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Rehabilitation von Patienten mit Ernährungs- und Verdauungsstörungen

Verfasst von: Jürgen Körber und Reiner Caspari
Essen ist ein elementares Grundbedürfnis der Menschen. Während in der Prävention die Vermeidung von Übergewicht und gesunde Ernährung im Vordergrund steht, geht es bei Patienten mit onkologischen Erkrankungen um die Vermeidung eines Gewichtsverlustes. Neben organischen Veränderungen spielen die Appetitlosigkeit als Folge von unterschiedlichen Therapien, entzündliche Prozesse durch die Krebserkrankung selbst sowie psychische Alteration wie Depression verbunden mit hormonellen Veränderungen eine große Rolle. Es ist daher wichtig, dass der Gewichtsverlauf während einer onkologischen Therapie dokumentiert und beachtet wird. Es gibt ernährungsmedizinisch bedeutsame Faktoren, die den Verlauf und die Prognose einer Tumorerkrankung beeinflussen können. Unterernährung bzw. Mangelernährung haben einen prognostischen Einfluss. Somit stellen Operation im oberen Gastrointestinaltrakt für die Ernährungsmedizin eine besondere Herausforderung dar. Für viele Patienten bedeutet dies eine völlige Umstellung ihrer Ernährungs- und Lebensgewohnheiten. Wie auch bei einem Kurzdarmsyndrom kann neben der oralen Ernährungstherapie eine zusätzliche enterale Ernährungstherapie bzw. parenterale Substitution erforderlich sein. Nach Resektion am unteren gastrointestinalen Trakt haben die Patienten, vor allem nach Resektion von Sigma und Rektum und Stomarückverlagerung, ein Postresektionssyndrom. Die Wahl der Nahrungsmittel und Art der Zubereitung hat auf die Symptomatik einen wesentlichen Einfluss. Krebsdiäten haben in der Ernährungstherapie von Patienten mit onkologischen Erkrankungen keinen Stellenwert.

Allgemeine Vorbemerkungen

Die Deutsche Rentenversicherung führt jährlich für mehr als 150.000 Krebspatienten Rehabilitationsleistungen in unterschiedlichen Kliniken und Einrichtungen durch. Die Rehabilitationsmaßnahmen werden überwiegend stationär, aber auch ambulant erbracht. Somit besteht während der Rehabilitation die Möglichkeit für Primär-, Sekundär- und Tertiärprävention. Die ernährungsmedizinische Betreuung der Patienten erfolgt durch ein interdisziplinäres Team, bestehend idealerweise aus einem Ernährungsmediziner, Diät- und Ernährungsberater*innen sowie Diabetesberater*innen.
Grundsätzlich werden in allen Rehabilitationseinrichtungen Vorträge, Schulungen und Beratungen zur gesunden Ernährung sowie die Teilnahme in der Lehrküchen angeboten. In diesen werden alle Ebenen von Lernzielen angesprochen, wie Wissen, Einstellung und Verhalten. Die Grundlagen für die ernährungsmedizinischen Maßnahmen entsprechen den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE). In den Kliniken gibt es zu jeder Mahlzeit Schulungsbuffets, die Ernährungsberater*innen stehen zu den Hauptmahlzeiten im Speisesaal für die Patienten beratend zur Verfügung.
Die Deutsche Rentenversicherung führt ein Qualitätssicherungsprogramm durch. Dabei werden alle ernährungsbezogenen therapeutischen Leistungen der Patienten systematisch erfasst und ausgewertet. In externen Patientenbefragungen werden die Rehabilitanden nach der Änderung des Ernährungsverhaltens etwa 3–4 Monate nach Beendigung der Rehabilitation gefragt. Dabei zeigt sich bei onkologischen Patienten, dass etwa 60–70 % der Patienten ihr Ernährungsverhalten zu Hause nach der Rehabilitationsmaßnahme geändert haben (Reha-Bericht, DRV 2015).
Die Verpflegung der Rehabilitanden sollte daher eine Vorbildfunktion haben. Nach dem Rationalisierungsschema von Kluthe (Kluthe et al. 2004) wird die allgemeine Verpflegung in 3 Speisenangebote unterschieden:
  • Vollkost
  • Leichte Vollkost
  • Ovo-lakto-vegetabile Kost
Zusätzlich gibt es für spezifische Indikationen energiedefinierte Diäten, nährstoffdefinierte Diäten und Sonderdiäten (Abb. 1).
Viele onkologische Erkrankungen gehen mit einem signifikanten Gewichtsverlust einher. Neben organischen Veränderungen, wie Stenosen oder Entzündungen, kann auch die Appetitlosigkeit als Folge der Therapien angesehen werden. Eine weitere Rolle spielen hormonelle Veränderungen, entzündliche Prozesse durch die Krebserkrankung sowie psychische Alterationen, wie Depression. Daher ist es von großer Bedeutung, frühzeitig den Ernährungsstatus zu erfassen und den Gewichtsverlauf zu dokumentieren. Es ist wichtig, dass die Patienten ein schmackhaftes und appetitanregendes Essen erhalten, um ihnen wieder Freude am Essen zu vermitteln und einem weiteren Gewichtsverlust vorzubeugen. Dabei richtet sich die Nahrungsmittelauswahl nach den noch bestehenden Therapienebenwirkungen und Folgeeinschränkungen.
Es gibt ernährungsmedizinisch bedeutsame Faktoren, die den Verlauf und die Prognose einer Tumorerkrankung beeinflussen.

Untergewicht/Malnutrition

In mehreren Studien (Norman et al. 2008; Gupta et al. 2011) konnte nachgewiesen werden, dass Unterernährung bzw. Mangelernährung ein prognostischer Faktor im Verlauf einer Krebserkrankung darstellt. Untergewicht verlängert z. B. die Länge der Krankenhausaufenthalte, verringert das Ansprechen auf Chemotherapie und erhöht die Zahl der Nebenwirkungen und Komplikationen während einer Chemotherapie.
In auf onkologische Rehabilitation spezialisierten Kliniken wird zu Beginn der Rehabilitationsmaßnahme der Ernährungsstatus verifiziert. In den Folgetagen führt der Patient ein Ernährungsprotokoll, damit kann die Kalorienzufuhr und Flüssigkeitszufuhr des Patienten errechnet werden. Danach wird frühzeitig entschieden, ob der Patient eine Supplementierung mit enteraler oder parenteraler Ernährung benötigt. Am Ende des Rehabilitationsverfahrens kann eine erneute Messung der Körperzusammensetzung als Erfolgskontrolle durchgeführt werden.
Die Ernährung von Tumorpatienten soll Vitamine und Spurenelemente in den Mengen enthalten, die den Empfehlungen für gesunde Menschen bzw. für künstliche Ernährung entsprechen.
Sog. Krebsdiäten haben in Rehabilitationskliniken keinen Stellenwert. Bislang liegen keine gesicherten klinischen Studien vor, die die Wirksamkeit belegen. Bei Krebserkrankungen mit eingeschränkter Nahrungszufuhr verschlechtern sich durch „Krebsdiäten“ der Ernährungszustand und somit möglicherweise auch die Prognose. In Schulungen während des Rehabilitationsaufenthaltes werden diese Themen explizit angesprochen (Arends 2011).

Besondere ernährungsmedizinische Herausforderungen

Ernährung nach Operationen im oberen Gastrointestinaltrakt

Bei Patienten mit Malignomen und vor allem nach Operationen im oberen Gastrointestinaltrakt (GIT) besteht regelhaft ein hoher Rehabilitationsbedarf (König und Rick 2014). Besonders bei Patienten mit Ösophagusresektion (i. d. R. mit Schlauchmagenbildung), mit Magenresektion und nach Whipple-Operation ändert sich das Ernährungsverhalten grundsätzlich, worauf viele Patienten nicht ausreichend vorbereitet sind.
Zunächst können durch den Wegfall der Reservoirfunktion des Magens nur noch kleine Essmengen bewältigt werden. Weiter entfällt die mechanische und enzymatische Vorbereitung des Speisebreis für die weitere Verdauung. Der Mageninhalt kann zudem nicht mehr kleinvolumig und schrittweise ins obere Duodenum abgegeben werden, wo die zur Verdauung notwendige Zufuhr von Galle und Pankreassekret erfolgt. Der rasche Übertritt unzureichend vorverdauter Nahrung in den Dünndarm kann eine Dumping-Symptomatik bewirken. Nach Pankreaskopfresektion fehlt die Zufuhr von Pankreasenzymen, in den übrigen Fällen kommt es regelhaft zu einer pankreozibalen Asynchronie mit entsprechend eingeschränkter Verdauungskapazität v. a. für Fette. Durch die fehlende Hormonproduktion im Magen (z. B. Ghrelin Kojima et al. 1999; Klok et al. 2007) entwickeln die Patienten oft auch eine ausgeprägte Inappetenz. Sowohl nach Chemotherapie als auch nach Bestrahlungen berichten viele Patienten zudem über Geschmacksveränderungen, beschreiben Abneigung und teilweise Ekel vor zuvor schmackhaften Speisen. Therapiebedingte Schleimhautschäden, Soor, Strikturen, Stenosen oder Fisteln können im Einzelfall erschwerend hinzutreten.
Daraus ergibt sich, dass bei Patienten mit Malignomen im oberen GIT regelhaft eine komplexe Ernährungsstörung mit unzureichender Nahrungsaufnahme (Malnutrition) und eingeschränkter Verdauungsleistung (Maldigestion) vorliegt. Die Folge ist typischerweise ein sehr ausgeprägter Gewichtsverlust, oft bis zur Kachexie. Auf die Konsequenzen, eine deutliche Verschlechterung der Prognose der Patienten, wurde bereits hingewiesen (Norman et al. 2008; Gupta et al. 2011; Schiesser et al. 2009).
Eine der Hauptaufgaben bei der Rehabilitation von Patienten mit Malignomen des oberen GIT ist es daher, den Patienten wieder zu einer ausreichenden Kalorienaufnahme zu verhelfen, möglichst in Form einer ausreichenden oralen Nahrungsaufnahme. Zu Beginn steht immer eine ausführliche Statuserhebung, idealerweise unter Einschluss einer Bioimpedanzanalyse. Im Weiteren wird den Patienten in Schulungen das notwendig Wissen über die Ursachen ihrer Ernährungsprobleme sowie auch über mögliche Lösungsansätze vermittelt. So wird magenresezierten Patienten z. B. empfohlen (zitiert nach Filz 2018):
  • Aufteilung der Nahrungsmenge auf 6–10 kleine Mahlzeiten, bei fehlendem Hungergefühl vorzugsweise zu festen Uhrzeiten
  • Langsam essen und gründlich kauen zur Temperaturangleichung, mechanischen und enzymatischen Vorverdauung (Speichelamylase)
  • Körperwarme Mahlzeiten einnehmen und Nahrungsmittel mit hoher Energiedichte bevorzugen
  • Ballaststoffreiche Lebensmittel reduzieren (Meteorismus)
  • Nahrungs- und Getränkeaufnahme trennen (ca. 30 Minuten vor und nach Nahrungsaufnahme nicht trinken zur Vermeidung eines vorzeitigen Sättigungsgefühls und einer Beschleunigung der Darmpassage)
  • Ausreichende Substitution von Pankreasenzymen bei pankreozibaler Asynchronie mit Fettstühlen
Oft werden den Patienten auch konkrete Empfehlungen an die Hand gegeben, welche Nahrungsmittel bevorzugt und welche eher gemieden werden sollten (Tab. 1). Dies darf allerdings keinesfalls als Gebots- bzw. Verbotsliste missverstanden werden. Im Einzelfall unterscheiden sich individuelle Nahrungsmittelverträglichkeiten und insbesondere natürlich individuelle Nahrungsmittelpräferenzen deutlich von den Empfehlungen und müssen daher immer berücksichtigt werden. Wichtiger als die theoretische Wissensvermittlung ist daher die praktische Erprobung des neu zu lernenden Ernährungsverhaltens. Hierbei werden die Patienten engmaschig durch Mitarbeiter*innen des Ernährungsteams betreut, bis hin zur Zubereitung adäquater Wunschkost für einzelne Patienten.
Tab. 1
Ernährungsempfehlungen für magenresezierte Patienten. (Modifiziert nach Barwich et al. 2018)
Nahrungsmittel
Empfehlenswert*
Mit Vorsicht**
Fette und Öle
Margarine, Diätmargarine, Halbfettmargarine, Butter, Öle
Schmalz, Speck, Plattenfette, Mayonnaise
Kartoffeln und Beilagen
Pellkartoffeln, Salzkartoffeln, Kartoffelpüree, Kartoffelklöße, Nudeln, Semmelklöse, Hirse, geschälter Reis
Fettreiche Kartoffelzubereitungen wie z. B. Pommes frites, Reibeplätzchen, Bratkartoffeln, Kroketten, Rösti, Kartoffelsalat
Gemüse
Möhren, Zucchini, Fenchel, Spinat, Sellerie, Tomate, Spargel, Rote Beete, extra feine Erbsen, Schlangengurke, Kohlrabi, Brokkoli, Blumenkohl, Prinzessbohnen, Kürbis, Blattsalate
Zwiebeln, Hülsenfrüchte, Weißkohl, Rotkohl, Grünkohl, Rosenkohl, Paprika, Lauch, Pilze, Essiggurken, Silberzwiebel, Rote Beete in Essig eingelegt, Gurke, Rettich, Bohnen
Kohlgemüse kann durch vorheriges Blanchieren und/oder durch die Zugabe von Kümmel bekömmlicher werden
Obst und Nüsse
Kompott, nur reife Banane, Erdbeere, Papaya, Himbeere, Brombeere, Pfirsich, Mango, Melone, Apfel; frisches Obst in kleinen Portionen austesten
Stein- und Kernobst, Orangen, Mandarinen, Pampelmuse, Nüsse, Mandeln, Studentenfutter
Fisch und Krustentiere
Forelle, Scholle, Seelachs, Kabeljau, Rotbarsch, Goldbarsch, Hecht, Krabben, Muscheln
Hering, Aal, Makrele, Karpfen, Heilbutt, Fischkonserven, panierte und frittierte Fischgerichte
Milch und Milchprodukte
Milch, Joghurt, Dickmilch, Buttermilch, Kefir, selbsthergestellter Früchtejoghurt, Quark, Käse
Sahne, Creme fraîche, Sahnejoghurt, Sahnequark, fetter Käse nur mit Enzymgabe essen
Fleisch und Geflügel
Gut gegartes Rind-, Kalb-, Schweinefleisch, Hähnchen, Pute, Taube, Fasan, Kaninchen, Hase, Reh, Hirsch, Wildschwein, Frikadellen, Fleischbällchen, Soße Bolognese
Auf eine magere Zubereitung achten.
Fleisch mit hohem Fettgehalt vom Rind und Schwein, Ente, Gans, stark gepökeltes Fleisch, panierte und frittierte Fleischgerichte
Wurstwaren
Wurst mit niedrigem Fettgehalt wie Geflügelwurst, Aspikwurst, Schinken roh oder gekocht ohne Fettrand, magerer Bratenaufschnitt, Corned Beef, Bierschinken, Geflügelpasteten, Putensalami
Fette und stark geräucherte Wurstwaren, Leberwurst, Teewurst, Salami, Mettwurst, Fleischwurst, Pasteten
Getreideprodukte
Mischbrot, Dinkelbrot, Grahambrot, Weißbrot, Brötchen, Knäckebrot, Zwieback, Haferflocken, Cornflakes, Kekse, Brot und Brötchen aus fein vermahlenem Vollkorngetreide, Biskuit, Quark-Öl-Teig, Mürbeteig
Fettgebackenes, Buttercreme- oder Sahnetorten, Blätterteig, Obstkuchen mit ungeeignetem Obst, Windbeutel, Nussecken, grobes Körnerbrot
Sehr frisches Brot wird häufiger schlechter vertragen
Getränke
Tee, röstarmer Kaffee, Malzkaffee, stilles Mineralwasser, säurearme Obstsäfte als Schorle, Gemüsesäfte
Starker Bohnenkaffee, kohlensäurereiche Limonaden und Mineralwasser, alkoholische Getränke mit höherem Alkoholgehalt, unverdünnte Säfte, säurehaltige Getränke
Eier
Weich gekochte Eier, pochiertes Ei, Rührei
Hart gekochte Eier, Eiersalat, Spiegelei
*Empfehlenswert: bedeutet nicht, dass diese Lebensmittel grundsätzlich vertragen werden
**Mit Vorsicht: bedeutet, dass diese Lebensmittel in kleinen Portionen ausgetestet werden können und bei Nichtvertragen vom Speisenplan gestrichen werden sollten
Bei weiterem Gewichtsverlust trotz optimierter Nahrungsaufnahme kann zudem eine enterale (bei liegender Ernährungssonde) oder parenterale Zusatzernährung eingeleitet werden. Ziel ist es, dass neben der ausreichenden Kalorienzufuhr zur Stabilisierung oder besser noch Steigerung des Körpergewichts auch eine psychische Entlastung erreicht werden kann. Essen soll von den Patienten möglichst nicht nur als lebensnotwendige Pflicht, sondern idealerweise wieder als lustvoll erlebt werden.
Zum Abschluss der Rehabilitation wird erneut der Ernährungsstatus erhoben. Hier kommt der Bioimpedanzanalyse besondere Bedeutung zu. Nicht selten kann durch sie eine Verbesserung der Ernährungssituation trotz weiterem Gewichtsverlust gezeigt werden, wenn sich eine Abnahme des freien Wassers (Ödemausschwemmung) bei gleichzeitiger Zunahme der Muskelmasse zeigt (Trainingseffekt). Abschließend erhalten die Patienten konkrete Ernährungsempfehlungen für die weitere häusliche Versorgung.

Kurzdarmsyndrom

Je nach Länge und Lage der operativ entfernten Darmabschnitte kann es zu einem Kurzdarmsyndrom kommen. Häufig sind die resezierten Darmabschnitte im Jejunum oder Ileum lokalisiert. Folge davon sind massive Durchfälle, sehr hohe Flüssigkeitsverluste, einhergehend mit einem Gewichtsverlust. Bei einer Resektion von >75 % des Dünndarmes entsteht besteht eine ausgeprägte Malabsorption und Malnutrition. Zudem kann es zu einer Entgleisung des Mineralhaushaltes über den Darminhalt kommen und es können Vitaminmangelerkrankungen auftreten. Bei massivem Flüssigkeitsverlust kann ein prärenales Nierenversagen auftreten. Weitere Folgen sind Osteoporose und erhöhtes Risiko für die Bildung von Nieren- oder Gallensteinen. Bei einer Resektion von <50 % des Dünndarmes kann der Verlust an Resorptionskapazität durch Adaptation des Restdarmes ausgeglichen werden (Pironi et al. 2015).
Die Erkrankung verläuft meist in 3 Phasen:
1.
Phase der Hypersekretion: Massive Flüssigkeitsverluste, die eine künstliche parenterale Ernährung und eine adäquate intravenöse Flüssigkeitszufuhr erfordern.
 
2.
Phase der Adaption: Bei adäquater Ernährungs- und Volumentherapie verfügt der verbliebene Restdarm über Anpassungsmechanismen. In den ersten 1–2 Jahren kommt es zu einer deutlichen Verbesserung der Flüssigkeits- und Nährstoffaufnahme, meist durch eine Hypertrophie der Dünndarmschleimhaut als Adaptationsphänomen. Somit kann die intravenöse Flüssigkeits- und Nährstoffzufuhr reduziert werden; und in vielen Fällen gelingt es, vollständig zur oralen Nahrungsaufnahme zurückzukehren.
 
3.
Phase der Stabilisation: Je nach Situation kann die künstliche Ernährungs- und Flüssigkeitszufuhr schrittweise reduziert bzw. abgesetzt werden. Eine engmaschige Überwachung von Mineral- und Mikronährstoffen und Vitaminen bleibt jedoch lebenslang erforderlich.
 
Einteilung Kurzdarmsyndrom (Messing et al. 1999):
  • Typ I: Dünndarmlänge <50 cm, endständige Jejunostomie
  • Typ II: Jejunokolische Anastomose, keine Ileozökalklappe vorhanden
  • Typ III: Jejunoileale Anastomose, Ileozökalklappe erhalten
Während Typ I häufig mit einer dauerhaften parenteralen Ernährung versorgt werden muss, können Typ II und III je nach Länge des noch vorhandenen Dünndarms sich wieder vollständig oral ernähren (Lamprecht et al. 2014).
Werden Teile des mittleren Dünndarms, d. h. Jejunum und Übergang in das Ileum, entfernt, kann die Aufnahme der Vitamine C, B1, B6 und Folsäure gestört sein. Nach Resektion des terminalen Ileums (ca.1–2 m) ist die Aufnahme von Vitamin B12 nicht mehr oder nur noch unzureichend möglich. Hier sollten regelmäßig Vitamin-B12-Spiegel zur Verlaufskontrolle durchgeführt werden, und ggf. muss Vitamin B12 parenteral lebenslang substituiert werden. Ebenfalls gestört ist die Resorption von Fetten und somit auch der fettlöslichen Vitamine A, D, E und K.
Im terminalen Ileum werden auch die Gallensäuren resorbiert. Nach Ileumresektion gelangen diese vermehrt in die Kolonabschnitte und lösen dort die chologene Diarrhö aus. Mit einer einmaligen morgendlichen Gabe von Gallensäurebindern wie Colestyramin können diese Diarrhöen signifikant gebessert werden. Eine weitere Folge des Gallensäureverlustsyndroms ist die reduzierte Konzentration von Gallensäuren in der Gallenblase, so dass sich dort vermehrt Cholesterinsteine bilden können. Ein weiterer unerwünschter Nebeneffekt ist die vermehrte Resorption von Oxalsäure aus dem Colon, so dass sich in der Niere bei den betroffenen Patienten vermehrt Oxalatsteine bilden können. Zusätzlich wird im Magen-Darm-Trakt Oxalat aus dem Ascorbinsäure- und dem Aminosäurenabbau gebildet. Die Patienten sollten auf Oxalat-reiche Lebensmittel verzichten: wie z. B. Rhabarber, Spinat, rote Bete, Mangold, Nüsse, Kakao, Kaffee, Petersilie, Tee, Pfefferminz, Sellerie und Weizenkleie.

Ernährung nach Operationen am Dickdarm

Besonderheiten nach Ileostomieanlage bzw. Stomarückverlagerung

Das Fehlen des Kolons in der Verdauung führt zu einer „dünnflüssigeren“ Entleerung. Als Folge kann es zu Entgleisungen im Flüssigkeits- und Mineralstoffhaushalt kommen, dem High-Output-Stoma (Baker et al. 2011). Zur Kontrolle des Flüssigkeitshaushaltes soll die tägliche Urinausscheidung mindestens ein Liter betragen. Die Elektrolyte im Blut sollten regelmäßig kontrolliert werden.
Lebensmittel, die mineralstoffreich sind, werden in Tab. 2 dargestellt. Bei der Medikamentenverordnung sollte auf die geeignete Löslichkeit und Resorption der Arzneistoffe geachtet werden (siehe auch Kapitel „Stomatherapie in der Rehabilitation“). Sehr faserreiche Lebensmittel können in Einzelfällen zur Stomablockade führen und sollten daher gemieden werden.
Tab. 2
Mineralstoffreiche Lebensmittel
Mineralstoff
Lebensmittel
Salzhaltige Brühen, salzige Snacks, Salztabletten
Apfel, Aprikose, Banane, Kartoffel
Kalzium
Milch und Milchprodukte
Weizenkeime, Vollkorn, Haferflocken, Hirse, Nüsse, Fisch, Hartkäse
Grundsätzlich gilt, dass sichtbar unverdaute Lebensmittel im Stomabeutel vom Patienten nicht verwertet werden können und daher auch nicht gegessen werden sollten. Dies gilt auch für den Zeitpunkt nach der Stomarückverlagerung. Blähende und abführende Lebensmittel beschleunigen die Darmpassage und begünstigen Diarrhöen bzw. das Postresektionssyndrom (LARS) mit einhergehendem imperativem Stuhldrang bis zur Inkontinenz (siehe auch Kap. „Rehabilitation bei Vorliegen einer Harn- und/oder Stuhlinkontinenz“). In Tab. 3 sind geeignete und weniger geeignete Lebensmittel für Patienten mit Anlage eines Ileostoma, Zustand nach ileoanaler Anastomose mit oder ohne Pouch wie auch nach tiefer anteriorer Rektumresektion (LARS) aufgeführt.
Tab. 3
Ernährungsempfehlungen bei Postresektionssyndrom
Geeignete Lebensmittel
Wenig bekömmlich sind
Nahrungsmittel, die viel Pektine enthalten (geriebener Apfel, Heidel- und Preiselbeeren, Quitten, Bananen, Melone, Avocado)
Hülsenfrüchte, blähende Speisen wie Zwiebeln, Knoblauch
Kartoffeln, Karotten (gekocht, als Brei), Kürbis, Fenchel, Pastinaken, Zucchini, Chicorée, Brokkoli, Auberginen
Gurkensalat, Kohlsorten, Sauerkraut, Wirsing, Lauch, Spinat, Meerrettich
Nudeln, Reis (Reisbrei, Grießbrei, Hafer-/Schmelzflocken), Reiswaffeln, Zwieback, Knäckebrot, Weißbrot (mind. 1 Tag alt)
Fette Speisen wie Paniertes, Frittiertes, Sahne, fetthaltige Backwaren, Mayonnaise, Eisbein, Pommes, Kartoffelsalat
Fleisch: Wild, Rind, Geflügel, mageres Lamm
Stark gewürzte Speisen, Chili, Curry, Tabasco, Ingwer, Geräuchertes
Wurst: mager, gekochter Schinken, Sülze, Corned Beef, Geflügelwurst, magerer Bratenaufschnitt
Pilze, hart gekochte Eier, Nüsse
Fettarmer und nicht geräucherter Fisch
Säurehaltige Säfte, Rhabarber, Zitrusfrüchte Essiggemüse
Käse: Hartkäse, fettarmer Käse (z. B. Harzer, Parmesan)
Frisches Brot, Süßigkeiten, Kern- und Steinobst
Gewürze: Muskatnuss, Anis, Fenchel, Zimt, Koriander
Starker Bohnenkaffee
Milde Kräuter: Petersilie, Borretsch, Dill, Basilikum, Liebstöckl, Fenchel, Bohnenkraut, Thymian, Minze, Majoran, Salbei, Rosmarin, Lorbeer
Grobe Nahrungsmittel, Müsli, Mais, Getreidekörner
Dunkle, sehr kakaohaltige Schokolade
Kohlensäurehaltige Getränke, Bier, vor allem Hefeweißbier, Limonade, Light-Produkte
Salzstangen und -brezeln, Eier (weich oder Rührei)
 
Getränke: stilles Wasser, verdünnt mit Saft, verschiedene Kräutertees (Fenchel, Anis, Kümmel)
 

Besonderheiten nach Kolostomieanlage

Grundsätzlich gilt nach einer Kolostomieanlage: Je weiter distal das Stoma vom Dünndarm entfernt ist, umso weniger unterscheiden sich Stuhlbeschaffenheit und Stuhlgewohnheit von denen vor der Operation. Nahrungsmittel werden in gleicher Weise vertragen wie zuvor. Regelmäßige Essenszeiten ermöglichen einen gleichmäßigen Darmrhythmus. Die Ernährung der Patienten sollte sich nach den Empfehlungen der DGE ausrichten.
Literatur
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