Die Urologie
Autoren
Wolfgang Weidner

Ursachen der männlichen Infertilität

Ursachen der männlichen Infertilität werden nach Lokalisation und Art der Störung eingeteilt. Dabei ist die klinische Ausprägung der Erkrankungen völlig unterschiedlich und beruht auf unterschiedlichsten ätiologischen Faktoren. Die Häufigkeit der einzelnen Erkrankungen wechselt auch in Abhängigkeit von der andrologischen Ausrichtung des untersuchenden Zentrums. Idiopathische Fertilitätsstörungen stehen jedoch überall im Vordergrund.
Entscheidend für die Betrachtung der männlichen Infertilität ist, dass diese bei ca. 50% aller Paare mit unerfülltem Kinderwunsch von reproduktionsmedizinischer Relevanz ist (Schuppe et al. 2013). Andrologische Faktoren bei männlichen Fertilitätsstörungen sind nach ihrer Lokalisation am einfachsten zu klassifizieren. In Tab. 1 ist die Art möglicher Störung angegeben, typische klinische Beispiele werden aufgeführt.
Tab. 1
Ätiologische Faktoren bei männlichen Fertilitätsstörungen (mod. nach Schuppe et al. 2013)
Lokalisation
Art der Störung
Krankheitsbilder
Prätestikulär
Hypothalamisch-hypophysäre Störungen
Kongenitaler hypogonadotroper Hypogonadismus (Kallmann-Syndrom)
Testikulär
Genetisch determiniert
Deletionen des Y-Chromosoms
Kongenital
Infektionen, Entzündungen
Orchitis (Epididymoorchitis)
Spermatogenese schädigende Faktoren
Genussgifte
Zytostatika
ionisierende Strahlung
Vaskulär bedingt
Torsion
Teratom, Seminom
Posttestikulär
Obstruktion (Nebenhoden, Vas deferens usw.)
Zustand nach Vasektomie
Genetisch determiniert, kongenital
Kongenitale Bilaterale Aplasie des Vas Deferens (CBAVD)
Infektionen, Entzündungen
Prostatitis (Prostatovesikulitis)
MAGI (male accessory gland infection)
Spermienautoantikörper
Nach Vasektomie
Samendeposition
Psychosexuelle, neurogene, vaskuläre, pharmakoinduzierte, posttraumatische oder postoperative Störungen
Emissions-/Ejakulationsstörung (z. B. retrograde Ejakulation)
Penisdeformationen
Skrotale Hypospadie
Wir haben 2010 im Gießener EAA-Zentrum (Zentrum der European Academy of Andrology) die Diagnosen von 1.834 aufeinanderfolgenden Männern mit Fertilitätsproblemen analysiert, wobei das idiopathische OAT-Syndrom (Oligo-Astheno-Teratozoospermie-Syndrom) als häufigster Vorstellungsgrund für eine Diagnostik war (Tab. 2). Die Diagnose basierte immer auf 2 Ejakulatuntersuchungen. In allen Fällen, in denen bei 2-facher Untersuchung im Ejakulat „pathologische“ Werte für die Samenzellzahl, die Motilität und Morphologie der Samenzellen unterhalb der von der WHO (WHO 2010) festgelegten Grenzwerte vorlagen, wurde eine umfassende andrologische Untersuchung durchgeführt. Auffällig ist in diesem Kollektiv die hohe Rate von „andrologisch-urologischen“ Diagnosen, wenn man die testikulären Störungen (Hodentumor, Kryptorchismus, Klinefelter-Syndrom, Non-Obstruktive Azoospermie [NOA, nichtobstruktive Azoospermie], Varikozelenträger), Patienten mit obstruktiver Azoospermie und urogenitale Infektionen (z. B. Epididymitis, Prostatitis, Orchitis) betrachtet. Insbesondere mikrochirurgische Fähigkeiten zur Refertilisierung, Mikro-TESE (testikuläre Spermatozoenextraktion) und Varikozelektomie sowie eine besondere Erfahrung mit urogenitalen Infektionen sind Faktoren, die überregional Patienten anziehen, damit Schwerpunkte herausbilden und die Population beeinflussen.
Tab. 2
Andrologische Diagnosen von 1.834 Männern mit Fertilitätsproblemen (EAA-Zentrum, Gießen; Weidner et al. 2010)
Diagnosen
Patientenanzahl
Anteil am Gesamtkollektiv (%)
OAT-Syndrom (Oligo-Astheno-Teratozoospermie-Syndrom)
635
34,6
Testikuläre Störungen
449
24,5
243
13,2
Infektionen / Urogenitale Entzündung
155
8,5
Obstruktive Azoospermie
126
6,9
Andere Ursachen
174
9,0
Normalbefund
52
2,8
Ein besonderes Problem stellt der zunehmende Kenntnisgewinn von genetischen Ursachen einer andrologischen Infertilität dar (Jungwirth et al. 2013). Es besteht Übereinstimmung, dass die Häufigkeit chromosomaler Auffälligkeiten mit der abnehmenden Zahl von Spermatozoen ansteigt. Das Klinefelter-Syndrom ist die häufigste sex-chromosomale Abnormalität. Y-Deletionen sind bei NOA vor einer operativen Spermiengewinnung zu identifizieren, CF-Mutationen (cystische Fibrose) bei Agenesie der Samenleiter.
Hieraus ergibt sich eine komplexe diagnostische Situation, die zu reproduktionsmedizinischen Strukturen führt, in denen infertile Männer und Frauen bzw. Paare gemeinsam beraten, untersucht und therapiert werden. Eine entsprechende Organisationsstruktur ist in der nachfolgenden Abbildung (Abb. 1) analog der Vorgaben des EAA-Zentrum Gießen dargestellt.

Zusammenfassung

Literatur
Jungwirth A, Diemer T, Dohle G, Giwercman A, Kopa Z, Tournaye H, Krausz C, EAU Working Group on Male Infertility (2013) EAU-guidelines on male infertility: update 2013. EAU Guideline Office, Arnhem, Niederlande
Schuppe HC, Köhn FM, Weidner W (2013) Andrologie in der interdisziplinären Reproduktionsmedizin. In: Diedrich K, Ludwig M, Griesinger G (Hrsg) Reproduktionsmedizin. Springer, Berlin, S 447–482
Weidner W, Diemer T, Wagenlehner FME (2010) Male infertility in chronic urogenital infections and inflammation with special reference to ejaculate findings. In: Björndahl L, Giwercman A, Tournaye H, Weidner W (Hrsg) Clinical andrology. Informa Healthcare, New York/London, S 293–300
WHO, World Health Organization (2010) WHO laboratory manual for the examination and processing of human semen. 5. Aufl, Genf Schweiz