Lexikon der Medizinischen Laboratoriumsdiagnostik
Autoren
W. Stöcker

Autoimmunität

Autoimmunität
Synonym(e)
Autoimmunreaktion
Englischer Begriff
autoimmunity; autoimmune reaction
Definition
Reaktivität des Immunsystems gegen körpereigenes Gewebe
Beschreibung
Der Organismus verliert partiell die Fähigkeit, eigene von körperfremden Antigenen (s. Antigen) zu unterscheiden. Autoimmunreaktionen treten auf, sobald Schutzmechanismen ausfallen, die eine Reaktion des Immunsystems eines Organismus gegen seine Autoantigene verhindern oder wenn durch besondere Ereignisse Autoimmunreaktionen stimuliert werden. Mehrere Pathomechanismen können zur Autoimmunität führen:
Aktivierung autoreaktiver Lymphozyten
Während der Selektionsprozesse, mit deren Hilfe autoreaktive Zellen aussortiert werden sollen, gelingt es den Lymphozyten, einer Eliminierung oder Inaktivierung zu entgehen. Diese Zellen können später entweder spezifisch durch Autoantigene oder unspezifisch durch endogene oder exogene Faktoren aktiviert werden und Autoimmunreaktionen auslösen. Zelluläre Autoimmunität: Autoreaktive T-Lymphozyten infiltrieren die betroffenen Gewebe und eliminieren die tragenden Zellen durch zytotoxische Effektormechanismen. Ein Beispiel für eine T-Lymphozyten-vermittelte Autoimmunreaktion ist die Zerstörung der Langerhans-Zellen im Pankreas bei Diabetes mellitus Typ 1. Humorale Autoimmunität: Autoreaktive B-Lymphozyten entwickeln sich zu Plasmazellen, die gegen Autoantigene gerichtete Antikörper produzieren (Autoantikörper). Infolge der Immunreaktion mit den entsprechenden Zielantigenen wird das Komplementsystem aktiviert und schließlich eine Entzündungsreaktion herbeigeführt, mit nachfolgender Gewebeschädigung, an der Makrophagen und Granulozyten beteiligt sind. Zu den humoral vermittelten Autoimmunerkrankungen mit der hier geschilderten Pathogenese gehören beispielsweise Lupus erythematodes disseminatus, Goodpasture-Syndrom oder bullöses Pemphigoid.
Fehlende Schutzmechanismen
Im Rahmen physiologischer Vorgänge sterben Zellen im Körper ab und werden durch das Immunsystem eliminiert. Dazu muss es in der Lage sein, zwischen lebenden und toten körpereigenen Zellen zu unterscheiden. Vermutlich senden lebende Zellen bestimmte Signale aus, die sie vor einem Angriff durch das Immunsystem schützen (diskutiert wird in diesem Zusammenhang beispielsweise die Oberflächenexpression von HLA-DR). Tote Zellen sind dazu nicht mehr in der Lage und werden vom Immunsystem angegriffen und beseitigt. Wenn dieser Schutzmechanismus bei einem lebensfähigen Organ nicht mehr funktioniert, kommt es zu Autoimmunreaktionen, die sich aber gegen das ganze Organ richten und nicht gegen ein einzelnes, etwa abgewandeltes Autoantigen. Möglicherweise lässt sich dadurch erklären, weshalb man z. B. bei einer Autoimmunthyreoiditis häufig nebeneinander Autoantikörper gegen mehrere Schilddrüsenantigene findet: Autoantikörper gegen TSH-Rezeptoren, Autoantikörper gegen Thyreoglobulin und Autoantikörper gegen Thyreoperoxidase. Auch bei Autoimmun-Diabetes-mellitus kommen oft beim selben Patienten mehrere, gegen den endokrinen Pankreasanteil gerichtete Autoantikörper (Autoantikörper gegen Pankreasinseln) vor, die Inseln zeigen eine (frustrane?) Überexpression von HLA-DR. Ein weiteres Beispiel ist die Myasthenia gravis.
Genetische Prädisposition
Bei vielen Autoimmunerkrankungen ist über einen Zusammenhang zwischen dem HLA-Phänotyp und dem Auftreten der Krankheit berichtet worden. Darüber hinaus spielt oft auch das Geschlecht eine Rolle; manche Erkrankungen treten bevorzugt bei Frauen auf (z. B. multiple Sklerose, systemischer Lupus erythematodes, primär biliäre Cholangitis (früher: primär biliäre Zirrhose), bullöses Pemphigoid).
Freisetzung isolierter Antigene
Im Körper gibt es mehrere sog. immunprivilegierte Bereiche, die durch spezielle Barrieren (z. B. Blut-Hirn-Schranke) vom Immunsystem getrennt sind. Dazu zählen unter anderem Hoden, Auge und Gehirn. Eine Immunreaktion gegen Autoantigene dieser Gewebe findet normalerweise nicht statt. Werden sie jedoch als Folge von Gewebeschädigungen (Verletzungen, Operationen o. Ä.) dem Immunsystem in ungewohnter Weise exponiert, rufen sie eine Autoaggression hervor. So findet man z. B. nach Vasektomien gelegentlich Antikörper gegen Spermatozoen. Ebenso kann nach der Verletzung eines Auges und dem Freisetzen augenspezifischer Antigene in den Blutkreislauf eine Autoimmunreaktion sowohl gegen das betroffene als auch gegen das gesunde Auge erfolgen (sympathische Ophthalmie).
Kreuzreaktionen bei Infektionen
Die Infektion des Organismus mit Bakterien, Viren oder Parasiten führt zu einer Immunreaktion und zur Bildung von Antikörpern. Wenn die Zielantigene dieser Antikörper eine große Ähnlichkeit mit körpereigenen Antigenen aufweisen (Mimikry, molekulares), können Kreuzreaktionen (Kreuzreaktivität) auftreten. Eine Immunreaktion gegen körpereigenes Gewebe ist die Folge, wie z. B. eine Autoimmunreaktion gegen Nieren- oder Herzgewebe nach einer Streptokokkeninfektion oder eine Enzephalitis nach Tollwutimpfung.
Paraneoplastische Syndrome
Entwickelt sich ein Tumor im Körper, kann es zu einer tumorspezifischen Immunreaktion und zur Bildung von Antikörpern kommen. Falls die Antikörper, die ursprünglich gegen Tumorantigene gerichtet sind, mit Autoantigenen kreuzreagieren, können verschiedene Erkrankungen die Folge sein, wie z. B. das paraneoplastische Kleinhirnsyndrom: Hier entwickeln sich im Zusammenhang mit z. B. einem Ovarialkarzinom Autoantikörper gegen die Purkinje-Zellen des Kleinhirns (Autoantikörper gegen Yo).
Literatur
Murphy K, Travers P, Walport M (2011) Janeway’s immunobiology, 8. Aufl. Taylor & Francis Ltd, New York
Nakamura RM (2001) Concepts of autoimmunity and autoimmune diseases. In: Nakamura RM, Keren DF, Bylund DJ (Hrsg) Clinical and laboratory evaluation of human autoimmune diseases. ASCP Press, Chicago, S 13–35