Die Urologie
Autoren
J. Altwein

Verhalten im Schadensfall

Die Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen der Landesärztekammern veranlassten im Jahr 2012 die gebührenfreie Begutachtung in etwa 25 % der 7578 in diesem Jahr vermuteten Arzthaftungsfälle. Dabei wurde in 1889 Fällen ein Behandlungsfehler als Ursache eines Gesundheitsschadens ermittelt. Im Krankenhaus betrafen 3,4 % der Begutachtungsanträge und in der Praxis 3,7 % das urologische Fachgebiet. Die 10 häufigsten Patientenvorwürfe bezogen sich auf eine fehlerhafte operative Therapie mit knapp 26 %, gefolgt von Fehlern bei Diagnostik, Aufklärung usw.
Die Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen der Landesärztekammern veranlassten im Jahr 2012 die gebührenfreie Begutachtung in etwa 25 % der 7578 in diesem Jahr vermuteten Arzthaftungsfälle. Dabei wurde in 1889 Fällen ein Behandlungsfehler als Ursache eines Gesundheitsschadens ermittelt (MERS, CIRS; Abschn. 2). Im Krankenhaus betrafen 3,4 % der Begutachtungsanträge und in der Praxis 3,7 % das urologische Fachgebiet (www.bundesaertzekammer.de/downloads/Statistische_Erhebung_2007.pdf). Die 10 häufigsten Patientenvorwürfe bezogen sich auf eine fehlerhafte operative Therapie mit knapp 26 %, gefolgt von Fehlern bei Diagnostik, Aufklärung usw. (Tab. 1).
Tab. 1
Patientenvorwürfe (Fenger et al. 2009). Daten der Bundesärztekammer (BÄK) für das Statistikjahr 2007 (Pressekonferenz Berlin 2008)
Sachentscheidungen, gesamt
7049
Anzahl der Vorwürfe
12.658
Durchführung der operativen Therapie (%)
25,77
Diagnostik: bildgebende Verfahren (%)
7,70
Postoperative Maßnahmen (%)
7,17
Diagnostik: Anamnese, Untersuchungen (%)
6,30
Aufklärung, Risiko (%)
5,33
Konservative Therapie (%)
4,72
Pharmakotherapie (%)
4,33
Indikation (%)
4,19
Allgemeine Diagnostik (%)
3,36
Labor, Zusatzuntersuchungen (%)
3,04

Behandlungsfehler: Haftung und Kosten

Wird der Arzt Partner des Behandlungsvertrages (§ 630a BGB) mit dem Patienten, haftet der Arzt für einen schuldhaft begangenen Behandlungsfehler vertraglich gemäß § 630a Abs. 1 BGB in Verbindung mit § 280 BGB (Schadensersatz wegen Pflichtverletzung). Dies gilt insbesondere für den in freier Praxis niedergelassenen Urologen sowie den Chefarzt als Wahlarzt im Krankenhaus. Daneben tritt die sog. deliktische Haftung gemäß § 823 BGB. Der Krankenhausarzt verletzt mit einem Behandlungsfehler regelmäßig auch seine dienstvertraglichen Pflichten gegenüber dem Krankenhausträger. In der Praxis kommt § 21 der MBO–Ä zum Tragen, nach der es Pflicht ist, eine Berufshaftpflichtversicherung abzuschließen; denn im Schadensfall wird der Arzt verpflichtet, den gesamten materiellen und immateriellen Schaden, der dem Patienten durch die fehlerhafte Behandlung entstanden ist, zu ersetzen. Dazu gehören auch weitere Heilungs- und Arzneimittelkosten, die Kosten einer zusätzlichen Operation, Ersatz des entgangenen Gewinns bei Minderung der Erwerbsfähigkeit und Kosten einer Pflege. Da der Arzt in der Praxis auch für fremdes Verschulden haftet (§§ 278 und 831 BGB) – Assistenzärzte, nichtärztliche Mitarbeiter – sollte die Deckungssumme mindestens 3 Mio. Euro, besser 5 oder 10 Mio. Euro betragen. Beispiele aus Gerichtsurteilen (Fenger et al. 2009): Beim Verlust einer Niere durch einen ärztlichen Kunstfehler wurden 15.000–150.000 Euro zugesprochen. Dabei kann auch einer „immaterieller Vorbehalt“ geltend gemacht werden, d. h. im Fall eines Ausfalls der zweiten Niere wird dann weiteres Schmerzensgeld zu zahlen sein. Beim Verlust eines Hodens – meistens verkannte Hodentorsion – betrug der Schadenersatz 12.500–48.500 Euro.
Nach Schätzungen kommt es zu 10.000–12.000 Zivilverfahren/Jahr und 2500–3000 Strafverfahren/Jahr. Dabei spielt auch die Erwartungshaltung der Patienten eine Rolle, die durch missverstandene Werbung – Kompetenzzentrum, minimal-invasiv – Presseberichte oder Regresse der Sozialversicherungsträger wächst.

Schadensprävention

Bei einer Haftpflichtversicherung stieg die Zahl der gemeldeten Schadensfälle innerhalb von 5 Jahren um 75 % (Pressekonferenz der BÄK 2013). Dies unterstreicht die Notwendigkeit einer Schadensvorbeugung. Fenger et al. (2009) zeigen zwei Wege zur Vorbeugung eines Behandlungsfehlers: Qualitätsmanagement und Risikomanagement. Der Rat der EU hat Empfehlungen zur Patientensicherheit herausgegeben, die am 1. Juli 2013 von der Deutschen Ärzteschaft zu Umsetzung angenommen wurden. Die Landesärztekammern und Kassenärztlichen Vereinigungen tragen das umfangreiche Aktionsbündnis Patientensicherheit e.V., in den u. a. gelistet sind: Ärztlicher Peer Review, MERS (siehe folgende Übersicht) und die Leitlinien der Arbeitsgemeinschaft wissenschaftlich-medizinischer Fachgesellschaften (http://www.uni-duesseldof.de/www/awmf).
Verbesserung und Sicherung der Behandlungsqualität (Pressekonferenz der BÄK 2013)
  • Schlichtungsstellen, Gutachterkommissionen – Medical Error Reporting System (MERS)
  • Medizinischer Dienst der Krankenversicherung (MDK)
  • Checklisten, z. B. WHO
  • Initiative Qualitätsmedizin IQM
  • Critical Incident Reporting System (CIRS)
  • Behandlung nach einer Operation, Normalstation (Abb. 1)
Eine bessere Qualität des Managements geht über in eine aktive Risikokontrolle, da der Ist-Zustand im Krankenhaus oder medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) erfasst wird. Fenger et al. (2009) zeigen die 5 wichtigsten Bereiche:
  • tägliche Organisation der Behandlungsabläufe,
  • medizinische Arbeitsteilung,
  • apparative Ausstattung und deren Sicherheit,
  • Feststellung vergangener Schadensfälle (Übersicht oben) und
  • Feststellung von „Beinahschäden“.
Ein gutes Risikomanagement senkt die Schadensrate um 25–40 % und verbessert das Ansehen des Krankenhauses oder MVZ. Nicht unwichtig in einer Zeit, in der beispielsweise mit einem Etikett wie „Kompetenzzentrum“ um Patienten geworben wird oder nach Verurteilung wegen eines Diagnosefehlers eine kostspielige Überdiagnostik durchgeführt wird.

Kategorien eines Behandlungsfehlers

Der Vorwurf einer fehlerhaften Behandlung kann unter den folgenden Aspekten begründet sein, die zugleich Schritte zum Risikomanagement aufzeigen:

Falsche Indikation

Der Kooperation und Koordination zwischen Praxis und Klinik kommt eine entscheidende Bedeutung zu; denn die empfohlenen diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen bedingen eine Gesamthaftung aller Beteiligten (Petri und Altwein 2012). Wünscht der Kranke etwa eine fokale Therapie anstelle der Radikaloperation seines Prostatakarzinoms, ist aber nicht bereit, die Kosten der erforderlichen diagnostischen Maßnahmen, die seine Krankenversicherung nicht übernimmt, selbst zu tragen, dann sollte dies von ihm gegengezeichnet werden. Generell wird vor allem bei elektiven Eingriffen argumentiert, dass sich der Patient bei passender Aufklärung durch den Zuweiser gar nicht zu einer operativen Maßnahme entschlossen hätte. Die Frage nach medizinisch gleichwertigen, aber unterschiedlich teuren Diagnostik- und Therapieverfahren berührt die evidenzbasierte Medizin (www.pubmed.gov). Die zeitintensive Recherche kann durch eine Suche nach Metaanalysen oder die Cochrane Collaboration verkürzt werden; z. B. bei der Therapie der Harninkontinenz von Frauen ist unbewiesen, dass eine urodynamische Untersuchung zu einem besseren Ergebnis führt (Glazener und Lipitan 2012). Dennoch ist bei den häufigen Mischformen einer Belastungsinkontinenz und einem Overactive-Bladder(OAB)-Syndrom differenziertes Wissen des Therapeuten Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Therapie.

Falsche Technik

Bei der Behandlung der Belastungsinkontinenz der Frau und der Zystozele bzw. Beckenorganprolaps wird die Kolposuspension verdrängt durch suburethrale Bänder („Mesh“). Die amerikanische FDA hat 2013 eine systematische Literaturrecherche zwischen 1996 und 2011 veröffentlicht: 2010 wurden in den USA 300.000 suburethrale Bände bzw. Schlingen eingezogen. Ein klinischer Vorteil bei der „Reparatur“ des vorderen Scheidenkompartments zeigte sich nicht. Im Vergleich zur Kolposuspension fand diese Behörde eine 2,26-fach höhere Revisionsnotwendigkeit nach „Mesh“. Von 2008 bis 2010 wurden >3800 Mesh-Komplikationen gemeldet. 2400 Gerichtsverfahren sind in den USA anhängig. Inzwischen wird empfohlen, keine suburethralen Schlingen vor dem 50. Lebensjahr, bei sexuell aktiven Frauen und bei primärem vaginalem Prolaps einzuziehen. Ostergard (2012) bringt das Problem auf den Punkt: „A women with these problems will never be the same“.

Übernahme- und Organisationsverschulden

Die allgemeine Berufspflicht zur Übernahme von Behandlungen hat Grenzen, etwa wenn eine Behandlung verlangt wird, die außerhalb des Fachgebietes des Arztes liegt oder deren Technik er nicht beherrscht. Begibt sich eine Arzt auf ein Fachgebiet, muss er dessen Standard garantieren. In der ärztlichen Praxis oder im Krankenhaus müssen die sachlichen und räumlichen Verhältnisse vorhanden sein, z. B. Hygiene und apparative Ausstattung. Anfängeroperationen, Unkenntnis der gültigen Literatur oder fehlender qualifizierter Notfalldienst können zum Übernahmeverschulden führen.
Eng mit dem Übernahmeverschulden verbunden ist das Organisationsverschulden. Bei Haftpflichtfällen ist ein Organisationsverschulden die zweithäufigste Anspruchsgrundlage (http://www.aerzteblatt.de/Arzthaftung). Es ist nicht generell unzulässig, an nichtärztliche Mitarbeiter die Durchführung von Injektionen, Infusionen oder Blutentnahmen zu übertragen. Da diese Eingriffe zum ärztlichen Verantwortungsbereich gehören, müssen die Mitarbeiter aber entsprechend angeleitet und überwacht werden (Narr 1987).

Auswahlverschulden

Dieser Begriff stammt aus dem Schuldrecht und betrifft in der Medizin zumeist die Problematik der Einschaltung von Dritten: Konsiliarius, Zweitmeinung – in der Alltagspraxis nicht sehr beliebt, da der zweitmeinende Arzt nicht selten Hauptbehandler wird – aber auch Gutachter. Darüber hinaus wird die Problematik des Auswahlverschuldens auch bei der Auswahl der sog. Verrichtungsgehilfen (§ 831 BGB) im Rahmen der Delegation praktisch bedeutsam. Der überweisende Arzt haftet nicht für Fehler des hinzugezogenen Arztes, sondern nur für dessen sorgfältige Auswahl. Ein Problem könnte auftreten, wenn speziell zu einer vielleicht besonders umworbenen Technik (z. B. „Roboter-Chirurgie“) eingewiesen wird und der einweisende Arzt die tatsächliche Leistungsfähigkeit einer Klinik nicht einschätzen kann.

Aufklärungsversäumnisse

Hier kann auch ein Zuweiser in die Verantwortung genommen werden, da er im Vorfeld Alternativen bei der gegebenen Indikation darstellen muss. Nicht nur beim technikbegeisterten Patienten kann es angezeigt sein, auf mögliche Kontraindikationen hinzuweisen und sich die Kenntnisnahme vom Patienten gegenzeichnen zu lassen. Bestandteil der Informationspflichten des Arztes (§ 630c BGB) ist die Sicherungsaufklärung, die den Patienten in die Lage versetzt, seinen Gesundheitszustand zu begreifen und zu lernen, was er für dessen Aufrechterhaltung tun muss (Hansis und Hansis 1999). Auch im neuen Patientenrechtegesetz, das am 26.2.2013 in Kraft trat, spielt die Aufklärungsproblematik eine große Rolle (vgl. § 630e BGB). Die Verbraucherzentrale Bundesverband geht auf die wichtigsten Fragen und Antworten ein (gesundheit@vzbz.de); spart aber auch nicht mit Kritik.

Management bei behaupteten Schadensfällen

Im Krankenhaus muss jeder Arzt bei einem möglichen Schadensfall die Verwaltung informieren (Fenger et al. 2009). Bei einer Berufsausübungsgemeinschaft (früher Gemeinschaftspraxis) haften sämtliche Ärzte „gesamtschuldnerisch“ gegenüber dem Patienten. Entsprechend sollte das Innenverhältnis organisiert sein. Bei einer Praxisgemeinschaft haftet nur der behandelnde Arzt. Im MVZ kommt der Behandlungsvertrag zwischen dem Patienten und dem MVZ selbst zustande. Zu den einzelnen angestellten Ärzten werden keine vertraglichen Beziehungen geknüpft. Hier kommt eine persönliche Haftung eines Arztes nur unter deliktsrechtlichen Gesichtspunkten in Betracht (Fenger et al. 2009).
Kontrolle der Dokumentation
Selbst bei einer bescheidenen Dokumentation könnte unterstellt werden, dass sich der behandelnde Arzt „adäquat“ Mühe gegeben hat, und er wird entlastet. Wahrscheinlicher ist, dass er verurteilt wird, da seine Mühe nicht „adäquat“ dokumentiert ist. Rechtlich ist bei fehlender Aufzeichnung im Krankenblatt eine Umkehr der Beweislast möglich. Damit wird eine Entlastung des betroffenen Arztes schwierig. Die Technik der Dokumentation ist im Wesentlichen unerheblich – Ambulanzkarten oder Krankenblatteinträge sind ebenso nützlich wie Memos, Aktennotizen o. Ä. Auch Gedächtnisprotokolle sind in Ordnung, sofern sie als solche erkennbar sind (Hansis und Hansis 1999). Berichtigungen und Änderungen von Eintragungen in der Patientenakte sind nur zulässig, wenn neben dem ursprünglichen Inhalt erkennbar bleibt, wann sie vorgenommen worden sind. Dies ist auch für elektronisch geführte Patientenakten sicherzustellen (§ 630f Abs. 1 BGB).
Krankenunterlagen komplettieren
Dabei sind auch extern angefertigte Unterlagen (Laborbefunde, Konsiliarberichte, Röntgenbefunde etc.) auf Vollständigkeit und Korrektheit zu prüfen. Wird beispielsweise bei einer 2-Gläser-Urinuntersuchung einer Frau übersehen, dass im Befund der Probe 1 steht „nach Prostatamassage“ – weil in das betroffene Labor 2-Gläser-Proben nur von männlichen Patienten eingesendet werden – dann greift dies ein Gutachter womöglich als „kennzeichnend“ auf. Ein als resistent getestetes Antibiotikum zu verabreichen, ist ein banaler, womöglich folgenreicher Fehler, ebenso wie die Therapie einer Angina pectoris unter einem PDE-5-Hemmer mit Glyceryltrinitrat.
Kopien von sämtlichen Krankenunterunterlagen anfertigen
Diese müssen dem Patienten oder seinem anwaltlichen Vertreter auf Verlangen ausgehändigt werden. Dazu gehören auch Kopien von bildgebenden Untersuchungstechniken wie Sonographie etc.; der Patient darf Einsicht in alle Behandlungsunterlagen nehmen, die Aufzeichnungen über „seinen Fall“ enthalten (Narr 1987). Das Einsichtsrecht erstreckt sich jedoch nicht auf solche Aufzeichnungen, die über naturwissenschaftliche Befunde und die Darstellungen des Behandlungsverlaufs hinausgehen: subjektive Wertungen. Inwieweit unter Befundmitteilung auch die Diagnose eingeschlossen ist, wird debattiert. Unstrittig bleibt, die Diagnose und die daraus abgeleitete Therapie sollten wissenschaftlich begründet sein: Ist ein „Prostataadenom“ eine Indikation zur transurethralen Resektion (TUR) der Prostata? Muss die Diagnose „CP/CPPS“ dem Patienten und zuweisenden Arzt erläutert werden?
Wichtig
  • Ein Operationsbericht muss zeitnah erstellt werden. Wird der Bericht verspätet oder erst nach Schadenseintritt geschrieben, darf nicht rückdatiert werden.
  • Im Krankenhaus ist die Verwaltungsleitung zu informieren (s. oben).
  • Meldung an die Haftpflichtversicherung im Einklang mit der Krankenhausleitung.
  • Anfertigung persönlicher Aufzeichnungen über den Verlauf des Geschehens.
Beispiel: Der Patient klagt nach einer Leistenbruchoperation, das Rezidiv sei Folge einer falschen Operationstechnik. Tatsächlich ging der Patient nach Aufzeichnungen des Pflegepersonals beschwerdefrei am 1. postoperativen Tag nach Hause, wo er seine demente Frau immer wieder heben muss (Bett, Toilette, Badewanne), wie eine präoperative Notiz in der Karteikarte zeigte. Dann liegt keine falsche Operationstechnik vor, sondern ein Aufklärungsfehler.
Wichtig
  • Feststellung, wer an dem Aufklärungsgespräch teilgenommen hat.
  • Auf keinen Fall dürfen Zeugen z. B. Assistenzärzte oder Operationspersonal beeinflusst werden.
  • Ebenso wenig dürfen Krankenunterlagen verändert oder unterdrückt werden.

Umgang mit dem betroffenen Patienten

Einem Gespräch mit dem geschädigten Patienten sollte der behandelnde Arzt nicht ausweichen. Bei geschickter und womöglich geschulter Gesprächsführung kann ein Behandlungsfehler durchaus relativiert werden. Ein Hinweis auf die Gutachterkommissionen bzw. Schlichtungsstellen bei den Landesärztekammern kann möglicherweise ein Verfahren vermeiden.
Ein sich einbringender und sich kümmernder Arzt wird vom Patienten immer positiv wahrgenommen. Findet das Gespräch in Gegenwart eines Angehörigen statt, kann eine Bezugnahme auf den medizinisch-wissenschaftlichen Hintergrund womöglich weiterhelfen. Keinesfalls sollte der Begriff „Fehler“ verwendet werden. Bestand bis zum Jahr 2008 praktisch ein Anerkenntnisverbot für den behandelnden Arzt, so regelt seitdem § 105 VVG (Versicherungsvertragsgesetz) diese Zusammenhänge neu. Danach ist eine Anerkennung eines Haftpflichtanspruches nunmehr möglich, ohne den Deckungsanspruch gegenüber der Versicherung zu verlieren. Faktisch führt dies aber zur Beweislastumkehr gegenüber dem Versicherer: Jetzt muss der Arzt beweisen, dass sowohl sein Anerkenntnis als auch die Höhe sich eventuell daraus ergebender Zahlungen rechtlich korrekt waren. Für den Arzt, der gegenüber dem Patienten einen Haftpflichtanspruch anerkennt, ergibt sich also weiterhin ein großes Risiko, weshalb auf vorschnelle Anerkenntnisse tunlichst verzichtet werden sollte.
Patienten erwarten eine Ermittlung der genauen Umstände, wünschen sich häufig zumindest einen Ausdruck des Bedauerns über das Geschehene und wollen mit der genauen Abklärung der Umstände auch einen besseren Qualitätsstandard bewirken. Aspekte der finanziellen Entschädigung stehen zumindest zu Beginn einer Auseinandersetzung möglicherweise weniger im Vordergrund, als allgemein angenommen wird. Gegebenenfalls kann man einen Nachbehandler vorschlagen und informieren. Im Krankenhaus kann der Chefarzt wesentliche Hilfe leisten, wenn es ihm gelingt, den Behandlungsschaden sprachlich einzuengen und sich selbst als kompetenten Fachmann einzubringen. Auf jeden Fall sind solche Gespräche immer „Chefsache“ und dürfen unter keinen Umständen allein nachgeordneten Mitarbeitern überlassen werden.

Umgang mit der Krankenhausverwaltung

Die Krankenhausverwaltung bzw. -geschäftsführung ist unverzüglich über alle Vorkommnisse, Beschuldigungen und ergriffene Maßnahmen zu informieren. Der Arzt wird regelhaft eine interne, schriftliche Stellungnahme einfordern, auf deren Hintergrund er dann seinen Versicherer informieren wird. In dieser Phase kann es sinnvoll sein, Kopien der Behandlungsunterlagen nicht nur für den Patienten, sondern auch für sich selbst anzufertigen. Kommt es zu einem Rechtsverfahren, können jahrelange Auseinandersetzungen folgen. Unterlagen können in dieser Zeit verloren gehen; in dieser Situation können eigene Kopien unter Umständen extrem hilfreich sein.

Umgang mit Behörden

Hierzu zählen in erster Linie Polizei bzw. Kriminalpolizei und Staatsanwaltschaft. Es kann vorkommen, dass die Kriminalpolizei unangekündigt in der Klinik oder den Praxisräumen erscheint und die Herausgabe von Krankenunterlagen verlangt. In dieser Situation sollte die Krankenhausverwaltung bzw. -geschäftsführung unverzüglich informiert werden. Regelhaft wird man die notwendige Zeit erhalten, Kopien der Unterlagen anzufertigen, bevor die Originale beschlagnahmt werden. Sachliches Entgegenkommen und eine kooperative Gesprächsführung mit den Beamten sind unabdingbar; auf keinen Fall darf man in dieser Situation emotional reagieren oder gar Aussagen zur Sache machen.

Zusammenfassung

  • Patientenvorwürfe betreffen am häufigsten fehlerhafte operative Therapie mit knapp 26 %, gefolgt von Fehlern bei Diagnostik, Aufklärung.
  • Arzt als Partner des Behandlungsvertrages mit dem Patienten haftet für schuldhaft begangenen Behandlungsfehler vertraglich gemäß § 630a Abs. 1 BGB in Verbindung mit § 280 BGB (Schadensersatz wegen Pflichtverletzung). Gilt für niedergelassene Urologen in freier Praxis sowie für den Chefarzt als Wahlarzt im Krankenhaus.
  • Deliktische Haftung gemäß § 823 BGB: Krankenhausarzt verletzt mit Behandlungsfehler auch dienstvertragliche Pflichten gegenüber Krankenhausträger.
  • Nach § 21 MBO–Ä ist Abschluss einer Berufshaftpflichtversicherung Pflicht.
  • Im Schadensfall wird Arzt zur Ersetzung des gesamten materiellen und immateriellen Schadens, der Patienten durch fehlerhafte Behandlung entstanden ist, verpflichtet, inkl. weiterer Heilungs- und Arzneimittelkosten, Kosten einer zusätzlichen Operation, Ersatz des entgangenen Gewinns bei Minderung der Erwerbsfähigkeit und Pflegekosten.
  • Schadensprävention durch Qualitätsmanagement und Risikomanagement durch verschiedene Checklisten und Meldesysteme (Aktionsbündnis Patientensicherheit e.V.).
  • Kategorien von Behandlungsfehlern: falsche Indikation, falsche Technik, Übernahme- und Organisationsverschulden, Auswahlverschulden.
  • Sicherungsaufklärung ist Bestandteil der Informationspflichten des Arztes.
  • Management bei behaupteten Schadensfällen umfasst: Kontrolle der Dokumentation, Komplettierung der Krankenunterlagen, Anfertigung von Kopien der Unterlagen.
  • Patientengespräch mit dem betroffenen Arzt kann zur Relativierung eines Behandlungsfehlers führen und zur Schlichtung beitragen.
  • Krankenhausverwaltung ist zu informieren.
Literatur
Fenger H, Holznagel I, Neuroth B, Gesenhues S (2009) Schadensmanagement für Ärzte. Juristische Tipps für den Ernstfall. Springer, HeidelbergCrossRef
Glazener CM, Lapitan MC (2012) Urodynamic studies for management of urinary incontinence in children and adults. Cochrane Database Syst Rev CD003195
Hansis ML, Hansis DE (1999) Der ärztliche Behandlungsfehler. Verbessern statt streiten. Ecomed, Landsberg/Lech
Narr H (1987) Arzt – Patient Krankenhaus. Beck-Rechtsberater im Deutschen Taschenbuch Verlag
Ostergard DR (2012) Evidence-based medicine for polypropylene mesh use compared with native tissue vaginal prolapse repair. Urology 79:12–15CrossRefPubMed
Petri E, Altwein JE (2012) Urogynäkologische Begutachtung. In: Petri E, Kölbl H (Hrsg) Gynäkologische Urologie. Interdisziplinäre Diagnostik und Therapie. Thieme, Stuttgart, S 353–368
Uhlenbruck W (1992) Das Zustandekommen des Arztvertrages. In: Laufs A, Uhlenbruck W, Genzel H et al (Hrsg) Handbuch des Arztrechts. C.H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung, München, S 272–297