Lexikon der Medizinischen Laboratoriumsdiagnostik
Autoren
W. G. Guder

α1-Mikroglobulin im Urin

α1-Mikroglobulin im Urin
Synonym(e)
Protein HC
Englischer Begriff
α1-microglobulin; protein HC
Molmasse
30–33 kDa als freies Protein.
Synthese – Verteilung – Abbau – Elimination
α1-Mikroglobulin wird überwiegend in der Leber synthetisiert und ins Plasma ausgeschieden. Im Blut liegt es in 3 Formen vor, als freies und als kovalent an Albumin (<10 %) oder an IgA gebundenes (ca. 40 %) α1-Mikroglobulin. Da nur das freie Protein frei filtriert und zu über 99 % tubulär rückresorbiert wird, ist die biologische Halbwertszeit abhängig von der des bindenden Proteins. Zusammen mit α1-saurem Glykoprotein (Glykoprotein, α1-saures) und Retinol-bindendem Protein (Retinol-bindendes Protein) gehört es zur Familie der Lipocaline.
Halbwertszeit
Das freie α1-Mikroglobulin hat eine Halbwertszeit von 2–4 Minuten, Albumin-gebundenes von 3 Wochen und IgA-gebundenes α1-Mikroglobulin von 6 Tagen.
Funktion – Pathophysiologie
α1-Mikroglobulin kann Toxine und/oder Farbstoffe im Plasma binden und sie so glomerulär filtrieren und nach proximaler Rückresorption lysosomal abbauen oder durch Ausscheidung eliminieren. Es ist nicht ganz klar, welche Rolle gebundenes α1-Mikroglobulin hat. Da die Plasmakonzentration nicht nur von der glomerulären Filtrationsrate, sondern auch von der IgA-Konzentration abhängt, ist die Messung des Gesamt-α1-Mikroglobulins im Plasma nicht sinnvoll.
Bei Störungen der glomerulären Filtration steigt die Konzentration im Plasma an. Die Urinausscheidungsrate ist jedoch stärker abhängig von der tubulären Rückresorptionsrate. Bei tubulointerstitiellen Erkrankungen der Niere kann die α1-Mikroglobulin-Ausscheidung um den Faktor 10–30 ansteigen.
Untersuchungsmaterial – Entnahmebedingungen
Die Untersuchung ist in jedem Mittelstrahlurin am Vormittag (sog. zweiter Morgenurin) möglich, wenn die Konzentration auf die des Kreatinins im gleichen Urin bezogen wird.
Probenstabilität
Das Protein ist im Urin bei Raumtemperatur 7 Tage stabil, bei Kühlschranktemperatur über einen Monat und eingefroren über 6 Monate.
Analytik
Die Messung erfolgt turbidimetrisch oder nephelometrisch.
Konventionelle Einheit
mg/L, mg/g Kreatinin.
Internationale Einheit
mg/L, g/mol Kreatinin.
Umrechnungsfaktor zw. konv. u. int. Einheit
g/mol = 0,113 × mg/g Kreatinin.
Referenzbereich – Frauen
<10 mg/g Kreatinin, <1,13 g/mol Kreatinin.
Referenzbereich – Männer
<10 mg/g Kreatinin, <1,13 g/mol Kreatinin.
Referenzbereich – Kinder
<1 Monat: 28–55 mg/L
<12 Monate: 1,1–4,2 mg/L
1–5 Jahre: 3,7–4,8 mg/L
6–15 Jahre: 4–8 mg/L
Ab 2. Jahr: <5 mg/g Kreatinin, <0,57 g/mol Kreatinin
Indikation
Ermittlung der renal tubulären Funktion (gemeinsam mit Albumin).
Interpretation
α1-Mikroglobulin wird in erhöhtem Maße ausgeschieden, wenn die tubuläre Rückresorption gestört ist. Bei einer gleichzeitigen Albuminurie <200 mg/g Kreatinin spricht eine Erhöhung für eine tubuläre Schädigung. Bei nephrotischen Proteinurien kann es auch Ausdruck einer Übersättigung der Kapazität der tubulären Resorptionsfunktion sein. Bei Erhöhung der α1-Mikroglobulin-Ausscheidung über dem 3-Fachen der oberen Normalgrenze ist zwischen primär tubulotoxischer und chronisch tubulointerstitieller Ursache durch Messung eines Toxizitätsmarkers im Urin (z. B. N-Acetyl-beta-D-Glukosaminidase oder Neutrophilen-Gelatinase-assoziiertes Lipocalin) zu unterscheiden.
Diagnostische Wertigkeit
Durch Messung eines Mikroproteins im Urin ist klar geworden, dass tubuläre Schäden, die für die Entstehung einer Niereninsuffizienz entscheidend sind, weder durch den Teststreifen noch durch eine Albuminmessung sensibel erfasst werden. Daher wurde empfohlen, α1-Mikroglobulin in die Basisuntersuchung zum Ausschluss einer Nierenfunktion einzubinden. Wegen seiner Stabilität und der geringen extrarenalen Einflüsse ist dieser Marker der früher empfohlenen Bestimmung von β2-Mikroglobulin oder von Retinol-bindendem Protein (Retinol-bindendes Protein) überlegen.
Literatur
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