Die Urologie
Autoren
D.-H. Zermann und W. Vahlensieck

Rehabilitation beim Nierenzellkarzinom

Die fachspezifische urologische Rehabilitation unterstützt und fördert die Rekonvaleszenz nach Therapie des Nierenzellkarzinoms. Verfahren der physikalischen und rehabilitativen Medizin ermöglichen u. a. eine Schmerzlinderung, Mobilisierung muskulär beeinträchtigter Areale und eine allgemeine körperliche Kräftigung. Der Urologe steuert und begleitet den Rehabilitationsprozess, koordiniert edukative und psychoonkologische Maßnahmen und bereitet den Patienten auf die ambulante Nachsorge vor. Ziel ist es, eine zeitnahe Reintegration des Patienten in den (Berufs-) Alltag zu erreichen.
Mit vom Robert-Koch-Institut geschätzten 5570 bzw. 8950 Neuerkrankungen/Jahr (2009/2010) bei Frau und Mann steht das Nierenzellkarzinom an 10. bzw. 8. Stelle der Neuerkrankungszahlen an Tumoren in Deutschland (Robert-Koch-Institut 2013). Über die letzten Jahre haben sich die Möglichkeiten und die Ergebnisse der Behandlung des Nierenzellkarzinoms, insbesondere auch im fortgeschrittenen Stadium, deutlich verbessert. Neben der operativen Therapie hat sich das Spektrum medikamentöser Behandlungsverfahren im palliativen Setting erweitert. Der Einsatz von Multikinase-, selektiven Angiogenese- und mTOR-Inhibitoren ist heute medizinischer Standard (Kap. Medikamentöse Therapie des metastasierten Nierenzellkarzinoms, Kap. Nierenparenchymtumoren).
Mit der Entwicklung der Therapien haben sich auch der Rehabilitationsbedarf und die Rehabilitationsindikationen erweitert. Spezifische physische und psychische Krankheitsfolgen sowie Nebenwirkungen der operativen und medikamentösen Therapie bedürfen unter dem Blick des onkologischen Therapieziels, des Wiedererreichens einer hohen Lebensqualität, der sozialen und beruflichen Teilhabe sowie der umfassenden Krankheitsbewältigung einer fachspezifischen urologischen Rehabilitation (Zermann et al. 2011).
Inhalte einer fachspezifischen urologischen Anschlussrehabilitation (AHB) oder Tumornachsorgemaßnahme nach Therapie eines Nierenzellkarzinoms sind u. a.:
  • urologische Verlaufsdiagnostik, Therapiekontrolle und Begutachtung,
  • spezielle funktionsorientierte Krankengymnastik,
  • Bewegungstherapie/medizinische Trainingstherapie,
  • physikalische Therapie von Narbenbeschwerden (Taping, Elektrotherapie u. a.),
  • psychoonkologische Interventionen,
  • Entspannungstherapien,
  • edukative Seminare,
  • individuelle Therapie von Begleiterkrankungen.

Fachspezifisch urologische Rehabilitation nach Therapie eines Nierenzellkarzinoms

Rehabilitative Maßnahmen nach operativer oder während medikamentöser Therapie eines Nierenzellkarzinoms sollten urologisch geleitet werden. Anhand der urologischen Aufnahmebefunde wird ein indiziertes Behandlungsprogramm erstellt, welches geeignet ist, krankheits- und therapiebedingte Defizite zu überwinden. Postoperative Komplikationen müssen erkannt und behandelt werden. Dazu sind regelmäßige urologische Kontrollen angezeigt. Zum Ende der Rehabilitationsmaßnahme werden die Befunde der physischen und psychischen Verfassung aktualisiert, beurteilt und mit dem urologischen Patienten besprochen.
Urologische Rehabilitationsdiagnostik bei Nierentumorpatienten
  • Anamnese/klinische Untersuchung/Auswertung vorliegender Befunde
  • Beurteilung der Narbenverhältnisse
  • Uro-Sonographie
  • Labordiagnostik
  • ggf. EKG/Lungenfunktionstest

Physikalische und Bewegungstherapie

Ziele der physikalischen und Bewegungstherapie sind:
  • Wiederherstellung der körperlichen Leistungsfähigkeit,
  • Kompensation krankheits-/therapiebedingter funktioneller Defizite,
  • Erlernen eines aktiven Lebensstils,
  • Vermeidung von Fehlbelastungen im Alltag.
Dies kann durch spezielle Krankengymnastik in der Kleingruppe und/oder auch in Einzeltherapie, basierend auf einem standardisierten Behandlungsplan erreicht werden. Neben Fragen der körperlichen/muskulären Koordination stellt die Verbesserung der Ausdauer ein wichtiges Rehabilitationsziel dar (Müller et al. 2012). Das Krafttraining muss im AHB-Verfahren nach operativer Therapie limitiert werden, stellt aber im weiteren Verlauf der Genesung, somit auch im Rahmen von stationären Tumornachsorgemaßnahmen einen ergänzenden Therapieinhalt dar.
Das gezielte körperliche Training hat über eine ubiquitäre Steigerung der Durchblutung und eine Anregung des gesamten Stoffwechsels sowie des Hormon- und Immunsystems einen nachhaltig positiven Effekt auf den Genesungsprozess und die allgemeine Gesundheit. Regulatorische Prozesse (Blutdruck, Herzfrequenz, Temperatur u. a.) werden durch wiederholtes und nach Entlassung fortgesetztes Training optimiert (Steindorf et al. 2012).
Ein häufiges Problem stellt die eingeschränkte bzw. schmerzhafte Beweglichkeit aufgrund der Narbensituation, insbesondere im Flankenbereich dar. Neben lymphbedingten Schwellungen sind Muskelrelaxationen nicht selten. Hier kann mit speziellen Tapingtechniken (Abb. 1 und 2) und Elektrotherapie Besserung erreicht werden.

Psychoonkologie

Die aktive Unterstützung des urologischen Rehabilitanden in der Krankheitsbewältigung erfolgt durch Einzelgespräche, Seminare zur Krankheitsbewältigung und das Erlernen von Verfahren zur körperlichen und seelischen Entspannung (z. B. autogenes Training, Progressive Muskelrelaxation nach Jacobson). Wissenschaftliche Untersuchungen zum Bedarf psychoonkologischer Zuwendung bei Patienten mit einem Nierentumor haben gezeigt, dass mehr als die Hälfte der Patienten einen objektiv messbaren Unterstützungsbedarf hat (Zermann et al. 2012). Durch die genannten Maßnahmen kann während einer urologischen AHB eine effektive und nachhaltige Krankheitsbewältigung erreicht werden. Die Erarbeitung und Bestimmung neuer Lebensinhalte und -ziele spielen hierbei eine wichtige Rolle.

Edukative Therapie

Die Diagnose einer Krebserkrankung stellt für den Betroffenen eine Krisensituation dar, deren Überwindung psychoonkologischer Betreuung, aber auch der Wissensvermittlung über Behandlungsmöglichkeiten, Nachsorge und die Möglichkeiten der „Selbsthilfe“, der selbstbestimmten Änderung von bestimmten Lebens- und Verhaltensweisen bedarf. Deshalb haben neben der Informationsvermittlung zur uroonkologischen Problematik insbesondere Seminare und Workshops zum Zusammenhang von Bewegung, Ernährung, Wechsel von An- und Entspannung sowie der Bedeutung des Schlafes einen hohen Stellenwert (Steindorf et al. 2012).

Empfehlung

Da urologische Rehabilitationsmaßnahmen eine zeitnahe Rekonvaleszenz und eine zielgerichtete soziale und berufliche Reintegration des Rehabilitanden ermöglichen, sollte allen Patienten nach Nierentumorchirurgie und/oder unter medikamentöser Tumortherapie eine fachspezifische Anschlussrehabilitation (UroAHB) bzw. bei in der Tumornachsorge fortbestehendem Rehabilitationsbedarf eine entsprechende stationäre Rehabilitationsmaßnahme angeboten werden. Der Rehabilitand profitiert in urologisch spezialisierten Einrichtungen von multimodularen Konzepten, die auf eine ganzheitliche Behandlung (medizinisch-urologisch, physisch, psychisch und sozial) ausgerichtet sind (Müller und Zermann 2013).
Inhalte einer urologischen Rehabilitation nach Therapie eines Nierenzellkarzinoms
  • Fachspezifische Krankengymnastik
  • Medizinische Trainingstherapie
    • Ergometertraining
    • Kontrolliertes Zirkeltraining
    • Training von Koordination und Ausdauer
  • Narbentherapie
    • Lymphdrainage
    • Taping
    • Elektrotherapie
  • Krankheitsbewältigung
    • Gesprächstherapie
    • Entspannungstechniken
    • Seminare/Workshops
  • Urologische Betreuung und Beratung

Zusammenfassung

  • Eine urologische Rehabilitation ist wichtiger Bestandteil eines auf Lebensqualität und Teilhabe ausgerichteten Behandlungskonzeptes beim Nierenzellkarzinom.
  • Medizinisch ganzheitliches Herangehen unter urologischer Führung und Kontrolle ermöglicht dabei eine hochqualitative und effiziente Rehabilitationsmaßnahme.
  • Dadurch Unterstützung der zeitnahen Reintegration des Patienten in Beruf und Alltag.
Literatur
C. Müller, D.-H. Zermann (2013) Effizienz stationärer Rehabilitationsmaßnahmen (AHB/ Tumornachsorge) auf die Leistungsfähigkeit Erwerbstätiger. DRV-Schriften Bd. 101, Tagungsband, 22. Rehabilitationswissenschaftliches Kolloquium der DRV Bund, S 430–431
C. Müller, M. Heydenreich, D.-H. Zermann (2012) Verbesserte Leistungsfähigkeit von Rehabilitanden nach einer onkologischen Anschlussrehabilitation – Objektivierung mittels eines 6-Minuten-Gehtestes. DRV-Schriften Bd. 98, Tagungsband 21. Rehabilitationswissenschaftliches Kolloquium der DRV Bund, S 422–424
Robert-Koch-Institut (2013) Krebs in Deutschland 2009/2010, 9. Ausgabe
Steindorf, K., Schmidt M., Ulrich C. (2012) Welche Effekte hat körperliche Bewegung auf das Krebsrisiko und auf den Krankheitsverlauf nach einer Krebsdiagnose? Bundesgesundheitsbl. (55) 1016
Zermann D-H, Beinert T, Dauelsberg T, Hoffmann W (2011) Rehabilitation funktioneller Probleme nach Therapie onkologischer Erkrankungen im Abdomial- und Beckenbereich. Onkologe 17:923–932CrossRef
Zermann D-H, Stark I, Wolf I (2012) Indikation und Effizienz psychoonkologischer Interventionen in der fachspezifischen urologischen Anschlussrehabilitation (AHB). Der Urologe 51(Suppl 1):128