Lexikon der Medizinischen Laboratoriumsdiagnostik
Autoren
A. M. Gressner und O. A. Gressner

Amnionflüssigkeit

Amnionflüssigkeit
Synonym(e)
Fruchtwasser
Englischer Begriff
amniotic fluid
Definition
Die Amnionflüssigkeit umgibt ab der 4. Schwangerschaftswoche (4. SSW) vollständig den Embryo in der Amnionhöhle. Sie gewährleistet dessen freie Beweglichkeit und verhindert seine Verwachsung mit dem Amnion.
Beschreibung
Die klare, gelblich bis weißliche Amnionflüssigkeit setzt sich aus mütterlichen und kindlichen Anteilen zusammen und besteht überwiegend aus Wasser und Elektrolyten, hinzu kommen bakterizid wirkende Proteine, Glukose, Lipide und fetale Epithelzellen. Die nachfolgende Tabelle zeigt Konzentrationen einiger wichtige Analyte in der Amnionflüssigkeit in Nähe des Geburtstermins.
Parameter
Konzentration
Volumen
1000 mL
120 mmol/L
4 mmol/L
3–6 mmol/L
1–4 mmol/L
98–140 mmol/L
pH
7,2
Protein
3–5 g/L
Glukose
1–1,5 mmol/L
Lecithin
0,03–0,1 g/L
Ihr Volumen ändert sich im Laufe der Kindesentwicklung von 20 mL (7. SSW) über 600 mL (25. SSW) und 1000 mL (34. SSW), um bei Geburt etwa 800 mL zu betragen. Das Fruchtwasser unterliegt einem hohen Turnover mit einer Austauschrate von etwa 500 mL/Stunde, die somit einen kompletten Ersatz der Amnionflüssigkeit alle 2–3 Stunden gewährleistet. Etwa 500 mL/Tag werden vom Fetus verschluckt. Ein Oligohydramnion liegt bei weniger als 500 mL Fruchtwasser vor und deutet auf eine fetale Missbildung der Nieren oder der ableitenden Harnwege hin. Ein Polyhydramnion mit einem Fruchtwasservolumen von 1500–2000 mL tritt bei Anenzephalie und Missbildungen des fetalen Darmtrakts wie Atresien von Ösophagus und Dünndarm auf, verbunden mit Schluckstörungen und behinderter Darmpassage. Weitere Ursachen können eine (diabetische) Polyurie des Feten und die zu einem Hydrops fetalis führenden Erkrankungen sein.
Diagnostisch wichtige Bestandteile des Fruchtwassers sind
1.
die (echte) substratspezifische Acetylcholinesterase, die der Erregungsübertragung an den motorischen Endplatten und Synapsen dient,
 
2.
das bei offenen fetalen Neuralrohrdefekten (Anenzephalie, Spina bifida, Meningozele) stark erhöhte α1-Fetoprotein (AFP),
 
3.
das direkt photometrisch bei 450 nm bestimmte Bilirubin zur Beurteilung des Schweregrades von Blutgruppeninkompatibilitäten (−unverträglichkeiten) sowie
 
4.
einige Enzyme in kultivierten Amnionzellen, organische Säuren und Hormone.
 
Neben der Gewinnung des Fruchtwassers durch ultraschallgesteuerte Amniozentese sind die Entnahme von fetalem Nabelschnurblut (Nabelschnurpunktion, Cordozentese) und die Chorionzottenbiopsie geeignete diagnostische Maßnahmen, z. B. für eine Chromosomenanalyse. Eine grüne Verfärbung des Fruchtwassers durch Hämoglobinderivate, ggf. mit Beimengung von Mekonium, ist hinweisend auf eine hypoxische Schädigung des Feten.
Literatur
Greiling H, Gressner AM (Hrsg) (1995) Lehrbuch der Klinischen Chemie und Pathobiochemie, 3. Neubearb. Aufl., F. K. Schattauer Verlag, Stuttgart/New York
Thomas L (Hrsg) Labor und Diagnose, 6. Aufl.,2005, TH-Books Verlagsgesellschaft mbH, Frankfurt am Main