Die Urologie
Autoren
H. J. Berberich

Psychosomatische Aspekte bei Fertilitätsstörungen

Unerfüllter Kinderwunsch kann eine erhebliche psychosoziale Belastung bewirken. Diese kann mit psychosomatischen körperlichen Beschwerden und Schwierigkeiten im Berufsleben einhergehen. Bei zwei Dritteln der Kinderwunschpaare kommt es im Verlauf der Kinderwunschbehandlung zu einer Beeinträchtigung ihres Sexuallebens und ihrer partnerschaftlichen Beziehung.

Unerfüllter Kinderwunsch

Von den Paaren mit Kinderwunsch sind 3–9 % ungewollt kinderlos. Bei einem Viertel der Paare bleibt die Ursache der Kinderlosigkeit ungeklärt (Glander 2005). Der unerfüllte Kinderwunsch kann bei den betroffenen Paaren eine erhebliche psychosoziale Belastung bewirken. Bleibt der Kinderwunsch unerfüllt, zeigen sie gegenüber einem Vergleichskollektiv deutlich mehr psychosomatische Beschwerden, größere Schwierigkeiten im Berufsleben und in der Partnerschaft (Schulz-Ruthenberg 1980). Inwieweit psychische Einflüsse verantwortlich für eine Fertilitätsstörung sind, wird kontrovers diskutiert. Stauber vertritt die Ansicht, dass dies bei jeder 4. Patientin der Fall ist (Stauber und Frick-Bruder 2003). Das gehäufte Auftreten von psychosomatischen Symptomen wie Amenorrhö, Anovulation oder Follikelinsuffizienz seien ein Hinweis dafür. Beim Mann würde ebenfalls psychosozialer Stress mit hohen Schwankungen der Spermiogrammparameter bzw. subfertilen Befunden korrelieren. Goldschmidt et al. (2008) verweisen darauf, dass der Anteil von psychopathologisch auffälligen Persönlichkeiten bei Paaren mit unerfülltem Kinderwunsch nicht höher als in der Allgemeinbevölkerung sei.
Eine psychogene Infertilität liegt insbesondere vor,
  • wenn ein Paar trotz Aufklärung durch den Arzt weiter ein die Fruchtbarkeit schädigendes Verhalten praktiziert (z. B. Ernährungsweise, Hochleistungssport, Genussmittel- bzw. Medikamentenmissbrauch, extrem beeinträchtigender beruflicher Stress),
  • wenn ein Paar keinen Geschlechtsverkehr an den fruchtbaren Tagen praktiziert bzw. eine nicht organisch bedingte sexuelle Funktionsstörung vorliegt,
  • wenn ein Paar eine aus medizinischer Sicht notwendige Kinderwunschtherapie zwar bewusst bejaht, diese aber – auch nach längerer Bedenkzeit – doch nicht beginnt (Strauß et al. 2004).

Folgen für das Sexualleben

Bei mehr als der Hälfte der Paare, die sich in reproduktionsmedizinischer Behandlung befinden, kommt es zu einer Veränderung ihres Sexuallebens. Zwei Drittel berichten über eine Verschlechterung, ein Drittel über eine zumindest anfängliche Intensivierung (Wischmann 2009). Bei einer Befragung von Patientinnen in Kinderwunschbehandlung empfanden diese das monatliche Warten auf das Behandlungsergebnis als am meisten belastend, direkt gefolgt von dem Verlust der sexuellen Spontaneität (Benyamini et al. 2005). Selbst bei der Spermiogrammerstellung kann es zu Problemen kommen. Saleh et al. (2003) berichten, dass 11 % der Männer nicht in der Lage waren, ein zweites Spermiogramm zu erstellen, nachdem bei dem ersten Spermiogramm ein eingeschränkter Befund erhoben wurde. Noch 10 Jahre nach erfolgter Kinderwunschbehandlung gaben 10 % der Frauen an, dass die Infertilität immer noch einen negativen Einfluss auf ihr Sexualleben hätte. Eine Sexualanamnese sollte unbedingt am Beginn als auch während einer reproduktionsmedizinischen Behandlung erhoben werden. Das Gleiche gilt auch für jede andrologische Untersuchung. Die Paare sollten bei der Aufklärung auch über die Möglichkeit informiert werden, dass es im Behandlungsverlauf zu einer Beeinträchtigung ihres Sexuallebens kommen kann, damit dieser rechtzeitig entgegengewirkt werden kann.

Zusammenfassung

  • Unerfüllter Kinderwunsch kann eine erhebliche psychosoziale Belastung bewirken.
  • Kann mit psychosomatischen körperlichen Beschwerden und Schwierigkeiten im Berufsleben einhergehen.
  • Bei zwei Dritteln der Kinderwunschpaare im Verlauf der Kinderwunschbehandlung Beeinträchtigung des Sexuallebens und der partnerschaftlichen Beziehung.
Literatur
Benyamini Y, Hozlam M, Kokia E (2005) Variability in the difficulties experienced by women undergoing infertility treatments. Fertil Steril 83:275–283PubMedCrossRef
Glander HJ (2005) Unerfüllter Kinderwunsch. In: Schill WB, Bretzel RG, Weidner W (Hrsg) Männermedizin. Urban & Fischer, München, S 171
Goldschmidt S, Strauss B, Brähler E, Kentenich H (2008) Psychosomatische orientierte Diagnostik und Therapie bei Fertilitätsstörungen. In: Wollman-Wohlleben V, Nagel-Brotzler A, Kentenich H, Siedentopf F (Hrsg) Psychosomatisches Kompendium der Frauenheilkunde und Geburtshilfe. Marseille, München, S 71–82
Saleh RA, Ranga GM, Raina R, Nelson DR, Agarwal A (2003) Sexual dysfunction in men undergoing infertility evaluation: a cohort observational study. Fertil Steril 79:909–912PubMedCrossRef
Schulz-Ruthenberg (1980) Untersuchung über die Auswirkung eines nichterfüllten Kinderwunsches. Inauguraldissertation, Berlin
Stauber M, Frick-Burger V (2003) Geburtshilfe und Gynäkologie. In: Adler RH, Hermann JM, Köhle K, Langewitz W, Schonecke OW, von Uexküll T, Wesiack W (Hrsg) Uexküll – Psychosomatische Medizin. Urban & Fischer, München, S 1078
Strauß B, Brähler E, Kentenich H (2004) Fertilitätsstörungen – Psychosomatisch orientierte Diagnostik und Therapie, Leitlinie und Quellentext (Leitlinien Psychosomatische Medizin und Psychotherapie). Schattauer, Stuttgart
Wischmann T (2009) Sexualstörungen bei Paaren mit unerfülltem Kinderwunsch. Sexuologie 16(3–4):111–121