Enzyklopädie der Schlafmedizin
Autoren
Kai Spiegelhalder und Dieter Riemann

Panikstörung

Eine Panikstörung ist durch wiederholt auftretende Panikattacken gekennzeichnet, die häufig spontan und nicht ausschließlich in einer spezifischen Situation auftreten. Eine Panikattacke ist eine Episode von intensiver Angst, die abrupt beginnt, innerhalb weniger Minuten ein Maximum erreicht und einige Minuten andauert. Im Rahmen der Diagnosestellung sollte sichergestellt werden, dass die Panikattacken nicht die Folge einer körperlichen Erkrankung oder anderen psychischen Störung sind. Ein Teil der Patienten erlebt die Panikattacken nicht nur während des Tages, sondern auch während der Nacht aus dem Schlaf heraus. Häufig zeigen Patienten mit Panikstörungen auch eine unspezifische Beeinträchtigung des Schlafs, vor allem mit Ein- und Durchschlafstörungen.

Synonyme

Episodisch paroxysmale Angst

Englischer Begriff

panic disorder

Definition

Eine Panikstörung ist nach ICD-10 durch wiederholt auftretende Panikattacken gekennzeichnet, die häufig spontan und nicht ausschließlich in einer spezifischen Situation auftreten. Eine Panikattacke ist eine Episode von intensiver Angst, die abrupt beginnt, innerhalb weniger Minuten ein Maximum erreicht und einige Minuten andauert. Es müssen mindestens vier der folgenden Symptome vorhanden sein:
Herzklopfen, erhöhte Herzfrequenz; Schweißausbrüche; fein- oder grobschlägiger Tremor; Mundtrockenheit; Atembeschwerden; Beklemmungsgefühl; Thoraxschmerzen oder Missempfindungen im Thoraxbereich; Übelkeit; Gefühl von Schwindel, Unsicherheit, Schwäche oder Benommenheit; Derealisation oder Depersonalisation; Angst vor Kontrollverlust, verrückt zu werden oder Angst zu sterben.
Im Rahmen der Diagnosestellung sollte sichergestellt werden, dass die Panikattacken nicht die Folge einer körperlichen Erkrankung oder anderen psychischen Störung sind. Ein Teil der Patienten erlebt die Panikattacken nicht nur während des Tages, sondern auch während der Nacht aus dem Schlaf heraus. Häufig zeigen Patienten mit Panikstörungen auch eine unspezifische Beeinträchtigung des Schlafs, vor allem mit Ein- und Durchschlafstörungen.

Genetik, Geschlechterwendigkeit

Die Störung tritt häufiger bei Frauen als bei Männern auf, das Verhältnis liegt bei 2:1–3:1.
Angehörige ersten Grades von Patienten mit Panikstörung haben ein erhöhtes Risiko, in ihrem Leben ebenfalls an einer Panikstörung zu erkranken. Insgesamt wird der genetische Einfluss auf die Entstehung von Panikstörungen mit oder ohne Agoraphobie von vielen Autoren auf 30–40 % geschätzt.

Epidemiologie und Risikofaktoren

Die Panikstörung ist eine der häufigsten „Angststörungen“. Die Lebenszeitprävalenz für Panikstörungen wird in westlichen Industrienationen auf zirka 2,4 % geschätzt. Die Lebenszeitprävalenz für Agoraphobie liegt bei zirka 5,7 %. Die in einer Studie beobachtete 7-Jahres-Inzidenz für Panikstörungen lag bei 1,2 %, während sie für Agoraphobien bei 1,3 % lag.
Belastende Lebensereignisse, wie z. B. der Tod oder eine plötzliche schwere Erkrankung von nahen Angehörigen oder Freunden, können als Auslöser für die Störung fungieren. Das erstmalige Auftreten einer Panikattacke erfolgt zu etwa 90 % an einem öffentlichen Ort.

Pathophysiologie, Psychophysiologie

Für die Panikstörung wird ein psychophysiologisches Bedingungsmodell angenommen. Die zentrale Annahme ist dabei, dass Panikattacken durch eine positive Rückkoppelung zwischen körperlichen Symptomen, deren kognitiver Assoziation mit Gefahr und Bedrohung und der daraus resultierenden Angstreaktion entstehen. Die Panikreaktion wird als eine besonders intensive Form der Angst gesehen, die sich nicht qualitativ von anderen Angstreaktionen unterscheidet. Typischerweise beginnt eine Panikattacke mit physiologischen Veränderungen wie Herzklopfen, Schwitzen und Schwindel. Die Symptomatik kann dabei die Folge sehr unterschiedlicher konkreter Auslöser sein, wie z. B. körperlicher Anstrengung oder Einnahme von Koffein. Die Wahrnehmung der körperlichen Veränderungen durch die betroffenen Personen und die Assoziation dieser Veränderungen mit Gefahr führt zu Angst und Panik, was in einer Verstärkung der physiologischen Veränderungen und damit einer Verstärkung der Symptome resultiert. Dieser Prozess läuft sehr schnell im Sinne eines Teufelskreises ab und führt häufig bis zu Todesangst.
Die agoraphobische Symptomatik, die sich im Rahmen vieler Panikstörungen entwickelt, wird durch die Zwei-Faktoren-Theorie der Angst erklärt. So entsteht die Agoraphobie als Vermeidungsreaktion nach dem Auftreten von Panikattacken und wird operant verstärkt, da durch agoraphobes Verhalten Panikattacken vermieden werden können.

Symptomatik

Beschwerden und Symptome

Die Panikstörung ist durch paroxysmale Panikattacken gekennzeichnet, die oft spontan und nicht ausschließlich in spezifischen Situationen auftreten. Bei einer Panikattacke tritt intensive Angst oder Unbehagen auf, die abrupt beginnt und meist einige Minuten andauert. Es kommt zu einer Vielzahl von körperlichen Symptomen, zudem besteht eine massive Angst, verrückt zu werden oder zu sterben. Im Rahmen von Panikstörungen entwickelt sich häufig ein ausgeprägtes Vermeidungsverhalten im Sinne einer Agoraphobie, was den Lebensradius der Betroffenen erheblich einschränken kann.

Erstmanifestation

Die Störung beginnt in der Regel im jungen Erwachsenenalter. Für die Panikstörung wird ein mittleres Ersterkrankungsalter von 24 Jahren angegeben, während dieses für die Agoraphobie bei zirka 21 Jahren liegt.

Auslöser

Auslöser können belastende Lebensereignisse oder die Einnahme von stimulierenden Substanzen sein.

Verlauf

Der Verlauf der Störung ist, soweit unbehandelt, eher ungünstig. Nur bei etwa einem Siebtel der Betroffenen zeigte sich in einer Katamneseuntersuchung eine Spontanremission. Häufige Folgeprobleme sind „Affektive Störungen“ sowie Alkohol- oder Medikamentenmissbrauch, wobei letztere in vielen Fällen als fehlgeschlagener Selbstbehandlungsversuch aufgefasst werden. Bei schweren Fällen findet sich eine starke psychosoziale Beeinträchtigung und eine hohe Inanspruchnahme des Gesundheitssystems.

Schlaf bei Patienten mit Panikstörung

Epidemiologische Untersuchungen zeigten, dass Insomnische Störungen bei Patienten mit Panikstörung häufiger auftreten als bei gesunden Kontrollpersonen (Baglioni et al. 2016). Polysomnographische Studien wiesen eine reduzierte Schlafeffizienz und verkürzte Schlafdauer bei den betroffenen Patienten nach. Einige Schlaf-EEG-Untersuchungen sind allerdings schwierig zu interpretieren, da eine hohe Komorbidität zwischen Panikstörungen und depressiven Erkrankungen besteht, sodass z. B. Auffälligkeiten des REM-Schlafs unter Umständen nur dann auftreten, wenn zusätzlich eine Affektive Störung besteht. Bei etwa einem Drittel aller Patienten treten Panikattacken auch aus dem Schlaf heraus auf. Hierbei empfiehlt sich eine differentialdiagnostische Abklärung im Hinblick auf „Schlafbezogene Atmungsstörungen“. Bei Patienten mit Panikstörungen treten zudem häufiger „Albträume“ auf als bei Personen, die nicht an einer Angststörung leiden.

Psychosoziale Faktoren

Die Panikstörung kann in schweren Fällen mit einer erheblichen psychosozialen Beeinträchtigung einhergehen, insbesondere wenn eine starke agoraphobische Symptomatik besteht. Diese kann dazu führen, dass Betroffene nicht mehr in der Lage sind, ihren Beruf auszuüben und soziale Kontakte vernachlässigen. Häufig besteht dann eine starke Abhängigkeit von nahen Bezugspersonen, die die Betroffenen zu Hause versorgen müssen. Die nicht selten auftretende Komorbidität mit affektiven Erkrankungen sowie Alkohol- und Medikamentenmissbrauch führt zu noch erheblicherer psychosozialer Beeinträchtigung.

Komorbide Erkrankungen

Es besteht eine hohe Komorbidität mit Affektiven Störungen. Diese können als Reaktion auf die bestehende Angsterkrankung angesehen werden und mit dem Modell der erlernten Hilflosigkeit erklärt werden. Zudem besteht eine erhöhte Komorbidität für Alkohol- und Medikamentenmissbrauch, wobei diese Formen des Missbrauchs als fehlgeschlagene Selbstbehandlungsversuche interpretiert werden. Dasselbe gilt für den Missbrauch von Benzodiazepinen.

Diagnostik

Eine umfassende somatische Anamnese und Diagnostik dient dem Ausschluss körperlicher Erkrankungen, beispielsweise einer kardiovaskulären Erkrankung. Dazu gehören die Bestimmung von Routinelaborparametern, ein EKG und gegebenenfalls eine weiterführende kardiale Diagnostik. Wenn „Schwindel“ im Vordergrund der Beschwerden steht, empfiehlt sich eine neurologische Untersuchung. Zudem müssen Patienten mit dem Verdacht auf eine Panikstörung psychiatrisch untersucht werden, insbesondere im Hinblick auf häufig auftretende komorbide Erkrankungen. So gibt es auch bei Menschen mit der Grunderkrankung einer Depression ein erhöhtes Auftreten von Panikattacken, deren Auftreten dann allerdings auf die depressive Episode beschränkt ist.
Unter Umständen kann die Abgrenzung von anderen Angsterkrankungen Schwierigkeiten bereiten. Bei anderen Angsterkrankungen, wie z. B. der sozialen Phobie, ist jedoch das Auftreten der Angst nicht so anfallsartig und nicht so massiv ausgeprägt wie bei der Panikstörung. Bei den meisten Phobien besteht zudem ein eindeutiger Zusammenhang zwischen der Angst und einem spezifischen auslösenden Stimulus, was bei der Panikstörung im Regelfall nicht so ist. Ebenso können Schwierigkeiten in der Abgrenzung zur hypochondrischen Störung und zur Somatisierungsstörung bestehen. Bei diesen beiden Störungen tritt die Angst jedoch nicht anfallsartig auf, ist eher generalisiert und bezieht sich in der Regel auf Krankheiten oderbestimmte körperliche Symptome.

Prävention

Spezifische präventive Ansätze für das Auftreten einer Panikstörung sind bislang nicht bekannt. Im Hinblick auf das gleichzeitige Auftreten einer Agoraphobie ist es sinnvoll anzunehmen, dass die frühe und adäquate Behandlung einer Panikstörung das zusätzliche Auftreten von agoraphoben Symptomen verhindern kann.

Therapie

In medikamentöser Hinsicht wurden bei Panikstörungen in der Vergangenheit häufig „Benzodiazepine“ eingesetzt, deren Wirksamkeit in der Akutbehandlung einer Panikattacke unumstritten ist. Möglicherweise wird jedoch durch die sofortige Symptomlinderung eine Missbrauchsentwicklung begünstigt, da die Patienten dadurch sehr schnell lernen, dass die Panikattacken effektiv und schnell durch die Einnahme der Substanzen unterbunden werden können.
Medikamentöse Therapie der Wahl bei Panikstörungen sind „Antidepressiva“, vor allem Serotoninwiederaufnahmehemmer (siehe S3-Leitlinie Angststörungen).
Als psychotherapeutische Methode der Wahl gilt die kognitive Verhaltenstherapie, innerhalb derer ein psychophysiologisches Erklärungsmodell für die Symptomatik vermittelt wird. Darauf aufbauend werden Expositionsverfahren eingesetzt, die darauf zielen, Flucht- und Vermeidungsverhalten abzubauen und den Patienten Möglichkeiten zu einem veränderten Umgang mit aufkommenden Angstreaktionen an die Hand zu geben (siehe auch „Kognitive Verhaltenstherapie“).

Zusammenfassung, Bewertung

Panikstörungen sind eine häufige Form von Angsterkrankungen, die mit massiven Beeinträchtigungen der Betroffenen einhergehen und in vielen Fällen auch den Schlaf betreffen. Aus pharmakologischer und kognitiv-verhaltenstherapeutischer Sicht stehen effektive Behandlungsverfahren zur Verfügung. Eine frühzeitige und adäquate Behandlung ist sinnvoll, um die Entwicklung agoraphoben Vermeidungsverhaltens zu verhindern. Im Falle von Schlafstörungen kann zudem eine kognitiv-verhaltenstherapeutische Behandlung der insomnischen Symptomatik erwogen werden.
Literatur
Angenendt J, Frommberger U, Berger M (2003) Angststörung. In: Berger M (Hrsg) Psychische Erkrankungen – Klinik und Therapie. Urban & Fischer, München, S 637–690
Baglioni C, Nanovska S, Regen W et al (2016) Sleep and mental disorders: a meta-analysis of polysomnographic research. Psychol Bull 142:969–990CrossRef
Schneider S, Margraf J (1998) Agoraphobie und Panikstörung. Hogrefe Verlag, Göttingen