Enzyklopädie der Schlafmedizin
Autoren
Winfried J. Randerath

Krebserkrankungen

Es wird der Zusammenhang zwischen malignen Erkrankungen und deren Behandlung und dem Schlaf sowie dessen Störungen dargestellt. Bezüglich eines denkbaren Zusammenhangs zwischen Schlafstörungen, einschließlich der Störungen des zirkadianen Rhythmus und Malignomen, gibt es epidemiologische Studien, die signifikante Assoziationen bescheinigen.

Synonyme

Krebs; Maligne Erkrankungen; Malignome

Englischer Begriff

cancer; malignancies

Definition

Es wird der Zusammenhang zwischen malignen Erkrankungen und deren Behandlung und dem Schlaf sowie dessen Störungen dargestellt. Mit den hämatoonkologischen Erkrankungen befasst sich entsprechend ein eigener Essay (siehe „Hämatoonkologische Erkrankungen“). Bezüglich eines denkbaren Zusammenhangs zwischen Schlafstörungen, einschließlich der Störungen des zirkadianen Rhythmus (siehe „Chronobiologie“; „Nachtarbeit und Schichtarbeit“) und Malignomen, gibt es epidemiologische Studien, die signifikante Assoziationen bescheinigen.
Die Häufigkeit von Schlafstörungen bei Krebserkrankungen variiert zwischen 17 und 70 %, abhängig von Definition, diagnostischen Kriterien und eingesetzten Fragebögen. Angaben zur Häufigkeit hängen auch von der Einschätzung der Patienten ab, die ihre Symptome nicht den Schlafstörungen, sondern Schmerz, Angst, Begleitkrankheiten oder Therapien zuordnen. Schlafstörungen bleiben auch nicht selten über die Krebserkrankung hinaus bestehen. Folgende Einflüsse können als auslösend für Schlafstörungen bei Patienten mit Malignomen angesehen werden:
Analog den Verhältnissen bei Multipler Sklerose (siehe „Multiple Sklerose“) in der Neurologie wird auch bei Patienten mit Malignomen der Ausdruck Fatigue gebraucht, um einen Zustand der Müdigkeit ohne Schläfrigkeit zu charakterisieren, der zudem mit einem Gefühl körperlicher Schwäche und lang anhaltender Erschöpftheit einhergeht, das auch unabhängig von körperlichen Belastungen fortbesteht. Wie im Beitrag „Chronic Fatigue Syndrom“ (CFS) ausgeführt, handelt es sich bei dem betreffenden Syndrom um eine in der Psychiatrie gängige Diagnose, die dem antiquierten Begriff Neurasthenie nahe kommt. Ihr Gebrauch verlangt den Ausschluss psychiatrischer, internistischer, neurologischer oder schlafmedizinischer Erkrankungen als Ursache der Symptomatik.

Grundlagen

Nicht erholsamer Schlaf und die schlafmedizinischen Leitsymptome Insomnie (siehe „Insomnien“) und „Hypersomnie“ sind bei Tumorpatienten sehr häufig anzutreffen und reduzieren zusätzlich deren eingeschränkte Leistungsfähigkeit und Lebensqualität. Die Problematik findet bei den behandelnden Ärzten oft wenig Beachtung, da meist die tumorspezifischen Krankheitssymptome als im Vordergrund stehend gesehen werden. Zudem sprechen die Patienten selten spontan über die Beschwerden. Insomnie bei Tumorpatienten ist vor allem von Durchschlafstörungen gekennzeichnet und oft mit Angst oder depressiven Symptomen assoziiert. Sie beginnt meist in der Zeit um die Diagnosestellung der Erkrankung. 23–44 % von Patientinnen mit Mammakarzinomen litten aber noch nach Jahren unter Insomnie, die zum dauerhaften Problem geworden war. In einer Studie war bei 95 % der Patientinnen mit Insomniebeschwerden das Krankheitsbild chronifiziert. Ein anderer Einflussfaktor ist die spezifische Tumortherapie. Mindestens ein Drittel der Patienten leidet unter Schlafstörungen oder Insomnie unter einer Tumortherapie. Dazu können die Hormontherapie bei Brust- oder Prostatakarzinom, nächtliches Schwitzen oder Angst und Medikamentennebenwirkungen beitragen. Bei Patienten, die kombiniert mit Operation und Strahlentherapie behandelt wurden, fand sich Insomnie häufiger als bei ausschließlich operierten Patienten. Chemotherapien, die von Übelkeit und Erbrechen gekennzeichnet sind, gehen ebenso wie nächtlicher Tumorschmerz gehäuft mit Durchschlafstörungen einher. Insomnie tritt selten als isoliertes Symptom auf, sondern ist auch oft mit Depression und Schmerz assoziiert, beeinträchtigt Stimmung und Denkfähigkeit und verursacht Schläfrigkeit und Lethargie. Die Symptome sind schwer von tumorbedingten Erschöpfungssymptomen (Fatigue) und depressiven Verstimmungen zu unterscheiden. Als gemeinsame Ursache für krebsassoziierte Fatigue, Insomnie und Depression wird eine erhöhte Zytokinproduktion vermutet, die zu einer Überaktivität der hormonellen Achse von Hypothalamus, Hypophyse und Nebenniere führt („Hypophyse und Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenachse“). Die erhöhte Zytokinproduktion kann auch zu Melatoninmangel und damit einer Störung des zirkadianen Rhythmus führen.
Schlafstörungen treten bei 30–50 % der Überlebenden von Tumorerkrankungen auf –Tagesschläfrigkeit ist um das 8,6-Fache erhöht – und werden durch fehlende körperliche Aktivität, psychosoziale Faktoren (Bildungsniveau, Lebensstil, soziale Unterstützung) sowie Tumorart und Körpergewicht begünstigt. Manche dieser Faktoren können durch Gewichtsreduktion, Verhaltenstherapie, Schlafhygiene und körperliche Aktivität abgeschwächt werden.
„Hypersomnie“ mit vermehrtem Schlafdruck und Tagesschläfrigkeit ist bei Tumorpatienten häufig die Folge von Schlafdefizit und Schlaffragmentierung durch die bereits genannten Faktoren wie Tumorschmerz oder Schlafdefizit.

Schlafstörungen und Krebsentstehung

Epidemiologische Untersuchungen liefern Hinweise auf einen Einfluss von Schlafstörungen oder unzureichender Schlafhygiene auf die Tumorentstehung. So fand sich bei Dauernachtarbeitern und Schichtarbeitern ein erhöhtes Risiko für verschiedene Entitäten maligner Tumoren, insbesondere Brust, Kolon, Endometrium, Lunge und Prostata. Daher wurde Schichtarbeit als Karzinogen beim Menschen von der International Agency for Research on Cancer (IARC) eingestuft. Die Störung des zirkadianen Rhythmus kann mit der Expression von Genen verbunden sein, die die Krebssensitivität erhöhen. Auch spielen die Modifikationen zirkadianer Schlüsselgene bei der Regulation der Zellteilung und der DNA-Reparatur eine bedeutende Rolle. Die Beeinträchtigung der Melatoninsekretion bei Schichtarbeitern hebt den Tag-Nacht-Rhythmus von Tumorwachstum und Proliferation auf.
„Schlafdauer“ und Krebsentstehung: Es ist unklar, ob extreme Schlafdauern zu malignen Tumoren prädisponieren. In einer Metaanalyse von 10 prospektiven Studien zeigte sich kein statistischer Zusammenhang zwischen kurzer oder langer Schlafdauer und dem Krebsrisiko.
„Obstruktive Schlafapnoe“ (OSA): Eine erhöhte Inzidenz von Tumorerkrankungen bei OSA wurde in mehreren Studien mit hoher Fallzahl gefunden. Campos-Rodriguez et al. fanden eine Assoziation mit der Zeitdauer der Sauerstoffsättigung unter 90 % (T90). Chen et al. fanden ein erhöhtes Risiko für ZNS-Malignome bei OSAS und mehr noch bei Insomnie-Patienten. Ein erhöhtes Risiko für Brustkrebs zeigte sich in einer Untersuchung von Chang et al. Demgegenüber konnten Kendzerska et al. kein erhöhtes Krebsrisiko in Abhängigkeit von Apnoe-Hypopnoe-Index (AHI) oder Sauerstoffentsättigungen nachweisen. Zwei Studien beschäftigten sich mit der Tumormortalität. Nieto et al. untersuchten 1522 Patienten in einer bevölkerungsbasierten Untersuchung mittels Polysomnographie und verfolgten sie über 22 Jahre nach (Wisconsin Sleep Cohort Study). Auch nach Adjustierung auf bekannte Risikofaktoren fanden die Autoren eine Assoziation zwischen Krebsmortalität und OSA. Das Risiko stieg mit dem Schweregrad signifikant. Bei schweren schlafbezogenen Atmungsstörungen mit mehr als 11,2 % T90 hatten die Betroffenen ein 8,6-fach erhöhtes Risiko, an Krebs zu versterben, als Patienten ohne Schlafapnoe. Martinez-Garcia et al. verfolgten 5427 OSA-Patienten über 4,5 Jahre und wiesen eine Assoziation zwischen T90 und der Krebsmortalität besonders bei Patienten unter 65 Jahren nach. Zahlreiche experimentelle Untersuchungen wurden angestellt, um das erhöhte Krebsrisiko bei Schlafapnoe zu erklären. Diese machen einen Zusammenhang zur intermittierenden Hypoxie und Fragmentierung biologisch plausibel, leiten jedoch zu weiteren Fragen zur Bedeutung der Sympathikusaktivierung, der Immunität und Entzündung. Eine prospektive Pilotstudie konnte eine direkte Assoziation zwischen der Aggressivität maligner Melanome und der intermittierenden Hypoxie nachweisen. Eine jüngst veröffentlichte Pilotstudie zeigte eine Herunterregulation spezifischer Gene des neoplastischen Prozesses in peripheren Blutzellen von 18 Patienten mit OSA vor und nach einer einmonatigen CPAP-Therapie.

Schlafstörungen durch eine maligne Grunderkrankung

Von einer malignen Grunderkrankung können viele Ursachen für gestörten Schlaf und für Schlafmangel ausgehen, als häufigste sind Schmerzen, Luftnot oder Bewegungseinschränkungen zu nennen. Soweit die Erkrankungen therapeutisch beeinflussbar sind, ist zu erwarten, dass sich durch deren Therapie auch die Schlafstörungen bessern lassen.
Siehe auch „Hämatoonkologische Erkrankungen“.

Schlafstörungen durch Therapie einer malignen Grunderkrankung

Auch in der Phase der Therapie sind Schlafdefizite zumeist die Quelle für Hypersomnie. Als schlafstörend können sich neben Übelkeit, Schmerzen und Nykturie auch mit der Behandlung zusammenhängende Störungen des zirkadianen Rhythmus (siehe „Zirkadianer Rhythmus“) erweisen, bedingt durch eine hohe Zahl von nächtlichen Weckreizen beim Krankenhausaufenthalt und bei bestimmten Therapieformen sowie eine monotone Situation tagsüber, beispielsweise durch Immobilisation oder Isolationsbedingungen.

Schlafmedizinische Erkrankungen infolge einer malignen Grunderkrankung

Bezüglich der primären schlafmedizinischen Erkrankungen ist das vermehrte Auftreten von „Restless-Legs-Syndrom“ bekannt, das den Schlaf von Tumorpatienten empfindlich stören kann, solange es unerkannt ist und keine therapeutischen Schritte erfolgen. Es entsteht häufig auf dem Boden von tumorbedingtem Eisenmangel beziehungsweise Anämie oder einer Niereninsuffizienz. Auch periodische Extremitätenbewegungen im Schlaf („periodic limb movements in sleep“, PLMS; siehe „Periodische Beinbewegungen“) spielen eine Rolle.
Seltener wird eine „Obstruktive Schlafapnoe“ infolge von Tumoren der Halsregion beobachtet. Die morphologische Einengung der oberen Atemwege durch die Raumforderung prädisponiert dabei zu deren Kollaps in der Inspirationsphase. Bei Hirntumoren kann der Schlaf unmittelbar durch die Lokalisation des Tumors in der Nähe von schlafregulierenden oder an der Atmungsregulation beteiligten Zentren betroffen sein. In beiden Fällen kann Hypersomnie eine Folge sein. „Schlafbezogene Atmungsstörungen“ in Gestalt von zentralen Apnoen oder von Hypoventilationssyndromen wurden als Störung der Atmungsregulation bei Patienten beschrieben, die einen Tumor in der Medulla oblongata hatten (siehe auch „Schlafbezogene Hypoventilationssyndrome“). Besonders bemerkenswert war die lange Latenz bis zur Einleitung einer schlafmedizinischen Diagnostik im Einzelfall. Es vergingen im Mittel 42 Monate bis zur somnologischen Untersuchung. Die Schlafprobleme, die häufig schon kurz nach Diagnosestellung des Tumors aufgetreten waren, wurden über Jahre ignoriert. Ein weiteres seltenes Krankheitsbild der Atmung im Schlaf, das im Zusammenhang mit Hirntumoren, aber auch bei Traumata oder Schlaganfällen auftreten kann, stellt die zentrale neurogene Hyperventilation dar. Sie ist durch eine schnelle und vertiefte Atmung bis hin zur respiratorischen Alkalose gekennzeichnet. Die pathophysiologischen Zusammenhänge der Erkrankung sind unbekannt.

Schlafstörungen bei vorbestehenden Angsterkrankungen und depressiven Störungen

Angsterkrankungen (siehe „Angststörungen“) sind weit verbreitete psychische Störungen, die sich unspezifisch schlafstörend auswirken können. Krebserkrankungen können vorbestehende Angsterkrankungen verstärken und zu schweren Ein- und Durchschlafstörungen führen. Auch eine generalisierte Angststörung mit anhaltender, nicht mehr auf bestimmte Situationen beschränkter Angst kann sich entwickeln, mit körperlichen Symptomen wie Zittern, Muskelanspannung, Schwitzen, Herzklopfen, Schwindelgefühlen oder Oberbauchbeschwerden. Zur Diagnostik und Behandlung kann es erforderlich sein, einen Psychiater hinzuzuziehen. In der Psychopharmakotherapie haben sich selektive Wiederaufnahmehemmer bewährt. Hypnotika sind als Dauertherapie ungeeignet. Häufige komorbide Erkrankungen sind Suchterkrankungen und Depression.
Der Zusammenhang zwischen depressiven Störungen und Schlafstörungen wird in „Affektive Störungen“ und „Psychologische und psychiatrische Ursachen bei Schlafstörungen“ behandelt. Die Schlafstörungen bestehen in erster Linie in einer Insomnie mit dem charakteristischen frühmorgendlichen Erwachen als Folge eines Zustands der ständigen Übererregtheit (siehe „Stress und Hyperarousal“). Die Schlafstörungen gehen häufig der Depression voraus und eine konsequente Behandlung ist erforderlich, da die Schlafstörungen ansonsten auch über das Ende der Depression hinaus chronifizieren können. Unter den zu beachtenden Einzelaspekten einer entsprechenden Pharmakotherapie ist zum einen die Kenntnis der sedierenden Eigenschaften von „Antidepressiva“ wichtig, zum anderen die der REM-Schlaf unterdrückenden Eigenschaften von Antidepressiva, die besonders bei Patienten mit Alpträumen zum Einsatz kommen können. Kognitiv-verhaltenstherapeutische Methoden sollten spätestens nach Abklingen der akuten Phase der Depression eingesetzt werden. Darauf wird im Folgenden weiter eingegangen.

Schlafstörungen bei psychischer Belastungsreaktion

Ausgelöst durch die maligne Erkrankung und die davon ausgehende bedrohliche Perspektive kann mit der Erkrankung eine psychische Belastungsreaktion einhergehen, die erhebliche Ein- und Durchschlafstörungen mit sich bringt. In dem Zusammenhang hat sich in den letzten Jahrzehnten zunehmend eine psychoonkologische Betreuung durch Einsatz von speziell trainierten Psychologen bewährt. Im Rahmen von gesprächstherapeutischen Sitzungen kann dabei den Betroffenen geholfen werden, die Art und den Umfang der von ihrer malignen Erkrankung ausgehenden Bedrohung angemessen einzuschätzen und mit manifesten Einschränkungen, die von der Erkrankung ausgehen, umzugehen. So können gesprächstherapeutische Sitzungen einerseits helfen, Überbeanspruchungen und deren Folgen zu vermeiden. Andererseits können die Patienten lernen, die im Hinblick auf Leistungsfähigkeit und Lebensqualität noch vorhandenen Möglichkeiten für eigene Aktivitäten angemessen zu nutzen. Auch Entspannung und Schlaf fördernde verhaltenstherapeutische Maßnahmen kommen zum Einsatz. Speziell die Verfahren zur muskulären Entspannung nach Jakobson und die Vertiefung der „Entspannung“ durch das Sichbegeben in ein individuelles Ruhebild können hilfreich sein, um Ruhe zu finden, Schlafstörungen zu vermeiden und so auch der potenziellen Abhängigkeit von Hypnotika oder Anxiolytika entgegenzuwirken („Kognitive Verhaltenstherapie“).
Exkurs Fatigue
Der anglisierte französische Begriff Fatigue bezeichnet die Beschwerden vermehrter Erschöpfbarkeit und überproportionalen Erschöpftseins, das auch unabhängig von körperlicher Belastung anhält und nicht im Zusammenhang mit einer Affektiven Störung beziehungsweise einer Depression steht. Der Begriff Fatigue wird benutzt, um Müdigkeit zu charakterisieren, die nicht zur Tagesschläfrigkeit führt, sodass die Betroffenen in der Untersuchung im Schlaflabor weder einen pathologischen Befund in der Kardiorespiratorischen Polysomnographie (siehe „Kardiorespiratorische Polysomnographie“) noch im Multiplen Schlaflatenztest (MSLT; siehe „Multipler Schlaflatenztest und Multipler Wachbleibetest“) aufweisen. Im Bereich der Inneren Medizin fand der Begriff Fatigue vor mehr als 20 Jahren Eingang in die Rheumatologie, um Befindensstörungen zu charakterisieren, die häufig in Kopplung an Muskel- und Gelenkbeschwerden gefunden werden, im Zusammenhang mit dem sogenannten Fibrositissyndrom oder Fibromyalgie (siehe „Fibromyalgiesyndrom“). Wie im gleichnamigen Beitrag dargelegt, wird darunter heute ein multilokuläres Schmerzsyndrom unklarer Genese verstanden. In früheren Publikationen geäußerte Vermutungen, dass es ein für die Diagnose der Fibromyalgiepatienten zielführendes zyklisch alternierendes EEG-Muster mit Wechsel zwischen Theta- und Alpharhythmus in der „Polysomnographie“ (PSG) gäbe, haben keine Beweiskraft erlangt, wenngleich es die Intrusion von phasischen Alphawellen im Schlaf-EEG bei 50 % der Fibromyalgiepatienten gibt (sogenannte Alphawellen-Intrusion). Gleichwohl sind sie der Anlass dafür gewesen, dass der Begriff Fatigue im Zusammenhang mit dem klinischen Erscheinungsbild bei Fibromyalgie Eingang in die erste Version der ICSD erlangte und dass das Krankheitsbild damals unter den symptomatischen Schlafstörungen bei internistischen Erkrankungen eingegliedert wurde. Eine internationale Arbeitsgruppe unter der Leitung von Fukuda hat 1994 klinische Kriterien für ein Chronic Fatigue Syndrome beschrieben, das auch als chronisches Erschöpfungssyndrom oder Ermüdungssyndrom beziehungsweise als Müdigkeitssyndrom in Abgrenzung zu den Affektiven Störungen (siehe „Affektive Störungen“) Eingang in die psychiatrische Diagnostik gefunden hat.
In der Neurologie wird der Begriff Fatigue im Zusammenhang mit der Encephalitis disseminata gebraucht. Über die Einzelheiten informiert der Beitrag „Multiple Sklerose“. Dort wird auch über die Fatigue Severity Scale nach Krupp (1995) berichtet, die anhand von 7 Items auf jeweils 7 Rangstufen das Ausmaß von Erschöpfung und Erschöpfbarkeit erfasst und die mit paralleler Nutzung von Schläfrigkeitsskalen wie der Epworth Sleepiness Scale (ESS) oder von Depressionsfragebögen Hilfestellung bei der Differentialdiagnostik zur vermehrten Erschöpftheit/Erschöpfbarkeit/Fatigue leisten kann. Während bei unkritischer Anwendung der Fatigue-Skalen bei Krebspatienten Prävalenzen für Fatigue von bis zu 76 % berichtet wurden, fanden Cella und Mitarbeiter 1998 unter Anwendung eines eigenen Erhebungsinstruments eine Prävalenz von 17 %. Nach ausreichender Evaluation, Ausschluss oder adäquater Therapie möglicher organischer, psychiatrischer oder verhaltensbedingter Ursachen der Symptomatik kann nach den von Cella vorgeschlagenen Kriterien Fatigue bestätigt werden, wenn
  • im Rahmen einer Tumorerkrankung oder ihrer Therapie eine Schwäche oder ein inadäquates Ruhebedürfnis besteht, das den Patienten im sozialen oder beruflichen Leben einschränkt.
Daneben müssen weitere 5 der folgenden 9 Befunde vorliegen:
  • Generalisierte Muskelschwäche
  • Stundenlange Erholungsphase nach körperlicher Belastung
  • Konzentrations- oder Aufmerksamkeitsstörungen
  • Motivationsmangel oder Interesselosigkeit
  • Nicht erholsamer Schlaf
  • Störung des Kurzzeitgedächtnisses
  • Erleben des Ankämpfens gegen die Inaktivität
  • Psychische Belastung durch die Wahrnehmung der Beeinträchtigung
Ancoli-Israel (2005) gebraucht im Zusammenhang mit malignen Erkrankungen den Begriff Fatigue-Syndrom ebenfalls im Sinne einer Ausschlussdiagnose, ohne allerdings von einem Tumor-Fatigue-Syndrom zu reden. Vielmehr weist die Autorin auf die zwingende Notwendigkeit hin, zwischen Fatigue, organischen Krankheitsfaktoren und Depression zu differenzieren. Chronobiologische Mechanismen wie eine Desynchronisierung des zirkadianen Rhythmus spielen bei der Tumor-Fatigue eine wesentliche Rolle.

Therapie

Für die eigentlichen Krebserkrankungen gelten die Leitlinien der jeweiligen Fachgesellschaften sowie der Deutschen Krebsgesellschaft innerhalb der Arbeitsgemeinschaft wissenschaftlich medizinischer Fachgesellschaften (AWMF), sodass auf die Aspekte der Anämiebehandlung, der Ernährung und Flüssigkeitszufuhr, der Nahrungszusatzstoffe, der Schmerzbehandlung oder der Physiotherapie hier nicht eingegangen wird. In der Akutphase können zusätzlich zur Schmerztherapie auch Maßnahmen ergriffen werden, die eventuelle tumorbedingte Funktionsdefizite ausgleichen, beispielsweise Sauerstofftherapie. Auch „Hypnotika“ können gemäß den entsprechenden Behandlungsgrundsätzen in den Therapiephasen vorübergehend zum Einsatz kommen.
In der Behandlung von Patienten mit Malignomen haben sich auch die verhaltenstherapeutischen Verfahren der Psychoonkologie als nachhaltig erfolgreich erwiesen. Sie können eine psychische Belastungsreaktion und Schlafstörungen günstig beeinflussen, können die Lebensqualität der Betroffenen verbessern und tragen dazu bei, Hypnotika, Anxiolytika oder Antidepressiva einzusparen oder zu vermeiden.
Modafinil ist ein Stimulans mit Zulassung zur Behandlung von Patienten mit „Narkolepsie“, das weniger Herz-Kreislauf-Nebenwirkungen hat als früher gebräuchliche „Stimulanzien“. Es liegt der Gedanke nahe, die Substanz zur Behandlung von Fatigue einzusetzen. Bisher liegen aber erst wenige Daten zur Behandlung bei Krebspatienten vor. Insbesondere ist nicht bekannt, ob die Substanz eine vorhandene Insomniesymptomatik verstärkt. Da Patienten mit Fatigue in der Regel weder verlässliche Veränderungen in der Polysomnographie (PSG) noch im Multiplen Schlaflatenztest (MSLT) haben, ist es schwierig, den Therapieerfolg mit schlafmedizinischen Verfahren zu objektivieren. Denkbar wäre eine Überprüfung des Behandlungserfolgs anhand von Fragebögen gegenüber anderen gebräuchlichen Verfahren wie Physiotherapie.
Die derzeitigen Erkenntnisse lassen den Schluss zu, dass Schlaf-Wach-Störungen bei Patienten mit malignen Erkrankungen häufig sind. Welchen Einfluss Schlaf-Wach-Störungen auf die Tumorgenese und -entwicklung haben ist im Gegensatz dazu weniger erforscht. Erste Hinweise gibt es durch epidemiologische Untersuchungen und Experimente mit Melatonin. Zur Verbesserung des zirkadianen Rhythmus können Lichttherapie, kognitive Verhaltenstherapie (CBT), körperliches Training und im Einzelfall Modafinil beitragen. Langzeitergebnisse zum Einsatz von Erythropoietin oder Dexamethason sind unklar. Nur unzureichende Daten liegen zum Einsatz anderer Substanzen wie Melatonin, Psychopharmaka oder Cannabinoide beim Tumor-Fatigue-Syndrom vor. Auch zu komplementären Therapiemaßnahmen wie Akupunktur, Yoga oder Ginseng wurden randomisierte kontrollierte Studien mit positiven Ergebnissen durchgeführt. Aufgrund der Unterschiede im Design und der geringen Fallzahlen in den entsprechenden Studien ist die grundsätzliche Effektivität dieser Methoden nicht erwiesen. Ebenso wenige Erkenntnisse gibt es hinsichtlich der Wirkung einer medikamentösen oder Phytopharmakotherapie und deren Wechselwirkungen mit der spezifischen Tumortherapie.
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