Enzyklopädie der Schlafmedizin
Autoren
Kai Spiegelhalder und Dieter Riemann

Extrinsische Insomnien

Extrinsische Insomnien sind definiert als Klage über Ein- und/oder Durchschlafstörungen und daraus resultierende Tagesbeeinträchtigungen, wobei die Symptomatik durch äußere Faktoren ausgelöst und aufrechterhalten wird. Gewöhnlich führt die Beseitigung dieser äußeren Faktoren zur Remission der Schlafstörung, wenn sich nicht eine andere Schlafstörung im Kontext der extrinsischen Insomnie entwickelt hat. Eine Psychophysiologische Insomnie kann sich beispielsweise im Anschluss an eine extrinsische Störung nach Wegfall der spezifischen äußeren Ursachen entwickeln. In diesem Beitrag wird auf die Themenbereiche beziehungsweise Diagnosen eingegangen, die in der ICSD-1 als extrinsische Insomnien zusammengefasst wurden.

Synonyme

Umweltbedingte Insomnien; Insomnien bedingt durch äußere Faktoren

Englischer Begriff

extrinsic insomnia

Definition

Extrinsische „Insomnien“ sind definiert als Klage über Ein- und/oder Durchschlafstörungen und daraus resultierende Tagesbeeinträchtigungen, wobei die Symptomatik durch äußere Faktoren ausgelöst und aufrechterhalten wird. Gewöhnlich führt die Beseitigung dieser äußeren Faktoren zur Remission der Schlafstörung, wenn sich nicht eine andere Schlafstörung im Kontext der extrinsischen Insomnie entwickelt hat. Eine „Psychophysiologische Insomnie“ kann sich beispielsweise im Anschluss an eine extrinsische Störung nach Wegfall der spezifischen äußeren Ursachen entwickeln.
In der ersten Version der ICSD (International Classification of Sleep Disorders 1990; „Diagnostische „Klassifikationssysteme“) wurden unter dem Kapitel Extrinsische Schlafstörungen insgesamt 13 verschiedene Diagnosen aufgeführt, denen das Beschwerdebild der Insomnie gemeinsam ist. Das Spektrum umfasste dabei unter anderem die inadäquate Schlafhygiene, die umweltbedingte Insomnie, die höhenbedingte Insomnie, die anpassungsbedingte Schlafstörung und die Insomnie, die durch Medikamente oder Drogen verursacht wird. In der zweiten Version der ICSD (2005) wurde der Begriff der extrinsischen Insomnie als übergeordnete Bezeichnung fallen gelassen. Allerdings wurden einige spezifische Diagnosen beibehalten, wie zum Beispiel die Insomnie bei inadäquater Schlafhygiene oder die Insomnie im Rahmen einer Substanzeinnahme. In der dritten Version, der „ICSD-3“ (2005), wird in der Hauptkategorie Insomnien neben der Diagnose Kurzzeit-Insomnie nur noch die eine übergreifende Diagnose Chronische Insomnien verwendet. Trotzdem sind die für die vorherigen Versionen des Klassifikationssystems gemachten Überlegungen weiterhin klinisch relevant.
In diesem Beitrag wird ein Überblick über folgende Themenbereiche beziehungsweise Diagnosen gegeben, die in der ICSD-1 als extrinsische Insomnien zusammengefasst wurden und zu denen in diesem Buch auch Einzelbeiträge vorliegen:
  • „Schlafhygiene“ (inadäquate)
  • „Umgebungsbedingte Schlafstörung“
  • „Höheninsomnie“
  • „Schlafmangelsyndrom“
  • „Insomnie bei Nahrungsmittelallergie“
  • „Schlafbezogene Essstörung“
  • „Insomnie bei Hypnotikaabhängigkeit“
  • „Insomnie bei Stimulanzienabhängigkeit“
  • „Alkoholabhängigkeit“
  • „Toxin-bedingte Insomnie“
  • „Kurzzeit-Insomnie (Anpassungsbedingte Schlafstörung)“

Genetik, Geschlechterwendigkeit

Zum Bereich der extrinsischen Insomnien gibt es bislang keine Untersuchungen, die sich mit der Frage von genetischen Faktoren bei der Entstehung dieser Insomnieform befasst haben. Es wird allerdings davon ausgegangen, dass genetische Faktoren hier nur eine geringe bzw. gar keine Rolle spielen, da per Definition eine extrinsische Insomnie „von außen“ ausgelöst wird, zum Beispiel durch eine inadäquat praktizierte Schlafhygiene oder durch Einnahme legaler oder illegaler Genussmittel. Allerdings bleibt anzumerken, dass bei weitem nicht alle Menschen, die eine inadäquate Schlafhygiene praktizieren, auch insomnische Beschwerden entwickeln. Dasselbe gilt auch für den Gebrauch oder Missbrauch von Alkohol oder anderen Drogen. Insofern ist auch für die extrinsisch bedingten Insomnieformen anzunehmen, dass eine gewisse genetische oder durch die persönliche Lebensgeschichte bedingte Vulnerabilität bestehen muss, damit jemand, der zum Beispiel einen Alkoholmissbrauch betreibt, in der Folge insomnische Beschwerden entwickelt.
Geschlechtsunterschiede für extrinsische Insomnien sind bislang nicht systematisch erforscht. Allerdings muss bei der extrinsischen Insomnie bei Alkoholabhängigkeit oder Alkoholmissbrauch berücksichtigt werden, dass ein entsprechendes Verhalten bei Männern häufiger anzutreffen ist als bei Frauen.

Epidemiologie und Risikofaktoren

Bislang liegen keine zufriedenstellenden epidemiologischen Daten vor, die eine Aussage dazu erlauben, in welchem Umfang die extrinsischen Insomnieformen in der Allgemeinbevölkerung vorkommen. Die Schwierigkeit der epidemiologischen Erfassung liegt darin, dass per Definition extrinsische Insomnien nach Wegfall des äußeren Faktors sistieren, somit häufig selbstlimitierend sind. Dies gilt in extremer Form für die Höheninsomnie, die beim Schlaf in großer Höhe (≥3000 m) auftritt (siehe auch „Atmung beim Schlaf in großer Höhe“). Zudem besteht ein hoher Überlappungsgrad zum Beispiel zwischen der Insomnie mit inadäquater Schlafhygiene und der „Psychophysiologische Insomnie“. Die Grenzziehung zu anderen Insomnieformen kann somit unter Umständen sehr schwierig sein, zum Beispiel beim Themenkomplex Hypnotikaeinnahme und Insomnie.

Pathophysiologie, Psychophysiologie

Eine spezifische Darstellung pathophysiologischer und psychophysiologischer Mechanismen der einzelnen extrinsischen Insomnieformen erfolgt in den entsprechenden Kapiteln. Je nach Störung werden unterschiedliche Pathomechanismen angenommen. Für die Insomnie bei inadäquater Schlafhygiene gilt zum Beispiel, dass die insomnischen Symptome verhaltensbedingt sind. Erhöhter Tagschlaf, unregelmäßiger Schlaf-Wach-Rhythmus, regelmäßiger Alkohol-, Nikotin- oder Koffeinkonsum vor dem Schlafengehen werden als Störfaktoren eines gesunden und erholsamen Schlafs angesehen. Infolgedessen wird bei der Therapie eine Verhaltensänderung angestrebt und evaluiert, ob deren Umsetzung zu einer Besserung des Schlafs führt. Eine eingetretene Besserung wird als Beleg der Hypothese, dass es sich um eine Insomnie im Rahmen inadäquater Schlafhygiene handelt, bewertet (siehe beispielsweise Lacks und Rotert 1986).

Symptomatik

Per Definition liegt bei allen extrinsischen Insomnieformen eine Insomnie vor. Diese ist nach der ICSD-3 definiert als eine andauernde Schwierigkeit des Ein- oder Durchschlafens mit assoziierter Beeinträchtigung am Tage, die auftritt, obwohl die betreffende Person adäquat Zeit und Gelegenheit zum Schlafen hat. Die Tagesbeeinträchtigung kann zu beruflichen oder privaten Schwierigkeiten oder Konflikten führen. Ebenso können spezifische körperliche Symptome daraus resultieren, wie zum Beispiel gastrointestinale Probleme oder Kopfschmerzen. Unter Umständen kann es zu einem erhöhten Risiko für Arbeits- oder Verkehrsunfälle kommen (siehe auch „Einschlafen am Steuer“; „Einschlafen am Arbeitsplatz“).
Extrinsische Insomnien können schon in Kindheit und Jugend auftreten, da schon in diesem Alter „Fehler“ bei der Schlafhygiene gemacht werden oder zum Beispiel in großer Höhe übernachtet werden kann. Andere extrinsische Insomnieformen, wie etwa die Insomnien im Rahmen von Alkoholmissbrauch bzw. Stimulanzienabhängigkeit, treten in den für diese Erkrankung typischen Altersstufen auf. Nicht immer muss der spezifische Auslöser sofort zum Auftreten insomnischer Beschwerden führen, da in manchen Fällen zum Beispiel erst der chronische Alkoholgebrauch oder die chronische Missachtung der Regeln der Schlafhygiene dazu führen, dass insomnische Symptome auftreten. Der Verlauf der extrinsischen Insomnie ist an den umschriebenen äußeren Faktor gekoppelt. Nach Wegfall des äußeren Faktors sollte es zu einer Remission der Insomniebeschwerden kommen. Nicht selten ist es der Fall, dass sich im Rahmen einer extrinsischen Insomnie auch andere Insomnieformen entwickeln.

Komorbide Erkrankungen

Bei bestimmten extrinsischen Insomnieformen kann es zu komorbiden anderen Insomnieformen kommen. Zusätzlich besteht bei den Insomnieformen mit Hypnotika-, Stimulanzien-, Alkohol- oder Drogenabhängigkeit eine Komorbidität mit der jeweiligen Abhängigkeitserkrankung.

Diagnostik

Primär kommt in der Diagnostik der extrinsischen Insomnien neben der routinemäßig erhobenen klinischen Anamnese dem Einsatz von Schlaftagebüchern und Schlaffragebögen ein großer Stellenwert zu. Ebenso müssen psychologisch-psychiatrische Faktoren in der Anamnese erfasst werden, unter Umständen unter Zuhilfenahme entsprechender klinischer Interviews, wie etwa dem strukturierten klinischen Interview für psychiatrische Diagnosen nach DSM.

Differentialdiagnostik

Differentialdiagnostische Schwierigkeiten kann die Abgrenzung von anderen Insomnieformen bereiten, wenn diese sich komorbid zur extrinsischen Insomnie entwickelt haben.

Prävention

Für viele extrinsische Insomnieformen eröffnen sich aus den zugrunde liegenden Faktoren entsprechende präventive Strategien, wie etwa die Vermittlung von Regeln zur Schlafhygiene (siehe Irish et al. 2015). Eine Einhaltung dieser Regeln sollte das Auftreten von entsprechenden Insomnien verhindern. Dasselbe gilt natürlich auch für die Insomnie im Rahmen des Alkoholmissbrauchs oder beim Missbrauch anderer Substanzen.

Therapie

Die Therapie liegt in der Beseitigung des extrinsischen Faktors.

Psychosoziale Bedeutung

Insbesondere bei den Insomnieformen im Zusammenhang mit Missbrauch und Abhängigkeit haben die extrinsischen Schlafstörungen eine erhebliche psychosoziale Bedeutung.

Prognose

Die Prognose ist in vielen Fällen gut, da eine Wegnahme des äußeren Faktors zur Remission der Symptome führen sollte. Bei den Insomnieformen im Zusammenhang mit Missbrauch und Abhängigkeit ist die Prognose jedoch schlechter, entsprechend der generellen Prognose für Missbrauchs- und Abhängigkeitserkrankungen.

Zusammenfassung, Bewertung

Im Hinblick auf extrinsische Insomnien gibt es eine Vielzahl von Faktoren, die entsprechende insomnische Beschwerden auslösen können, zum Beispiel inadäquate Schlafhygiene, große Höhen oder Alkohol- oder Drogenabhängigkeit. Per se sollte die Wegnahme des extrinsischen Faktors eine Remission der Symptome bewirken, wobei allerdings zu beachten ist, dass es bei Substanzabhängigkeit zu Entzugserscheinungen kommt.
Literatur
Irish LA, Kline CE, Gunn HE et al (2015) The role of sleep hygiene in promoting public health: a review of empirical evidence. Sleep Med Res 22:23–36CrossRef
Lacks P, Rotert M (1986) Knowledge and practice of sleep hygiene techniques in insomniacs and good sleepers. Behav Res Ther 24:365–368CrossRef