Lexikon der Medizinischen Laboratoriumsdiagnostik
Autoren
W. Stöcker

Autoantikörper gegen Gewebstransglutaminase

Autoantikörper gegen Gewebstransglutaminase
Synonym(e)
Gewebstransglutaminase-Antikörper; Anti-tTG-Antikörper; Anti-Endomysium-Antikörper
Englischer Begriff
antibodies to tissue transglutaminase; anti-ttg
Definition
Antikörper gegen die Gewebstransglutaminase (tTG) treten (meist zusammen mit Antikörper gegen Gliadin) bei der Gluten-sensitiven Enteropathie (GSE; Kleinkinder: Zöliakie; Erwachsene: einheimische Sprue) auf. Sie sind auch mit der Dermatitis herpetiformis Duhring assoziiert, die oftmals mit einer Gluten-sensitiven Enteropathie einhergeht.
Funktion – Pathophysiologie
Die Gluten-sensitive Enteropathie wird bei disponierten Personen durch den Verzehr Gluten-haltiger Getreideprodukte (Gluten) hervorgerufen. Das Krankheitsbild ist geprägt von einer Atrophie der Dünndarmzotten, einer chronischen Diarrhoe und den Folgen der Malabsorption. Einige Patienten mit GSE leiden zusätzlich an Dermatitis herpetiformis Duhring – einer rezidivierenden, durch subepidermale Blasen geprägten Hauterkrankung, die auch für sich allein auftreten kann.
Die Phänomene der Gluten-sensitiven Enteropathie beruhen nur zum Teil auf allergischen Reaktionen infolge einer Glutenunverträglichkeit. Als Ausdruck einer zusätzlich bestehenden Autoimmunität findet man neben Antikörpern gegen Zöliakie-assoziierte (desamidierte) Gliadin-Fragmente (Z-AGFA; Antikörper gegen Gliadin) fast regelmäßig auch Autoantikörper gegen Gewebstransglutaminase. Bei Gesunden und Patienten mit anderen Darmkrankheiten kommen beide Antikörper praktisch nicht vor. Anti-tTG sind oft auch im inaktiven Stadium nachweisbar und zeigen bereits die Disposition für die Krankheit an. Beide Antikörper können auch Erkennungsmerkmale einer Dermatitis herpetiformis Duhring sein.
Antikörper gegen Endomysium sind offensichtlich identisch mit den im Jahr 1971 von Seah entdeckten Antikörpern gegen Retikulin. Chorzelski und Mitarbeiter fanden im Jahr 1983 heraus, dass es bei diesen mit dem Bindegewebe reagierenden Antikörpern für die Zöliakiediagnostik auf die Immunglobulinklasse IgA ankommt. Sie haben die Bezeichnung „Anti-Endomysium“ vorgeschlagen und als Substrat für die Immunfluoreszenz Primatenösophagus (unteres Drittel) empfohlen. Die Bezeichnung war zu eng gefasst, da viele andere Gewebestrukturen mitreagieren, und Ösophagus ist wegen der Verwechslungsgefahr mit Autoantikörpern gegen glatte Muskeln denkbar ungeeignet. Dieterich et al. konnten im Jahr 1997 als Zielantigen die Gewebstransglutaminase identifizieren.
Untersuchungsmaterial
Probenstabilität
Autoantikörper sind bei +4 °C bis zu 2 Wochen lang beständig, bei −20 °C über Monate und Jahre hinweg.
Analytik
Goldstandard für die Bestimmung der Anti-tTG ist die indirekte Immunfluoreszenz (Immunfluoreszenz, indirekte) mit Gefrierschnitten von Primatenorganen als Antigen-Substrate. Besser geeignet als Ösophagus sind: Darm, Leber (s. folgende Abbildung), Plazenta und Nabelschnur.
Autoantikörper gegen Gewebstransglutaminase, indirekte Immunfluoreszenz mit Substrat Primatenleber:
Mit dem Substrat Darmgewebe erhält man bei einem positiven Ergebnis eine typische membranöse Fluoreszenz der glatten Muskeln sowie eine wabenförmige Anfärbung der Lamina mucosae propria, gleichzeitig reagiert das Endothel der Blutgefäße (s. folgende Abbildung).
Autoantikörper gegen Gewebstransglutaminase, indirekte Immunfluoreszenz mit Substrat Primatendarm:
Als Ausgangsverdünnung des Patientenserums wird 1:10 empfohlen, Antikörpertiter bis 1:1000 sind keine Seltenheit.
Für den ELISA (Enzyme-linked Immunosorbent Assay) wird native Gewebstransglutaminase aus humaner Plazenta oder rekombinantes humanes Antigen hochgereinigt und als Substrat zur Beschichtung der ELISA-Platten eingesetzt. Wird das Beschichtungsantigen aus Meerschweinchenleber isoliert, besteht die Gefahr, dass viele Zöliakie-Patienten aufgrund der zu geringen Antigenverwandtschaft nicht erfasst werden, es treten auch zu viele unspezifische Reaktionen auf.
Mit der GSE assoziiertes Anti-tTG besteht vorwiegend aus IgA, die Immunglobulinklasse IgG kommt, in niedriger Konzentration, nur bei ca. 50 % der IgA-positiven Seren vor, IgM spielt keine Rolle. Man sollte trotzdem IgA und IgG parallel untersuchen, da mit der GSE häufig ein selektiver IgA-Mangel assoziiert ist. Dann findet man (bei negativem IgA) Anti-tTG der Klasse IgG in hohen Titern. Patienten mit dieser Konstellation sind vor Transfusionen mit Vollblut zu warnen.
Die Übereinstimmung zwischen Immunfluoreszenz und ELISA beträgt bei Titern ab 1:32 nahezu 100 %, sofern humane (native oder rekombinante) Antigene im ELISA eingesetzt werden. Darüber hinaus stehen mittlerweile auch Linienblots (Immunblot) und Chemilumineszenz-Immunoassays (s. a. Enzymimmunoassay) für die Diagnostik der Zöliakie zur Verfügung.
Indikation
Chronische Diarrhoe, Gedeihstörungen, retardierte Entwicklung, chronische Dermatitis.
Ein Anti-tTG-Test ist in der Lage, zusammen mit dem Nachweis von Antikörpern gegen desamidiertes Gliadin die klinische Diagnose GSE oder Dermatitis herpetiformis Duhring abzusichern. Eine solche Analyse wird auch bei Verwandten von Patienten mit Zöliakie durchgeführt, um eine entsprechende Disposition aufzudecken.
Die manifeste GSE hat in Deutschland eine Prävalenz von 90 Fällen pro 100.000 Einwohner, sie lässt sich ohne weiteres klinisch erkennen. Eine latente Zöliakie zu diagnostizieren, ist schon wesentlich schwieriger, zum Beispiel bei Kindern mit Gedeihstörungen und retardierter Entwicklung. Weil man nicht bei allen diesen Patienten immer gleich eine Darmspiegelung veranlassen und eine Gluten-freie Diät verordnen kann, bleiben viele Verdachtsfälle ungeklärt, und mancher Zöliakie-Kranke wird folglich auch nicht konsequent behandelt. Die Häufigkeit der latenten Gluten-sensitiven Enteropathie wird erheblich unterschätzt, man rechnet mit 330–900 Fällen pro 100.000 Personen, auf einen diagnostizierten Patienten (90 pro 100.000) kommen bis zu 10, deren Krankheit nicht aufgedeckt wird. Es ist ein glücklicher Umstand, dass man heute durch eine einfache Laboruntersuchung Klarheit schaffen kann.
Interpretation
Anti-tTG kommen bei Gesunden praktisch nicht und bei Patienten mit anderen Darmerkrankungen äußerst selten vor, bei unbehandelter GSE beträgt ihre Prävalenz dagegen nahezu 100 %. Die meisten Patienten mit GSE weisen auch Antikörper gegen desamidierte Gliadinfragmente (Z-AGFA) auf (Prävalenz 95 %). Diese haben ihren Nutzen bei der Verlaufskontrolle und bei der Überwachung der Gluten-freien Diät oder eines Glutenbelastungstests. Während man Antikörper gegen natives Gliadin häufig auch bei Gesunden findet, wie zum Beispiel bei Kleinkindern, deren Speiseplan gerade um Cerealien bereichert wurde, sind Z-AGFA hochspezifisch.
Literatur
Chorzelski TP, Sulej J, Tchorzewska H et al (1983) IgA class endomysium antibodies in dermatitis herpetiformis and coeliac disease. Ann N Y Acad Sci 420:325–334CrossRef
Dieterich W, Ehnis T, Bauer M et al (1997) Identification of tissue transglutaminase as the autoantigen of coeliac disease. Nat Med 3:797–801CrossRef
Freitag T, Schulze-Koops H, Niedobitek G et al (2004) The role of the immune response against tissue transglutaminase in the pathogenesis of coeliac disease. Autoimmun Rev 3:13–20CrossRef
Prause C, Richter T, Koletzko S et al (2009) New developments in serodiagnosis of childhood celiac disease: assay of antibodies against deamidated gliadin. Ann N Y Acad Sci 1173:28–35CrossRef
Seah PP, Fry L, Rossiter MA et al (1971) Antireticulin antibodies in childhood coeliac disease. Lancet 2:681–682CrossRef