Die Urologie
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Verfasst von:
Guido Müller und Ullrich Otto
Publiziert am: 25.05.2022

Rehabilitation nach radikaler Prostatektomie

Der Patient nach radikaler Prostatektomie hat einen Anspruch auf eine Rehabilitationsmaßnahme. Diese erfolgt als Anschlussheilbehandlung (AHB) und beginnt bis zu 2 Wochen nach der Entlassung aus der Akutklinik. Die Rehabilitation sollte fachurologisch erfolgen und fokussiert auf die Therapie der postoperativen Funktionsstörungen (Harninkontinenz und erektile Dysfunktion), die Wiederherstellung der physischen Leistungsfähigkeit und eine psychische Stabilisierung der Patienten. Mit Hilfe multimodaler, differenzierter Therapiekonzepte werden durch eine stationäre, fachurologische AHB signifikante Verbesserungen der Kontinenz, der erektilen Funktion, der körperlichen Leistungsfähigkeit und der psychischen Belastung erreicht.

Fachspezifische urologische Anschlussheilbehandlung (AHB)

In der fachspezifischen urologischen Rehabilitation wurden multimodale Therapiekonzepte auf der Grundlage von anatomischen und pathophysiologischen Erkenntnissen konzipiert (Otto et al. 1998). Eine erste Evaluationsstudie zur Wertigkeit der AHB zeigte deutliche Verbesserungen der Lebensqualität sowie der medizinischen und funktionellen Parameter (Otto und Dombo 2002). Der signifikante Einfluss des multimodalen Behandlungskonzepts auf die postoperative Harninkontinenz und die Lebensqualität wurde extern evaluiert (Treiyer et al. 2011) und so konnte die fachspezifische urologische Rehabilitation als integraler Bestandteil der medizinischen Regelversorgung in der interdisziplinären Leitlinie der Qualität S3 zur Diagnostik und Therapie des lokalisierten Prostatakarzinoms implementiert werden.
Die Zielsetzungen der Rehabilitation nach radikaler Prostatektomie:
  • Therapie der postoperativen Funktionsstörungen, insbesondere der Harninkontinenz und erektilen Dysfunktion;
  • Wiederherstellung der physischen und psychischen Leistungsfähigkeit;
  • Wiederbefähigung zur Teilhabe am normalen gesellschaftlichen Leben;
  • Erhalt oder der Wiederherstellung der Erwerbsfähigkeit (soweit der Patient noch im Berufsleben steht).
Die Rehabilitation sollte fachurologisch, bei entsprechender Komorbidität der Patienten multidisziplinär und mit Hilfe multimodaler Therapiekonzepte erfolgen. Patienten mit Prostatakarzinom sollte im Zuge einer fachspezifischen Rehabilitationsmaßnahme eine psychoonkologische Betreuung zur Unterstützung der Krankheitsverarbeitung angeboten werden (Leitlinienprogramm Onkologie 2019).

Postoperative Funktionsstörungen – Inzidenz, anatomische und physiologische Grundlagen

Die postoperative Harninkontinenz ist eine häufige Funktionsstörung und bessert sich vor allem innerhalb der ersten 6 postoperativen Monate deutlich. Die Kontinenzraten ein Jahr postoperativ liegen bei auf das Prostatakarzinom spezialisierten high-volume Zentren bei über 90 % und sind primär abhängig von der Erfahrung des Operateurs, dem Patientenalter, der Länge der membranösen Harnröhre und dem Erhalt der neurovaskulären Bündel. Intraoperative Läsionen der muskulären, ligamentären, vaskulären und nervalen Strukturen des Kontinenzapparats sowie postoperative Fibrosierungen im Bereich der vesicourethralen Anastomose kennzeichnen eine komplexe Pathogenese der Postprostatektomieharninkontinenz. Zur Differenzierung von Störungen der Speicher- und Entleerungsfunktion der Harnblase sowie zur Beurteilung der Sphinkterfunktion können auch urodynamische Druckflussmessungen und Urethradruckprofile erforderlich werden Boorjian et al. (2012); Heesakkers et al. (2017); Porena et al. (2007).
Der Sphinkter urethrae externus ist eine vom übrigen Beckenboden abgrenzbare und funktionell eigenständige Struktur. Ein innerer glattmuskulärer Anteil und ein äußerer quergestreifter Anteil sind zu differenzieren. Der quergestreifte Anteil umgreift hufeisenförmig die Urethra – ist also nach dorsal hin nicht kreisrund geschlossen. Unterschiedliche Fasertypen können differenziert werden: slow-twitch-Fasern für eine tonische Dauerhaltefunktion, fast-twitch-Fasern für eine schnelle Kraftentwicklung und Fasern vom Intermediärtyp (Dorschner et al. 1994).
Die postoperative erektile Dysfunktion hat eine Inzidenz von 14 bis 87 %. und hängt vom Untersuchungszeitpunkt, Erhebungsinstrument, präoperativen Erektionsstatus, Patientenalter, Grad der Nerverhaltung, Schonung von akzessorischen Pudendusarterien und adjuvanten Maßnahmen zur Rehabilitation der Erektionsfunktion ab. Bei konsequenter Nervschonung scheinen das Patientenalter und das Operationsvolumen einer Klinik bzw. des Operateurs die postoperativen Potenzraten zu determinieren (Sperling und Noldus 2003). Bei nervschonend durchgeführter Operation führt eine Neuropraxie durch Druck/Kompression bzw. Zug/Dehnung oder durch Ischämie der Gefäßnervenbündel häufig zu einer deutlichen Verzögerung der Wiederherstellung der Erektionsfunktion. Durch die definitive oder passagere Denervierung kommt es auch zu einer Apoptose der glatten Muskulatur des Schwellkörpergewebes und dadurch zu Störungen des venookklusiven Mechanismus. Der präoperative Potenzstatus beeinflusst maßgeblich das Wiedererlangen der erektilen Funktion nach radikaler Prostatektomie (Salonia et al. 2012).

Multimodales Therapiekonzept

Die Strukturanforderungen sowie die erforderliche Prozess- und erreichbare Ergebnisqualität der fachspezifischen urologischen Rehabilitation hat der Arbeitskreis Rehabilitation der Deutschen Gesellschaft für Urologie im Jahr 2015 aktualisiert (Muller et al. 2015).
Die postoperative Harninkontinenz erfordert eine spezielle Miktionsanamnese. Erfasst werden Miktionsfrequenz und Vorlagenbedarf am Tag und in der Nacht sowie Zeitpunkt und Umstände des Urinverlusts. Belastungs- und Drangkomponenten werden differenziert. Uroflowmetrie und Restharn-Sonografie informieren über die Speicher- und Entleerungsfunktion der Harnblase. Der Urinverlust wird objektiv durch einen 24-Stunden-Vorlagen-Test unter Alltagsbedingungen quantifiziert.
Die postoperative Harninkontinenz kann nach Otto et al. (1998) in drei klinische Schweregrade eingeteilt werden:
Grad I:
Urinverlust nur am Nachmittag
Grad II:
Urinverlust bereits am Vormittag
Grad III:
Urinverlust auch in der Nacht
Die Physiotherapie steht bei der Beseitigung der postoperativen Harninkontinenz nach radikaler Prostatektomie im Mittelpunkt. Aufbauend auf den anatomischen Untersuchungen von Dorschner et al. (1994) wurde in der Klinik Quellental in Bad Wildungen ein neuartiges, differenziertes, multimodales, diagnostikgestütztes Behandlungskonzept zur Beseitigung der postoperativen Harninkontinenz des radikal operierten Mannes entwickelt (Otto et al. 1998). Im Mittelpunkt des Konzepts steht das physiotherapeutische Kontinenztraining. Auf osteopathischen Techniken basierend beginnt es regelhaft mit einer kinästhetischen Einleitungsbehandlung. Dadurch wird dem Patienten eine propriozeptive Differenzierung zwischen unterschiedlichen Muskelgruppen im Beckenbereich möglich, so dass ein gezieltes Schließmuskeltraining durchführbar ist. Eine evtl. erforderliche Schmerzbefreiung ist eine weitere wesentliche Voraussetzung, damit eine verbesserte Körperwahrnehmung erreicht wird. Ein effektives Training zur Beseitigung der postoperativen Harninkontinenz muss sphinkterbezogen sein, da der Sphinkter, wie oben beschrieben, ein selektiver, vo übrigen Beckenboden abgrebzbarer Muskel ist. Die zu trainierenden Muskelfasertypen (fast-twitch, slow-twitch und Intermediärtyp) werden entsprechend dem Grad der Inkontinenz berücksichtigt, je nachdem, ob eine kurzfristig höhere Kraftentwicklung (bei Grad I) oder eine Ausdauerkraftentwicklung (Grad II) oder überhaupt eine basale Tonisierung (Grad III) angestrebt wird (Dombo und Otto 2005). Durch ein Hinauszögern der Miktion („Blasentraining“) wird der „guarding reflex“ aktiviert und somit der glattmuskuläre Sphinkteranteil trainiert. Prophylaktische Blasenentleerungen, um einem etwaigen Urinverlust vorzubeugen, sollten vermieden werden. Die Verwendung von Kondomurinalen sollte unterlassen und stattdessen sollten Inkontinenzvorlagen getragen werden. Die Kontinenzentwicklung ist ein zentralnervöser Lernprozess, der neben der speziellen hochfrequenten Physiotherapie auch eine engmaschige fachurologische Betreuung und häufig eine psychologische Begleitung erfordert. Massagen, Wärmebehandlungen und Entspannungsverfahren haben im ganzheitlichen Ansatz des multimodalen Konzepts unterstützenden Charakter.
Irritative Symptome aus dem Bereich des Blasenauslasses verursachen häufig eine Drangkomponente der Harninkontinenz, so dass eine anticholinerge Medikation sinnvoll sein kann.
Bei ausbleibender Besserung der Harninkontinenz können eine Cystometrie mit Urethradruckprofil und eine Urethrozystoskopie komplizierende Faktoren aufdecken (Abb. 12 und 3). Bei verminderter Speicherfähigkeit der Harnblase erfolgen intravesikale Instillationen von Oxybutynin oder EMDA-Behandlungen. Anastosenengen müssen wegen drohendem Harnverhalt aber auch wegen einer Beeinträchtigung der Sphinkterfunktion beseitigt werden. Bei ausgeprägtem Ödem oder Fibrin im Anastomosenbereich erfolgen transurethrale Instillationen von Cortison-haltigen Lösungen (Abb. 4). Die Video-Endoskopie ermöglicht im Sinne eines video-assistierten Biofeedback-Sphinktertrainings dem Patienten seine eigene Schließmuskelfunktion zu visualisieren (Abb. 56 und 7).
Bei drittgradig inkontinenten Patienten ist die Elektrostimulation in Ergänzung zum Kontinenztraining sinnvoll, wobei eine perineale Stimulation mit Oberflächenelektroden aufgrund einer besseren Compliance der Patienten signifikante Vorteile gegenüber einer rektal applizierten Sonde aufweist (Hoffmann et al. 2005).
Duloxetin hat als balancierter Noradrenalin- und Serotonin-Wiederaufnahmehemmer eine sphinktertonisierende und detrusorstabilisierende Wirkung und ist zur Therapie der Harninkontinenz bei Frauen zugelassen, nicht jedoch zur Therapie der postoperativen Harninkontinenz des Mannes. Die Erfahrungen im off-label-use sind jedoch sehr positiv, wobei die Patientenzahlen gering sind und insbesondere Langzeitdaten auch nach Absetzen der Medikation fehlen (Cornu et al. 2011).
Das multimodale Therapiekonzept des Urologischen Kompetenzzentrums für Rehabilitation (UKR der Kliniken Hartenstein) in Bad Wildungen im Überblick:
  • Physiotherapie
  • Medikamentöse Therapie:
    b)
    Duloxetin
     
    c)
    neuroregenerativ
     
  • videoassistierte Zystoskopie
    a)
    komplizierende Faktoren erkennen und beheben
     
    b)
    Biofeedback-Sphinktertraining
     
  • Urodynamik (Cystometrie und Urethradruckprofil)
  • EMDA
  • Transurethrale/intravesikale Instillationen
  • Elektrostimulationstherapie
  • Psycho-onkologische Betreuung
  • Mitbehandlung von Begleiterkrankungen
  • Supportivmaßnahmen (Massagen, Wärmepackungen, Entspannungstraining)
Die postoperative erektile Dysfunktion wird grundsätzlich so früh wie möglich therapiert, um die Schwellkörperelastizität zu erhalten (Podlasek et al. 2001). Der Patient wird während seines AHB-Aufenthalts im Rahmen der ärztlichen Einzelgespräche über die spezifischen adjuvanten Hilfsmittel zur Wiederherstellung der Erektionsfähigkeit individuell informiert. Für die Gruppe der nervschonend operierten Patienten steht die medikamentöse Therapie mit einem Phosphodiesterasehemmer im Vordergrund. Selbstverständlich wird auch auf die Kombinationsmöglichkeit mit direkten Maßnahmen zur Erektionshilfe hingewiesen und dies bei Bedarf durchgeführt. Ferner kommen physiotherapeutische Behandlungstechniken unter osteopathischem Behandlungsaspekt zum Tragen. Dieses sind durchblutungsfördernde Techniken, viszerale Behandlungstechniken zur Lösung von Verklebungen und Vernarbungen im Bereich des gesamten Beckenbodens, der Blase und der Harnröhre. Physiotherapeutische parietale Behandlungskonzepte organisieren die gesamte Wirbelsäule, gelenkige Verbindungen im Beckenbereich und Nervendurchtrittspunkte. Eine kranio-sakrale Therapie bezieht sich auf das gesamte, die Erektion betreffende Nervensystem.
Bei Patienten mit irreversibler Durchtrennung des neurovaskulären Bündels kommen direkte Hilfsmittel wie die Vakuumerektionshilfesysteme, die Schwellkörperautoinjektionstherapie (SKAT) oder die urethrale Applikation von Alprostadil (MUSE) infrage.

Therapieergebnisse

Im Rahmen der fachspezifischen urologischen AHB-Verfahren wird die exakte Aufnahmediagnostik und Statusdokumentation mittlerweile auch zum Instrument der Qualitätssicherung für das zuweisende Krankenhaus und der Rehabilitationseinrichtung. Die postoperative Harninkontinenz kann durch ein physiotherapeutisch angeleitetes Kontinenztraining gut therapiert werden. In einer randomisierten kontrollierten Studie wurde die Effektivität des Kontinenztrainings dargestellt (Van Kampen et al. 2000). Die Patienten der Behandlungsgruppe erhielten ein physiotherapeutisches Kontinenztraining. In der Kontrollgruppe erhielten die Patienten eine Placebo-Elektrotherapie. 3 Monate postoperativ waren 88 % der Patienten der Behandlungsgruppe kontinent, hingegen nur 56 % in der Kontrollgruppe. Auch die Arbeitsgruppe von Filocamo et al. (2005) konnte zeigen, dass eine physiotherapeutische Anleitung zum Kontinenztraining im Rahmen einer Rehabilitationsmaßnahme die Zeit bis zur Wiederherstellung der Harnkontinenz verkürzt. Nach 6 Monaten beträgt in dieser Gruppe die Kontinenzrate 94,6 %. Ohne strukturierte physiotherapeutische Anleitung lag die Kontinenzrate 6 Monate postoperativ bei nur 65 %. Die Physiotherapie wurde allerdings in den beiden Arbeiten im Detail leider nicht beschrieben.
Im Rahmen einer fachspezifischen stationären AHB kann der postoperative Urinverlust um 42–58 % reduziert werden – abhängig vom Alter des Patienten und vom Grad der Nerverhaltung (Borrusch et al. 2011; Abb. 7). Bei berufstätigen Patienten kann die Harninkontinenz sogar im Mittel um 63 % gebessert werden. Es resultiert bei diesen Patienten am Ende der AHB – damit erst 6–7 Wochen postoperativ – eine schon hohe Kontinenzrate von 69 %. Stationäre leitliniengerechte Rehabilitationsmaßnahmen erwiesen sich in einer prospektiven Studie als effektiver als ambulante Maßnahmen (Muller und Otto 2015).
Die postoperative erektile Dysfunktion lässt sich ebenfalls gut im Zuge der fachspezifischen urologischen stationären AHB therapieren. Nach generellen Basisinformationen wünschen viele Patienten eine diesbezügliche Therapie bereits in der AHB. Mittlerweile beträgt der Anteil nervschonend durchgeführter Prostatektomien über 50 % und so favorisieren etwa ¾ dieser Patienten einen Phosphodiesterasehemmer. Patienten mit präoperativ kohabitationsfähigen Erektionen haben am Ende der AHB, d. h. gerade einmal 6–7 Wochen postoperativ, spontan (ohne Einnahme eines PDE-5-Inhibitors) bei beidseitiger Nervschonung zu 34 % gute Tumeszenzen bis hin zu kohabitationsfähigen Erektionen (Müller et al. 2012). Bei Therapiewunsch testen etwa 20 % der Patienten erfolgreich die Schwellkörperautoinjektionstherapie (SKAT) und 10 % der Patienten erproben ein Vakuumerektionshilfesystem.

Psychische Stabilisierung – Psychoonkologie

Die Konfrontation mit der Diagnose „Krebs“ stellt immer einen tiefen Einschnitt in die Biografie eines Menschen dar. Da die Primärinformation häufig noch im Stadium des „akuten Schocks“ erfolgt, wird sie oft nur partiell aufgenommen. Patienten erhalten in der AHB zusätzliche Informationen zur Krebserkrankung, zur Behandlung von Funktionsstörungen infolge der Primärtherapie, zur Krankheitsbewältigung und zum Sozialrecht. In der stationären Rehabilitation haben Vorträge, Gesprächskreise, Einzelgespräche mit Ärzten, Psychologen und Sozialarbeitern auch die Aufgabe einer Nacharbeitung und Verarbeitung der Informationen im Sinne einer Konsolidierung, Einordnung, Bewertung, Erlebnisverarbeitung und Perspektivengewinnung. Gesundheitserzieherische, auch die Ernährung berücksichtigende, und psychoedukative Gesichtspunkte werden als attraktive Option, wieder selbst handelndes Subjekt zu werden, integriert. Im Rahmen der Ermutigung zur Partizipation können auch Kontakte zu Selbsthilfegruppen vermittelt werden. Die Patienten werden über den Umfang und die Notwendigkeit einer regelmäßigen ambulanten fachurologischen Tumornachsorge informiert. Da häufig reaktive Belastungsstörungen, unzureichende Krankheitsverarbeitung und Ängste in Bezug auf Tumorkontrolle, Kontinenzentwicklung und partnerschaftliche Beziehungen vorliegen, ist eine psychoonkologische Betreuung der Patienten erforderlich. Die psychosoziale Versorgung beziehungsweise psychische Stabilisierung von Karzinom-Patienten (und deren Angehörigen) gilt als wichtiger Bestandteil der AHB. Dies führte in einer prospektiven Studie von Otto und Dombo (2002) nachweislich zu einer Besserung sämtlicher psychosozialer Skalen des Lebensqualitätsmessinstruments QLQ-C30 der EORTC. Die Erhaltung oder Wiederherstellung der Lebensqualität von Patienten, die z. T. krankheitsbedingt schwerwiegende Einschränkungen verarbeiten müssen, stellt einen Schwerpunkt der Rehabilitationsbehandlung dar. Die Beeinträchtigungen betreffen vor allem folgende Bereiche: Körperliche Probleme (Symptome, Schmerzen, Verlust der körperlichen Integrität), Funktionsstörungen (Einschränkungen der Leistungsfähigkeit, Infragestellung sozialer Rollen), emotionales Wohlbefinden, Sexualität/Intimität und soziale Partizipation. Art und Ausmaß der individuellen Belastung sind dabei nicht nur von Krankheitsfaktoren abhängig, sondern auch von Personen- und Umgebungsfaktoren wie individuellen Ressourcen, Krankheitsverarbeitungsstrategien und von dem Ausmaß an sozialer Unterstützung.
Wesentlich ist die frühzeitige Diagnostik von psychischen Störungen und deren Behandlung. Besonders kritische Phasen im Krankheitsverlauf sind u. a. die Beendigung der Primärbehandlung und die darauf folgende Zeit des Wartens auf einen langfristigen Therapieerfolg. In dieser Zeit bietet die stationäre Rehabilitation Unterstützung für Krebspatienten. Angst, vor allem Progredienzangst, Depressivität und Anpassungsstörungen sind häufige psychische Begleitsymptome einer Krebserkrankung. Dabei ist die subjektive psychische Belastung durchaus unabhängig vom objektiven Befund. Das frühzeitige Erkennen psychischer Störungen in der onkologischen Versorgung und die Bereitstellung eines breit gefächerten und niederschwelligen psychosozialen Unterstützungsangebots ist von besonderer Bedeutung, weil komorbide psychische Störungen bei Krebspatienten nicht nur deren Behandlung erschweren, sondern sich auch nachteilig auf die Compliance auswirken und zu schlechteren medizinischen Behandlungsergebnissen führen.
Ein solches Angebot kann während der Rehabilitationsmaßnahme ermöglicht werden und stellt möglicherweise aufgrund der Heimatferne und der dadurch geringer erlebten Kontrolle innerhalb des sozialen Umfeldes eine niederschwellige und daher leichter zu akzeptierende soziale Unterstützung für betroffene Patienten dar. Für Prostatakarzinom-Patienten kann eine solche psychosoziale Unterstützung, die mit einer sexualtherapeutischen Beratung verknüpft ist, eine wesentliche Hilfe zur Krankheitsverarbeitung darstellen. Die stationäre Rehabilitation ermöglicht für Karzinompatienten eine frühzeitige Bereitstellung psychoonkologischer Unterstützung, die im ambulanten Bereich wohnortnah aufgrund fehlender Kapazität und langer Wartezeiten nur selten gewährleistet ist.

Lebensqualität und Teilhabe

Die Lebensqualität nach urologisch-onkologischer Erkrankung und Therapie wird von sehr vielen Faktoren beeinflusst. Zu berücksichtigen sind beispielsweise Krankheitsverarbeitung, mitgeteilte Tumorprognose, perioperative Komplikationen, Behandlungsfolgen/postoperative Funktionsstörungen, Stoffwechselumstellung nach radikalen Operationen, Anämie, Schmerzen etc. Der vom Rehabilitanden selbst eingeschätzte allgemeine Gesundheitszustand integriert alle Dimensionen und Faktoren der gesundheitsbezogenen Lebensqualität.
Die subjektive Globaleinschätzung für den allgemeinen Gesundheitszustand zeigt sich in der Folge einer fachspezifischen urologischen AHB im Lebensqualitätsmessinstrument QLQ-C30 der EORTC signifikant verbessert. Auch Parameter der allgemeinen somatischen Befindlichkeit konnten auf den Symptomskalen des QLQ-C30 für Müdigkeit und Abgeschlagenheit, Appetitverlust, Übelkeit und Erbrechen, Schmerz, Luftnot, Schlafstörungen und Obstipation signifikant verbessert werden. Schließlich werden sämtliche Parameter der körperlichen Leistungsfähigkeit (WHO-Performance-Index, Ärztlicher Therapiebedarf für Leistungseinschränkungen, QLQ-C30-Skala für funktionellen körperlichen Status, SF-36-Skala für körperliche Funktionsfähigkeit, Skala für körperliche Leistungsfähigkeit im Prostata-Zusatzmodul des QLQ und ergometrische Leistungsobjektivierung in Watt) signifikant gebessert (Otto und Dombo 2002).
Das Konzept der Risikofaktoren für kardiovaskuläre Erkrankungen hat auch in einer onkologischen Rehabilitationsklinik seinen Platz. Im Gesundheitstraining werden die Prinzipien einer gesunden Ernährung nach den Erkenntnissen der DGE (Deutsche Gesellschaft für Ernährung) dargestellt, der Einfluss von regelmäßiger Bewegung und von Ausdauersportarten wie auch der Aspekt der Selbstfürsorge und Psychohygiene hervorgehoben.
Zur Wiederherstellung der Leistungsfähigkeit und zum Aufbau eines aktiven Lebensstils kann bereits in der Frührehabilitation individuell angepasst an die Einschränkungen, die sich nach der primären Tumorbehandlung ergeben, mit einem aeroben Ausdauertraining und moderaten Kräftigungsübungen begonnen werden.
Neben physiologischen Faktoren, wie der Steigerung der Ausdauerleistungsfähigkeit, spielen auch psychische Faktoren eine entscheidende Rolle.
Erste Studien zeigen für Patienten mit einem Prostatakarzinom einen signifikanten Zusammenhang zwischen körperlicher Aktivität und einer Senkung sowohl der karzinomspezifischen als auch der Gesamtmortalität (Kenfield et al. 2011).
Durch eine 3-wöchige stationäre, fachurologische AHB kommt es zu einer statistisch hochsignifikanten Verbesserung (p < 0,01) der physischen Verfassung in den Dimensionen Trainiertheit, Aktiviertheit, Beweglichkeit und körperliche Gesundheit (Zermann 2011)].
Die Aufgaben des Sozialdienstes in Rehabilitationskliniken sind vielfältig. Im Vordergrund stehen Information, Beratung und Hilfestellung für sozialrechtliche Fragestellungen, z. B. zu Fragen des Kranken- und Übergangsgeldes, der Eigenbeteiligung und Zuzahlungen einschließlich der Härtefall- und Sonderbestimmungen, zu Leistungen der Sozialhilfe, des Härtefonds der Deutschen Krebshilfe oder der Pflegeversicherung, des Schwerbehindertenrechts, der Heil- und Hilfsmittelversorgung, Möglichkeiten der beruflichen Rehabilitation und weitere mögliche Rehabilitationsmaßnahmen.
Aktuell wird bei zunehmend jüngeren, erwerbstätigen Patienten die Diagnose Prostatakrebs gestellt, sodass der Einfluss einer stationären Rehabilitation auf die berufliche Reintegration einen zunehmenden Stellenwert hat. Für die noch Erwerbstätigen ist der Erhalt bzw. die Wiedergewinnung eines ausreichenden beruflichen Leistungsvermögens von zentraler Bedeutung (Herkommer et al. 2005). Die fachspezifische urologische AHB kann zu 87 % eine dauerhafte berufliche Reintegration ermöglichen und dazu beitragen, die sozioökonomischen Probleme durch die steigende Inzidenz des Prostatakarzinoms zu mindern (Muller und Otto 2015).
Abschließend erfolgt eine sozialmedizinische Leistungsbeurteilung, die sich am Leitfaden des Verbandes Deutscher Rentenversicherungsträger (VDR) zum einheitlichen Reha-Entlassungsbericht orientiert. Grundlage ist eine umfangreiche Arbeits- und Sozialanamnese. Auf der Basis von Verlauf und Entlassungsevaluation des Leistungsvermögens und seiner qualitativen und quantitativen Einschränkungen wird ein Fähigkeitsprofil erstellt, das die Belastbarkeit für die letzte berufliche Tätigkeit, den allgemeinen Arbeitsmarkt und den Alltag beschreibt. Berücksichtigt werden Komorbidität und individuelle körperliche und psychische Belastungsfaktoren. Die weiterbehandelnden Ärzte erhalten einen Entlassungsbericht, der Informationen über Diagnose, verbleibende Defizite, Arbeitsfähigkeit und weitere Therapieempfehlungen enthält.

Zusammenfassung

  • Rehabilitation nach radikaler Prostatektomie sollte fachspezifisch urologisch erfolgen
  • Berücksichtigung der speziellen Anatomie und Physiologie des männlichen Kontinenzapparats ist dringend erforderlich
  • Multimodales und differenziertes Therapiekonzept verbessert signifikant die postoperative Harninkontinenz und die postoperative erektile Dysfunktion
  • Konsolidierung des Informationsbedürfnisses zur Krebserkrankung
  • Psychische Stabilisierung durch supportive psychoonkologische Betreuung
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