Lexikon der Medizinischen Laboratoriumsdiagnostik
Autoren
A. M. Gressner und O. A. Gressner

α1-Proteinaseinhibitor-Clearance, fäkale

α1-Proteinaseinhibitor-Clearance, fäkale
Synonym(e)
α1-Antitrypsin-Clearance, fäkale; α1-PI;-Clearance
Englischer Begriff
α1-proteinase inhibitor clearance, faecal; faecal excretion of α1-antitrypsin
Definition
Zur Diagnostik und Verlaufskontrolle des intestinalen Proteinverlustes bei exsudativer Enteropathie eingesetzte, keine exogene (radioaktive) Markersubstanz benötigende Kenngröße, die die mittlere tägliche α1-PI-Ausscheidungsmenge im Stuhl in Bezug auf die α1-Proteinaseinhibitor-(α1-PI-)Konzentration im Serum ermittelt.
Synthese – Verteilung – Abbau – Elimination
Der bereits physiologischerweise in geringen Mengen in das Darmlumen abgegebene und im Stuhl nachweisbare α1-Proteinaseinhibitor (α1-PI) wird im Magensaft (pH <3) rasch, von den proteolytischen Enzymen des Pankreas jedoch nur geringfügig abgebaut und ist daher im Fäzes nachweisbar (<0,32 mg/g Feuchtgewicht).
Funktion – Pathophysiologie
Ein Proteinverlust im Rahmen einer exsudativen Enteropathie (Mukosaulzerationen, Parasitosen, Lymphgefäßerkrankungen) geht daher mit einer Zunahme der fäkalen α1-Proteinaseinhibitor-Ausscheidungsmenge einher. Eine Konzentration von >0,32 mg/g Nativstuhl gilt als pathologisch, wobei sowohl freier als auch mit Proteinasen (z. B. Elastase, Trypsin) komplexierter α1-PI im Stuhl vorkommt. Die Sensitivität dieser Messgröße für enteralen Proteinverlust ist jedoch gering und kann gesteigert werden durch die Bestimmung der α1-PI-Clearance. Der Normbereich ist methodenabhängig, liegt im Allgemeinen unter 10 mL/24 h.
Untersuchungsmaterial – Entnahmebedingungen
Serum und Stuhl von drei aufeinanderfolgenden Tagen.
Präanalytik
Lagerung der Stuhlproben bei –20 °C.
Analytik
Die enterale Clearance stellt dasjenige Serumvolumen dar, aus dem das Protein täglich durch Ausscheidung in den Magen-Darm-Trakt vollständig eliminiert wird. Dazu wird der Mittelwert der an drei aufeinander folgenden Tagen bestimmten α1-PI-Konzentration im Serum berechnet und die während dieser Zeit erfolgte tägliche α1-PI-Ausscheidung im Fäzes gemessen. Die Clearanceberechnung erfolgt nach der Formel:
Die Bestimmung der α1-PI-Konzentration im Stuhl erfolgt mittels Immunnephelometrie, Immunturbidimetrie oder radialer Immundiffusion in einem exakt abgewogenen, homogenisierten mit 0,9 %iger NaCl-Lösung extrahierten Zentrifugationsüberstand.
Referenzbereich – Frauen
Methodenabhängig: Richtwert für Clearance <10 mL/24 h.
α1-PI im Fäzes: <0,315 mg/g Feuchtgewicht.
Indikation
Diagnose und Verlaufskontrolle des intestinalen Proteinverlustes bei exsudativer Enteropathie.
Interpretation
Bei intestinalem Proteinverlust kann die Clearance um mehr als das 20-Fache erhöht sein. Zu den nuklearmedizinischen Untersuchungsmethoden der exsudativen Enteropathie (z. B. 51Cr-Albuminclearance) besteht eine sehr gute Korrelation.
Erkrankungen mit enteralem Proteinverlust:
  • Mukosaulzerationen
  • Mukosaerkrankungen ohne Ulzerationen
    • M. Ménétrier
    • M. Whipple
    • Einheimische und tropische Sprue
    • Parasitosen
    • Amyloidose
  • Lymphgefäßerkrankungen
    • Intestinale Lymphangiektasie
    • Lymphgefäßobstruktionen (Tumoren u. a.)
    • Lymphenterische Fisteln
Diagnostische Wertigkeit
Diagnostische Sensitivitäten (Sensitivität, diagnostische) und Spezifitäten (Spezifität, diagnostische) von 93 und 88 % werden angegeben. Der positive und negative prädiktive Wert liegt bei 97 bzw. 75 %.
Literatur
Boege F, Deubel M, Schwarte B et al (1989) Eine schnelle und einfache Methode zur nephelometrischen Bestimmung des fäkalen Alpha1-Antitrypsins. Lab med 13:254–258
Perrault J, Markowitz H (1984) Protein-losing gastroenteropathy and the intestinal clearance of serum alpha-1-antitrypsin. Mayo Clin Proc 59:278–279CrossRefPubMed