigte sich in einer norwegischen Studie an 29.000 Männern, von denen 957 an einem Prostatakarzinom erkrankt waren. Auch hier zeigte sich kein Unterschied in der Gesamtmorbidität, jedoch im Auftreten von aggressiven Tumorformen (Patel et al. 2005; Nilsen et al. 2006). Auch beim Nierenzellkarzinom ergab eine Metaanalyse von 19 Studien eine signifikante Reduktion der Inzidenz durch intensives Sporttreiben – als kausale Faktoren werden Beeinflussung von Adipositas und Insulinresistenz diskutiert (Behrens und Leitzmann 2013). Die Datenlage zum Hoden- und Harnblasenkarzinom ist aktuell noch widersprüchlich.
Tumorentitätsübergreifend zeigt darüber hinaus das Gros der hierzu durchgeführten Studien sehr günstige Auswirkungen sportlicher Aktivität auf das signifikant verringerte Risiko für das Auftreten von Fatigue und fatigue-bedingten Beschwerden unter antitumoraler Behandlung (Speck et al. 2010).
Ein interessanter Ansatz ist eine Studie, die den Effekt eines sportlichen aktiven Lebensstils in Kombination mit einer gesunden Ernährung mit täglich mindestens 5 Obst- oder Gemüseportionen untersucht. Dabei konnte bei Patientinnen mit Brustkrebs ein signifikanter Unterschied bezüglich des Gesamtüberlebens gezeigt werden (Pierce et al. 2007).

Pflanzenheilkunde und Herbal Supplements

Vor dem Hintergrund arzneimittelrechtlicher Vorgaben auf deutscher und auf europäischer Ebene wird heute hinsichtlich phytotherapeutischer Präparate im Wesentlichen unterschieden zwischen pflanzlichen Arzneimitteln mit bibliographischer Zulassung („well established use“ nach Monographie der EMA [European Medicines Agency] und Zulassungsverfahren beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte [BfArM]), traditionellen pflanzlichen Arzneimitteln (Registrierungsverfahren beim BfArM) und – vergleichbar den Herbal Supplements in den USA – Nahrungsergänzungsmitteln (lediglich Anzeigeverfahren beim BVL [Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit]). Extrakte aus grünem Tee und aus dem Granatapfel – mit beiden wurden in den letzten Jahren sehr interessante Untersuchungen an Patienten mit Prostataneoplasien durchgeführt – gehören in die dritte Gruppe.
Der grüne Tee (Abb. 1) erhält aufgrund seiner Herstellung seine hohen Anteile an Polyphenolen mit antioxidativen Eigenschaften. Im Vordergrund stehen dabei die Katechine, deren Hauptvertreter das Epigallocatechin-3-Gallat (EGCG) ist. In einer placebokontrollierten Doppelblindstudie an 60 Patienten mit einer High-grade intraepithelialen Neoplasie der Prostata und damit einem deutlich erhöhten Risiko zur Entwicklung eines invasiven Prostatakarzinoms nahmen 30 Patienten täglich 600 mg eines Grüntee-Extrakts ein. Während einer Therapiephase von 12 Monaten wurden in der placebobehandelten Kontrollgruppe 9 invasive Prostatakarzinome mittels Kontrollbiopsie diagnostiziert, während in der Grüntee-Extrakt-Gruppe nur ein invasives Prostatakarzinom nachgewiesen werden konnte (Bettuzzi et al. 2006). Der statistisch signifikante Unterschied wurde in einer Follow-up-Untersuchung 2 Jahre später bestätigt. Die Ergebnisse einer nachfolgenden größeren Phase-III-Studie müssen abgewartet werden.
Der Granatapfel (Abb. 2) bzw. Granatapfelextrakt enthält Flavonoide wie Anthocyane und Quercetin, Polyphenole wie die Ellagsäure und daneben u. a. auch Substanzen, die eine gewisse estrogene Aktivität aufweisen. In einer ersten unkontrollierten Phase-II-Studie hatten 46 Männer mit einem PSA-(Proastataspezifisches-Antigen-)Rezidiv nach Primärbehandlung ihres Prostatakarzinoms mit Operation oder Radiatio 240 ml Granatapfelsaft mit einem Gehalt an 570 mg Polyphenolen täglich eingenommen. Hierunter kam es zu einer signifikanten Verlängerung der PSA-Verdopplungszeit von 15 auf 54 Monate (Pantuck et al. 2006). In einer randomisierten Studie zur biologischen Wirksamkeit erhielten 104 Patienten in vergleichbarer Situation je 1 oder 3 g Granatapfelextrakt (entsprechend einem Polyphenolgehalt von 1000 mg bzw. 3000 mg). In beiden Gruppen stieg die PSA-Verdopplungszeit ebenfalls signifikant im Vergleich zum Baseline-Wert an, wobei die höhere Dosierung keinen zusätzlichen Effekt hatte (Paller et al. 2013). Auch wenn dies durchaus vielversprechende Ergebnisse sind, müssen weitere kontrollierte Studien folgen, um den klinischen Stellenwert eindeutiger bewerten zu können. Entsprechende Projekte, auch mit Kombinationen pflanzlicher Extrakte werden in verschiedenen Ländern durchgeführt. Als wichtige Limitierung für den Einsatz komplementärer Therapiemaßnahmen bei Slow-rising-PSA ist in jedem Falle zu bedenken, dass das Fenster für einen optimalen Therapieerfolg einer sekundär kurativen Strahlentherapie (Salvageradiotherapie) bei einem PSA-Wert bis maximal 0,5 ng/ml liegt.
Größeren Raum nimmt die Phytotherapie in der begleitenden supportiven Behandlung von Tumorpatienten ein. Dabei können z. B. häufiger auftretende psychische Probleme im Umgang mit der Erkrankung und ihrer existenziellen Bedrohung einhergehend mit Angst und/oder Depressionen z. B. unterstützend mit Lavendelöl (Lavandula angustifolia) oder Johanniskrautextrakt (Hypericum perforatum) behandelt werden. Dabei ist zu beachten, dass – in Abhängigkeit vom Hyperforin-Gehalt – Johanniskrautextrakt das für den Abbau vieler Medikamente verantwortliche Zytochrom P450-3A4 (CYP3A4) induzieren kann und es somit zu einer Wechselwirkung mit verschiedenen Arzneimitteln kommen kann. Zur Prophylaxe von Mukositiden infolge einer Chemotherapie haben sich Mundspülungen z. B. mit Salbeiblättern, Ringelblumen- und Kamillenblüten bewährt. Hitzewallungen als typische Nebenwirkung der antihormonellen Therapie beim Prostatakarzinom werden in der Erfahrungsheilkunde häufig mit Extrakten aus dem Cimicifugawurzelstock (Traubensilberkerze) und Salbeiblättern (Salvia officinalis) behandelt – klinische Forschungsdaten hierzu stehen noch aus.
Die im deutschen Sprachraum am häufigsten von Patienten mit Tumorerkrankungen eingesetzte Heilpflanze ist die Mistel (Viscum album). Mistelextrakt wird als Injektionspräparat i.d.R. ergänzend zur konventionellen Therapie 2- bis 3-mal wöchentlich subkutan injiziert. Hinsichtlich einer Art systemischer Behandlung mit Mistelpräparaten bei urologischen Tumoren gibt es derzeit kaum Studiendaten, die zu einer wissenschaftlich solide begründeten Empfehlung führen könnten. In einer kleinen Pilotstudie zum oberflächlichen Harnblasenkarzinom (n = 45) hatte die 2-mal wöchentliche s.c.-Gabe eines Mistelextrakts keine Auswirkung auf die Rezidivhäufigkeit gehabt (Goebell et al. 2002). Die Ergebnisse aus zwei ersten Phase-I-Studien zur intravesikalen Instillationstherapie in der Nachbehandlung des oberflächlichen Harnblasenkarzinoms waren aber so vielversprechend (vergleichbare Effekte wie unter Instillationstherapie mit BCG (Bacillus Calmette-Guérin) oder Mitomycin bei sehr guter Verträglichkeit) (Elsässer-Beile et al. 2005), dass aktuell die Wirksamkeit einer derartigen Mistelapplikation im Rahmen einer großen Phase-III-Studie weiter untersucht wird.
Die Hauptindikation der Mistel in der komplementären Krebstherapie ist aber die Begleitbehandlung zur konventionellen Therapie mit dem Ziel, hierdurch eine Verbesserung ihrer Verträglichkeit, eine Minderung ihrer Nebenwirkungen und eine Optimierung der Lebensqualität der Patienten erreichen zu können. Einem Review der Cochrane Collaboration zur Misteltherapie zufolge konnte dies in der Mehrzahl der hierzu durchgeführten Therapiestudien zumindest in Teilbereichen erzielt werden. Es wird aber auf methodologische Schwächen in einem Großteil der Studien hingewiesen (Horneber et al. 2008). Das Gros dieser Daten ist im Zusammenhang mit nichturologischen Tumorerkrankungen erhoben worden. Diese lassen sich aber bei vorsichtiger Handhabung u. U. auf die Situation von Patienten mit einer urologischen Tumorerkrankung übertragen. Auch wenn die Misteltherapie weiterhin Gegenstand kontroverser Diskussionen in der Onkologie ist, gehört sie zu den wenigen Ausnahmen in der Komplementärmedizin, für die zumindest in der palliativen Therapiesituation eine Erstattungsfähigkeit in der gesetzlichen Krankenversicherung besteht.

Akupunktur

Auch Akupunkturbehandlungen werden bei bestimmten Indikationen von den gesetzlichen Krankenversicherungen getragen, nachdem in den großen deutschen Akupunkturstudien eine Wirksamkeit bei Schmerzen durch Gonarthrose sowie Lumbalsyndrom belegt werden konnte (u. a. GERAC-Studie) (Molsberger et al. 2006).
Die WHO veröffentlichte 2003 eine Indikationsliste für Akupunktur. Dabei wurde die Indikation zur Behandlung von Patienten mit Tumorerkrankungen zur Reduktion von Therapienebenwirkungen bei Strahlentherapie und Chemotherapie und Tumorschmerzen gestellt (WHO 2003). In einer Übersichtsarbeit zur Wirksamkeit der Akupunktur bei tumorbedingten Knochenschmerzen wurde die Wirkung der Akupunktur durch eine Aktivierung von hemmenden Neurotransmittern wie Enkephalin oder durch die verminderte Ausschüttung von Dynorphin auf segmentaler Ebene, aber auch durch einen direkten zentralen Effekt im Tiermodell gezeigt (Paley et al. 2011). In kleineren Beobachtungsstudien ergaben sich darüber hinaus Hinweise auf die Reduktion von chemotherapieinduzierter Fatigue und die mit der Behandlung des fortgeschrittenen Prostatakarzinoms mit Hormonen einhergehenden Hitzewallungen (Molassiotis et al. 2007; Frisk et al. 2009).

Mind-Body-Medizin, achtsamkeitsbasierte Stressreduktion

Das Spektrum der Therapieverfahren, die der sog. Mind-Body-Medizin (MBM) zugerechnet werden, beinhaltet verschiedene Methoden wie z. B. Yoga, Tai Chi, Chi Gong, Autogenes Training, Hypnose und Meditation sowie multimodale gruppentherapeutische Programme, die mehrere dieser Verfahren miteinander kombinieren und auch naturheilkundliche Selbsthilfestrategien integrieren können. Ein besonders intensiv beforschtes Beispiel hierfür ist die Mindfulness-Based Stress Reduction (MBSR, deutsch auch „Achtsamkeitsmeditation“). Das diesem zugrunde liegende Konzept wurde von Jon Kabat Zinn entwickelt. Hierbei werden die Teilnehmer in einem 8- bis 10-wöchigen Gruppenprogramm zu Maßnahmen der Stressreduktion wie Meditation, Body Scan, Yoga und kognitiver Umstrukturierung geschult sowie zur Optimierung von Ernährung und Bewegung angeleitet. Neben den in wöchentlichen Abständen stattfindenden Gruppensitzungen wenden die Teilnehmer das Erlernte an den weiteren 6 Wochentagen regelmäßig in Übungen zu Hause an.
In Metaanalysen der bisher hierzu durchgeführten klinischen Studien, insbesondere für die Variablen Lebensqualität, Stress und Gestimmtheit bzw. mentale und physische Variablen bei Patienten mit unterschiedlichen Tumorerkrankungen, konnte eine Verbesserung dieser Faktoren durch den Einsatz von MBM bzw. MBSR gezeigt werden. Der Großteil dieser Studien wurde vor allem mit Brustkrebspatientinnen durchgeführt, ein Teil der teilnehmenden Patienten war aber auch an einem Prostatakarzinom erkrankt (Musial et al. 2011).

Zusammenfassung

  • Viele Patienten mit urologischen Tumorerkrankungen nutzen komplementärmedizinische Therapiemaßnahmen.
  • Komplementärmedizinische Therapieverfahren können die konventionelle Behandlung sinnvoll ergänzen.
  • Positive Effekte in verschiedenen wissenschaftlichen Studien nachgewiesen.
  • Herausforderung für die wissenschaftliche Evaluation: Komplementärmedizinische bzw. naturheilkundliche Therapieansätze kommen häufig im Rahmen komplexerer Interventionen zur Anwendung, erschwert den Nachweis für die therapeutische Wirksamkeit einzelner Therapiebestandteile.
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