Die Urologie
Autoren
S. Haim, M. Beheshti und W. Langsteger

Nuklearmedizin der Niere, des Retroperitoneums und der Harnblase

Die Erfassung der Nierenleistung ist eines der ältesten Anwendungsgebiete von Radioisotopen in der nuklearmedizinischen Diagnostik. Sie wurde in den späten 1970er-Jahren als nichtinvasive Methode zur Diagnostik und Kontrolle von Uropathien entwickelt. Es gibt verschiedene nuklearmedizinische Methoden, um die Nieren zu untersuchen, wobei sowohl verschiedene Untersuchungsformen als auch unterschiedliche Radiopharmaka zur Verfügung stehen. Die jeweilige Fragestellung bestimmt die Untersuchungsart, den Untersuchungsablauf und das erforderliche Radiopharmakon (McClennan 2014). Prinzipiell ist methodisch die dynamische von der statischen Nierenszintigraphie zu unterscheiden. Bei der dynamischen oder Perfusionsnierenszintigraphie werden die physiologische Durchblutung, die tubuläre Sekretionsleistung und die Exkretion seitengetrennt beurteilt, zusätzlich kann die Clearance als quantitativer Parameter bestimmt werden. Der Nachweis geringfügiger Funktionsbeeinträchtigungen gelingt mit dieser Methode, noch bevor die Konzentration harnpflichtiger Substanzen im Blut erhöht ist. Bei der statischen Szintigraphie wird die Morphologie des funktionsfähigen Nierengewebes (Lage, Form und Größe) sowie etwaige Anomalien und Parenchymdefekte infolge entzündlicher, vaskulärer oder raumfordernder Prozesse einige Stunden nach Tracer-Applikation dargestellt.

Konventionelle Nierenszintigraphie

Die Erfassung der Nierenleistung ist eines der ältesten Anwendungsgebiete von Radioisotopen in der nuklearmedizinischen Diagnostik. Sie wurde in den späten 1970er-Jahren als nichtinvasive Methode zur Diagnostik und Kontrolle von Uropathien entwickelt (Blaufox 1989).
Die anfänglich eingesetzte radiojodmarkierte Hippursäure weist aufgrund der hohen tubulären Sekretionsrate von über 90 % nahezu ideale pharmakokinetische Eigenschaften auf. Aufgrund des biologischen Ausscheidungsverhaltens ist O-Jod-Hippursäure (OJH) nach wie vor der Goldstandard in der Nuklearmedizin zur Clearance-Bestimmung. Der Nachteil dieser Methode ist die Markierung mit Radiojod wegen der hohen Beta-Komponente bei 131Jod verbunden mit der langen Halbwertszeit und der schlechten Verfügbarkeit von alternativ verwendbarem 123Jod.
Der wichtigste Fortschritt für die breite Verfügbarkeit der Nierenszintigraphie war die Entwicklung eines 99mTc-markierbaren Tracers, der tubulär sezerniert wird und damit eine hohe renale Clearance aufweist. Die Markierung mit 99mTc verbesserte außerdem die Bildqualität der Nierenszintigramme, da 99mTc durch seine geringe Phontonenenergie (140 keV) ideal mit der Gammakamera darstellbar ist. Die fehlende Beta-Komponente und die deutlich kürzere Halbwertszeit von 6 h führte zu einer insgesamt deutlich verringerten Strahlenbelastung im Vergleich zu Radiojod-markierten Substanzen. Verglichen mit OJH ist bei gleicher injizierter Aktivität die Strahlenbelastung der Nieren (Organdosis) um einen Faktor von 3,6 und das „Effektive Dosisäquivalent“ (nach ICRP 1979) um den Faktor 6,2 niedriger. Letzteres beträgt bei Anwendung von 100 MBq 99mTc-MAG3 ca. 0,8 mSv (Bubeck et al. 1987).
Es gibt verschiedene nuklearmedizinische Methoden, um die Nieren zu untersuchen, wobei sowohl verschiedene Untersuchungsformen als auch unterschiedliche Radiopharmaka zur Verfügung stehen. Die jeweilige Fragestellung bestimmt die Untersuchungsart, den Untersuchungsablauf und das erforderliche Radiopharmakon.
Prinzipiell ist methodisch die dynamische von der statischen Nierenszintigraphie zu unterscheiden. Bei der dynamischen oder Perfusionsnierenszintigraphie werden die physiologische Durchblutung, die tubuläre Sekretionsleistung und die Exkretion seitengetrennt beurteilt, zusätzlich kann die Clearance als quantitativer Parameter bestimmt werden. Der Nachweis geringfügiger Funktionsbeeinträchtigungen gelingt mit dieser Methode, noch bevor die Konzentration harnpflichtiger Substanzen im Blut erhöht ist.
Bei der statischen Szintigraphie wird die Morphologie des funktionsfähigen Nierengewebes (Lage, Form und Größe) sowie etwaige Anomalien und Parenchymdefekte infolge entzündlicher, vaskulärer oder raumfordernder Prozesse einige Stunden nach Tracer-Applikation dargestellt.

Nierenperfusions- und Nierenfunktionsszintigraphie

Radiopharmaka

Zur nuklearmedizinischen Diagnostik und Beurteilung der tubulären Extraktion stehen 3 Radiopharmazeutika zur Verfügung: 123I-Hippuran, 99mTc-Mercaptoacetyltriglycin (MAG3) und 99mTc-Ethylendicystein (EC). 99mTc-Diethylentriaminpentaacetat (DTPA) wird in der Beurteilung der glomerulären Filtration eingesetzt. Aufgrund der höheren Extraktionsrate der tubulär extrahierten Radiopharmaka und eines besseren Nieren-Hintergrund-Verhältnisses sollten die tubulär extrahierten Radiopharmaka dem glomerulär filtrierten Radiopharmakon (DTPA) vorgezogen werden. Nach Nierentransplantation kann DTPA sinnvollerweise eingesetzt werden, wenn die Bestimmung des Blutflusses und der glomerulären Filtrationsrate (GFR) mit Blutprobenmessung benötigt wird (Piepsz et al. 1998; Dubovsky et al. 1999).
MAG3 ist das mit Abstand am häufigsten eingesetzte Radiopharmakon in der Nierendiagnostik. Nach intravenöser Applikation wird der Tracer in der Niere nahezu vollständig tubulär sezerniert und mit geringer parenchymaler Retention über den Urin ausgeschieden. In einem einzigen Untersuchungsgang können damit Nierenperfusion, tubuläre Sekrektion und Exkretion beurteilt werden.

Ablauf

Das Prinzip der Nierenperfusions- und -funktionsszintigraphie ist denkbar einfach. Eine harnpflichtige Substanz wird radioaktiv markiert und intravenös appliziert. Die Anflutung, Akkumulation und Ausscheidung über die Niere wird bildlich dargestellt und seitengetrennt ausgewertet. Eine besondere Vorbereitung des Patienten ist nicht erforderlich, es sollte allerdings beachtet werden, dass die Gabe von nierenpflichtigen Kontrastmitteln länger als 48 h zurückliegt, um eine Verfälschung der Ergebnisse zu vermeiden. Unmittelbar vor der Untersuchung wird der Patient hydriert (10–15 ml Flüssigkeit/kg Körpergewicht oral oder i.v.), um die Ausscheidung und damit verbundene Bildqualität zu optimieren.
Die Untersuchung wird meistens im Liegen durchgeführt, bei Verdacht auf Wanderniere kann eine zusätzliche Untersuchung im Sitzen notwendig sein (Murari et al. 2012). Der Patient wird, nachdem er die Blase entleert hat, in Untersuchungsposition gebracht (Rückenlage oder sitzend) und die Kamera über die beiden Nieren unter Einschluss der Harnblase positioniert. Die Aufnahmen werden bei normaler Nierentopographie von dorsal angefertigt.
Die Herausforderung bei Kindern besteht darin, für die Untersuchungsdauer von 30 min ein ruhiges Liegen zu gewährleisten und Bewegungsartefakte zu vermeiden. Aus diesem Grund wird die Untersuchung an einigen Abteilungen in Narkose durchgeführt, an unserer Abteilung hat sich die Fixation mit Vakuummatratze am wachen Kind bewährt und etabliert, zusätzlich kann bei Bedarf eine Sedierung verabreicht werden. Meistens ist jedoch die Ablenkung und Beschäftigung mit Spielsachen oder einem Film, der während der Untersuchung vorgespielt wird, ausreichend.
Die Aufnahme startet mit der i.v. Bolusinjekton von Radiopharmakon (z. B. MAG3). Die erforderliche Dosis wird dem Körpergewicht angepasst (Lassmann et al. 2009; Stabin und Gelfand 1998).
Die Aufnahme der Bilder erfolgt in einem dynamischen Modus mit z. B. 60 Frames à 1 s für insgesamt 20 min.
Bei speziellen Fragestellungen kann zusätzlich Furosemid i.v. zur forcierten Diurese verabreicht werden. Damit kann eine Abflussverzögerung (sog. funktionelle Obstruktion) von einer organisch fixierten relevanten Obstruktion unterschieden werden. Je nach Untersuchungsprotokoll und Fragestellung kann die Verabreichung von Furosemid entweder 15 min vor Untersuchungsbeginn (F–15), bei Untersuchungsbeginn (F+0) oder nach Verabreichung des Radiopharmakons (F+20) erfolgen.
Die Auswertung der Bilder erfolgt semiquantitativ. Dazu werden „Regions of Interest“ (ROI) über beide Nieren und die Hintergrundaktivität eingezeichnet und eine Zeit-Aktivitäts-Kurve wird erstellt (Abb. 1).
Zur Clearance-Bestimmung werden 20–30 min nach Tracerapplikation 2–5 ml venöses Blut entnommen und die Tracerkonzentration in counts/ml/min bestimmt. Zur Quantifizierung der Ganzkörper-Clearance wird eine Ganzkörperkurve bzw. eine repräsentative extrarenale Teilkörperkurve erstellt. Die Eichung dieser Kurve erfolgt mittels Bestimmung der Tracerkonzentration in der entnommenen Blutprobe. Mit Hilfe der über den Nieren registrierten Zeit-Aktivitäts-Kurven (Nephrogramme) wird die prozentuale Seitenverteilung der Nieren-Clearance berechnet und es kann die seitengetrennte Clearance-Leistung genormt auf 1,73 m2 Körperoberfläche bestimmt werden. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die absolute Clearance alters- und geschlechtsabhängig ist (Abb. 2).
Das Verhältnis rechts/links liegt mit einer Abweichung ±5 % im Normbereich (Seitenverteilungen 45/55 % rechts/links sind somit im Normbereich).
Das Nephrogramm lässt sich in 3 Kurvenabschnitte (Funktionsphasen) unterteilen: Anflutung (Perfusion), Sekretion (Parenchymphase) und Exkretion (Abb. 3).

Normalbefund

Der Tracer flutet normalerweise gleichzeitig in der Aorta und in den Nieren an. In der Sekretionsphase kontrastieren sich zeitgleich beide Nieren homogen und ohne kortikale Parenchymdefekte. In dieser Zeit (zwischen 45. und 120. Sekunde p.i.) werden auch die seitengetrennten Funktionsanteile ermittelt. Dazu wird die Fläche zwischen Ganzkörperkurve und Zeitaktivitätskurve der jeweiligen Niere bestimmt. Anschließend erfolgt der intrarenale Transit, in dem der Tracer aus dem Parenchym ausgewaschen und im Nierenbeckenkelchsystem gesammelt wird. Das Nierenbeckenkelchsystem entleert sich in die Harnblase, wobei eine Traceranreicherung in der Harnblase normalerweise 5 min nach Tracerapplikation zu beobachten ist (Abb. 4).

Beurteilung

Die Beurteilung erfolgt zunächst visuell, wobei sowohl die Bildsequenz als auch die Aktivitätsverteilung, im zeitlichen Verlauf als Kurve dargestellt, beurteilt werden können. Bei einer gesunden Niere zeigt sich in der Perfusionsphase ein steiler Anstieg, der Peak (Aktivitätsmaximum – Tmax) wird in der Sekretionsphase (1.–4. Minute p.i.) erreicht. In der anschließenden Exkretionsphase (intrarenaler tubulosekretorischer Transport 4.–6. Minute p.i.) beginnt der Kurvenabfall, zum Endpunkt der Untersuchung sollte lediglich eine geringe Restaktivität im Nierenbecken nachweisbar sein, die Kurve nähert sich nach einem exponentiellen Abfall der x-Achse (Abb. 5).
Bei Nierenfunktionsstörungen kommt es zu typischen Kurvenveränderungen (Abb. 6).
Akute Harnabflussstörungen sind meist symptomatisch, chronische Obstruktionen verlaufen häufig klinisch unauffällig und sind oft ein sonographischer Zufallsbefund z. B. im Rahmen des intrauterinen Organscreenings (Abb. 2). Aufgabe der Szintigraphie ist es, die Ursache der sonographisch detektierten Nierenbeckendilatation (obstruktiv bedingte Dilatation oder andere Genese) festzustellen. Die Obstruktion ist am konvexen Kurvenverlauf und am deutlich langsameren Kurvenabfall im Vergleich zur gesunden Niere (weniger als 50%ige Aktivitätsabnahme bis zum Endpunkt der Untersuchung) erkennbar. Ob diese Obstruktion bereits zu einer Funktionseinschränkung geführt hat, lässt sich durch die seitenanteilige Funktion („Split Function“) beurteilen, die Gesamtclearance gibt Auskunft über die Clearance-Leistung beider Nieren (Grimsby et al. 2015).
Sonographisch dilatierte Nieren können jedoch auch einen unauffälligen Kurvenverlauf im Nephrogramm zeigen, die Ursache der Dilatation ist dann nicht durch eine Obstruktion bedingt (Abb. 7).

Nierenarterienstenose

Die Nierenarterienstenose ist eine mögliche Ursache der Bluthochdruckerkrankung (2 % aller Hypertonien). Umgekehrt führt nicht jede Nierenarterienstenose zu einer Hypertonie. Bei einem Großteil der Hypertonien (>90 %) lässt sich keine Ursache identifizieren (essentielle Hypertonie).
Die Frage, ob eine Nierenarterienstenose ursächlich für die Hypertonie ist, lässt sich mit einer Nierenszintigraphie unter Angiotensin-Converting-Enzym(ACE)-Hemmer-Gabe (Captopril-Nierenszintigraphie) mit einer Sensitivität und Spezifität von 90 % beantworten (Abb. 8).
Die Wahrscheinlichkeit einer renovaskulären Ursache der Hypertonie ist bei therapieresistenter, plötzlich auftretender Hypertonie bei einem Patienten zwischen dem 30. und 55. Lebensjahr mit anamnestisch bekannter arterieller Verschlusskrankheit relativ hoch (bis zu 20 %).
Eine Nierenarterienstenose führt zu einem verminderten intrarenalen Perfusionsdruck und damit zu einer erhöhten Reninfreisetzung am juxtaglomerulären Apparat. Das freigesetzte Renin aktiviert die Renin-Angiotensin-Aldosteron-Kaskade, dies bewirkt eine arterielle Vasokonstriktion und eine gesteigerte renale Natriumretention. Diese Effekte führen zu einer Blutdruckerhöhung.
Wird dieser Kompensationsmechanismus durch die Gabe eines ACE-Hemmers (z. B. 25–50 mg Captopril) 1 h vor Tracerapplikation ausgeschaltet, zeigt sich im Vergleich zur Basisuntersuchung eine pathologische Funktionskurve (Verminderung der Split Function und verzögerter intrarenaler Transit) (Becker 1991; Vasbinder et al. 2001; Otto 1999).

Transplantatniere

Die kombinierte Perfusions-/Funktionsszintigraphie wird zur engmaschigen Verlaufskontrolle der Funktion der Transplantatniere eingesetzt und kann im Verlauf zur Differenzialdiagnose zwischen Abstoßungsreaktion, akuter tubulärer Nekrose und vaskulären Komplikationen herangezogen werden. Auch Ureter-Leckage kann durch extrarenale Nuklidakkumulationen nachgewiesen werden (Hamscho et al. 2005; Hilson et al. 1978).
Die Komplikationen nach Nierentransplantation sind meist in ihrem zeitlichen Auftreten (akute Abstoßungsreaktionen frühestens 5–7 Tage bis zu 3 Monate postoperativ) typisch, weshalb das Szintigramm unbedingt im Kontext der Klinik (Alter des Transplantats, Beschwerdebild des Patienten) zu interpretieren ist. Unterschieden werden können dabei folgende Untersuchungsergebnisse:
  • fehlende Perfusion als Hinweis für einen kompletten Gefäßverschluss („leere Nierenloge“),
  • reduzierte Perfusion aufgrund eines Tubulusschadens mit deutlich verzögertem oder fehlendem intrarenalen Tracertransit,
  • unauffällige Perfusion bei deutlich reduzierter Sekretion in der frühen postoperativen Phase als Zeichen eines Transplantatversagens.

Statische Nierenszintigraphie

Radiopharmaka

99mTc-Dimercaptosaccinylacid (DMSA) ist ein Tracer, der tubulär fixiert wird. Nierenanomalien (hypoplastische bzw. dystope Nieren, Doppelanlage, Hufeisennieren, Beckenniere usw.) lassen sich in Bezug auf Lage, Ausdehnung und seitenanteilige Funktion sehr gut beurteilen und bereits kleine Parenchymdefekte und postpyelonephritische Veränderungen sind mit einer sehr hohen Sensitivität darstellbar.

Ablauf

Zwei Stunden nach körpergewichtadaptierter intravenöser Applikation von DMSA werden planare Aufnahmen von ventral und dorsal und gegebenenfalls zusätzliche Aufnahmen mit hochauflösenden Kollimatoren (sog. Pinhole-Kollimator) und /oder SPECT-Akquisitionen angefertigt. Auch bei dieser Untersuchung ist es sehr wichtig, dass die Patienten ruhig liegen, um Bewegungsartefakte zu vermeiden. Bei einer Dauer von ca. 30 min ist das für Kinder oft nicht einfach – wie bereits oben beschrieben hat sich an unserer Abteilung die Untersuchung in einer Vakuummatratze bewährt, eine Narkose ist nicht erforderlich (Mandell et al. 1997).

Beurteilung

Die Beurteilung erfolgt visuell, wobei die Größe und Lage der Nieren und die Traceranreicherung im Nierenparenchym (homogen, inhomogen, Speicherdefekte etc.) beurteilt werden können. Die Split Function berechnet man aus den planaren Aufnahmen von ventral und dorsal durch Bildung des geometrischen Mittels. Die Split Function kann mit der DMSA-Methode exakter berechnet werden als in der MAG3-Szintigraphie, weil in der MAG3-Szintigraphie die Aufnahmen ausschließlich von dorsal angefertigt werden und der unterschiedliche Abstand der jeweiligen Niere zum Kollimator unberücksichtigt bleibt, relevant ist dies aber nur bei einseitiger Beckenniere oder bei Bestimmung der seitenanteiligen Funktion vor geplanter Nephrektomie (Abb. 9).
Umschriebene Parenchymerkrankungen (Entzündungen, Tumoren oder Zysten) führen zu Minderspeicherungen in der DMSA-Szintigraphie, durch das Ausmaß der Minderspeicherung und der verbleibenden seitenanteiligen Funktion lässt sich die Auswirkung der Erkrankung auf die Funktion beurteilen (Clarke et al. 1996) (Abb. 10).

Refluxprüfung

Indirekte Radionuklidmiktionszysturethrographie

Indikation für die Untersuchung besteht bei Verdacht auf einen vesikoureteralen Reflux (VUR), z. B. bei rezidivierenden Harnwegsinfekten oder zur Verlaufskontrolle. Die Spezifität beträgt 100 %, die Sensitivität ist jedoch deutlich geringer, da der Reflux oft nur intermittierend auftritt.
Diese Untersuchung ermöglicht die Diagnose einer VUR ohne Blasenkatheterisierung, kann direkt an die MAG3-Nierenfunktionsszintigraphie ohne zusätzliche Strahlenbelastung angeschlossen werden und ist nicht invasiv. Die indirekte Miktionszysturethrographie (MCU) erlaubt eine Beurteilung unter physiologischen Bedingungen, allerdings nur während der Miktionsphase und nicht wie bei der direkten MCU auch in der Füllungsphase. Die Untersuchung wird bei auftretendem Harndrang durchgeführt und in einer dynamischen Sequenz mit kurzen Einzelaufnahmen können kleine Refluxmengen, die nur kurze Zeit in Ureter oder Nierenbeckenkelchsystem verbleiben, detektiert werden. Die Untersuchung ist erst ab einem Alter, bei dem die Blase auf Kommando entleert werden kann, sinnvoll.

Direkte Radionuklidmiktionszysturethrographie

Der Tracer wird (MAG3) wird über einen Blasenkatheter instilliert, das Volumen für die Blasenfüllung wird dazu aus einer Formel berechnet. Nach abgeschlossener Blasenfüllung erfolgt ein Pressversuch und anschließend wird die Miktion durchgeführt. Eine Beurteilung und Prüfung auf Reflux ist damit auch während der Füllungsphase und des Pressversuchs möglich. Damit lässt sich im Vergleich zur indirekten MCU die Anzahl der falsch-negativen Befunde minimieren, da ein Reflux isoliert nur in der Füllungsphase oder während des Pressversuchs auftreten kann. Die Untersuchung wird in einer dynamischen Sequenz mit kurzen Einzelaufnahmen durchgeführt, um auch kleine Refluxmengen erfassen zu können (Abb. 11).

Positronenemissions- und Computertomographie

Die Positronenemissionstomographie (PET) in Kombination mit der Computertomographie (CT) hat in den letzten Jahren erhebliche gerätetechnische und radiopharmakologische Weiterentwicklungen erfahren. In dieser Kurzübersicht werden Grundlagen der molekularen Bildgebung des Nierenzell- und Harnblasenkarzinoms mit PET/CT bezüglich Radiophamakologie und aktueller klinischer Aussagekraft zusammengefasst.

Nierenzellkarzinom

Der Nachweis eines primären Nierenzellkarzinoms mittels PET-Untersuchung ist eingeschränkt, da die Großzahl der Radiopharmaka renal ausgeschieden wird (Abb. 12). In den ersten Studien wurde berichtet, dass die diagnostische Genauigkeit von Tumorzellcharakteristika, Differenzierung und Wachstumsbedingungen abhängt. Aide et al. untersuchten 53 Patienten mit Flourdesoxyglukose(FDG)-PET (Aide et al. 2003). In der Diagnostik der Raumforderungen in den Nieren verursacht FDG-PET eine hohe Rate von falsch-negativen Befunden und führt zu einer Sensitivität, Spezifität und diagnostischen Genauigkeit von 47 %, 80 % und 51 % im Vergleich zur CT mit einer diagnostischen Genauigkeit von 83 %. Im Gegensatz war die diagnostische Genauigkeit für die Detektion der Fernmetastasen 94 % für FDG-PET versus 89 % für CT. In einer anderen Studie mit 66 Patienten wurden für die Diagnostik eines suspekten oder bekannten Nierenzellkarzinoms insgesamt 90 FDG-PET-Untersuchungen durchgeführt (Kang et al. 2004). Die Autoren fanden eine Sensitivität von 60 % für FDG-PET versus 91,7 % für CT. Andere PET-Radiopharmaka wie z. B. 11C-Acetat und 18 F-FMISO wurden in letzter Zeit in Phase-I-Studien zur Diagnostik und Evaluierung des Nierenzellkarzinoms entwickelt und erprobt.
In einer rezenten multizentrischen Studie wurde die Wertigkeit der 124I-Girentuximab-PET-CT in Patienten mit Nierentumoren, welche einer Resektion unterzogen werden sollten, untersucht (Divgi et al. 2013). Girentuximab ist ein mononuklearer Antikörper, welcher spezifisch an das CAIX-Molekül bindet, ein Enzym, welches bei klarzelligen Nierenzelltumoren zunehmend gebildet wird.
Präoperativ wurde 2–6 Tage nach 124I-Girentuximab-Gabe ein PET-CT und zum späteren Vergleich auch ein herkömmliches kontrastmittelgestütztes CT-Bild („Contrast-enhanced CT“; CECT) des Abdomens durchgeführt.
Die kompletten Datensätze (inklusive der Histopathologie, der PET-CT und CECT-Bilder) von allen 195 Patienten wurden analysiert. Die durchschnittliche Sensitivität für das PET-CT lag bei 86,2 % im Vergleich zu 75,7 % beim CECT (95 % KI, p = 0,023). Das 124I-Girentuximab-PET-CT zeigte ebenfalls deutlich höhere Spezifität im Vergleich zum CECT (85,9 % vs. 46,8 %, 95 % KI, p = 0,005).
Diese Studie stellt zum Zeitpunkt der Publikation die erste klinische Validierung eines molekularen Biomarkers in der bildgebenden Diagnostik maligner Tumoren dar. Mit Hilfe des 124I-Girentuximab-PET-CT können die klarzelligen Nierenzelltumoren akkurat und non-invasiv diagnostiziert werden. Die Autoren sehen hierin das Potenzial, künftige Behandlungskonzepte von Patienten mit Nierentumoren dieses Typs bestmöglich gestalten zu können.

Blasenkarzinom

Wie beim Prostata- und Nierenzellkarzinom führt die Ausscheidung von FDG durch die Nieren zu einer signifikanten Limitation der FDG-PET für die Diagnostik des primären Blasenkarzinoms. In einer rezenten Studie mit 55 Patienten konnte die Ergänzung von metabolischen Informationen von FDG-PET zu der von morphologischer Bildgebung von CT die diagnostische Genauigkeit des präoperativen Stagings von invasiven Blasenkarzinomen deutlich verbessern (Drieskens et al. 2005). Es wurden zur PET-Untersuchung von Blasenkarzinomen in geringem Umfang auch andere Radiopharmaka wie 11C-Methionin und 11-Cholin eingesetzt. Die ersten Resultate waren durchaus vielversprechend, jedoch empfehlen sich weitere Studien.

Zusammenfassung

  • Nierenszintigraphie: nuklearmedizinisches Verfahren zur Beurteilung der Nierenfunktion unter statischen und dynamischen Gesichtspunkten.
  • Dynamische Nierenszintigraphie/Perfusionsnierenszintigraphie: seitengetrennte Untersuchung der physiologischen Durchblutung, tubulären Sekretionsleitung und Exkretion. Radiopharmaka: 123I-Hippuran, 99mTc-MAG3, 99mTc-EC, 99mTc-DTPA. 99mTc-MAG3 ist das am häufigsten verwendete Radiopharmakon.
  • Ablauf: Hydration des Patienten, Injektion des Radiopharmakons. Aufnahme und seitengetrennte Auswertung der Anflutung, Akkumulation und Ausscheidung über 20 min. Blutproben zur Bestimmung der Tracerkonzentration 20–30 min nach Tracerinjektion.
  • Nephrogramm: Zeit-Aktivitäts-Kurve, Clearance-Leistung der Nieren, Unterteilung in 3 Phasen: Perfusionsphase, Sekretionsphase, Exkretionsphase.
  • Untersuchung einer Nierenarterienstenose mit Captopril-Szintigraphie.
  • Funktionsprüfung einer Transplantatniere mit kombinierter Perfusions-/Funktionsszintigraphie.
  • Statische Nierenszintigraphie: Beurteilung des funktionsfähigen Nierengewebes (Lage, Form, Größe), von Anomalien und Parenchymdefekten. Radiopharmakon: 99mTc-DMSA.
  • Ablauf: Injektion von 99mTc DSMA 2 Stunden vor Messung. Aufnahmen von dorsal und ventral, ggf. zusätzlich Aufnahmen mit hochauflösenden Kollimatoren und/oder SPECT.
  • Refluxprüfung durch direkte und indirekte Radionuklidmiktionszysturographie.
  • Einsatz der PET in Kombination mit CT zum Nachweis von Nierenzell- und Blasenkarzinomen.
Literatur
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