Lexikon der Medizinischen Laboratoriumsdiagnostik
Autoren
W. Stöcker

Autoantikörper gegen Myeloperoxidase

Autoantikörper gegen Myeloperoxidase
Synonym(e)
Myeloperoxidase-Antikörper; Anti-MPO-Antikörper
Englischer Begriff
antibodies to myeloperoxidase
Definition
Autoantikörper gegen die Peroxidase der Granulozyten und Monozyten (Myeloperoxidase) (Autoantikörper gegen Granulozytenzytoplasma).
Molmasse
120 kDa.
Funktion – Pathophysiologie
Eine mögliche pathogenetische Rolle der Antikörper wird kontrovers diskutiert. Möglicherweise können die Antikörper zu einer Freisetzung lysosomaler Granula aus Granulozyten führen und damit einen vaskulitischen Entzündungsprozess in Gang setzen.
Untersuchungsmaterial
Serum, Plasma.
Probenstabilität
Autoantikörper sind bei +4 °C bis zu 2 Wochen lang beständig, bei −20 °C über Monate und Jahre hinweg.
Analytik
Die Diagnostik der Autoantikörper gegen neutrophile Granulozyten (antineutrophile zytoplasmatische Antikörper; ANCA) stützt sich primär auf den indirekten Immunfluoreszenztest (IIFT, Immunfluoreszenz, indirekte), sie wird durch einen monospezifischen Enzymimmunoassay (Enzyme-linked Immunosorbentassay, Chemilumineszenz-Immunoassays) und Immunblot sinnvoll ergänzt. Standardsubstrate für die Immunfluoreszenz sind Ethanol- und Formaldehyd-fixierte humane Granulozyten. Ethanol-fixierte Granulozyten zeigen mit Anti-MPO ein bandförmiges perinukleäres Muster, seltener auch, bei hoher Avidität, eine granuläre Zytoplasmafluoreszenz (s. folgende Abbildung).
Autoantikörper gegen Myeloperoxidase, indirekte Immunfluoreszenz mit Substrat humane Granulozyten (Ethanol-fixiert):
Nach Formalin-Behandlung der Granulozyten erhält man ein rein zytoplasmatisches körniges Muster, wie bei Autoantikörper gegen Proteinase 3 (s. folgende Abbildungen).
Autoantikörper gegen Myeloperoxidase, indirekte Immunfluoreszenz mit Substrat humane Granulozyten (Formaldehyd-fixiert):
Autoantikörper gegen Myeloperoxidase, indirekte Immunfluoreszenz mit Substrat Primatenleber:
Methanol-fixierte Granulozyten reagieren nicht mit Anti-MPO, aber mit den meisten anderen Subspezifitäten, was man differenzialdiagnostisch nutzen kann. Serumausgangsverdünnung ist 1:10, man untersucht die Immunglobulinklasse IgG.
Das bandförmige perinukleäre Fluoreszenzmuster der pANCA entsteht dadurch, dass die Antigene während der Inkubation mit dem Patientenserum aus den Granula an die Kernmembran diffundieren, zu der sie (wie auch zur Zellwand der Bakterien) eine hohe Affinität besitzen. (Früher wurde zu Unrecht behauptet, die Fixation mit Ethanol führe zu dieser zellulären Umverteilung: Dagegen spricht, dass Formaldehyd-fixierte Granulozyten auch dann mit Anti-MPO ein cANCA-Muster zeigen, wenn sie zuvor mit Ethanol fixiert wurden.)
Myeloperoxidase ist das Hauptzielantigen der pANCA, doch stellen sich nicht alle pANCA positiv im Anti-MPO-ELISA dar. Weitere Zielantigene der pANCA können sein: Granulozyten-Elastase, Laktoferrin, Lysozym, Kathepsin G, Beta-Glukuronidase, Azurocidin, h-lamp-2, Alpha-Enolase und Defensin. Enzymimmuntests basieren auf nativer Myeloperoxidase, die aus humanen Granulozyten isoliert wird.
Referenzbereich – Erwachsene
Negativ.
Referenzbereich – Kinder
Negativ.
Indikation
Mikroskopische Polyangiitis, rapid-progressive Glomerulonephritis, andere Vaskulitisformen.
Diagnostische Wertigkeit
pANCA, die durch Antikörper gegen Myeloperoxidase induziert werden, sind hauptsächlich mit mikroskopischer Polyangiitis (Prävalenz ca. 60 %) und pauci-immuner nekrotisierender Glomerulonephritis (Prävalenz 65–90 %) assoziiert. Daneben treten Autoantikörper gegen Myeloperoxidase bei klassischer Polyarteriitis nodosa und eosinophiler Granulomatose mit Polyangiitis (EGPA; veraltet: Churg-Strauss-Syndrom) auf. Sehr selten kommen MPO-ANCA bei systemischem Lupus erythematodes und rheumatoider Arthritis vor.
Literatur
Gross WL (1995) Antineutrophil cytoplasmic autoantibody testing in vasculitides. Rheum Dis Clin N Am 21:987–1011