Enzyklopädie der Schlafmedizin
Autoren
Matthias Boentert

Schlafbezogene Beinmuskelkrämpfe

Schlafbezogene Beinmuskelkrämpfe sind in der Bevölkerung häufig. Sie treten oft als Begleitsymptom von Endokrinopathien, Elektrolytstörungen oder neuromuskulären Erkrankungen auf. Sie können die Nachtschlafqualität relevant beeinträchtigen und sind bei der Schlafanamnese immer zu berücksichtigen.

Synonyme

Schlafbezogene Wadenkrämpfe; Nächtliche Beinmuskelkrämpfe

Englischer Begriff

sleep-related leg cramps; nocturnal leg cramps

Definition

Unter schlafbezogenen Beinmuskelkrämpfen werden plötzlich auftretende nächtliche Empfindungen verstanden, welche die folgenden drei diagnostischen Kriterien erfüllen:
  • Schmerzhafte, unwillkürliche Muskelanspannung oder Muskelverhärtung als Ausdruck einer starken Kontraktion der Oberschenkel-, Unterschenkel- oder Fußmuskulatur
  • Auftreten aus dem Schlaf oder dem Wachzustand heraus, auf jeden Fall aber innerhalb der Bettliegezeit
  • Schmerzlinderung und Reduktion der Muskelanspannung durch aktives und kräftiges Strecken der betroffenen Muskelgruppen
Wie auch die Vorgängerversion der Internationalen Klassifikation der Schlafstörungen von 2005 klassifiziert die „ICSD-3“ (2014) die schlafbezogenen Beinmuskelkrämpfe unter den Schlafbezogenen Bewegungsstörungen (siehe „Schlafbezogene Bewegungsstörungen“).

Genetik, Prädisponierende Faktoren

Allgemein wird zwischen idiopathischen und symptomatischen schlafbezogenen Beinmuskelkrämpfen unterschieden, ohne dass bestimmte klinische Merkmale auf eine der beiden Formen oder auf eine spezifische Ursache hinweisen. Zu den prädisponierenden Erkrankungen und Faktoren zählen der Diabetes mellitus, die Amyotrophe Lateralsklerose, und andere Motoneuronerkrankungen motorische und sensomotorische periphere Neuropathien, Myelopathien, Myopathien, die periphere arterielle Verschlusskrankheit, das benigne Faszikulations-Crampus-Syndrom und die Neuromyotonie sowie verschiedene Elektrolytstörungen (Hypokaliämie, Hypokalzämie, Hypomagnesiämie) und Endokrinopathien (Hypo- und Hyperthyreose, Hypoparathyoidismus etc). Weitere begünstigende Faktoren umfassen Dehydrierung, Schwangerschaft, Hämodialyse, Lebererkrankungen, Alkoholismus und eine medikamentöse Therapie mit zum Beispiel Tamoxifen, Diuretika, Beta-Sympatomimetika und Statinen.
Bezüglich der idiopathischen schlafbezogenen Beinmuskelkrämpfe liegen keine Daten über eine genetisch bedingte Prädisposition vor. Entsprechend der Liste der oben genannten Prädispositionsfaktoren und Risikoerkrankungen gehen zahlreiche hereditäre (vor allem neuromuskuläre) Erkrankungen mit einem erhöhten Risiko für schlafbezogene Beinmuskelkrämpfe einher.

Epidemiologie

Schlafbezogene Beinmuskelkrämpfe treten in der Bevölkerung sehr häufig auf. Die Prävalenz steigt mit dem Lebensalter und bei Vorliegen ätiologisch relevanter Komorbiditäten steil an. In einer großen Prävalenzstudie wurden schlafbezogene Beinmuskelkrämpfe von 7 % der Kinder und Jugendlichen, von 33 % der 60- bis 80-jährigen und von ca. 50 % der über 80-jährigen Personen angegeben (Butler et al. 2002).

Pathophysiologie

Elektrophysiologisch kommt es spontan zur plötzlichen Entladung motorischer Vorderhornzellen beziehungsweise motorischer Einheiten mit einer deutlich höheren Entladungsfrequenz (>300 Hz) als bei einer normalen Willkürkontraktion. Spezifische myotone oder pseudomyotone Charakteristika finden sich im Elektromyogramm nicht. Die Entladung sistiert spontan oder nach aktiver Dehnung der betroffenen Muskelgruppe. Letzteres Merkmal erlaubt die klinische und elektrophysiologische Abgrenzung von einer fokalen Dystonie. Die oft starken Schmerzen können durch eine lokale Ischämie oder durch die Akkumulation von Stoffwechselprodukten erklärt werden.

Symptomatik

Häufig betroffene Muskelgruppen umfassen die Waden- und ischiocrurale Muskulatur, aber auch die intrinsischen, vor allem die plantaren Fußmuskeln und der Musculus quadriceps femoris können betroffen sein. Schlafbezogene Beinmuskelkrämpfe treten meist plötzlich auf, zum Teil können jedoch leichtere Muskelschmerzen oder ein lokales Spannungsgefühl vorausgehen. Die Crampi dauern zwischen einigen Sekunden und wenigen Minuten an, sistieren in der Regel spontan und lassen sich durch aktive Dehnung der betroffenen Muskelgruppen abkürzen. Der gleiche Effekt kann gegebenenfalls auch durch lokale Selbstmassage, Wärmeapplikation oder leichtere Beinbewegungen erreicht werden. Schlafbezogene Beinmuskelkrämpfe können mit einer (Wieder-)Einschlafstörung verbunden sein, wenn sie im Wachzustand auftreten, und durch assoziierte Arousals (siehe „Arousal“) zu einer klinisch relevanten Durchschlafstörung („Insomnien“) führen. Die Frequenz der Crampi kann intra- und interindividuell stark variieren. In Abhängigkeit vom Schweregrad der Symptomatik können ein unerholsamer Nachtschlaf und eine gesteigerte Tagesschläfrigkeit oder -erschöpfung beklagt werden.

Diagnostik und Differentialdiagnostik

Die Diagnosestellung erfolgt klinisch-anamnestisch und kann polysomnographisch bestätigt werden; eine generelle Indikation zur „Polysomnographie“ besteht aber nicht. Im Oberflächenelektromyogramm betroffener Muskeln (meist Musculus gastrocnemius) zeigen sich nichtperiodische Entladungen, die aus dem Wachen oder dem Schlaf heraus auftreten. Im letzteren Fall gehen den Entladungen keine physiologischen oder pathologischen Veränderungen polysomnographischer Messgrößen voraus. Differentialdiagnostisch müssen das „Restless-Legs-Syndrom“ (RLS), die fokalen Dystonien, das Painful-legs-and-moving-toes-Syndrom, neuropathische Reizerscheinungen und „Periodische Beinbewegungen“ im Schlaf (PLMS) abgegrenzt werden. Für die Unterscheidung zwischen schlafbezogenen Beinmuskelkrämpfen und dem RLS ist die Angabe einer vorübergehenden Muskelverhärtung wesentlich.

Therapie

Im Fall symptomatischer schlafbezogener Beinmuskelkrämpfe kann die Therapie der Grunderkrankung, die Korrektur einer Elektrolytstörung oder das Absetzen einer potenziell auslösenden Substanz hilfreich sein. Evidenzbasierte Therapieempfehlungen hinsichtlich nichtmedikamentöser Behandlungsansätze können mangels einer ausreichenden Studienlage nicht abgegeben werden. Aus der allgemeinen klinischen Erfahrung heraus ist die repetitive aktive Dehnung („stretching“) betroffener Muskelgruppen nicht nur zur Linderung akut auftretender Crampi, sondern wahrscheinlich auch zu deren Vorbeugung empfehlenswert, beispielsweise vor dem Schlafengehen. Ferner sind eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr und gegebenenfalls Massage und Wärmeapplikation anzuraten. Medikamentöse Therapieempfehlungen erstrecken sich nicht spezifisch auf nur schlafbezogene Beinmuskelkrämpfe und erfüllen überwiegend ebenfalls nicht die Anforderungen der evidenzbasierten Medizin. Chininpräparate sind möglicherweise moderat wirksam, sollten aber aufgrund des ungünstigen Nebenwirkungsprofils nicht längerfristig eingenommen werden. Neben Herzrhythmusstörungen, Tinnitus, Hör- und Sehstörungen könnten vor allem potenziell tödliche immunallergische Thrombozytopenien und ein hämolytisch-urämisches Syndrom beziehungsweise eine thrombozytopenische Purpura auftreten. Wahrscheinlich nur bei Patienten mit nachgewiesenem Magnesiummangel (zum Beispiel in der Schwangerschaft oder bei Alkoholkrankheit) kann die Gabe von Magnesiumsalzen symptomatisch wirksam sein. Die Wirksamkeit von Kalziumantagonisten, Vitamin-B-Präparaten, Kalzium und Antikonvulsiva ist nicht ausreichend systematisch belegt.

Prognose

Die Frequenz und Häufigkeit der Beschwerden nimmt mit dem Alter zu.

Zusammenfassung, Bewertung

Schlafbezogene Beinmuskelkrämpfe sind in der Bevölkerung häufig. Sie treten oft als Begleitsymptom von Endokrinopathien, Elektrolytstörungen oder neuromuskulären Erkrankungen auf. Sie können die Nachtschlafqualität relevant beeinträchtigen und sind bei der Schlafanamnese immer zu berücksichtigen.
Literatur
Blyton F, Chuter V, Walter KE, Burns J (2012) Non-drug therapies for lower limb muscle cramps. Cochrane Database Syst Rev 1:CD008496PubMed
Butler JV, Mulkerrin EC, O’Keeffe ST (2002) Nocturnal leg cramps in older people. Postgrad Med J 78(924):596–598
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