Enzyklopädie der Schlafmedizin
Autoren
Kai Spiegelhalder und Dieter Riemann

Idiopathische Insomnie

Eine Idiopathischen Insomnie ist eine chronische, bis in die Kindheit zurückreichende Beschwerde über Ein- und Durchschlafstörungen, die mit einer relevanten Beeinträchtigung der Tagesbefindlichkeit oder Leistungsfähigkeit verbunden sind. Im Zentrum der Störung stehen der gestörte Nachtschlaf und daraus folgend eine Beeinträchtigung während des Tages. Die spezifische Qualität der Schlafstörung kann Einschlafstörungen, wiederholtes nächtliches Erwachen oder eine generell verkürzte Schlafdauer beinhalten. Wegen des frühen Erstmanifestationsalters ist die Idiopathische Insomnie von der Verhaltensbedingten Insomnie im Kindesalter initial nicht immer zu differenzieren. Die Diagnose ergibt sich oft erst aus dem Verlauf, wenn die Schlafstörung des Kindes bis zum Erwachsenenalter persistiert.

Synonyme

Lebenslange Insomnie; Insomnie mit Beginn in der Kindheit

Englischer Begriff

idiopathic insomnia

Definition

Eine Idiopathischen Insomnie ist eine chronische, bis in die Kindheit zurückreichende Beschwerde über Ein- und Durchschlafstörungen, die mit einer relevanten Beeinträchtigung der Tagesbefindlichkeit oder Leistungsfähigkeit verbunden sind (siehe „Insomnie“). Im Zentrum der Störung stehen der gestörte Nachtschlaf und daraus folgend eine Beeinträchtigung während des Tages. Die spezifische Qualität der Schlafstörung kann Einschlafstörungen, wiederholtes nächtliches Erwachen oder eine generell verkürzte „Schlafdauer“ beinhalten. Wegen des frühen Erstmanifestationsalters ist die Idiopathische Insomnie von der sogenannten „Verhaltensbedingte Insomnie im Kindesalter“ initial nicht immer zu differenzieren. Die Diagnose ergibt sich oft erst aus dem Verlauf, wenn die Schlafstörung des Kindes bis zum Erwachsenenalter persistiert. Die schlafmedizinischen Klassifikationssysteme ICSD (International Classification of Sleep Disorders 1990) und ICSD-2 (International Classification of Sleep Disorders 2005) klassifizierten die Idiopathische Insomnie als eigenständige Insomnieform. Diese Einteilung wurde mit der ICSD-3 (2014) aufgegeben. Dort zählt die Idiopathische Insomnie in der Hauptkategorie „Insomnien“ zu den Chronischen Insomnien. Auch nach der Klassifikation des DSM-5 (2013) zählt die Idiopathische Insomnie zu den Insomnien. Siehe auch „Diagnostische Klassifikationssysteme“.

Genetik, Geschlechterwendigkeit

Bislang liegen zur Idiopathischen Insomnie keine Untersuchungen vor.

Epidemiologie und Risikofaktoren

Bislang liegen nur wenige epidemiologische Daten zur Idiopathischen Insomnie vor. Wahrscheinlich betrifft die Störung maximal 1 % der Jugendlichen und jungen Erwachsenen und weniger als 10 % der Patienten, die sich mit dem Leitsymptom Insomnie an einem schlafmedizinischen Zentrum vorstellen (Buysse et al. 1994).
Der Beginn dieser Erkrankung scheint unabhängig von spezifischen Lebensereignissen, psychologischen Traumata oder körperlichen Erkrankungen zu sein. Es ist wenig über prädisponierende oder auslösende Faktoren bekannt. Umschriebene neurologische Defekte oder Defizite konnten bislang nicht festgestellt werden. Hyperarousal, erhöhte Ängstlichkeit und eine positive Familiengeschichte für Insomnie werden als wichtige Faktoren diskutiert (siehe „Stress und Hyperarousal“).

Pathophysiologie, Psychophysiologie

Bislang liegen hierzu keine gesicherten Daten vor.

Symptomatik

Charakteristisch für das Krankheitsbild ist die Erstmanifestation der insomnischen Beschwerden in der Kindheit und Jugend, oft schon in der frühen Kindheit. Das Ausmaß der insomnischen Symptome und der daraus resultierenden Beeinträchtigungen während des Tages ist meist schwer ausgeprägt. Die Patienten berichten über Tagesmüdigkeit, Stimmungsbeeinträchtigungen oder kognitive Störungen, wie Einschränkung von Aufmerksamkeit und Konzentration. Einige der Betroffenen haben dadurch Lernschwierigkeiten in der Kindheit. Die Patienten können unter Umständen zusätzlich schlafverhindernde Verhaltensweisen entwickeln, wie lange Bettzeiten oder einen unregelmäßigen Schlaf-Wach-Rhythmus am Wochenende.

Psychosoziale Faktoren

Es sind keine spezifischen auslösenden oder aufrechterhaltende Faktoren bekannt. Psychosoziale Faktoren können die Ausprägung der Störung jedoch wahrscheinlich beeinflussen.

Komorbide Erkrankungen

Es besteht ein erhöhtes Risiko für depressive Störungen, Hypnotika- und Alkoholmissbrauch.

Diagnostik

Die Diagnosestellung erfolgt aus der „Anamnese“, unterstützt durch „Schlaftagebücher“ und wird gegebenenfalls ergänzt durch „Polysomnographie“ und einen Multiplen Schlaflatenztest (MSLT; „Multipler Schlaflatenztest und Multipler Wachbleibetest“).
Insbesondere der frühe Beginn ist charakteristisch für die Idiopathische Insomnie. Sie kann jedoch wegen des frühen Beginns manchmal nicht von der „Insomnie im Kindesalter“ unterschieden werden, und die Diagnose kann dann erst im Verlauf gestellt werden. Es gibt Überlappungen zur „Psychophysiologische Insomnie“ und zur „Paradoxe Insomnie“. Bei den Patienten mit Psychophysiologischer Insomnie spielen psychosoziale Faktoren und schlafverhindernde Assoziationen eine stärkere Rolle. Die Psychophysiologische Insomnie beginnt typischerweise erst im Erwachsenenalter, hat einen umschriebenen Beginn und variiert im Schweregrad während des Verlaufs. Bei der Paradoxen Insomnie ist die Diskrepanz zwischen dem objektiven Befund und der subjektiven Beschwerde in der Regel ausgeprägter als bei der Idiopathischen Insomnie.

Prävention

Entsprechend den Ausführungen bei „Insomnien“.

Therapie

Entsprechend den Ausführungen bei „Insomnien“. Eine Untersuchung legt nahe, dass Patienten mit Idiopathischer Insomnie insbesondere von Akzeptanz-basierten Verfahren profitieren könnten (Espie et al. 2012).

Rehabilitation

Entsprechend den Ausführungen bei „Insomnien“.

Nachsorge

Entsprechend den Ausführungen bei „Insomnien“.

Psychosoziale Bedeutung

Entsprechend den Ausführungen bei „Insomnien“.

Prognose

Der Verlauf ist chronisch persistierend, meist ohne Remissionsphasen.

Zusammenfassung, Bewertung

Bei der Idiopathischen Insomnie handelt es sich um eine lebenslange, bis in Kindheit und Jugend zurückreichende, schwere Insomnie mit ausgeprägter Beeinträchtigung der Tagesbefindlichkeit und/oder Leistungsfähigkeit. Psychologisch-psychosoziale Faktoren scheinen bei dieser Insomnieform eine weniger große Rolle als bei den anderen Insomnien zu spielen. Konkrete Hinweise auf spezifische zugrunde liegende ätiologische Mechanismen gibt es bislang jedoch nicht.
Literatur
Buysse DJ, Reynolds CF et al (1994) Clinical diagnoses in 216 insomnia patients using ICSD, and proposed DSM-IV and ICD-10 categories: a report from the APA/NIMH DSM-IV field trial. Sleep 17:630–637CrossRef
Espie CA, Barrie LM, Forgan GS (2012) Comparative investigation of the psychophysiologic and idiopathic insomnia disorder phenotypes: psychologic characteristics, patients’ perspectives, and implications for clinical management. Sleep 35:385–393CrossRef