Enzyklopädie der Schlafmedizin
Autoren
Anna Heidbreder

Verwirrtes Erwachen

Das Verwirrte Erwachen gehört zusammen mit dem Schlafwandeln und dem Pavor nocturnus zu den NREM-Parasomnien. Sie sind gekennzeichnet durch ein inkomplettes Erwachen aus dem Tiefschlaf (Schlafstadium N3) und treten vornehmlich in der ersten Nachthälfte auf. Das Verwirrte Erwachen kann eigenständig auftreten oder ist der Beginn einer „schlafwandlerischen“ Episode. Definitionsgemäß wird das Bett beim Verwirrten Erwachen nicht verlassen. Diese Form einer NREM-Parasomnie ist in der Regel völlig harmlos. Eine spezifische Therapie ist in den meisten Fällen nicht nötig, die Aufklärung der Betroffenen und der Bettpartner ist meist ausreichend.

Synonyme

Elpenor-Syndrom; Schlaftrunkenheit

Englischer Begriff

confusional arousal

Definition

Das Verwirrte Erwachen gehört unter den „Parasomnien“ zur Gruppe der Arousalstörungen oder NREM-Parasomnien ( „ICSD-3“). Es tritt vornehmlich in der ersten Nachthälfte auf und ist, wie der Name bereits suggeriert, charakterisiert durch ein plötzliches verwirrtes Erwachen oder einen Zustand von Verwirrtheit nach einer inkompletten Weckreaktion aus dem Tiefschlaf (Schlafstadium N3). Der Betroffene verlässt das Bett während dieser Episoden nicht. Anders als bei einem Pavor nocturnus ist das Verwirrte Erwachen nicht von Angst begleitet, und es treten keine vegetativen Begleitsymptome auf.
Die Diagnose „Confusional Arousal“ aus der Internationalen Klassifikation der Schlafstörungen (ICSD) hieß im Deutschen bisher Schlaftrunkenheit. Zur deutlichen Abgrenzung gegenüber der einfachen Schlaftrunkenheit wurde sie mit Erscheinen der ICSD-3 (2014) umbenannt in Verwirrtes Erwachen.

Genetik, Geschlechterwendigkeit

NREM-Parasomnien treten bei Männern und Frauen in gleichem Maße auf. Es besteht eine familiäre Prädisposition. Für das Verwirrte Erwachen selbst bestehen keine eigenständigen Daten, diese beziehen sich meist auf das Schlafwandeln. Dort zeigt sich das Risiko für ein Kind, schlafzuwandeln, um 45 % erhöht, wenn ein Elternteil schlafwandelt und bis zu 60 %, wenn beide Elternteile betroffen sind.

Epidemiologie

Verwirrtes Erwachen tritt meist in der frühen Kindheit auf, häufig schon um das 2. Lebensjahr. Oft sistiert es bis zum 5. Lebensjahr komplett oder persistiert bis zur Pubertät, um danach in der Regel ganz zu verschwinden. Selten kommt es im Erwachsenenalter zu einem Wiederauftreten, sehr selten zu einem neuen Auftreten.

Pathophysiologie

Die Pathophysiologie der NREM-Parasomnien ist bisher nicht vollständig aufgeklärt. In EEG-Untersuchungen konnte das gleichzeitige Auftreten von Wach und Schlaf verschiedener Hirnareale zum Zeitpunkt des parasomnischen Ereignisses gezeigt werden (siehe dazu „Lokaler Schlaf“).
In den meisten Fällen ist das Auftreten von NREM-Parasomnien unabhängig vom Vorliegen einer psychiatrischen oder neurologischen Erkrankung. Nur in Einzelfällen konnten fokale zerebrale Läsionen als Ursache für NREM-Parasomnien gefunden werden.

Symptomatik

Beschwerden und Symptome

Das Verwirrte Erwachen ist gekennzeichnet durch eine plötzlich auftretende Weckreaktion aus dem Tiefschlaf. Die Betroffenen wirken dabei nicht wach, sondern verwirrt, häufig setzen sie sich im Bett auf. Die Augen sind meist geöffnet und die Betroffenen sehen umher, der Blick ist jedoch in der Regel nicht fokussiert. Die Episoden sind meist kurz, können in seltenen Fällen aber auch 30–40 Minuten anhalten. Während der Episoden wird das Bett nicht verlassen. Komplexe kognitive Leistungen wie Planen, fokussierte Aufmerksamkeit, Interaktion oder Ähnliches sind während solcher Episoden nicht möglich. Das Erwecken der Betroffenen fällt meist schwer, gelingt es, wirken die Betroffenen häufig noch eine Zeit lang verwirrt. Meist besteht eine Amnesie für die nächtlichen Ereignisse, gelegentlich können Fragmente erinnert werden. In manchen Fällen, insbesondere bei Erwachsenen, besteht eine Assoziation zu Geträumtem.

Erstmanifestation

Wie auch andere Formen der NREM-Parasomnien tritt das Verwirrte Erwachen meist schon in der frühen Kindheit erstmals auf.

Diagnostik

Neben der schlafspezifischen Anamnese dient die „Polysomnographie“ mit Videographie zur Differenzierung des Verwirrten Erwachens. Oft lassen sich bei Schlaflaboruntersuchungen, die unter dem Verdacht einer NREM-Parasomnie durchgeführt werden, Episoden Verwirrten Erwachens als einziges Phänomen nachweisen. Schlafwandeln oder Pavor nocturnus treten nur selten unter diesen Bedingungen auf, auch wenn sie anamnestisch berichtet werden. Durch die Video-Polysomnographie lassen sich die Verhaltensauffälligkeiten dem Schlafstadium, in dem sie auftreten, zuordnen. Die Video-Polysomnographie erlaubt außerdem den Ausschluss anderer oder auch aggravierender schlafassoziierter Erkrankungen.

Differentialdiagnostik

Genauso wie für die anderen Formen der NREM-Parasomnien gilt es, differentialdiagnostisch andere Parasomnien wie die „REM-Schlaf-Verhaltensstörung“, ferner nächtliche oder schlafgebundene epileptischen Anfälle, schlafbezogene dissoziative Störungen, mit Alkohol oder Drogen assoziierte nächtliche Verhaltensauffälligkeiten oder „Schlafbezogene Atmungsstörungen“ auszuschließen.

Therapie

Meist kann sich die Behandlung auf die Empfehlung schlafhygienische Maßnahmen beschränken. Dazu gehören neben dem Einhalten regelmäßiger, wenn möglich fester Bettliegezeiten, das Vermeiden von Schlafdeprivation und ein adäquates Stressmanagement, gegebenenfalls durch das Erlernen von Entspannungstechniken. Es ist darüber hinaus zu empfehlen, für eine sichere Bettumgebung zu sorgen. Dazu gehören neben dem Entfernen potenziell verletzungsgefährdender Gegenstände aus der Schlafumgebung das Abpolstern scharfer Ecken und Kanten. Bettpartner sollten unbedingt über das Vorliegen der NREM-Parasomnie aufgeklärt sein. Triggerfaktoren, wie schlafbezogene Atmungsstörungen und „Schlafbezogene Bewegungsstörungen“, sollten durch eine adäquate Therapie ausgeschaltet werden.

Zusammenfassung, Bewertung

Das Verwirrte Erwachen gehört zusammen mit dem Schlafwandeln und dem Pavor nocturnus zu den NREM-Parasomnien. Sie sind gekennzeichnet durch ein inkomplettes Erwachen aus dem Tiefschlaf (Schlafstadium N3) und treten vornehmlich in der ersten Nachthälfte auf. Das Verwirrte Erwachen kann eigenständig auftreten oder ist der Beginn einer schlafwandlerischen Episode. Definitionsgemäß wird das Bett beim Verwirrten Erwachen nicht verlassen. Diese Form einer NREM-Parasomnie ist in der Regel völlig harmlos. Eine spezifische Therapie ist in den meisten Fällen nicht nötig, die Aufklärung der Betroffenen und der Bettpartner ist meist ausreichend.
Literatur
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