Lexikon der Medizinischen Laboratoriumsdiagnostik
Autoren
W. Stöcker

Autoantikörper gegen intestinale Becherzellen

Autoantikörper gegen intestinale Becherzellen
Synonym(e)
Becherzell-Antikörper; BAk
Englischer Begriff
intestinal goblet cell antibodies; gab
Definition
Autoantikörper gegen die intestinalen Becherzellen. Die Becherzellen von Duodenum bis Rektum zeigen gleiche Reaktivität, es besteht keine Antigengemeinschaft mit den übrigen Becherzellen des Organismus, etwa der Magenschleimhaut.
Funktion – Pathophysiologie
Das exklusive Vorkommen der Autoantikörper gegen intestinale Becherzellen bei Colitis ulcerosa (CU) ist möglicherweise Ausdruck einer pathogenetisch maßgeblichen Autoimmunität. Im Vergleich dazu findet man bei der zweiten chronisch entzündlichen Darmerkrankung, dem Morbus Crohn, ebenfalls krankheitsspezifische Autoantikörper: Diese sind gegen ein Sekretionsprodukt des Pankreas gerichtet (Autoantikörper gegen Pankreassekret) und haben wahrscheinlich ebenfalls eine hohe Relevanz bei der Krankheitsentstehung.
Die Verteilung der Becherzellen spiegelt makroskopisch wie mikroskopisch die Krankheitslokalisation wider: Im Duodenum gibt es nur wenige Becherzellen, zum Rektum hin nehmen sie an Zahl kontinuierlich zu. Entsprechend ist das Duodenum bei Colitis ulcerosa niemals befallen, die Krankheit beginnt im Rektum und dehnt sich mit zunehmender Krankheitsaktivität nach oben aus. Und in den Krypten des Kolon findet man eine hohe Becherzelldichte, wie auch bei der Untersuchung der Biopsien eine Kryptitis immer als Zeichen der Colitis ulcerosa gesehen wird, bei Morbus Crohn ist eine Kryptitis eher eine Ausnahme.
Das für die Colitis ulcerosa maßgebliche Zielantigen ist noch nicht genau identifiziert.
Untersuchungsmaterial
Serum oder Liquor.
Probenstabilität
Autoantikörper sind bei +4 °C bis zu 2 Wochen lang beständig, bei −20 °C über Monate und Jahre hinweg.
Analytik
Alle 4 bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen relevanten Antikörper werden im Allgemeinen durch indirekte Immunfluoreszenz (Immunfluoreszenz, indirekte) untersucht: Antikörper gegen intestinale Becherzellen, Autoantikörper gegen Granulozytenzytoplasma (pANCA), Autoantikörper gegen exokrines Pankreas und Antikörper gegen Saccharomyces cerevisiae . Als Substrat für die Diagnostik der Becherzell-Antikörper wurde bisher Primatendarm verwendet (s. folgende Abbildung) (optimal wäre human-fetales Darmgewebe: Einerseits stammt es von der richtigen Spezies, andererseits ist es noch nicht mit Bakterien oder exogenen Antigenen kontaminiert).
Autoantikörper gegen intestinale Becherzellen, indirekte Immunfluoreszenz mit Substrat Primatendarm:
Entgegen den Empfehlungen mancher Autoren ist Nagetiergewebe absolut ungeeignet. Heute steht für die Immunfluoreszenz auch eine Kolonzelllinie (HT29-18N2) zur Verfügung, die gleichzeitig eine gute Antigenquelle für die Entwicklung von Enzyme-linked Immunosorbent Assay-Systemen und zur Antigencharakterisierung darstellt (s. folgende Abbildung).
Autoantikörper gegen intestinale Becherzellen, indirekte Immunfluoreszenz mit Substrat HT29-18N2-Zellen:
Die Ausgangsverdünnung ist für Becherzell-Antikörper 1:10. Bei einem positiven Ergebnis erhält man eine unscharf begrenzte, wolkige Fluoreszenz über den Becherzellen. Die Prävalenz positiver Ergebnisse bei CU beträgt leider nur 28 % (Morbus Crohn 0 %, Gesunde 0 %), die Immunglobulinklassen verteilen sich wie folgt: IgA 8 %, IgG 23 % und IgA und IgG 69 %.
Die Prävalenz der Becherzell-Antikörper bei Colitis ulcerosa überwiegt bei männlichen Patienten (m:w = 3,3:1), nicht dagegen die Prävalenz der pANCA (m:w = 0,9:1).
Referenzbereich – Erwachsene
Negativ.
Referenzbereich – Kinder
Negativ.
Indikation
Becherzell-Antikörper wie auch pANCA, Antikörper gegen exokrines Pankreas und Antikörper gegen Saccharomyces cerevisiae könnten die Differenzialdiagnostik der chronisch entzündlichen Darmerkrankungen (Morbus Crohn, Colitis ulcerosa) maßgeblich bereichern: Vielen Patienten bliebe eine unangenehme Tortur erspart, wenn die Kliniker von der so aussagekräftigen Serologie mehr Gebrauch machten. Die Autoantikörper-Diagnostik scheint angesichts ihrer gerade in der Gastroenterologie (bei positiven Befunden) unerreichten Treffsicherheit zu sehr im Wettbewerb mit der Endoskopie zu stehen.
Interpretation
Autoantikörper gegen intestinale Becherzellen sind pathognomonisch für Colitis ulcerosa. Sie besitzen eine diagnostische Sensitivität von 28 % und eine diagnostische Spezifität von 100 % für diese Erkrankung. Durch eine zusätzliche Untersuchung der ANCA vom perinukleären Typ (pANCA) können 83 % der Patienten mit Colitis ulcerosa erfasst werden.
Diagnostische Wertigkeit
Bei Colitis ulcerosa wie auch (seltener) bei Morbus Crohn können zusätzlich Antikörper gegen Granulozyten vorkommen (pANCA, Autoantikörper gegen Granulozytenzytoplasma). Sie werden durch indirekte Immunfluoreszenz mit Ausstrichen humaner Ethanol-fixierter Granulozyten nachgewiesen, zeigen eine glatte, zum Teil auch feingranuläre, perinukleäre Fluoreszenz des Zytoplasmas (pANCA) und reagieren nicht mit Formalin-fixierten Granulozyten. Die gleichen pANCA findet man auch bei der mit Colitis ulcerosa oft assoziierten primär-sklerosierenden Cholangitis. Als Zielantigen wurde 2009 DNA-gebundenes Laktoferrin identifiziert. Die Prävalenz dieser pANCA für CU liegt bei 67 % (Morbus Crohn 7 %, Gesunde 0–1 %); Verteilung der Immunglobulinklassen: IgA 3 %, IgG 39 %, IgA plus IgG 58 %.
Literatur
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