Lexikon der Medizinischen Laboratoriumsdiagnostik
Autoren
T. Arndt

Analyse mit trägergebundenen Reagenzien

Analyse mit trägergebundenen Reagenzien
Synonym(e)
Trägergebundene Reagenzien; Slides; Reagenzienslides
Englischer Begriff
dry slidechemistry
Definition
Analysenverfahren für eine qualitative oder quantitative Analyse mit (zumeist) geringem apparativen Aufwand und unter Verwendung von in getrockneter Form auf sog. Slides (kleinen quadratischen Testfeldern) oder Teststreifen fixierten Reagenzien (Abb. 1 und 2).
Beschreibung
Häufig wird der Begriff Trockenchemie für derartige Analysenverfahren angewandt. Dies ist jedoch nicht korrekt. Tatsächlich laufen, ebenso wie bei der konventionellen („nasschemischen“) Analytik, die chemischen Reaktionen in wässriger Phase ab. Im Unterschied zur Nasschemie liefert bei der Trockenchemie jedoch ausschließlich die zu untersuchende Probe (Blut bzw. Plasma und Serum, Urin etc.) das Lösungsmittel (Wasser) für die chemischen Reaktionen.
Es existieren Einschicht- und Mehrschichttestsysteme, die sich in Bezug auf den Aufbau und die Anordnung der einzelnen funktionellen Schichten wie Verteiler-, Reagenz-, Indikator- und Trägerschicht unterscheiden. In der Verteilerschicht wird das Probenmaterial durch Kapillarkräfte gleichmäßig auf das Testfeld verteilt. Durch eine geringe Porengröße können gleichzeitig Zellen zurückgehalten werden, sodass nur das Serum/Plasma in die unter der Verteilerschicht liegenden Schichten eindringen kann. Durch Zusatz von Titanoxid oder Bariumsulfat können der Verteilerschicht reflektierende Eigenschaften verliehen werden, die eine mechanisierte Auswertung der Analyse ermöglichen. Die in der Reagenz- und Indikatorschicht in trockener Form deponierten Reagenzien werden durch die einsickernde Analysenprobe gelöst. Sie stehen dann zur chemischen Reaktion mit dem Analyten zur Verfügung, wodurch im Endergebnis eine Farbänderung des Reagenzfeldes bewirkt wird. Die Trägerschicht trägt das Testsystem. Sie kann aus einem durchsichtigen Kunststoff bestehen (Ektachem-Systeme), der eine reflektometrische Auswertung der Farbintensität der Indikatorschicht ermöglicht.
Die Zusammensetzung der Reagenzien in der Reagenz- und Indikatorschicht bestimmt die Spezifität der chemischen Reaktion. Über geeignete Farbintensitätspaletten oder Kalibrationsfunktionen kann die Farbstoffdichte visuell oder durch Reflexionsspektrometrie der Analytkonzentration in der Probe zugeordnet werden.
Präzision und Richtigkeit der Methode sind mit denen der nasschemischen Verfahren vergleichbar. Es steht eine umfangreiche Auswahl an Testsystemen, z. B. für die Bestimmung von Enzymaktivitäten, Stoffwechselprodukten und Substraten zur Verfügung.
Bei Verwendung von Vollblut werden hämolytische, ikterische und lipämische Proben nicht erkannt, was Ursache für Verfälschungen der Farbintensität des Testfeldes und damit falsch-hohe oder falsch-niedrige Ergebnisse sein kann. Probleme können auch bei Proben mit abnormalen rheologischen Eigenschaften auftreten (z. B. hochvisköse Proben, die schlechter in die einzelnen Zonen des Testsystems eindringen). Die Kalibration basiert oft nur auf einem Vergleich zur konventionellen (Nass-)Analytik, also auf statistischen Ableitungen. Bei einigen Systemen ist sie vom Anwender überhaupt nicht kontrollier- und beeinflussbar.
Vorteile der Methodik bestehen in der Verfügbarkeit mobiler und schneller Präsenzanalysensysteme (Bedside-Diagnostik, Patientennahe Sofortdiagnostik), in dem exakt auf die Analysenserie zugeschnittenem Analysenverbrauch (keine Totvolumina etc.) und in dem vergleichsweise geringem Probenvolumen (Pädiatrie!). Dennoch hat sich die Analytik mit trägergebundenen Reagenzien über die hier genannten Bereiche hinaus nicht im zunächst erwarteten Ausmaß als Routinemethode des klinisch-chemischen Labors etablieren können. Siehe auch ((Verweis)) Urinteststreifen.
Literatur
Greiling H, Gressner AM (Hrsg) (1995) Lehrbuch der Klinischen Chemie und Pathobiochemie. Schattauer Verlag, Stuttgart/New York