Enzyklopädie der Schlafmedizin
Autoren
Kai Spiegelhalder und Dieter Riemann

Chronic Fatigue Syndrom

Das Chronic Fatigue Syndrom ist eine psychosozial bedeutsame Erkrankung mit zum Teil erheblichen Konsequenzen für die Betroffenen. Der Zustand permanent erhöhter Erschöpfung und Müdigkeit schränkt die Betroffenen erheblich in ihrer Lebensqualität ein und führt in vielen Fällen sogar zur Berentung. Bislang ist die Ätiologie nicht geklärt. Vermehrte Forschungsanstrengungen sind erforderlich, um dieses Defizit zu beheben.

Synonyme

Chronisches Erschöpfungssyndrom; Chronisches Müdigkeitssyndrom

Englischer Begriff

chronic fatigue syndrome

Definition

Das Chronic Fatigue Syndrom (CFS) ist eine relativ schlecht erforschte Erkrankung, die unter diesem Begriff vor einigen Jahrzehnten in der medizinischen Fachliteratur auftauchte. Es handelt sich dabei um einen Zustand permanent erhöhter Erschöpfung und Müdigkeit, der die Betroffenen erheblich in ihrer Lebensqualität einschränkt und der in vielen Fällen sogar zur Berentung führt. Ähnliche Krankheitsbilder mit im Vordergrund stehender Müdigkeit wurden bereits früher in der klinischen Medizin beschrieben, beispielsweise die sogenannte Neurasthenie an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. 1994 wurden von Fukuda und Mitarbeitern Definitionskriterien des Chronic Fatigue Syndroms vorgeschlagen. Diese umfassen eine unerklärte, persistierende oder wiederkehrende chronische Erschöpfung mit folgenden Merkmalen:
  • mindestens sechs Monate Dauer,
  • akuter/neuer bzw. umschriebener Beginn,
  • nicht schon lebenslang vorhanden,
  • nicht das Ergebnis aktueller Belastungen,
  • führt zu substanzieller Beeinträchtigung in verschiedenen Lebensbereichen.
Vier oder mehr der folgenden Symptome sind dabei gleichzeitig länger als sechs Monate vorhanden:
  • Gedächtnis- und Konzentrationsprobleme,
  • Halsschmerzen,
  • empfindliche/schmerzhafte zervikale (Hals-/Nackenbereich) oder axilläre (Achselbereich) Lymphknoten,
  • Myalgie (= Muskelschmerzen),
  • Arthralgie (= Gelenkschmerzen) an verschiedenen Gelenken,
  • nicht erholsamer Schlaf,
  • unproportional starke Erschöpfung nach Anstrengungen.
Ausschlussdiagnosen
  • Klinische Syndrome, die nur deskriptiv und nicht über labordiagnostische Marker definiert werden, wie z. B. „Angststörungen“, „Affektive Störungen“, somatoforme Störungen, „Fibromyalgiesyndrom“.
  • Jede Störung oder Erkrankung, deren Symptomatik aufgrund aktueller und nachgewiesen adäquater Behandlung ausreichend gelindert sein sollte, wie z. B. „Hypothyreose“ unter anhand von normalen TSH-Werten nachgewiesener, adäquater Hormonsubstitution oder eine anhand von Lungenfunktionstests belegte erfolgreiche Behandlung eines „Asthma bronchiale“.
  • Jede Störung oder Erkrankung, die vor Beginn der chronischen Erschöpfung mit wirksamen Medikamenten behandelt wurde, wie z. B. Lyme-Borreliose („Infektionskrankheiten ohne Befall des Zentralnervensystems“).
  • Jede medizinisch ungeklärte, physiologische Auffälligkeit (beispielsweise bei der medizinischen Untersuchung, bei Laborbefunden oder in bildgebenden Verfahren), die entweder als Beleg für eine organische Ursache der chronischen Erschöpfung ausreicht (wie z. B. erhöhte antinukleäre Titer).
Trotz einiger Forschungsbemühungen konnte bislang kein Labormarker und kein allgemein akzeptiertes pathophysiologisches Modell für das Chronic Fatigue Syndrom gefunden werden.
Patienten mit Chronic Fatigue Syndrom stellen ein großes Problem in Diagnostik und Therapie dar und werden in vielen Fällen an schlafmedizinische Zentren zur Diagnostik und Therapie überwiesen. In einigen Fällen können dann noch andere umschriebene Krankheitsbilder identifiziert werden, die die Symptomatik vollständig erklären, z. B. „Obstruktive Schlafapnoe“, Depression, Medikamenten- und Alkoholabhängigkeit oder „Krebserkrankungen“ (siehe auch „Abhängigkeit“, „Hämatoonkologische Erkrankungen“).

Genetik, Geschlechterwendigkeit

Hinweise für eine spezifisch genetische Ursache für das Chronic Fatigue Syndrom gibt es bislang nicht. Im Hinblick auf Geschlechtsunterschiede liegt das Verhältnis von betroffenen Männern zu Frauen bei 1:1,5–2. Das Durchschnittsalter für das Erstauftreten eines Chronic Fatigue Syndroms liegt zwischen 25 und 40 Jahren.

Epidemiologie und Risikofaktoren

Epidemiologische Untersuchungen weisen darauf hin, dass die Prävalenz des Chronic Fatigue Syndroms unter Zugrundelegung der oben genannten diagnostischen Kriterien in der Allgemeinbevölkerung etwa bei 0,5 % liegt. Patienten mit chronischen Erschöpfungszuständen sind hingegen in spezialisierten stationären und ambulanten Einrichtungen überproportional häufig anzutreffen.

Pathophysiologie, Psychophysiologie

Die Pathophysiologie des Chronic Fatigue Syndroms ist bislang nicht geklärt. Vermutet wurden eine Vielzahl von medizinischen Faktoren als Ursache, z. B. Infektionen oder Störungen des Immunsystems. Andererseits existiert die Hypothese, dass es sich beim Chronic Fatigue Syndrom um eine Form somatisierter beziehungsweise larvierter Depression handelt. Von Gaab und Ehlert (2005) wurde ein psychobiologisches Modell des Chronic Fatigue Syndroms entwickelt, das ein Wechselspiel zwischen Anlagefaktoren (Persönlichkeit, psychische Störung), auslösenden Faktoren (akute Erkrankung, Stress), aufrechterhaltenden Faktoren (Inaktivität, Schonverhalten, Schlafstörungen, psychische Belastungen) und zentralen über das Corticotropin-releasing-Hormon vermittelten Effekten wie Erschöpfung, Schmerzwahrnehmung und autonome Dysregulation postuliert.

Symptomatik

Im Vordergrund der Beschwerdeschilderung steht die ausgeprägte Müdigkeit bzw. die Erschöpfung. Die Erschöpfung ist in der Regel chronisch und dauert mehr als sechs Monate an, wobei kein relevanter medizinischer Krankheitsfaktor nachweisbar ist. Manchmal treten auch nächtliche Schlafstörungen auf, häufig schlafen die Patienten aber nachts dem eigenen Gefühl nach gut und haben eine verlängerte Schlafphase, ohne sich jedoch am Morgen erholt zu fühlen. Die Patienten fühlen sich tagsüber müde und erschöpft, gewohnte Tätigkeiten wie Lesen oder Arbeiten sind in vielen Fällen gar nicht mehr oder nur in sehr begrenztem Umfang möglich. Weitere Beschwerden sind, wie schon weiter vorn in den diagnostischen Kriterien dargestellt, Gedächtnis- und Konzentrationsprobleme und diverse körperliche Beschwerden.

Erstmanifestation

Die Erstmanifestation liegt meistens zwischen dem 25. und 40. Lebensjahr.

Auslöser

Viele Patienten berichten, dass die Symptomatik erstmalig nach einem grippalen Infekt aufgetreten ist, wobei Müdigkeit und Erschöpftheit persistieren. Häufig waren Patienten mit Chronic Fatigue Syndrom vor Ausbruch der Erkrankung äußerst aktiv und sehr leistungsfähig.

Verlauf

Der Verlauf ist häufig chronisch und viele Betroffene werden berentet oder sind nur noch eingeschränkt arbeitsfähig.

Psychosoziale Faktoren

Häufig wird kolportiert, dass das chronische Erschöpfungssyndrom eine Krankheit der oberen Schichten sei („yuppie flu“). Das ließ sich in epidemiologischen Untersuchungen jedoch nicht bestätigen. Hierbei wurde eher ein negativer sozioökonomischer Gradient beobachtet, d. h., Angehörige einer niedrigeren sozialen Schicht mit niedrigerem Bildungsniveau litten häufiger unter dem Chronic Fatigue Syndrom. Bemerkenswert ist, dass Angehörige höherer sozialer Schichten, die betroffen sind, viel häufiger medizinische Spezialisten aufsuchen.

Komorbide Erkrankungen

Chronische Erschöpfung ist ein unspezifisches Symptom, das bei vielen Erkrankungen auftreten kann. Das Chronic Fatigue Symptom liegt häufig komorbid zu psychischen Erkrankungen, insbesondere Depressionen und Somatisierungsstörungen, Angststörungen, Schlafstörungen und Persönlichkeitsstörungen vor.

Diagnostik

Die Diagnosestellung erfolgt im Wesentlichen durch Ausschluss von entzündlichen, metabolischen, hormonellen, malignen, psychiatrischen, neurologischen oder schlafmedizinischen Erkrankungen. Unter Umständen sind eine Epstein-Barr-Virusserologie, immunologische Untersuchungen und bildgebende Verfahren weiterführend. Inadäquate „Schlafhygiene“, Substanzgebrauch oder „Zirkadiane Schlaf-Wach-Rhythmusstörungen“ müssen ausgeschlossen werden.
Eine schlafmedizinische Erkrankung als potenzielle Ursache der Beschwerden sollte immer mittels „Kardiorespiratorische Polysomnographie“ (KRPSG) und Multiplem Schlaflatenztest (MSLT) (siehe „Multipler Schlaflatenztest und Multipler Wachbleibetest“) ausgeschlossen werden. Ein gewisser Prozentsatz von Patienten, die sich mit der vermeintlich typischen Symptomatik präsentieren, weisen bei Untersuchung im Schlaflabor eine schlafmedizinische Erkrankung auf.
Psychiatrische Erkrankungen sollten ebenfalls ausgeschlossen werden. Problematisch daran ist, dass viele Patienten mit Chronic Fatigue Syndrom von einer medizinischen Genese ihrer Beschwerden überzeugt sind und sich deswegen gegen eine psychologisch-psychiatrische Diagnostik wehren.

Prävention

Bisher sind keine Untersuchungen bekannt.

Therapie

In den letzten zwei Jahrzehnten wurden verschiedene therapeutische Maßnahmen evaluiert, die organmedizinische und psychologisch-psychiatrische Ansätze kombinierten. Für die Wirksamkeit komplementär-medizinischer Interventionen konnte bislang keine überzeugende Evidenz gefunden werden. Antriebssteigernde „Antidepressiva“ haben möglicherweise eine leichte Wirksamkeit, wobei die Studienlage hierzu allerdings nicht eindeutig ist. Empirisch wirksam sind ein gradueller Aktivitätsaufbau und Bewegungstherapie sowie die kognitive Verhaltenstherapie, die Patienten einerseits vermittelt, das Krankheitsbild anzunehmen, und andererseits versucht, Coping-Strategien im Hinblick auf die Erschöpfung zu erlernen.

Rehabilitation

Beim Chronic Fatigue Syndrom werde in vielen Fällen rehabilitative stationäre verhaltensmedizinische Maßnahmen durchgeführt. Insbesondere zur Einleitung der Therapie mit den basalen Bausteinen Aktivitätsaufbau und Bewegungstherapie kann eine stationäre Behandlung sinnvoll sein.

Nachsorge

Viele Patienten bedürfen einer dauerhaften medizinischen Betreuung, wobei insbesondere die Einbeziehung psychologischer Ansätze sinnvoll sein kann („Kognitive Verhaltenstherapie“).

Psychosoziale Bedeutung

Längsschnittuntersuchungen an Patienten, die das Vollbild des Chronic Fatigue Syndroms aufweisen, haben gezeigt, dass eine komplette Remission eher die Ausnahme ist. Viele Patienten sind nur noch eingeschränkt arbeitsfähig, es kommt bei 30–50 % aller Betroffenen zu frühzeitiger Berentung.

Prognose

Gemäß dem bisherigen Kenntnisstand ist beim Vollbild des Chronic Fatigue Syndroms eher von einer ungünstigen Prognose im Hinblick auf die Arbeitsfähigkeit auszugehen. Daten zu einer erhöhten Mortalität liegen jedoch nicht vor. Ungeklärt ist auch, ob eine frühe Intervention zu einer Besserung der Prognose führt. Auf jeden Fall sind der Einsatz kognitiv-verhaltenstherapeutischer Interventionen sowie Bewegungsaufbau und Bewegungstherapie indiziert und bessern die Prognose.

Zusammenfassung, Bewertung

Das Chronic Fatigue Syndrom ist eine psychosozial bedeutsame Erkrankung mit zum Teil erheblichen Konsequenzen für die Betroffenen. Bislang ist die Ätiologie nicht geklärt. Vermehrte Forschungsanstrengungen sind erforderlich, um dieses Defizit zu beheben.
Literatur
Fukuda K, Strauss SE, Hickie I et al (1994) The chronic fatigue syndrome: a comprehensive approach to its definition and study. International Chronic Fatigue Syndrome Study Group. Ann Intern Med 121(12):953–959CrossRef
Gaab J, Ehlert U (2005) Chronische Erschöpfung und chronisches Erschöpfungssyndrom. Hogrefe, Göttingen