Enzyklopädie der Schlafmedizin
Autoren
Helga Peter

Kataplexie

Kataplexien werden ausgelöst durch Emotionen, beispielsweise in Verbindung mit Freude, Schadenfreude, Stolz, Angst, Erschrecken, Überraschung oder Ärger. Sie sind gekennzeichnet durch einen plötzlichen Tonusverlust der Streckmuskulatur während des Wachzustands. Das hat auch zur Bezeichnung „affektiver Tonusverlust“ für die Symptomatik geführt. Kataplexien sind das krankheitsspezifische Symptom der Narkolepsie mit Kataplexie. Selten sind sie das Erstsymptom der Erkrankung, meist gehen Jahre mit der Symptomatik der exzessiven Tagesschläfrigkeit voraus.

Synonyme

Affektiver Tonusverlust

Englischer Begriff

cataplexy

Definition

Kataplexien werden ausgelöst durch Emotionen, beispielsweise in Verbindung mit Freude, Schadenfreude, Stolz, Angst, Erschrecken, Überraschung oder Ärger. Sie sind gekennzeichnet durch einen plötzlichen Tonusverlust der Streckmuskulatur während des Wachzustands. Das hat auch zur Bezeichnung „affektiver Tonusverlust“ für die Symptomatik geführt. Kataplexien sind das krankheitsspezifische Symptom der „Narkolepsie“ mit Kataplexie. Selten sind sie das Erstsymptom der Erkrankung, meist gehen Jahre mit der Symptomatik der exzessiven Tagesschläfrigkeit voraus. Siehe auch „Automatisches Verhalten“, „Unbeabsichtigtes Einschlafen“.

Grundlagen

Die Endstrecke des auslösenden Pathomechanismus entspricht der bei REM-Atonie auftretenden physiologischen Inhibition der Vorderhornzellen („Motorik“). Kataplexien dauern meist nur wenige Sekunden, können aber auch bis zu einer halben Stunde anhalten. Das Bewusstsein ist erhalten, sofern eine Kataplexie nicht direkt in eine Schlafepisode übergeht. Manche Patienten geben als Vorboten Mundtrockenheit oder ein „Ziehen“ im Genick an. Die Schwere der Symptomatik, insbesondere die Art der bei der Kataplexie betroffenen Muskelgruppen, die Ausprägung des Tonusverlusts und die Frequenz der Kataplexien variiert interindividuell. Sie können mehrmals täglich, aber auch nur zweimal im Jahr auftreten und im Laufe des Lebens kann dies intraindividuell schwanken. Während die mimische Muskulatur in der Regel betroffen ist, was auch zu Sprechunfähigkeit führen kann, sind bei der übrigen Muskulatur viele Abstufungen möglich. Sind die Augenmuskeln mit betroffen, werden Verschwommensehen, Doppelbilder oder das Gefühl des „Röhrenblicks“ beschrieben. Die Muskelatonie kann den gesamten Körper betreffen, oder nur den Nacken oder einzelne Gliedmaßen, diese auch im Wechsel. So kann es passieren, dass ein Zuprosten in fröhlicher Runde nicht möglich ist, weil dem Betroffenen dann der Arm mit dem Glas herunterfällt. Auch kann es unmöglich werden, Telefonate anzunehmen, weil schon beim Läuten des Telefons der Arm versagt.
Der Tonusverlust kann gering ausgeprägt sein und nur das Gefühl von „weichen Knien“ verursachen. Er kann aber die Haltefunktion auch komplett aufheben und dazu führen, dass die Betroffenen bei vollem Bewusstsein aus dem Stand stürzen oder aus dem Sitzen mit Gesicht und Oberkörper auf den Tisch kippen. Wenn Kataplexien derart spektakulär sind, führen sie in der Regel bald zur Diagnosestellung der Narkolepsie. Sind Kataplexien nur gering ausgeprägt oder gehen sie unmittelbar in den Schlaf über, können sie lange Zeit als solche unerkannt bleiben und erschließen sich nur bei gezieltem Nachfragen. Die Kopplung an emotional besetzte Auslöser gibt häufig Anlass zu Fehlinterpretationen der Symptomatik und zum Einsatz von nicht indizierten und frustranen psychotherapeutischen Maßnahmen. Kataplexien können auch den Verdacht erwecken, jemand sei betrunken oder stehe unter Drogen. Arbeitskollegen haben bei einem Betroffenen vermutet, er habe BSE, da er „mit den Knien einknicke wie die Kühe“. Aus Schilderungen von Narkolepsiepatienten nachfolgend einige Beispiele für Situationen, in denen sie Kataplexien bekommen:
  • Beim Fußballspielen, wenn er einen Mitspieler austrickst.
  • Beim Tischfußballspielen, wenn er aufs Tor zielt.
  • Beim Angeln, wenn der Fisch beißt.
  • Beim Ringkampf, wenn der andere unter ihm liegt.
  • Beim Leistungsschwimmen für ein Abzeichen; durch Kataplexie fast ertrunken.
  • Wenn sie selbst jemanden um etwas bittet.
  • Beim Versteckspielen; wenn er sich freut, dass er nicht entdeckt wird.
  • Beim Läuten der Türklingel; kann dann nicht öffnen.
  • Beim Sex.
  • Bei der Entbindung.
  • Beim ersten Anlegen des Kindes nach der Entbindung; das Kind fiel ihr herunter.
  • Beim Lesen in der Badewanne; ist fast ertrunken, als ein Text sie emotional berührte.
  • Beim Aufstehen zu einem Redebeitrag auf Versammlungen.
  • Als Leistungssportlerin; auf dem Siegerpodest angekommen, wurden ihr die Knie weich, und sie sackte zusammen.
  • Als Klinikpförtner; bei der Ankunft des Rettungswagens hinderten ihn die Kataplexien am Zupacken.
Literatur
Mayer G (2000) Narkolepsie. Blackwell Wissenschaftsverlag, Berlin