Klinische Neurologie
Autoren
Johannes C. Wöhrle

Neurophysiologische Diagnostik: Autonome Funktionstests

Das autonome Nervensystem reguliert sämtliche vegetative Körperfunktionen, wie die Herz-Kreislauf-Parameter Pulsrate und Blutdruck, die Aktivität exokriner Drüsen, Blasen- und Mastdarmfunktion. Neurophysiologische Methoden ergänzen die klinische Funktionsdiagnostik um apparative Messanordnungen.
Das autonome Nervensystem reguliert sämtliche vegetative Körperfunktionen, wie die Herz-Kreislauf-Parameter Pulsrate und Blutdruck, die Aktivität exokriner Drüsen, Blasen- und Mastdarmfunktion. Neurophysiologische Methoden ergänzen die klinische Funktionsdiagnostik um apparative Messanordnungen.
Erkrankungen des zentralen Nervensystems, wie z. B. Multisystematrophie oder multiple Sklerose, aber auch Polyneuropathien bei Diabetes mellitus, Amyloidose, Porphyrie oder Urämie, Guillain-Barré-Syndrom oder hereditären Neuropathien, gehen mit Störungen des autonomen Nervensystems einher, die sich in orthostatischer Hypotension, Hitzeintoleranz, Störungen der Schweißsekretion, Durchfällen oder Verstopfung, Inkontinenz, erektiler Dysfunktion, Akkommodations- oder Pupillenstörungen äußern können. Abb. 1 zeigt beispielhaft für eine Störung des autonomen Nervensystems eine aufgehobene Variation der Herzfrequenz bei Tiefatmung beim Guillain-Barré-Syndrom.
Der anatomischen und funktionellen Einteilung in parasympathisches und sympathisches autonomes Nervensystem lassen sich einzelne Testverfahren gegenüberstellen, die meist als Testbatterie im Rahmen der neurophysiologischen Diagnostik durchgeführt werden. In Tab. 1 und 2 werden die einzelnen Verfahren vorgestellt und kurz in ihrer Bedeutung skizziert (McLeod 1992; Ravits 1997).
Tab. 1
Überwiegend sympathische Funktionstests
Test
Voraussetzung
Durchführung
Parameter
Normwerte und Grenzen
Bemerkung
Blutdruckverhalten beim Aufstehen (Orthostasebelastung)
20 min Ruhe im Liegen vor Testbeginn
Wiederholte, besser kontinuierliche Aufzeichnung von Blutdruck (BP)
BP
Orthostatische Hypotension = Abnahme BP syst >20 mmHg über 3 min
Bei autonomer Dysregulation fehlt zusätzlich die kompensatorische Pulsfrequenzerhöhung
Blutdruckverhalten bei anhaltendem Faustschluss
Faustschluss mit 30 % der maximalen Kraft für 5 min (3 min)
BP-Aufzeichnung
BP diast. Anstieg
Normal >15 mmHg
grenzwertig: 11–15 mmHg
pathologisch: <11 mmHg
Bisher wenig klinische Erfahrungen vorliegend
Sympathische Hautantwort
(„sympathetic skin response“ [SSR])
Differente Elektroden auf Handinnenflächen bzw. Fußsohlen, indifferente Elektroden auf Hand bzw. Fußrücken
Stimulus eines sensiblen Nervs
SSR
Latenz zur Hand <1,9 ms
zum Fuß <2,4 ms
Cave: Habituation oder zu niedrige Stimulusintensität ergeben falsch-pathologische Befunde. Quantitativer sudomotorischer Axonreflextest ist vergleichbar sensitiv
Thermoregulatorischer Schweißtest nach Minor
1 l Lindenblütentee + 1 g ASS per os, jodhaltige Tinktur zum Einpinseln der Körperoberfläche, nach Antrocken Bepudern mit Kartoffelstärkemehl
Belichtung der Haut unter Lichtkasten
Jod-Stärke-Reaktion
Anhidrotische Bezirke bleiben ohne Farbreaktion, übrige Bezirke blauviolett (Jod-Stärke-Reaktion)
Besonders gut zur Beurteilung von Schweißsekretionsstörungen am Rumpf
Ninhydrintest nach Moberg
Hand- oder Fußabdruck auf Papier
Einlegen des Papiers in 1 % Ninhydrin in Aceton mit Eisessig
Ninhydrinfarbumschlag bei in Schweiß vorhandenen Aminosäuren
Normale Bezirke des Schwitzens violett
Hilfreich in Differenzialdiagnose Plexusläsion (sympathische Fasern mitbetroffen) vs. zervikale oder lumbale Wurzelläsion
Tab. 2
Überwiegend parasympathische Funktionstests
Test
Voraussetzung
Durchführung
Parameter
Normwert
Herzfrequenzvariation bei Tiefatmung
Wenige Minuten Ruhe im Liegen
Kontinuierliche EKG-Frequenz(RR-Intervall)-Aufzeichnung bei Tiefatmung mit 5–6 Atemzügen/min
Differenz maximale/minimale Herzfrequenz oder E:I-Ratio = Summe der 6 längsten RR-Intervalle bei Exspiration/Summe der 6 kürzesten RR-Intervalle bei Inspiration
Differenz maximale/minimale Herzfrequenz:
>18/min bei 16- bis 20-Jährigen
bis >8/min bei >70-Jährigen.
E:I-Ratio:
>1,23 bei 16- bis 20-Jährigen
bis >1,05 bei 76- bis 80-Jährigen
Valsalva-Ratio
Liegender Patient, Anblasen gegen ein Manometer mit 40 mmHg Druck für 15 s
Kontinuierliche EKG-Frequenz(RR-Intervall)-Aufzeichung
Maximum/Minimum-Herzfrequenz nach Valsalva-Manöver
Normal: >1,45
Grenzwertig: 1,2–1,45
Pathologisch: <1,2
Cave
Zu beachten ist, dass bei allen kardiovaskulären Tests internistische Ursachen einer autonomen Störung, wie z. B. Hypovolämie nach Dehydratation, rezidivierendem Erbrechen o. Ä., Thyreotoxikose, Nebenniereninsuffizienz etc. vor der Diagnosestellung einer Erkrankung des autonomen Nervensystems ausgeschlossen werden müssen (Kap. „Erkrankungen des autonomen Nervensystems“).
Weitere Funktionstest wie die Kipptischtestung oder die Restharnbestimmung werden in anderen Kapiteln dargestellt ( Kap. „Erkrankungen des autonomen Nervensystems“, Kap. „Blasenfunktionsstörungen in der Neurologie“).

Facharztfragen

1.
Nennen Sie Beispiele für die apparativen Untersuchungsmöglichkeiten von Sympathikus und Parasympathikus bei autonomen Funktionsstörungen.
 
Literatur
McLeod JG (1992) Invited review: autonomic dysfunction in peripheral nerve disease. Muscle Nerve 15:3–13CrossRefPubMed
Ravits JM (1997) AAEM Minimonograph 48: autonomic nervous system testing. Muscle Nerve 20:919–937CrossRefPubMed