Lexikon der Medizinischen Laboratoriumsdiagnostik
Autoren
W. G. Guder

Blutentnahme

Blutentnahme
Synonym(e)
Blutgewinnung; Blutprobennahme
Englischer Begriff
sampling of blood; blood sampling (capillary, venous, arterial)
Definition
Die venöse, kapilläre oder arterielle Blutentnahme dient der Gewinnung von Blut und ihren zellulären Bestandteilen, Plasma oder Serum für diagnostische und/oder therapeutische (z. B. Blutspende) Zwecke.
Beschreibung
Mit der Indikation für eine laboratoriumsmedizinische Untersuchung wird das dazu notwendige Spezimen (oder Primärprobe) definiert. Sie kann, falls Blut das Untersuchungsmaterial ist, arteriell, venös oder kapillär erfolgen. Die dabei verwendeten Materialien, insbesondere Nadeln, Probengefäße, Desinfektionsmittel und andere Hilfsmittel (z. B. Staubinde) sollten internationalen und/oder nationalen Standards entsprechen. Diese wurden vom Clinical and Laboratory Standards Institute (CLSI) und International Standardisation Organization (ISO) beschrieben und sind zum Teil in Europäische Standards umgesetzt worden (EN) (Antikoagulanzien in vitro). Unabhängig von der Art der Blutentnahme sollten folgende Details definiert und dokumentiert sein:
  • Identifizierung der zu untersuchenden Person auf allen Probengefäßen
  • Wahl des Antikoagulans (Plasma oder Serum als Probe)
  • Zeitpunkt der Blutgewinnung
Darüber hinaus sind nach Wahl der Probenart folgende Regeln zu beachten:
Venöse Blutentnahme
Nach Wahl des Punktionsortes durch Augenschein und Palpation ist die Körperlage festzulegen und 15 Minuten vor Entnahme einzuhalten. Sitzende oder liegende Körperlage ist zu bevorzugen. Stau mit Staubinde oder Blutdruckmanschette nicht über eine Minute hinausziehen. Nadel in die Vene einführen und nach Fließen von Blut in das Gefäß Staubinde lösen. Bei mehreren verschiedenen Proben ist folgende Reihenfolge der Entnahme empfohlen:
  • Röhrchen ohne Zusatz (Serum, Glas)
  • Zitratplasmaröhrchen
  • Serumröhrchen Plastik mit Gerinnungsaktivator und/oder Trenngel
  • Heparinplasmaröhrchen
  • EDTA-Blut
  • Sonstige Zusätze (Glykolysehemmer, andere Stabilisatoren)
Für die Blutgewinnung stehen grundsätzlich 2 Typen von Entnahmeröhrchen zur Verfügung:
  • Vakuumblutentnahmeröhrchen (z. B. Vacutainer, Vacuette, Venoject): Es handelt sich um ein unter Vakuum stehendes Zentrifugenröhrchen aus Glas oder Polypropylen, das mit einem Gummistopfen luftdicht verschlossen und mit einer Punktionsnadel versehen ist, die zunächst nicht in Verbindung mit dem Vakuum ist. Erst nach Punktion eines Gefäßes (Vene oder Arterie) ergibt sich eine Verbindung mit dem Vakuum, das Blut in das Abnahmegefäß ansaugt. Das Vakuumprinzip ist seit Jahrzehnten für die forensische Blutalkoholbestimmung in Form evakuierter Glasröhrchen in Anwendung und seit 1957 amtlich vorgeschrieben.
  • Aspirationstechnik (z. B. Monovette): Bei diesen Röhrchentypen erfolgt die Aspiration des Bluts aus dem punktierten Gefäß durch die Sogwirkung eines rückwärts bewegten Röhrchenstempels.
Nach Füllung der Blutröhrchen sind die Probe durch Kippen des Röhrchens zu mischen und Antikoagulanzien, Gerinnungsförderer und andere Zusätze gleichmäßig in der Probe zu verteilen. Nach Beendigung des Blutflusses ist die Punktionsstelle durch Druck mit einem Tupfer für mindestens 15 Sekunden zu komprimieren, um ein Nachbluten zu verhindern. Evtl. durch Pflaster mit Tupfer sichern. Nadeln und kontaminierte Materialien der Entnahme sind in einem Sicherheitscontainer zu entsorgen.
Kapilläre Blutentnahme
Eine kapilläre Blutentnahme ist dann vorzusehen, wenn die benötigte Probenmenge gering, die kapilläre Blutprobe diagnostisch mindestens gleichwertig und die Belastung für den Patienten geringer ist. Bei Erwachsenen können Ohrläppchen und Fingerkuppen, bei Neugeborenen und jungen Kindern nur definierte Flächen an der Ferse und am Kopf als Einstichstellen verwendet werden. Dabei ist mit definierten Stichtiefenlanzetten (sog. Sicherheitslanzetten) die Stichtiefe zu definieren, die entweder 2,5, 1,9 oder 1,4 mm beträgt. Nach Desinfektion und erfolgtem Einstich ist der erste Tropfen des austretenden Bluts abzuwischen, da er häufig mit Haut und Gewebebestandteilen kontaminiert ist. Die folgenden Blutstropfen können in entsprechende Kapillargefäße, Kapillaren oder spezielle Aufnahmematerialien (z. B. Filterpapier beim Neugeborenenscreening) aufgenommen werden. Gefäße, die Zusätze enthalten, sollten nach Einfließen der Tropfen etwa 5-mal durch 180°-Schwenken gemischt werden. Danach werden die Lanzetten in einen speziellen Sicherheitscontainer entsorgt.
Arterielle Blutentnahme
Die arterielle Blutentnahme ist dann indiziert, wenn venöse oder kapilläre Blutproben nicht die gewünschte diagnostische Information liefern. Dies ist besonders bei der Erfassung der respiratorischen Komponente der Blutgasanalytik der Fall. Die üblichen Stellen für die arterielle Blutentnahme sind die Femoralarterie, Brachial- und Radialarterien an den Armen. Bei Neugeborenen wird gelegentlich die Schädelarterie und 2 Tage nach der Geburt die Umbilikalarterie als Punktionsort gewählt. Spezielle Entnahmematerialien mit geschlossenen Nadel-Röhrchen-Systemen erlauben eine automatische Füllung durch den arteriellen Druck. Nach der Beendigung ist die Arterie durch Druckverband zu verschließen.
Blutgewinnung aus Kathetern
Literatur
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CLSI (2004a) Procedures and devices for the collection of diagnostic capillary blood specimens. Approved standard, 5. Aufl., Document H4-A5. Wayne
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ISO/EN/DIN 6710 (2002) Single-use containers for human venous blood specimen collection. International Organization for Standardization, Geneve
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