Lexikon der Medizinischen Laboratoriumsdiagnostik
Autoren
W. Stöcker

Autoantikörper gegen herzspezifische Antigene

Autoantikörper gegen herzspezifische Antigene
Synonym(e)
Herzmuskel-Autoantikörper; HMA; Anti-Betarezeptoren-Antikörper
Englischer Begriff
anti-heart muscle antibodies; organspecific cardiac autoantibodies
Definition
Autoantikörper, die spezifisch mit Antigenen der Herzmuskulatur reagieren.
Funktion – Pathophysiologie
Bei dilatativer Kardiomyopathie, Myokarditis, schwerer Angina pectoris oder Zustand nach Herzinfarkt, Kardiotomie und traumatischen, das Herz betreffenden Ereignissen führen Antigene des zerstörten Gewebes zu einer physiologischen Immunisierung des Organismus. Es gibt klinische Hinweise darauf, dass dann Autoimmunreaktionen eine Entzündung des Herzmuskels hervorrufen können: So hat zum Beispiel Dressler im Jahr 1956 in der Spätphase nach Herzinfarkten schwere Entzündungsreaktionen beobachtet (Dressler-Syndrom), oder einige Patienten entwickeln nach Operationen am Herzen eine ähnliche Symptomatik, die als Postkardiotomie-Syndrom bekannt ist.
Es ist damit zu rechnen, dass man im Serum solcher Patienten auch Autoantikörper nachweisen kann, die sich gegen Bestandteile des Herzmuskels und andere herzspezifische Strukturen (Perikard, Endokard, Reizleitungsgewebe, Herzklappen) richten. Als Ziele der Herzmuskel-Antikörper kommen vor allem solche Antigene infrage, die nicht in anderen Organen exprimiert werden (die gesunden Organe regeln vermutlich Autoimmunreaktionen ab), sondern ausschließlich oder vorwiegend im Herzen, etwa herzspezifisches Troponin I (Troponin I, kardiales) und Troponin T (Troponin T, kardiales), α-Hydroxybuttersäuredehydrogenase, die Variante CK-MB der Kreatinkinase (Kreatinkinase-Isoformen), atriales Alpha-Myosin (Myosin), ventrikuläres Betamyosin (Antigengemeinschaft mit Skelettmuskel). Weitere Kandidaten wären Antigene der Glanzstreifen und kardiomyolemmale Proteine.
Sporadisch werden Antikörper gegen Reizleitungsgewebe untersucht. Sie sollen mit Störungen der Erregungsleitung assoziiert sein. In gleicher Weise wirken sich nach neuesten Erkenntnissen Autoantikörper gegen Ro/SS-A aus dem Blut von Schwangeren mit systemischem Lupus erythematodes aus, die bei Feten und Neugeborenen eine Bradykardie bis zum kongenitalen Herzblock verursachen (es handelt sich in diesem Falle nicht um „Herzmuskel-Antikörper“): Es wurde gezeigt, dass diese Antikörper mit Proteinen der Calciumkanäle des Reizleitungsgewebes reagieren und dadurch die Erregungsleitung verlangsamen. Auch bei Erwachsenen mit Autoantikörper gegen SS-A findet man eine Verlängerung des QT-Intervalls im EKG als Ausdruck einer Verzögerung der Reizleitung.
Auf der Suche nach einem relevanten Autoimmunmechanismus, der mit der Pathogenese von Formen der Myokarditis und der dilatativen Kardiomyopathie in Zusammenhang stehen könnte, sind vor allem beta-adrenerge und muskarinische Rezeptoren in Betracht zu ziehen. Hierfür gab es allerdings lange vorwiegend nur tierexperimentelle Belege (Jahns et al. 2004). Ob Autoantikörper gegen diese Rezeptoren einen Beitrag zur Pathogenese leisten, ähnlich wie Autoantikörper gegen TSH-Rezeptoren bei Morbus Basedow oder Autoantikörper gegen Acetylcholinrezeptoren bei Myasthenia gravis, und ihr Auftreten im Blut diagnostisch genutzt werden kann, ist noch nicht allgemein akzeptiert.
Autoimmunreaktionen gegen das Herz können heute allenfalls durch eine direkte Untersuchung bioptierten Gewebes objektiviert werden, die häufig veranlassten serologischen Analysen sind in den meisten Fällen Ausdruck einer ungerechtfertigten Erwartungshaltung.
Analytik
Im indirekten Immunfluoreszenztest (Immunfluoreszenz, indirekte) werden als Substrat Gefrierschnitte von Primatenherz eingesetzt. Die Ausgangsverdünnung ist 1:100, untersucht werden Antikörper der Klassen IgA, IgG und IgM mit einem trivalenten Antiserum. Zur Überprüfung der Funktionsfähigkeit des Testsystems wird als Positivkontrolle das Serum eines Patienten mit Myasthenia gravis verwendet, das auf dem Herzgewebe eine typische Querstreifung zeigt.
Zum Nachweis von Antikörpern gegen herzspezifische beta-adrenerge Rezeptoren wurde ein Enzyme-linked Immunosorbentassay beschrieben, der auf synthetischen Peptidanalogen von Teilsequenzen der β1- und β2-Rezeptoren basiert. Parallel dazu wurden auch mit Gensequenzen von β-Rezeptoren transfizierte Insektenzellen als Substrate für die indirekte Immunfluoreszenz eingesetzt.
Indikation
Bis heute hat aufgrund unzureichender Signifikanz eine breite Diagnostik der Antikörper gegen Herzmuskel keine Berechtigung.
Diagnostische Wertigkeit
Man findet Antikörper gegen die Querstreifung, aber in erster Linie nur in Zusammenhang mit der Myasthenia gravis. Antikörpern gegen Glanzstreifen, so sie sich durch indirekte Immunfluoreszenz nachweisen lassen, kann man ihre Herzspezifität nicht absprechen, dennoch lassen sie eine Krankheitsspezifität vermissen, sie werden auch bei gesunden Blutspendern beobachtet.
Antikörper gegen stimulierende adrenerge β1-Rezeptoren wurden bei 26 % der Patienten mit dilatativer Kardiomyopathie nachgewiesen (ischämische Kardiomyopathie: 13 %). Es ist zu bezweifeln, dass sich die Bestimmung dieses Parameters bei so niedriger Spezifität allgemein durchsetzen wird.
Literatur
Jahns R, Boivin V, Hein L, Triebel S, Angermann CE, Ertl G, Lohse MJ (2004) Direct evidence for a beta 1-adrenergic receptor-directed autoimmune attack as a cause of idiopathic dilated cardiomyopathy. J Clin Invest 113:1419–1429CrossRefPubMedPubMedCentral
Störk S, Boivin V, Horf R, Hein L, Lohse MJ, Angermann CE, Jahns R (2006) Stimulating autoantibodies directed against the cardiac beta-1-adrenergic receptor predict increased mortality in idiopathic cardiomyopathy. Am Heart J 152:697–704CrossRefPubMed