Lexikon der Medizinischen Laboratoriumsdiagnostik
Autoren
W. Stöcker

Autoantikörper gegen Zentriolen/Zentrosomen

Autoantikörper gegen Zentriolen/Zentrosomen
Synonym(e)
Autoantikörper gegen Centriolen/Centrosomen; Centriol/Centrosom-Antikörper
Englischer Begriff
autoantibodies against centrioles/centrosomes
Definition
Autoantikörper gegen die bei der Zellteilung eine wesentliche Rolle spielenden Zentriolen (Zentrosomen).
Funktion – Pathophysiologie
Vor der Mitose sind Zentriolen doppelt vorhanden und positionieren sich an entgegengesetzten Polen der Zelle. Von ihnen ausgehend wachsen Spindelfasern in alle Richtungen. Zur Teilungsebene hin setzt ein Teil der Spindelfasern an den Zentromeren der Chromosomen an und stellt das Wachstum ein, die übrigen Spindelfasern wachsen über die Teilungsebene hinaus zur Gegenseite, wo sie den in Gegenrichtung wachsenden Spindelfasern begegnen und sich gegenseitig abstoßen. Dadurch werden die Kompartimente voneinander getrennt, die Bestandteile der Zelle werden gleichmäßig auf beide Tochterzellen aufgeteilt, einschließlich der Chromosomen. Während der Interphase verdoppeln sich die Zentriolen wieder.
Untersuchungsmaterial
Serum oder Plasma.
Probenstabilität
Autoantikörper sind bei +4 °C bis zu 2 Wochen lang beständig, bei −20 °C über Monate und Jahre hinweg.
Analytik
Für die Bestimmung der Autoantikörper gegen Zentriolen eignet sich der indirekte Immunfluoreszenztest (IIFT, Immunfluoreszenz, indirekte) mit humanen Epithelzellen (HEp-2):
Die Ausgangsverdünnung ist 1:100, es werden die Immunglobulinklassen IgA, IgG und IgM mit einem trivalenten Serum untersucht.
Bei einem typischen positiven Befund sieht man die Zentriolen im Zytoplasma der Zellen, und zwar entweder 1 oder 2 Zentriolen je Zelle. Bei den mitotischen Zellen sind die Zentriolen an 2 sich gegenüberliegenden Polen positioniert.
Mit verschiedenen isolierten oder rekombinant hergestellten Zentriolenproteinen können Enzyme-linked Immunosorbent Assay oder Blottechniken (Immunblot) etabliert werden, von denen über eine höhere Sensitivität berichtet wird, als sie durch indirekte Immunfluoreszenz an HEp-2-Zellen erreicht wird.
Indikation
Die Untersuchung wird normalerweise nicht gezielt angefordert, die Antikörper werden oft nur durch Zufall entdeckt.
Interpretation
Hohe Titer deuten auf eine progressive Systemsklerose oder auf ein Raynaud-Syndrom. Es sind nur Titer über 1:1000 als möglicherweise krankheitsrelevant einzustufen, da auch 5 % gesunder Blutspender bis zu einer Verdünnung von 1:320 positiv reagieren. Niedrige Titer eingerechnet, soll die Prävalenz der Antikörper gegen Zentriolen bei progressiver Systemsklerose 43 % betragen.
Diagnostische Wertigkeit
Die Antikörper besitzen eine hohe Sensitivität für die progressive Systemsklerose, aber nur eine niedrige Spezifität; s. a. Autoantikörper gegen Mitose-assoziierte Antigene.
Literatur
Gavanescu I, Vazquez-Abad D, McCauley J, Senecal JL, Doxsey S (1999) Centrosome proteins: a major class of autoantigens in scleroderma. J Clin Immunol 19:166–171CrossRefPubMed