Lexikon der Medizinischen Laboratoriumsdiagnostik
Autoren
M. Bidlingmaier

Androstendion

Androstendion
Synonym(e)
Androst-4-en-3,17-dion; 4-Androsten-3,17-dion
Englischer Begriff
androstenedione
Definition
Schwach androgenes 17-Ketosteroid (17-Ketosteroide). Bei der Frau zusammen mit DHEA quantitativ bedeutendstes Androgen.
Struktur
C19H26O2.
Molmasse
286,41 g.
Synthese – Verteilung – Abbau – Elimination
Im Hoden ist Androstendion ein Zwischenprodukt der Testosteron-Synthese. Daneben entsteht Androstendion in der Zona reticularis der Nebennierenrinde sowie bei Frauen im Stroma ovarii (der Follikel umgebenden Thekazellschicht). Trägt die ovarielle Synthese bei der prämenopausalen Frau noch zur Hälfte zur Gesamtsynthese des Androstendions bei, ist es bei der postmenopausalen Frau zu über 80 % adrenalen Ursprungs. Die ovarielle Androstendionproduktion ist zyklusabhängig mit den höchsten Werten in der Follikelphase, die adrenale Produktion ist ACTH-abhängig (Adrenokortikotropes Hormon) und unterliegt daher zirkadianen Schwankungen (Maximum am Morgen). Durch die 5-α-Reduktase (5-α-Reduktase-Genmutation) wird es in Testosteron und – quantitativ bei der Frau bedeutsam – in Dihydrotestosteron umgewandelt, durch die Aromatase im Fettgewebe und in der Granulosazellschicht des reifenden Follikels auch in Estron (Aromatisierung des Ring A). Zu Abbau und Elimination s. Androgene.
Pathophysiologie
Beim Mann aufgrund der im Vergleich zum Testosteron geringen androgenen Wirkung klinisch wenig relevant. Bei der Frau wichtiges Androgen, physiologischerweise an der Ausbildung von Axillar- und Schambehaarung beteiligt. Erhöhte Androstendionkonzentrationen bei der Frau verursachen Hirsutismus, Virilismus und andere Androgenisierungserscheinungen. Die insbesondere im Kraftsportbereich oft kolportierte muskelanabole Wirkung von Androstendion auch beim Mann konnte in kontrollierten Studien nicht bestätigt werden.
Untersuchungsmaterial
Probenstabilität
Jahr bei −20 °C, 4 Tage bei 4–8 °C, 1 Tag bei 20–25 °C.
Präanalytik
Postversand bei Temperaturen bis 25 °C möglich. Abnahme vormittags zwischen 8:00 und 10:00 Uhr (zirkadiane Rhythmik). Bei Frauen Abnahme in der frühen Follikelphase empfehlenswert, da Konzentrationen am stabilsten. In jedem Fall ist die Angabe des Zyklustags zur Beurteilung erforderlich.
Analytik
Immunoassay, Gas- oder Flüssigkeitschromatographie-gekoppelte Massenspektrometrie.
Konventionelle Einheit
μg/L = ng/mL.
Internationale Einheit
nmol/L.
Umrechnungsfaktor zw. konv. u. int. Einheit
μg/L × 3,49 = nmol/L.
Referenzbereich – Erwachsene
Männer 0,4–2,6 μg/L.
Frauen 0,2–2,6 μg/L.
Referenzbereich – Kinder
 
Männlich (μg/L)
Weiblich (μg/L)
Neugeborene
0,1–1,6
0,1–1,4
1–8 Jahre
0,05–0,4
0,05–0,7
9–12 Jahre
0,05–1,5
0,05–1,2
13–18 Jahre
0,2–1,8
0,1–1,6
Indikation
Abklärung Androgenisierungserscheinungen bei der Frau, Primärdiagnostik des gestörten Androgenhaushalts, androgenproduzierende Tumoren.
Interpretation
Erhöht:
  • Hirsutismus und andere Androgenisierungserscheinungen
  • Polyzystische Ovarien (PCO-Syndrom)
  • Angeborene und erworbene adrenale Hyperplasie
  • Androgenproduzierende Tumoren
  • Thekazelltumor
  • Erhöhte ACTH-Sekretion (hypophysäre oder ektope, ACTH-produzierende Tumoren)
  • Physiologisch in der Schwangerschaft und (temporär) nach körperlicher Belastung
Erniedrigt:
Diagnostische Wertigkeit
Androstendion weist nach verschiedenen Studien eine höhere Spezifität für adrenale Ursachen von Störungen des Androgenhaushalts auf als andere Androgene. Bei der Interpretation ist der Einfluss von Medikamenten zu beachten, die die adrenale oder ovarielle Steroidbiosynthese stimulieren (Clomifen, Metapiron) bzw. supprimieren (Glukokortikoide, Ovulationshemmer).
Literatur
Miller WL, Auchus RJ (2011) The molecular biology, biochemistry, and physiology of human steroidogenesis and its disorders. Endocr Rev 32(1):81–151CrossRefPubMed