Lexikon der Medizinischen Laboratoriumsdiagnostik
Autoren
W. Stöcker

Autoantikörper gegen Amphiphysin

Autoantikörper gegen Amphiphysin
Synonym(e)
Amphiphysin-Autoantikörper; Anti-Amphiphysin-Antikörper
Englischer Begriff
amphiphysin antibodies; anti-amphiphysin antibodies
Definition
Erstmals bei Patienten mit Stiff-Person-Syndrom (Syn.: Stiff-Man-Syndrom) identifizierte Autoantikörper, die gegen das in synaptischen Vesikeln der Neuronen vorliegende Amphiphysin gerichtet sind.
Synthese – Verteilung – Abbau – Elimination
Es sind zwei Formen des Amphiphysins I beschrieben, die durch alternatives Splicen entstehen. Die Isoform 1 wandert in der SDS-PAGE bei etwa 128 kDa und befindet sich in hohen Konzentrationen in den synaptischen Vesikeln der Nervenzellen. Die Isoform 2 (108 kDa) wird außerhalb des Nervengewebes normalerweise nur in geringen Mengen gebildet (Brustdrüse, endokrine Zellen, Spermatozoen).
Funktion – Pathophysiologie
Diskutiert wird eine Beteiligung von Amphiphysin I an der Endozytose synaptischer Vesikel. Von Tumoren extraneuronal exprimiertes Amphiphysin I (Mammakarzinom, kleinzelliges Lungenkarzinom) induziert vermutlich Autoimmunreaktionen. Parallel zum Auftreten der gegen Amphiphysin I gerichteten Antikörper entwickelt sich ein Stiff-Man-Syndrom.
Untersuchungsmaterial
Serum, Plasma, Liquor.
Probenstabilität
Autoantikörper sind bei +4 °C bis zu 2 Wochen lang beständig, bei −20 °C über Monate und Jahre hinweg.
Analytik
Indirekter Immunfluoreszenztest (Immunfluoreszenz, indirekte) mit dem Substrat Kleinhirn: Dichte zytoplasmatische Färbung des Stratum moleculare, fleckige Färbung des Stratum granulosum. Abgrenzung gegen Autoantikörper gegen Glutamat-Decarboxylase durch Western Blot (Immunblot) aus Hirnhomogenat: Antigenbande bei 128 kDa.
Referenzbereich – Erwachsene
Negativ.
Referenzbereich – Kinder
Negativ.
Indikation
Die Bestimmung der Autoantikörper gegen Amphiphysin dient der Abklärung neuromuskulärer Symptome, insbesondere zur Differenzialdiagnose des Stiff-Person-Syndroms.
Amphiphysin-Antikörper weisen auf eine paraneoplastische Ursache hin und machen eine Tumorsuche erforderlich, während GAD-Antikörper (Autoantikörper gegen Glutamat-Decarboxylase) eher für ein idiopathisches Stiff-Person-Syndrom sprechen.
Literatur
De Camilli P, Thomas A, Cofiell Rm Folli F, Lichte B, Piccolo G, Meinck HM, Austoni M, Fassetta G, Bottazzo G, Bates D, Cartlidge N, Solimena M, Kilimann MW et al (1993) The synaptic vesicle-associated protein amphiphysin is the 128-kD autoantigen of Stiff-Man syndrome with breast cancer. J Exp Med 178(6):2219–2223CrossRefPubMed
Pittcock SJ, Luchinetti CF, Parisi JE, Benarroch EE, Mokri B, Stephan CL, Kim KK, Kilimann MW, Lennon VA (2005) Amphyphysin autoimmunity: paraneoplastic accompaniments. Ann Neurol 58(1):96–107CrossRef
Saiz A, Dalmau J, Butler MH et al (1999) Anti-amphiphysin I antibodies in patients with paraneoplastic neurological disorders associated with small cell lung carcinoma. J Neurol Neurosurg Psychiatry 66:214–217CrossRefPubMedPubMedCentral