Lexikon der Medizinischen Laboratoriumsdiagnostik
Autoren
W. Stöcker und W. Schlumberger

Autoantikörper gegen SS-A

Autoantikörper gegen SS-A
Synonym(e)
Ro/SS-A-Antikörper; Anti-SS-A; Anti-Ro; Anti-Ro60; Anti-SS-A-Antikörper; Anti-Ro-Antikörper; Anti-Ro60-Antikörper; Anti-Sjögren-Syndrom-Antigen A
Englischer Begriff
anti-SS-A autoantibodies
Definition
Anti-Ro/SS-A-Antikörper sind gegen Epitope der Proteinkomponente des Ro/SS-A-Ribonukleoprotein-Komplexes gerichtet. Dieser Komplex besteht aus je einem RNA-Molekül (Y1-, Y2-, Y3-, Y4- oder Y5-RNA) und einem Protein mit einem Molekulargewicht von 60 kDa (Ro60). Die biologische Funktion des Ro60 ist unklar. Zytoplasmatisches Ro60 scheint an der Regulation der Translation, nukleäres Ro60 an der Herstellung korrekter 5S-rRNS beteiligt zu sein. Es ist vorwiegend im Zellkern lokalisiert, kommt aber auch im Zytoplasma vor. Angaben, dass ein weiteres Protein mit einem Molekulargewicht von 52 kDa ebenfalls integraler Bestandteil des Ro/SS-A-Antigens sei, haben sich als falsch erwiesen. Antikörper gegen das 52-kDa-Protein (Ro-52, TRIM21) sind nicht krankheitsspezifisch und unabhängig von den als Anti-Ro/SS-A bezeichneten Antikörpern zu betrachten.
Untersuchungsmaterial
Probenstabilität
Autoantikörper sind bei +4 °C bis zu 2 Wochen lang beständig, bei −20 °C über Monate und Jahre hinweg.
Analytik
Autoantikörper gegen Ro/SS-A ergeben im indirekten Immunfluoreszenztest (IIFT, Immunfluoreszenz, indirekte) mit HEp-2-Zellen in der Interphase eine feingranuläre Fluoreszenz der Zellkerne. Die Nukleoli erscheinen ebenfalls positiv, sind aber vom Karyoplasma etwas abgesetzt, bei einem Teil der Proben sind sie ausgespart. Mitotische Zellen weisen ebenfalls eine granuläre Fluoreszenz auf, unter Freilassung der Chromosomen. Auf Primatenleber fehlt die entsprechende granuläre Reaktion der Hepatozytenkerne, dagegen zeigen sich dort bei höheren Antikörpertitern glatt fluoreszierende Nukleoli (s. Abbildungen).
Autoantikörper gegen SS-A, indirekte Immunfluoreszenz mit Substrat HEp-2-Zellen:
Autoantikörper gegen SS-A, indirekte Immunfluoreszenz mit Substrat Primatenleber:
Im Gegensatz dazu erzeugen die differenzialdiagnostisch wichtigen Autoantikörper gegen U1-nRNP und Autoantikörper gegen Sm bei den Hepatozyten eine gleich starke granuläre Kernfluoreszenz wie bei den HEp-2-Zellen. Vereinzelte Zellen in den Sinusoiden der Leber (Lymphozyten, Monozyten) ergeben auch mit Anti-SS-A-Antikörpern eine starke Reaktion.
Bei einem positiven Resultat im IIFT kann zur genauen Identifizierung der Antikörper ein monospezifischer Enzymimmunoassay (Enzyme-linked Immunosorbent Assay, Chemilumineszenz-Immunoassay) oder ein Immunblot mit nativ aufgereinigtem oder rekombinantem SS-A-Antigen (60-kDa-Protein) oder ein Western blot mit nativen Zellkernantigenen eingesetzt werden.
Im Immunblot- und im Western-Blot-Verfahren kann man des Weiteren Antikörper identifizieren, die mit Ro-52 reagieren, parallel zu den Antikörpern gegen Ro60.
Referenzbereich – Erwachsene
Negativ.
Diagnostische Wertigkeit
Anti-Ro/SS-A-Antikörper sind charakteristische serologische Marker des Sjögren-Syndroms, bei dem sie meist zusammen mit Anti-La/SS-B-Antikörpern (Autoantikörper gegen SS-B) auftreten, die Prävalenz beträgt 40–95 %. Darüber hinaus können Anti-SS-A auch bei primär biliärer Cholangitis (früher: primär biliäre Zirrhose) vorkommen. Vorwiegend ohne SS-B-Reaktivität lassen sich Antikörper gegen SS-A außerdem bei systemischem Lupus erythematodes (SLE) (20–60 %) und bei Lupus neonatorum (neonatales Lupus-Syndrom mit kongenitalem Herzblock, verursacht durch diaplazentar übertragenes Anti-SS-A; 100 %) nachweisen.
Antikörper gegen Ro-52 wurden ursprünglich bei Patienten mit Sjögren-Syndrom oder SLE (38 %) beschrieben, danach aber auch bei Polymyositis (31 %), progressiver Systemsklerose (28 %), Autoimmunhepatitis (35 %), PBC (27 %), Hepatitis B (10 %) und Hepatitis C (22 %). Sie geben zwar einen Hinweis auf das Vorliegen einer Autoimmunkrankheit, haben aber keine Bedeutung für die Differenzialdiagnostik. Eine besondere Bedeutung der Antikörper gegen Ro-52 wurde früher in der Pathogenese und Diagnostik des kongenitalen Herzblocks bei Säuglingen gesehen. Bei isoliertem Anti-Ro-52 ist die Wahrscheinlichkeit eines kongenitalen Herzblocks niedrig, doch sie steigt stark an, wenn Autoantikörper gegen SS-A und SS-B hinzukommen. Bei Schwangeren mit SLE sollten daher immer alle 3 Spezifitäten mehrmals im Verlauf der Schwangerschaft untersucht werden.
Literatur
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