Die Urologie
Autoren
Hermann J. Berberich und Stefan Buntrock

Psychoonkologische Aspekte urologischer Tumorerkrankungen

Urologische Tumorpatienten bedürfen im Hinblick auf ihre psychosoziale Belastung einer besonderen Beachtung. Die Eröffnung einer Krebsdiagnose stellt bereits ein traumatisierendes Ereignis dar. Bei zahlreichen urologischen Tumorerkrankungen und deren Behandlung wird die Sexualität nachhaltig gestört. Hierdurch wird nicht nur der Patient, sondern auch die Beziehung zu seinem Partner erheblich belastet. Ein frühzeitiges Erkennen einer psychosozialen Belastung des Patienten und seiner Angehörigen sowie die Initiierung unterstützender Maßnahmen gehören zu einer qualifizierten Tumortherapie und Tumornachsorge.
Urologische Tumorpatienten können erheblich psychosozial belastet sein, sie sind jedoch im eigentlichen Sinne nicht psychisch krank. So sind z. B. Ängste, die durch die Krebserkrankung ausgelöst werden, Ängste vor einer realen Bedrohung und eben keine Phobien. Bei bereits zuvor psychisch kranken Menschen kann es allerdings durch die Krebserkrankung zu einer Verschlechterung der psychischen Erkrankung kommen. Heute beschäftigt sich Psychoonkologie vor allem mit dem Ausmaß der jeweiligen psychosozialen Belastung sowie dem subjektiven und objektiven Behandlungs- bzw. Interventionsbedarf bei Tumorpatienten, ihren Angehörigen und wesentlichen Bezugspersonen. In diesen Rahmen gehören auch qualifizierte onkologische Rehabilitationsmaßnahmen (Dorfmüller 2009).
Die Suche nach der Krebspersönlichkeit und nach individuellen gravierenden Lebensereignissen als Krebsursache, wie sie in den 1970er-Jahren diskutiert wurde, gilt heute in der Psychoonkologie als obsolet. Sie spielt aber nach wie vor in der Laienliteratur eine große Rolle und richtet damit mitunter großen Schaden an, da sie dem Patienten zu Unrecht das Gefühl vermittelt, dass seine Persönlichkeit, seine Herkunftsfamilie, sein Partner oder andere nahestehende Personen Schuld an der Krebserkrankung sind.
Nach den Fachärzten für Hämatologie und internistische Onkologie sind die Urologen die Fachgruppe mit den meisten Tumorpatienten. In einer durchschnittlichen urologischen Praxis beträgt ihr Anteil ca. 25–30 % der zu behandelnden Patienten. In den meisten Fällen begleiten niedergelassene Urologen ihre Tumorpatienten über viele Jahre, was die Entwicklung einer sehr vertrauensvollen Arzt-Patienten-Beziehung ermöglicht. Sie ist das Fundament für die Tumorbehandlung und die Tumornachsorge. Ohne eine solche vertrauensvolle Beziehung lassen sich Behandlungsformen wie „active surveillance“, z. B. bei risikoarmen Stadien des Prostatakarzinoms, kaum durchführen. Deshalb ist es wichtig, nicht nur über die biomedizinischen Daten eines Patienten zu verfügen, sondern auch seine psychosoziale Belastung zu kennen und darauf einzugehen.

Mitteilung einer schlechten Nachricht

Die Eröffnung einer Krebsdiagnose ist für jeden Menschen ein traumatisierendes Ereignis. Der Schriftsteller Theodor Storm (1817–1888) schrieb, nachdem er von seinem Arzt erfuhr, dass er ein Magenkarzinom habe, folgendes Gedicht:
Beginn des Endes
Ein Punkt nur ist es, kaum ein Schmerz
nur ein Gefühl, empfunden eben;
und dennoch spricht es stets darein,
und dennoch stört es Dich zu leben.
Wenn Du es andern klagen willst,
so kannst Du's nicht in Worte fassen.
Du sagst Dir selber: „Es ist nichts!“
und dennoch will es Dich nicht lassen.
So seltsam fremd wird Dir die Welt
und leis verläßt Dich alles Hoffen, bis Du es endlich, endlich weißt,
daß Dich des Todes Pfeil getroffen.
Theodor Storm (1864)
In Deutschland stirbt jeder 4. Mensch infolge einer Krebserkrankung und bei jedem Dritten ist damit zur rechnen, dass er im Laufe seines Lebens an Krebs erkrankt. Deshalb ist davon auszugehen, dass die meisten urologischen Patienten in ihrem nahen Umfeld jemanden kennen, der an einem Karzinom erkrankt oder möglicherweise daran gestorben ist. Die meisten urologischen Tumorerkrankungen haben eine gute Prognose. Das unterscheidet sie von vielen anderen Tumorarten. Letzteres ist zunächst aber nur wenigen urologischen Tumorpatienten bekannt. So ist es nicht verwunderlich, wenn ein urologischer Tumorpatient zum Zeitpunkt der Diagnosemitteilung das Schicksal von Krebspatienten mit einer wesentlich schlechteren Prognose vor Augen hat.
Bei einer Befragung von Tumorpatienten mit einer sog. posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) empfanden diese die Diagnose als das für sie am meisten traumatisierende Ereignis (Bölter et al. 2011, Tab. 1).
Tab. 1
PTBS-auslösendes Trauma. (aus Bölter et al. 2011)
Diagnosemitteilung
37 %
Behandlung
16 %
Nebenwirkungen der Behandlung
14 %
Die posttraumatische Belastungsstörung ist eine mögliche Folgereaktion eines oder mehrerer traumatischer Ereignisse, die an der eigenen Person, aber auch an fremden Personen erlebt werden können. In vielen Fällen kommt es zum Gefühl von Hilflosigkeit durch das traumatische Erleben und zu einer Erschütterung des Selbst- und Weltverständnisses.
Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung sind (nach AWMF-S3-Leitlinie Posttraumatische Belastungsstörung 2011):
  • Intrusionen: sich aufdrängende, belastende Gedanken oder Erinnerungslücken (Bilder, Alpträume, Flashbacks, partielle Amnesie);
  • Übererregungssymptome: Schlafstörungen, Schreckhaftigkeit, vermehrte Reizbarkeit, Affektintoleranz, Konzentrationsstörungen;
  • Vermeidungsverhalten: Vermeidung traumaassoziierter Stimuli;
  • emotionale Taubheit: allgemeiner Rückzug, Interessenverlust, innere Teilnahmslosigkeit.
Je unvorbereiteter jemand von einem Trauma getroffen wird, desto größer ist die Gefahr, dass er eine posttraumatische Belastungsstörung entwickelt. Allein die Tatsache, dass der behandelnde Arzt dem Patienten z. B. eine größere Operation bzw. eine umfangreiche Strahlentherapie vorschlägt, signalisiert Letzterem, dass sein Leben bedroht ist, und löst Ängste bei ihm aus, auch dann, wenn die vorgeschlagene Behandlung wie bei einem lokal begrenzten Prostatakarzinom völlige Heilung verspricht.
Deshalb ist es wichtig, bei der Diagnosemitteilung auf die Gefühlsäußerungen des Patienten einzugehen. Viele Ärzte neigen dazu, den Patienten nach der Diagnosemitteilung mit Informationen über die Behandlungsmöglichkeiten zu überschütten in der guten Absicht, ihn zu beruhigen. Aus vielen Patientengesprächen, aber auch von Rollenspielen im Rahmen der ärztlichen Fortbildung, wissen wir, dass Patienten direkt nach der Diagnosemitteilung wegen des Diagnoseschocks kaum noch aufnahmefähig sind. Besser ist es, unmittelbar nach der Diagnosemitteilung erst einmal innezuhalten und den Patienten dann zu fragen, wie es ihm mit dieser Nachricht geht, und ihm anschließend vor allem das Gefühl zu vermitteln, dass man es gut mit ihm meint und dass man ihn in dieser schweren Phase seines Lebens unterstützen wird. In der Regel ist es besser, für die ausführliche Aufklärung über die Behandlungsmöglichkeiten einen weiteren zeitnahen Termin mit ausreichend Zeit zu vereinbaren, zu dem der Patient eine Person seines Vertrauens mitbringen kann. Ein solches Vorgehen nennt man patientenzentrierte Kommunikation.
Welches Trauma die Eröffnung einer Karzinomdiagnose bei einem jungen Hodentumorpatienten auslösen kann, zeigt sehr anschaulich das Bild, das dieser nach Jahren im Rahmen des katathymen Bilderlebens von seinem Stationsarzt zeichnete, der ihm die Diagnose mitteilte (Abb. 1).

Psychosoziale Belastungen im Verlauf einer Tumorerkrankung

Die häufigsten sog. subsyndromalen psychischen Belastungen, die Patienten im Laufe einer Tumorerkrankung entwickeln, sind Distress (49 %), starke Ängste (48 %), Progressionsangst (32 %) und Niedergeschlagenheit (58 %) (Holland et al. 2010).
Bei urologischen Tumorpatienten gibt es kaum Längsschnittuntersuchungen. Deshalb ist die Datenlage bezüglich der psychischen Belastung und Lebensqualität im Krankheitsverlauf nach wie vor unbefriedigend. Es gibt mehrere stichpunktartige Untersuchungen zu unterschiedlichen Zeiten nach dem Beginn der Tumorerkrankung und der Beendigung der akuten Behandlungsphase.

Psychosoziale Belastung von Hodenkarzinompatienten und ihren Angehörigen

An einem Hodenkarzinom erkranken vor allem junge Männer im Alter zwischen 20 und 40 Jahren. Zu diesem Zeitpunkt stehen viele von ihnen am Anfang ihrer beruflichen Karriere und Familienplanung. Durch die Hodentumorerkrankung, insbesondere wenn im Verlauf eine chemotherapeutische Behandlung erforderlich ist, wird ihre Lebensplanung und die ihrer Partnerinnen jäh unterbrochen und infrage gestellt. Mögliche Kinderwünsche müssen bis auf Weiteres vertagt oder können als Folge der Behandlung vielleicht nie erfüllt werden. All das stellt eine schwere Belastungsprobe für die meist noch jungen Partnerschaften dar. So liegen die Scheidungsraten bei Hodenkarzinompatienten ca. 20 % höher, während sie bei allen anderen männlichen Karzinomerkrankungen, die erst in einem späteren Alter auftreten, um 20–35 % niedriger als bei der Allgemeinbevölkerung sind (Syse und Kravdal 2007).
Trotz der ausgezeichneten Heilungschancen (5-Jahres-Überlebensrate: 95 %) findet man noch nach 5 Jahren bei Hodenkarzinompatienten und ihren Angehörigen Anzeichen für eine erhöhte psychosoziale Belastung (Moynihan 1987). Eine von Kaasa et al. (1991) durchgeführte Untersuchung ergab, dass Hodentumorpatienten auch 3 Jahre nach Beendigung ihrer Behandlung verglichen mit der Allgemeinbevölkerung häufiger unter Ängstlichkeit und Depressivität leiden. Bei Patienten, die chemotherapeutisch behandelt werden mussten, waren die Distresswerte sowohl bei den Patienten selbst als auch bei den Partnerinnen in der Zeit zwischen der Ablatio testis und dem Beginn der Chemotherapie am höchsten. Sie fielen nach Beendigung der Chemotherapie deutlich ab, um 1 Jahr nach der Chemotherapie wieder anzusteigen. Bei den Partnerinnen zeigten sich doppelt so häufig erhöhte Distresswerte wie bei den Patienten, insbesondere wenn Kinder vorhanden waren (Marrit et al. 2007).
Bei einer retrospektiven Befragung von 287 Hodentumorpatienten der Universität Groningen (Jonker-Pool et al. 1997) klagten ca. 40 % der Patienten über sexuelle Funktionsstörungen (Libidomangel, Erregungsstörungen, Orgasmus- und Ejakulationsstörungen). Dass hierfür nicht nur physiologische Ursachen (Testosteronmangel, Gefäß- und Nervenschädigungen durch Bestrahlung oder Chemotherapie) verantwortlich sind, zeigt allein die Tatsache, dass auch 22,5 % der Wait-and-see-Patienten über Sexualstörungen klagte. Eine Korrelation zwischen Hormonspiegel und dem Vorliegen einer Sexualstörung bestand nicht. Dieses Ergebnis unterstreicht, dass ein ausschließlich funktionsorientierter sexualmedizinischer Behandlungsansatz für die sexuelle Rehabilitation nicht ausreicht.

Psychosoziale Belastung bei Blasenkarzinompatienten

Patienten mit einem Blasenkarzinom werden vor allem durch die Rezidiv- und Progressionsgefahr psychisch belastet. Muss bei einem muskelinvasiven oder hochagressiven Tumor die Harnblase vollständig entfernt und eine künstliche Harnableitung angelegt werden, ist eine Beeinträchtigung des Körperbildes die unausweichliche Folge. Als Grund für Distress werden vor allem Sexualstörungen von den Patienten genannt (Henningsohn et al. 2003). Welche Form der Harnableitung (kontinente Neoblase oder das Ileumconduit) bezüglich der Lebensqualität als überlegen anzusehen ist, konnte durch die bisherigen Studien nicht eindeutig geklärt werden. Während die Innsbrucker Arbeitsgruppe von Hobisch et al. (2000) meint, aufgrund ihrer Untersuchungsergebnisse einen Lebensqualitätsvorteil für die Patienten mit einer Neoblase konstatieren zu können, kommen Porter und Penson (2005) nach einer kritischen Analyse von insgesamt 15 Studien zu dem Ergebnis, dass die vorliegenden Daten keinen entsprechenden Rückschluss zulassen. Gerharz et al. (2005) kommen nach einer Auswertung aller über Medline zu dieser Fragestellung erhältlichen Veröffentlichungen zum gleichen Ergebnis. Dies liegt vor allem an den meist unzureichenden Studiendesigns (Verwendung von ungeeigneten oder nicht ausreichend validierten Fragebögen usw.). Ferner gilt es zu berücksichtigen, dass in der Regel meist jüngere Patienten mit einem besseren Allgemeinzustand eine Neoblase erhalten, während ältere Patienten eher mit einem Ileumconduit versorgt werden.

Psychosoziale Belastung bei Prostatakarzinompatienten

Zum Prostatakarzinom liegen mittlerweile einige psychoonkologische Untersuchungen vor. Prostatakarzinompatienten und ihre Partner müssen einerseits ihre Ängste vor einem möglichen Tumorrezidiv oder einer Tumorprogression bewältigen, andererseits werden sie häufig mit ungewolltem Urinverlust und sexuellen Funktionsstörungen konfrontiert.
Im Rahmen einer prospektiven Studie der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf (UKE) wurden Patienten, die sich dort einer radikalen Prostatektomie unterzogen, zur psychischen Belastung und Lebensqualität befragt (Mehnert et al. 2008). Die Befragung erfolgte unmittelbar vor dem operativen Eingriff (T0) und 15 Wochen danach (T1). Von 41 % der Patienten wurde die Krebserkrankung vor der Operation als überhaupt nicht bis wenig bedrohlich wahrgenommen, von weiteren 41 % als etwas bedrohlich und von 18 % als ziemlich bis sehr bedrohlich.
Als am stärksten belastend wurden genannt (Mehnert et al. 2008):
- die Diagnose Prostatakrebs
45 %
- Unsicherheit und Angst bezüglich des Krankheitsverlaufs
35 %
- Angst vor bevorstehender Behandlung
16 %
- Angst vor Impotenz und sexuellen Problemen
9 %
- allgemeine Zukunftsängste
5 %
Als besonders hilfreich für den Umgang mit der Krebserkrankung bezeichneten die Patienten (Mehnert et al. 2008):
- die Gespräche mit dem behandelnden Arzt
29 %
- die Partnerin
20 %
- Familie und Freunde
20 %
- die medizinische Behandlung und gute Prognose
9 %
- Ablenkung
6 %
- eine positive Lebenseinstellung und den Austausch mit anderen Patienten
6 %
Diese Angaben unterstreichen einerseits die besonders traumatisierende Wirkung, die von der Diagnosemitteilung ausgeht, und andererseits den hohen Stellenwert der ärztlichen Zuwendung in dieser Situation.
Zum Zeitpunkt der stationären Behandlung litten 31 % unter einer moderaten bis hohen Ängstlichkeit und 21 % unter einer moderaten bis hohen Depressivität. Mit 5 % war die posttraumatische Belastungsstörung deutlich niedriger als bei Patienten mit anderen Krebserkrankungen (durchschnittlich 20 %). Allerdings litten 37,5 % der Patienten unter einzelnen Symptomen einer posttraumatischen Belastungsstörung, wie z. B. den sog. Intrusionen (wiederkehrende, sich aufdrängende Gedanken an die Krankheit). Bereits 15 Wochen nach OP war ein deutlicher Rückgang der Ängstlichkeit auf fast die Hälfte festzustellen, während das Ausmaß von Depressivität und posttraumatischen Belastungsstörungen gleich blieb. Ein Viertel der Patienten klagte nach wie vor über Intrusionen, 14 % über sog. Vermeidungssymptome und 14 % über Übererregungssymptome, wie z. B. Schlafstörungen.
Eigene, bislang unveröffentlichte Daten aus der Rehabilitation zeigen eine leichte Abnahme der psychischen Belastung im zeitlichen Verlauf. Die Erhebung erfolgte prospektiv per Distress-Thermometer (= visuelle Analogskala) an insgesamt 417 Patienten, davon 338 in der Anschlussheilbehandlung (AHB) und 79 in einem Heilverfahren, durchschnittlich 20,3 Monate nach OP. Während in der AHB noch 30,5 % einen Wert ≥5 angaben und damit eine deutliche Belastung signalisierten, waren es im Heilverfahren 25,3 %. Es fällt auf, dass sehr viele ein psychoonkologisches Erstgespräch ablehnten. In der AHB waren es 46,5 %, im Heilverfahren 65,8 %. Die Gründe sind vielfältig. Neben der Verdrängung der eigenen Situation fühlen sich viele allein schon durch das Wort „Psychologie“ stigmatisiert. Hinzu kommt ein stark mechanistisch geprägtes Krankheitsverständnis, das häufig durch die Versicherung des Operateurs („Wir haben alles rausgekriegt“) seine Bestätigung findet: Was „raus“ ist, kann doch keine Probleme mehr machen. Somit ist vielen Patienten nicht klar, dass sie trotz R0-Resektion sehr wohl noch ein Rezidiv erleiden können. Dementsprechend gering fällt die psychische Belastung aus. Dass Metastasen mit einer schlechten Prognose verknüpft sind, ist auch Laien weitgehend bekannt. Man sollte daher meinen, dass sich Patienten mit Metastasen stark belastet fühlen, da sie den Ernst der Lage eher begreifen. Die Daten aus der Rehabilitation zeigen eher das Gegenteil: Von den 338 AHB-Patienten hatten 28 (8,3 %) Lymphknotenmetastasen, 16 (57,1 %) fühlten sich dadurch nur unerheblich belastet (Distressthermometer ≤4). Die Hälfte (14 Patienten) lehnte ein psychologisches Gespräch ab. Im Heilverfahren hatten 11 Patienten Lymphknotenmetastasen (13,9 %), 9 Patienten (81,8 %) fühlten sich nur unerheblich belastet und ebenfalls 81,8 % lehnten ein psychologisches Gespräch ab.
Fazit: Gerade diejenigen, die psychoonkologische Unterstützung am nötigsten hätten, lehnen diese Art der Hilfestellung ab.
Bei Prostatakarzinompatienten korreliert das Ausmaß der psychischen Belastungen mit dem Ausmaß der Inkontinenz (Ullrich et al. 2003). 13 % der Patienten haben erhöhte Angst vor einer Tumorprogression. Angstauslöser ist weniger die Höhe des Prostataspezifischen-Antigen(PSA)-Werts, sondern das Ausmaß der PSA-Schwankung (Roth et al. 2008). Ältere Prostatakarzinompatienten sind weniger ängstlich, sie leiden allerdings stärker unter körperlichen Einschränkungen und Depressivität. Ältere unverheiratete Patienten sind weit stärker emotional belastet als verheiratete. Vielen fehlt die Unterstützung durch einen Partner. Die Mehrheit der Prostatakarzinompatienten klagt über sexuelle Funktionsstörungen.
In dem Maße, wie die Angst vor einem Tumorrezidiv abnimmt, gewinnen die sexuellen Funktionsstörungen an Bedeutung. In den letzten Jahren hat sich die Urologie sehr bemüht, nervschonende Operationsmethoden für die radikale Prostatektomie zu entwickeln mit dem Ziel, die Erektionsfähigkeit zu erhalten. Viele Prostatakarzinompatienten haben allerdings bereits vor der Erkrankung Erektionsstörungen. Zwischen 2008 und 2009 wurden im Rahmen einer multizentrischen Studie insgesamt 329 Prostatakarzinompatienten nach ihren sexuellen Funktionsstörungen befragt. 39 % hatten bereits vor der Erkrankung starke Erektionsprobleme. Von den übrigen Patienten war bei 74 % aufgrund des Tumorstadiums eine nerverhaltende Operation möglich. Dass dies jedoch allein keine ausreichende Garantie für eine rasche sexuelle Rehabilitation ist, zeigen folgende Zahlen: 3 Monate nach OP hatten nur 6 % dieser Patienten keinerlei Erektionsprobleme. Nach 6 und 12 Monaten sank die Zahl sogar auf 5 % (Köhler et al. 2012). Ein sexualmedizinischer Behandlungsansatz, der sich ausschließlich auf das funktionsgestörte Organ konzentriert und psychosoziale Faktoren unberücksichtigt lässt, reicht erfahrungsgemäß nicht aus (Kap. Sexuelle Funktionsstörungen des Mannes).

Psychosoziale Belastung bei Patienten mit einem Peniskarzinom

Das Peniskarzinom ist glücklicherweise ein seltenes Karzinom. Die Inzidenz beträgt 1 pro 100.000 Männer. Je nach Tumorstadium gibt es mehrere Behandlungsmethoden. Bei einem frühen Stadium reicht oft eine Bestrahlung oder Laserabtragung der verdächtigen Veränderungen. Bei einem fortgeschrittenen Stadium ist dagegen eine Penisamputation oder Teilamputation einschließlich der Entfernung der regionalen Lymphknoten notwendig. Diese Behandlung ist mit erheblichen psychosozialen Belastungen der Patienten verbunden. Im Rahmen einer Metaanalyse fanden Maddineni et al (2009) hierzu 6 Studien mit insgesamt 128 Patienten. Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass wegen des unzureichenden Studiendesigns aller Untersuchungen keine verlässlichen Aussagen gemacht werden können. Es gibt jedoch starke Hinweise, dass ca. die Hälfte aller Patienten Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung bzw. einer Depression zum Teil mit Suizidgedanken entwickelt. Bis zu 70 % leiden unter Sexualstörungen.
Fallbeispiel
Ein 50-jähriger Patient stellte sich in der Praxis vor. Er hatte sich wegen verdächtiger Veränderungen an der Eichel in urologische Behandlung begeben. Die histologische Untersuchung ergab das Vorliegen eines Peniskarzinoms. Zunächst habe man ihm gesagt, dass nur eine Laserabtragung nötig sei. Am Abend vor dem geplanten Eingriff habe man ihm dann eröffnet, dass man doch eine Teilamputation für erforderlich halte. Warum, wisse er bis heute nicht. Der Patient entwickelte postoperativ eine schwere Depression mit erheblichen Schlafstörungen und Suizidgedanken, die er allerdings aus Rücksicht auf seinen behinderten Sohn nicht umsetzen wollte. Er war zum Zeitpunkt der Vorstellung bereits längere Zeit arbeitsunfähig erkrankt. Seine Frau konnte ihn in dieser Situation nur wenig unterstützen, da sie ebenfalls schon länger psychisch erkrankt war. Seit Jahren wolle sie mit ihm nicht mehr sexuell verkehren. Bei einer Psychotherapie habe sich herausgestellt, dass sie von ihrem Vater missbraucht worden sei. Da er seine Frau nicht unter Druck setzen und sie auch nicht verlassen wollte, sei er vor der Erkrankung hin und wieder zu einer „erotischen Massage“ gegangen, wovon seine Frau aber nichts wissen dürfe. Der wegen der Schwere der Depression hinzugezogene Psychiater verordnete dem Patienten ein Antidepressivum. Dies erleichterte eine psychotherapeutische Krisenintervention. Mehrere Versuche, die Partnerin in die Therapie mit einzubeziehen, scheiterten leider. Eines Tages berichtete er mir, dass er seine Besuche bei der erotischen Massage wieder aufgenommen und dabei die Erfahrungen gemacht habe, dass die „Damen“ völlig unproblematisch mit seiner Behinderung umgingen. Nach wenigen Wochen konnte der Patient wieder zu Arbeit gehen. Am Ende der psychotherapeutischen Behandlung hatte sich die Depression weitgehend aufgehellt.

Psychosoziale Belastung bei Patienten mit einem Nierenzellkarzinom

Neben der allgemeinen psychosozialen Belastung einer Tumorerkrankung kommt bei diesen Patienten außer den mit den OP-Narben verbundenen Körperbildveränderungen die Angst vor der Dialyse hinzu. Manche Patienten klagen infolge einer unbewusst eingenommenen Schonhaltung über Flankenschmerzen auf der Gegenseite und befürchten deshalb, dass auch die bislang gesunde Niere krank sei.
Die vorliegenden Studien befassen sich hauptsächlich mit der Lebensqualität von Patienten mit einem metastasierten Nierenzellkarzinom, die mit einer sog. Target-Therapie behandelt werden. Viele von ihnen entwickeln ein sog. Fatigue-Syndrom, bei dem sowohl medikamentös und tumorbedingte Stoffwechselstörungen und Mangelzustände als auch psychische Störungen eine Rolle spielen (Larkin et al. 2010). Letztere bedürfen sicherlich einer psychoonkologischen Behandlung neben einem Ausgleich der Mangelzustände (z. B. Bluttransfusionen bei Anämie) und vorsichtigem Ausdauertraining.

Psychoonkologische Diagnostik und Therapie im Klinik- und Praxisalltag

Um im Klinik- oder Praxisalltag die psychosoziale Belastung rechtzeitig zu erkennen, stehen heute eine ganze Reihe zuverlässiger Screening-Instrumente zur Verfügung, wie z. B. das Distress-Thermometer (Abb. 2) oder validierte Fragebogen (Hospital Anxiety and Depression Scale – HADS, PHQ4, Progredienzangst-Fragebogen – PAF). Diese sollten auch im Rahmen der Tumornachsorge regelmäßig eingesetzt werden.
Liegen bei einem Patienten Anzeichen einer erhöhten psychosozialen Belastung vor, sollte dies weiter abgeklärt werden. Seitens der Deutschen Krebsgesellschaft wird inzwischen als ein verpflichtendes Kriterium für die Zertifizierung von Organzentren die Bereitstellung eines Angebots zur psychoonkologischen Versorgung gefordert.
Die Deutsche Krebsgesellschaft unterhält in Deutschland selbst 28 Krebsberatungsstellen. In den wenigsten Fällen ist allerdings eine längere psychotherapeutische Behandlung erforderlich. Vieles kann der behandelnde Arzt oder die Ärztin im Rahmen der psychosomatischen Grundversorgung selbst tun, um die psychosoziale Belastung eines Tumorpatienten zu mildern. Man muss ihm oder ihr hierfür nur die entsprechende Zeit einräumen und für eine entsprechende ökonomische Grundlage sorgen.

Krebsselbsthilfegruppen und -organisationen

Selbsthilfezusammenschlüsse entstehen immer dann, wenn traditionelle soziale Netzwerke brüchig werden, Defizite in der professionellen Versorgung vorhanden sind und sich die Betroffenen ihrer Lage und Interessen bewusst werden (Söllner 2003). Zu Anfang stießen die Selbsthilfeorganisationen auf große Skepsis bei den mit der Behandlung von Tumorpatienten beauftragten Fachgruppen und Institutionen. Heute sind Selbsthilfegruppen und Organisationen eine feste Größe innerhalb unseres Gesundheitssystems. Man schätzt, dass zumindest im städtischen Bereich auf ca. 1000 Einwohner eine Selbsthilfegruppe kommt. Ärzte wissen zwar meistens viel über die betreffende Tumorerkrankung, aber nur wenig über die Alltagsprobleme der Patienten. Hier können Selbsthilfeorganisationen eine große Hilfe sein, da Betroffene besser wissen, was im Alltag alles auf die Patienten zukommt. So können mit Hilfe einer Selbsthilfegruppe seelische Belastungen und Ängste gemildert und eine soziale Isolierung vermieden werden. Die Teilnehmer einer Selbsthilfegruppe entwickeln in der Regel mehr Selbstbewusstsein und lernen, ihre Meinung und Interessen auch gegenüber professionellen Helfern besser zu vertreten, was für Letztere sicher nicht immer angenehm, aber durchaus hilfreich ist, da sie hierdurch auf empfundene Defizite aufmerksam gemacht werden. Wissenschaftliche Untersuchungen zur Wirkung einzelner Unterstützungsangebote der Krebshilfeselbstorganisationen gibt es bislang leider nicht. Sie wären aber sicher hilfreich, damit auch die Aktivisten der Selbsthilfebewegung eine Rückmeldung über das Ergebnis ihrer Tätigkeit erhielten.

Zusammenfassung

  • Eröffnung einer Krebsdiagnose ist ein traumatisierendes Ereignis.
  • Bei vielen urologischen Tumorerkrankungen und deren Behandlung Störung der Sexualität.
  • Folge ist erhebliche Belastung für den Patienten und auch die Beziehung zu seinem Partner.
  • Qualifizierte Tumortherapie und Tumornachsorge beinhalten ein frühes Erkennen einer psychosozialen Belastung des Patienten und seiner Angehörigen sowie die Initiierung unterstützender Maßnahmen.
Literatur
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