Lexikon der Medizinischen Laboratoriumsdiagnostik
Autoren
W. Stöcker

Autoantikörper gegen Pankreasinseln

Autoantikörper gegen Pankreasinseln
Synonym(e)
Antikörper gegen endokrines Pankreasgewebe; Autoantikörper gegen endokrines Pankreasgewebe; Inselzell-Antikörper; Pankreasinselzell-Antikörper
Englischer Begriff
islet cell antibodies; ICA
Definition
Autoantikörper gegen Antigene der Pankreasinseln; 3 relevante Zielantigene wurden bisher identifiziert: die Enzyme Glutamatdecarboxylase (GAD), Tyrosinphosphatase (Insulinoma-assoziiertes Antigen 2, IA2) und der Zinktransporter ZnT8.
Funktion – Pathophysiologie
Durch den serologischen Nachweis der Autoantikörper gegen Pankreasinseln kann die Diagnose eines Typ-I-Diabetes mellitus abgesichert werden. Darüber hinaus kann man präklinische Autoimmunreaktionen bei Risikopersonen aufdecken.
Folgende Beobachtungen lassen vermuten, dass Inselzell-Antikörper keine Rolle bei der Pathogenese des Diabetes mellitus Typ I spielen:
  • Die Erkrankung wird nicht von der Mutter auf den Fetus übertragen.
  • Eine Plasmapherese führt nicht zur Besserung der Krankheit.
  • Im Tierexperiment lässt sich die Erkrankung nicht mittels ICA-haltiger Seren übertragen.
Untersuchungsmaterial
Probenstabilität
Autoantikörper sind bei +4 °C bis zu 2 Wochen lang beständig, bei −20 °C über Monate und Jahre hinweg.
Analytik
Im indirekten Immunfluoreszenztest (Immunfluoreszenz, indirekte) mit dem Substrat Primatenpankreas (Ausgangsverdünnung parallel 1:10 und 1:100, Dauer erster Inkubationsschritt 18 Stunden) beobachtet man eine glatte bis körnige zytoplasmatische Fluoreszenz aller Inselzellen:
Als monospezifische Testsysteme sind Enzyme-linked Immunosorbent Assay, Chemilumineszenz-Immunoassay und Radioimmunoassay zum Nachweis der Antikörper gegen die wichtigsten Antigene GAD (Autoantikörper gegen Glutamat-Decarboxylase), IA2 (Tyrosin-Phosphatase; Autoantikörper gegen Insulinoma-assoziiertes Antigen 2) und Zinktransporter 8 (Autoantikörper gegen Zinktransporter ZnT8) verfügbar.
Internationale Einheit
Für den Immunfluoreszenztest stellt die Juvenile Diabetes Foundation (JDF) ein Referenzserum zur Verfügung. Dementsprechend sollten die Ergebnisse in JDF-Einheiten (JDFU) angegeben werden. Dabei ermittelt man durch indirekte Immunfluoreszenz parallel die Titer der positiven Patientenproben und des Referenzserums und errechnet in Kenntnis der JDF-Einheiten des Referenzserums im Dreisatz die JDF-Einheiten für die Patienten.
Referenzbereich – Erwachsene
Negativ.
Referenzbereich – Kinder
Negativ.
Indikation
Die Bestimmung der Autoantikörper gegen Antigene der Pankreasinseln dient einerseits dazu, die Diagnose Typ-I-Diabetes mellitus abzusichern und andererseits präklinische Autoimmunreaktionen bei Risikopersonen aufzudecken: In 90 % der Fälle lassen sich bereits vor dem Zeitpunkt der klinischen Manifestation ein oder mehrere Diabetes-mellitus-assoziierte Autoantikörper im Serum feststellen. Ihr Nachweis ermöglicht dann eine frühzeitige Identifizierung der Personen mit erhöhtem Erkrankungsrisiko. Durch geeignete Interventionen, z. B. die Regulierung der Glukosekonzentration auf einem niedrigen Niveau oder immunsuppressive Maßnahmen, lässt sich unter Umständen ein Ausbruch der Erkrankung verhindern.
In Deutschland gibt es über 4 Millionen Diabetiker (ca. 7 % der Bevölkerung), davon mehr als 90 % als Typ-II-Diabetiker klassifizierte Personen. Von ihnen gehören aber etwa 10 % dem Typ I an („latent autoimmune diabetes of adults“, LADA). Die Fehldiagnose hat fatale Auswirkungen: Man dürfte diesen Patienten primär keine oralen Antidiabetika verabreichen, sondern dürfte sie ausschließlich mit Insulin versorgen, um die Pankreasinseln nicht unnötig zu stimulieren und sie dadurch der weiteren Autoaggression auszusetzen. Nach Abklingen der Insulitis bliebe in vielen Fällen eine Restfunktion des endokrinen Pankreas erhalten. Bei allen neu diagnostizierten Diabetikern sollten daher im Serum die Diabetes-mellitus-assoziierten Autoantikörper untersucht werden, um die Fälle mit Typ I zu identifizieren.
Diagnostische Wertigkeit
Der Antikörpertiter nimmt mit dem Fortschreiten der Erkrankung ab.
Literatur
American Diabetes Association (2013) Standards of medical care in diabetes. Diabetes Care 36:S11–S66CrossRef
Bottazzo GF, Florin-Christensen A, Doniach D (1974) Islet-cell antibodies in diabetes mellitus with autoimmune polyendocrine deficiencies. Lancet 2:1279–1283CrossRefPubMed
Landin-Olsson M (2002) Latent autoimmune diabetes in adults. Ann N Y Acad Sci 958:112–116CrossRefPubMed